„Kleidung in ihrer schönsten Form“

MAßANZüge

„Maßfertigung ist eigentlich für uns Schneider keine besondere Herausforderung." Jürgen Reschop Alle Bilder ©KINGSMANhouse

Autor: Markus Oess
Passt das noch, Maßanzüge in Zeiten des allgemeinen Casualisierungstrends? Wenn man die richtigen Antworten hat, sogar für Unternehmensgründungen, sagt Jürgen Reschop, Inhaber des Münchner KINGSMANhouse,
sinngemäß. Doch ausgerechnet im dritten Jahr des Bestehens kam für den Maßschneider der Lockdown, der seinen Businessplan durcheinanderwirbelte. Wie Reschop die Zeit des verordneten Stillstandes erlebte und warum die Anzugträger der Republik nicht aussterben werden.

FT: Herr Reschop, wer sind Ihre Kunden, zu welchen Anlässen kaufen sie hauptsächlich?
Jürgen Reschop:
„Im Grunde unterteilt sich meine Kundschaft in zwei Gruppen. Es sind zumeist Männer jeden Alters, die für bestimmte festliche Anlässe wie Hochzeiten, Jubiläen oder Beerdigungen eine Garderobe beziehungsweise einen Anzug benötigen. Eine zweite Kundengruppe besteht aus Geschäftsleuten: Unternehmer, Anwälte oder Manager, die Wert darauf legen, auch in ihrem Arbeitsalltag gut gekleidet zu sein.“

Maßfertigung ist eigentlich für uns Schneider keine besondere Herausforderung, aber der Kunde befürchtet hohe Preise. Immerhin war es bis in die 1960er-Jahre hinein üblich, einen individuellen Maßanzug zu tragen. Erst Ende der 1960er begann die Bekleidungsindustrie, Konfektion von der Stange anzubieten und damit den Markt komplett zu verändern. Die Schneider hatten dann das Nachsehen, weil sie mit den Preisen nicht konkurrieren konnten.“

Als Sie Ihren Laden pandemiebedingt schließen mussten, wie haben die Männer reagiert?
„Für Kunden war mein Geschäft geschlossen, aber ich bin täglich in mein Atelier gegangen, um den digitalen Kontakt zu meinen Lieferanten und Kunden zu halten. Dazu muss man wissen, dass alle Maße und Verarbeitungswünsche meiner Stammkunden gespeichert sind, und somit konnte ich auch während des Lockdowns über das Telefon oder den Computer Bestellungen entgegennehmen.

Das große Manko war jedoch, dass Hochzeiten ins nächste Jahr verschoben wurden. Große Feiern waren bis auf Weiteres verboten. Gleichzeitig verlagerte sich der Büroalltag nach Hause. Im Homeoffice gibt es keinen Dresscode. Daher hielten sich Manager mit neuen Bestellungen zurück.

Aber es gab auch Kunden, die sich nach meinem Befinden erkundigten und wissen wollten, wie es in meinem Bereich weitergeht. Verstehen Sie, beim Maßnehmen und Anprobieren kommt man sich zwangsläufig näher und ins Gespräch. Sie erfahren viel über das Umfeld des Kunden und es entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis. Daraus entstehen nicht selten Freundschaften.

Dennoch. Ich bin jetzt im dritten Jahr mit meinem KINGSMANhouse operativ angekommen. Corona hat mir wie anderen auch den Businessplan ordentlich zerschossen. Aber ich habe die Zeit genutzt und mich viel mit Pressearbeit, neuen Konzeptionen und Produktentwicklung beschäftigt.“

