Das Hase-Igel-Prinzip

Kommentar

Andreas Grüter (Bild: Peter Zembol)
Autor: Andreas Grüter

Waffengleichheit mit dem Internet und die totale Freiheit des Konsums – wieder einmal stellt der stationäre Einzelhandel die Sonntagsfrage und wieder einmal bleibt zu hoffen, dass er sich mit seinen Forderungen nicht durchsetzt.

Es ist ein alter Hut und die ewige Wiederkehr des sprichwörtlichen Murmeltiers. Geht es dem Einzelhandel schlecht, schallt der Ruf nach der Erstürmung der letzten Bastion politisch reglementierter Ladenöffnungszeiten durch die Einkaufsstraßen der Nation: Nieder mit dem Sonntagsverkaufsverbot! Wie auch jetzt im Fall der von unter anderem KARSTADT, KAUFHOF und den Häusern der KaDeWe Group unterstützten Initiative „Selbstbestimmter Sonntag“. Die Forderung: die freie Entfaltung der mündigen Konsumenten, Mitarbeiter und Händler, die selbst entscheiden sollen, ob sie den 24/7/360 agierenden Freibeutern der Online-Shops auch am bislang heiligen siebten Wochentag entgegentreten wollen. Dabei wird immer wieder betont, dass nicht nur der Handel bereits in den Startlöchern stehe. Auch die Kunden hätten sich längst entschieden – natürlich positiv. Eine durchaus gewagte Aussage angesichts der Ergebnisse einer GfK-Erhebung von 2014, nach denen gerade einmal ein Drittel der deutschen Bevölkerung für eine komplette Aufhebung des Verkaufsverbotes an Sonntagen stimmen würde.

Country on a Click

Fraglos sind die Wachstumszahlen im Online-Geschäft ein sich seit Jahren zuspitzendes Problem für stationäre Händler und das branchenübergreifend. Ob sich die verlorenen Internetshopping-Schäfchen jedoch mit Sonntagseinkaufsoptionen wieder hinter ihrem PC hervorlocken und einfangen lassen, ist mehr als fraglich. Schließlich wird noch nicht einmal die in aktuell acht Bundesländern im Zuge der Föderalismusreform erwirkte absolute Liberalisierung der Ladenschlusszeiten an Werktagen wirklich ausgereizt. Nicht nur in Kleinstädten – auch in Berlin, Hamburg und München schließen die Läden in der Regel um 20 Uhr statt, wie durchaus möglich, irgendwann gegen Mitternacht oder noch später. Ausnahmen wie Geschäfte für Grundnahrungs- und Grundversorgungsmittel bestätigen hier lediglich die Regel. Und überhaupt gleicht der Kampf stationärer Handel versus Online-Handel eher der Fabel vom Hasen und dem Igel. Der Igel, der dank seiner List immer da ist, wo er sein muss, als Symbol für die ständige Warenverfügbarkeit beim Internetanbieter. Und der Hase als gehetzter Einzelhändler, der sich verausgabt, dabei nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, der in panischen Aktionismus verfällt, bevor er sich schließlich erschöpft seinem vermeintlichen Schicksal ergibt.

Die Mär vom Mehr

Natürlich ist die absolute Freigabe jeglicher Öffnungszeiten auch an Sonn- und möglichst ebenso an Feiertagen verlockend, zumal der Handel beispielsweise mit den umsatzstarken offenen Adventssonntagen beste Erfahrungen gemacht hat. Der Pferdefuß: Ausnahmen sind nur so lange interessant, wie sie Ausnahmen bleiben. Wird eine Ausnahme zur Regel, verliert sie an Anziehungskraft. Laut einer Umfrage gehen heute lediglich 5 Prozent aller Deutschen regelmäßig an offenen Sonntagen shoppen, während 40 Prozent der Befragten angaben, das Angebot nie anzunehmen. Die restlichen 55 Prozent sind sonntags nur ab und an beim Einkauf anzutreffen. Die Chance auf immerwährende Attraktivität mithin also zero. Zurück auf der Sollseite bleiben unzufriedene und von den Wochenendschichten ausgelaugte Mitarbeiter sowie zusätzliche Betriebs- und Personalkosten, die eventuelle Mehreinnahmen gleich wieder auffressen. Unterm Strich kein gutes Geschäft.