Der Blick ins Morgen

Trendresearch

"Es geht zu wie beim Aktienhandel." Silke Lambers (Foto: privat)

Autor: Andreas Grüter

Rot oder grün, schmal oder weit, minimalistisch oder opulent – wohl keine andere Branche ist von den stilistischen Regeln des Zeitgeistes to come so getrieben wie die Modeindustrie. Um schon heute zu wissen, was morgen los ist, setzt man dabei seit jeher auf Trendresearch. Aber wie funktioniert der überhaupt? Wir haben nachgeforscht.

„Viele glauben, mein Job ist es, entspannt in irgendeinem Café in Kreuzberg zu sitzen und mir bei einem Latte die Leute anzuschauen. Dabei geht es beim Trendscouting eher zu wie am Aktienmarkt. Man muss schnell und effizient sein und dabei gleichzeitig mit viel Fingerspitzengefühl und Erfahrungswerten ans Werk gehen“, erzählt Silke Lambers. Nach ihrem Modedesign-Studium arbeitete sie zunächst für ein Branchenfachmagazin, um ab 2001 für das New Yorker Büro der französischen Trendagentur Promostyl zukunftsweisende Entwicklungen aufzuspüren. Heute ist die 42-Jährige von Berlin aus als freier Trendscout unter anderem für WGSN tätig, den mit 6.500 Kunden und Büros in insgesamt 14 Ländern größten Player der Branche. Zu ihrer Arbeit zählen Streetstyle-Fotografien ebenso wie umfangreiche Messereports, in denen die wichtigsten Farben, Silhouetten, Prints und Materialien kompakt in Wort und Bild aufbereitet werden.

Wettstreit der Visionäre

Von Kritikern nach wie vor häufig als Blick in die Kristallkugel belächelt, ist Trendresearch heute eine ebenso akribische wie streng analytische Arbeit. Während WGSN dabei auf seiner Online-Plattform täglich die neuesten Tendenzen zusammenfasst und auf für den Kunden schnell umsetzbaren Hands-on-Service setzt, geht es bei Trend Union, der Agentur der „Hohepriesterin der internationalen Trendforschung“ (NZZ) Lidewij „Li“ Edelkoort fast philosophisch zu. Hier wird die Entwicklung der Mode im kompletten und mitunter komplexen Zusammenhang erklärt und dabei ein weiter Blick in die Zukunft geworfen, der nicht nur die Brücken zwischen den künstlerischen Disziplinen schlägt, sondern auch viele weitere Faktoren soziokultureller Veränderung berücksichtigt – Politik und Umweltaspekte eingeschlossen. Forecast Agencies wie Promostyl, Peclers, Seasons Paris oder NellyRodi wiederum agieren zwischen diesen beiden Polen.

Mausklick statt Trendbuch?

Galten Trendbücher jahrzehntelang als absolute Must-haves für eine erfolgreiche Designarbeit, so hat sich angesichts einer rasant voranschreitenden Digitalisierung, immer schnellerer Kollektionszyklen und des damit einhergehenden Inputbedarfs auch die Informationsbeschaffung per Mausklick einen festen Platz gesichert. Der Erfolg von WGSN spricht hier Bände. Welche Bedeutung jedoch haben Instagram, Facebook, YouTube und Co für die Vermarktung von Trendrecherchen? Können Unternehmen womöglich das professionelle Aufspüren von Trends selbst übernehmen? „Theoretisch ist das natürlich möglich. Schließlich haben Kunden durch das Internet einen Zugang zu fast unbegrenzten Informationen. In der Praxis werden sie aber von deren Fülle regelrecht erschlagen. Der wichtigste Service von Trendagenturen sind heute meiner Meinung nach die Aufarbeitung und das Resümieren der für die Kunden wirklich relevanten Daten“, so Silke Lambers.

 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*