Was ist mit den angefangenen Aufträgen passiert?
„Aufträge, die keiner weiteren Anprobe bedurften, also Bestellungen von Stammkunden oder Arbeiten, die nur noch gefertigt werden mussten, kamen auch zur Auslieferung. Allerdings hatte sich die Bearbeitungszeit durch Corona mehr als verdreifacht. Wir arbeiten vorwiegend mit europäischen Betrieben in Rumänien, Polen und Italien, aber auch mit Partnern in Asien zusammen. Unsere Stoffe beziehen wir ebenfalls aus Italien. Da können Sie sich vorstellen, was los war, bis die Teile dann endlich in meinem Haus waren und verschickt werden konnten. Glücklicherweise hatten meine Kunden dafür Verständnis.“

Konnten Sie Ihre Lieferanten unterstützen?
„Natürlich sind uns unsere Lieferanten wichtig. Soweit möglich, unterstützen wir sie. Das gelang uns zum Beispiel mit einem Auftrag zur Maskenproduktion. Mit einem nicht unerheblichen Auftragsvolumen für Stoffmasken konnten wir schnell der Caritas in München helfen. Sie konnte damit ihren ambulanten Service aufrechterhalten. Ganz nebenbei griffen wir somit unseren Hemdenlieferanten unter die Arme. Viele der Masken spendeten wir oder verschickten sie an Kunden, die im besonderen Maße gefährdet waren.“

Was ist mit der Anlassmode passiert? Kauften die Männer dennoch oder wurden viele Hochzeiten verschoben?
„Während des Lockdowns gab es kaum sozialen Kontakt – und wenn, nur den digitalen. Persönliche Kontakte waren ja verboten und Veranstaltungen auch nicht erlaubt. Das führte dazu, dass zu Hochzeiten nur noch die Trauzeugen als Gäste kamen. Und selbst Beerdigungen wurden nur noch im engsten Rahmen durchgeführt. Das Geschäft kam somit quasi zum Erliegen – nahezu zum Stillstand. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Darum haben wir jetzt anstatt eines Herbst- und Winterkatalogs ein Wedding-Booklet veröffentlicht. Im nächsten Jahr werden die festlichen Termine nachgeholt und dann hoffen wir wieder auf eine gute Nachfrage der Festgesellschaft.“

Wie sehen die Regeln heute aus und wie ist die Auftragslage?
„Wir halten uns strikt an die behördlichen Hygieneregeln. Beim Maßnehmen und bei der Anprobe kann man den körperlichen Kontakt dank der Schlupfgrößen weitgehend vermeiden. Änderungen der Schlupfgröße und Maßanpassungen besprechen wir vor dem Spiegel. Das machen wir sowieso, weil es den Menschen gewissermaßen distanziert und so die Begutachtung der Garderobe vereinfacht. Dabei tragen wir Masken und ich terminiere grundsätzlich so, dass immer nur ein Kunde im Atelier ist. Wartezeiten vor Ort gibt es nicht. Zwischen den Terminen wird gründlich desinfiziert.“

Schuhe in Maßanfertigung für Könige

Wie halten Sie Ihre Kunden bei der Stange?
„Die Zeit des Lockdowns nutzte ich, um meine Kommunikation zu modernisieren und zu intensivieren: Dank Kundentelefonaten, Mailings und Social Media gelang es mir, im Gespräch zu bleiben. Auf Facebook und Instagram zum Beispiel haben wir jetzt 2.500 Follower. Zudem plane ich ein kleines Oktoberfest, die sogenannte MaßWiesn, für unsere Kunden, Partner und Lieferanten. Alles im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben. Wenn München schon kein großes Oktoberfest veranstalten darf, dann gestalten wir eben unser eigenes im Kleinen. Darauf freuen wir uns schon sehr. Solche Veranstaltungen bringen enorm viel Aufmerksamkeit und verbreiten die wichtige Botschaft: ‚Wir sind weiterhin für euch da – auch in der neuen Realität.‘“  

Haben Sie neue Wege beschritten, um aus dem Dilemma zu kommen?
„Als ich mich von meinem damaligen Geschäftspartner trennte, musste ich auch unseren Kundenstamm aufteilen. Es kamen zwar viele mit, aber leider nicht genug, um davon leben zu können. Früher kauften die Männer wenigstens einen Anzug im Jahr. Heute befürchte ich, bestellen sie nur noch alle drei Jahre einen.

