Auf in die Ginsolvenz

LOST LABELS

Einst machte er mit Herrenmode auf sich aufmerksam, jetzt mit Guerilla Marketing: Von Floerke-Gründer David Schirrmacher. Screenshot: Facebook
Autorin: Cordelia Albert

Ein hoffnungsvolles Jungtalent, eine Fernsehshow, Investoren mit viel Geld, rasanter Aufstieg einer Herrenmode-Marke und gnadenloser Absturz nebst medienträchtiger Schlammschlacht. Telenovela? Nein, das echte Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten – auch in der Mode.

Was für Produkte kaufen Sie wohl, wenn Ihr Rabattcode „Schlampe 40“ heißt? … Falsch, ganz falsch! Sie befinden sich im Online-Shop eines hoffnungsvollen Start-ups der Modebranche. Doch hoffnungsvoll ist bei der Marke VON FLOERKE eigentlich nur noch, dass es regelmäßig aufsehenerregende Negativschlagzeilen gibt.

Mit schrägen Rabattaktionen soll der Verkauf angekurbelt werden. ©Screenshot Facebook

Das war mal anders. 2014 gründete David Schirrmacher in Bonn sein Label VON FLOERKE mit schicker Herrenmode und bunten Accessoires. Relativ schnell wurden Marke und Macher bekannt, was sicher auch an der Teilnahme an der Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ liegt, in der junge Unternehmer vor laufenden Kameras um finanzstarke Investoren buhlen. David Schirrmacher konnte überzeugen. Mit Judith Williams, Vural Öger und Frank Thelen zeigten in der Sendung im Jahr 2015 gleich mehrere Geldgeber Interesse und beteiligten sich.

Der rasante Aufstieg begann. VON FLOERKE verkaufte sich gut, wurde in den gehobenen KAUFHOF-Herrenabteilungen gelistet, sogar im Berliner KaDeWe war man vertreten. 2017 kamen über eine Kreditplattform dann noch mal über 1 Million Euro in die Kasse. Das Accessoires-Label eröffnete eigene Geschäfte in Köln, Düsseldorf und Münster. Alles hätte so schön sein können.

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Ginsolvenz

Doch mit Erfolg muss man auch umgehen können. Plötzlich änderte sich das Bild. Der Jungunternehmer, der inzwischen auch mit Spirituosen übers Internet handelte, machte nun Schlagzeilen, weil die bezahlte Ware nicht bei den Kunden ankam. Immer mehr meldeten sich und forderten ihr Geld zurück. Die Probleme wuchsen. Die Bonner Tageszeitung General-Anzeiger berichtete über staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Betrug und Insolvenzverschleppung. Die Läden wurden ebenso geschlossen wie die Firmenzentrale in Bonn. Irgendwie lief alles aus dem Ruder.

Auch wenn der Handel mit frischem Fleisch keine gute Idee war – ein „witziger“ Post geht immer. © Screenshot Facebook

Und Schirrmacher? Beschimpfte seine Kunden, seine Investoren, die Presse – und machte auf Facebook markige Sprüche wie: „Kommt auch bald der Staatsanwalt, lässt das nicht die Preise kalt.“ Oder er deutete mit einem Post vom Flughafen an, dass er sich absetzen wolle. Der Unternehmer fährt eine Strategie mit provokanten Internetauftritten und persönlichen Angriffen, die er Guerilla Marketing nennt. Das sorgt einerseits für Entsetzen, findet aber auch eine Fangemeinde: Unzählige Zuschauer sitzen nun Abend für Abend vor dem Bildschirm und sehen seine Performance im Netz. Nicht selten betrinkt er sich und redet wirres Zeug. Im März 2019 sorgte er für Aufsehen, als er mit einer Pistole zu sehen war.

Klares Feindbild: Der abgesprungene Investor Ruben Welsch und Geldgeber Frank Thelen sind regelmäßig Ziele des Spotts. ©Screenshot Facebook

Das größte Thema aber ist Investor Frank Thelen, inzwischen das absolute Feindbild, das mit bösen Collagen und Postings gepflegt wird. Seit Wochen läuft eine Schlammschlacht zwischen David Schirrmacher und Frank Thelen, der im Interview mit dem General-Anzeiger mit Bezug auf das Investment sagte: „Ich habe dadurch etwa 250.000 Euro verloren. Aber auch zahlreiche Kleinanleger, die einer Crowd-Investment-Plattform Geld gegeben hatten, stehen jetzt mit Verlusten da.“ Nun hat Thelen, dessen Handeln in diesem Fall von Wirtschaftsmedien mittlerweile auch kritischer betrachtet wird, einen Schlussstrich gezogen und seine Anteile für den symbolischen Wert von 1 Euro verkauft.

Die Insolvenzbox soll ebenso wie gleichnamige Produkte das Überleben des Unternehmens sichern. ©Screenshot Facebook

Spannend ist, wie es weitergeht. Kann David Schirrmacher das Blatt wenden und sich neu aufstellen? Aktuell ist der Online-Shop neu gestaltet und aufgefüllt. Es werden wieder Mode und Herrenaccessoires angeboten. Doch es gibt auch einen Produktbereich „Insolvenzretter“ mit Vorkasse-Produkten zur Vermeidung der „Ginsolvenz“ der Firma sowie verschiedene Produktboxen. Hier findet sich unter anderem auch die „Ich bin kein Investor, ich will nur dein Geld“-Pro-Frank-Thelen-Box. In der ist Ware für 100 Euro, die für 300 Euro verkauft wird nebst der Garantie, dass 100 Euro in luxuriöse Weine investiert und dann im Livestream versoffen werden. Was soll man sagen?