Die Bestandskunden zu bedienen, ist das eine, das andere ist die Erschließung neuer Zielgruppen. Deshalb bereiten wir gerade eine neue Firma vor. Mit dem neuen Label b.spoken entwickle ich eine neue Linie im Preiseinstiegssegment, die ein junges Team, losgelöst von KINGSMANhouse, vorantreibt. Das war eine Sache, die ich schon lange angehen wollte und jetzt den geeigneten Zeitpunkt dafür sehe.

Generell stand aber in der Zeit des Lockdowns die Digitalisierung weit oben auf meiner Agenda. Und sie bleibt auch weiterhin klar in meinem Fokus. Ein sehr komplexes Thema und eine enorme Herausforderung! Zudem haben wir uns entschieden, unsere Pressearbeit zu professionalisieren und mit der Marke KINGSMANhouse medial in die Offensive zu gehen.“

Inwiefern hat sich die Mode verändert?
„Die Pandemie hat nun keine neuen Trends ausgelöst, aber die bestehenden intensiviert. Die Menschen interessieren sich mehr für die Nachhaltigkeit der Produkte. Das kommt uns zugute. Unsere Anzüge halten 10 bis 15 Jahre und lassen sich unter absolut fairen Bedingungen produzieren. Wir verkaufen auch Smokings und betreiben alternativ einen Mietservice. Nicht jeder will gleich einen Smoking oder Frack kaufen. Modisch sehen wir, dass Form und Volumen wieder zunehmen. Auch die Fußweiten werden größer. Die Stoffe fallen wieder. Der Skinny Lock mit engen Silhouetten hat sich totgelaufen. Die 20er- bis 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts erleben ein Revival. Darüber hinaus arbeiten wir nicht nur mit den klassischen Stoffen und Zutaten sondern verarbeiten zusehends auch funktionale Ausstattungen.“

Kommen auch Teile in Mode, die Sie persönlich eher schon abgeschrieben hatten?
„Die Krawatte kommt wieder. Sie ist eben ein Detail, das den Anzug erst zu einem perfekten Kleidungsstück macht. Darüber freue ich mich.“

Casualisierung war schon vor Corona im Trend, wie geht ein klassischer Anzuganbieter als Maßschneider mit diesem Trend um?
„Angesichts der Casualisierung haben wir neue Produkte aufgenommen: Jeans, Polos, Chinos, Strick und Sneaker. Wir profitieren auch von dem wachsenden Wunsch der Menschen nach Individualisierung. Wir verstehen uns nicht nur als Verkäufer, sondern als Berater und entwickeln gemeinsam mit den Kunden individuelle Kleidung für Männer, die Spaß daran haben, sich gut zu kleiden. Und das zu Konditionen, die angesichts der Qualität und Langlebigkeit unserer Produkte durchaus preiswert sind. Unsere Anzüge beispielsweise beginnen bei rund 500 Euro.“

Glauben Sie an ein Comeback des klassischen Dreiteilers?
„Absolut! Kleidung in ihrer schönsten Form. Der Dreiteiler war nie ganz weg, aber der Trageanlass hat sich komplett von der Businesswear zur Anlassmode verschoben.“

Maß halten!

„Stil und Leidenschaft, für handwerkliche Perfektion und exzellenten Geschmack.“  Bescheidenheit ist die Sache von Jürgen Reschop, dem Gründer von KINGSMANhouse, nicht. Muss es auch nicht, die Sätze stehen auf seiner Homepage und sollen Werbung für seine Maßkleidung machen. Reschop hatte 1995 die nach eigenen Angaben größte deutsche Maßmanufaktur für Herrenbekleidung – MAILE – mit aufgebaut. Später gingen Reschop und sein damaliger Geschäftspartner getrennte Wege und er gründete 2018 die Manufaktur KINGSMANhouse mit Sitz in München.