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Barrierefreiheit

Wie behindertenfreundlich ist der stationäre Textileinzelhandel? (Bild: Pixabay)
Autor: Silke Bohrenfeld

Wie behindertenfreundlich ist der stationäre Textileinzelhandel?

Auf den Laufstegen der Prêt-à-porter sind sie immer häufiger zu sehen: RJ Mitte, das Model mit Zerebralparese, der Albino-Schwarze Shaun Ross oder Mario Galla, der mit seiner Beinprothese auch schon mal in Shorts auf der Berliner Fashion Week für Michael Michalsky läuft. In der Modewelt wird Inklusion bereits gelebt.

Auch Modedesigner haben sich auf Menschen mit Handicap eingestellt und verschiedene Modelinien entwickelt. Nur, wo können Rollstuhlfahrer, Kleinwüchsige oder Menschen mit Sehbehinderung ihre Hosen und Pullover kaufen? Im Internet. Ja, und sonst? Wie behindertenfreundlich ist der stationäre Textileinzelhandel für Männermode?

Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland etwa 7,6 Millionen Menschen mit Behinderung. Das sind nicht nur Ältere, sondern auch Menschen, die seit ihrer Geburt kleinwüchsig oder blind beziehungsweise seit einem Unfall körperlich behindert sind. Doch trotz ihres Schicksals stehen sie selbstbewusst im Leben, sind sportlich aktiv und wollen natürlich auch modisch mit der Zeit gehen.

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Ein normales Anliegen, dem allerdings der Einzelhandel für Menswear noch relativ ratlos gegenübersteht. Zwar gibt es mittlerweile einige barrierefreie Modehäuser, die sich, wie beispielsweise Peek & Cloppenburg in Rostock, mit breiten Gängen, Umkleidekabinen in XXL und einem Fahrstuhl, mit dem der Mann im Rolli problemlos in alle Etagen kommt, auf die Bedürfnisse von vor allem Mobilitätseingeschränkten eingestellt haben. „Aber mit dem Thema Handicap an sich hat sich der Mittelstand noch nicht wirklich beschäftigt“, stellt auch Axel Augustin vom Handelsverband Textil fest. Für den Textileinzelhandel für Männermode hat Behinderung vor allem etwas mit dem Alter zu tun.

Stilberatung in Gebärdensprache

Auch das Mode-Center NORTEX in Neumünster hat sich vor allem auf Personen in der zweiten Lebenshälfte eingestellt. In dem Bekleidungshaus finden Menschen mit Handicap auf 10.000 Quadratmetern Mode, die zu ihnen passt. Auch Männer können in einer eigenen Abteilung bequem Klamotten shoppen. Mit 2,90 Meter breiten Parkplätzen, auf denen Mann auch mit Rollstuhl oder Gehwagen entspannt aussteigen kann, geht der Komfort bereits vor der Tür los. Außerdem sind Rollstühle oder Gehwagen vorrätig, damit Mann nicht extra seinen Rolli aus dem Auto wuchten muss. Rolltreppen, Behindertentoilette, breite Sitzstühle und Umkleiden mit Handläufen sind hier Standard. Bei Sehproblemen werden Mitarbeiter abgestellt, die den Mann stilistisch beraten. Zusätzlich gibt es eine Mitarbeiterin, die Gebärdensprache beherrscht. „Entsprechend häufig haben wir Gruppen aus Behinderten- und Altenheimen bei uns, die hier einkaufen“, berichtet Geschäftsführerin Ingrid Först.

Bei anderen Handicaps dagegen reagieren die Händler doch ziemlich pragmatisch. Kleinwüchsige könnten sich in der Kinderabteilung behelfen, blinde Menschen würden eh in Begleitung kommen. Dabei gäbe es auch bei diesen Probleme Abhilfe. Die Technik jedenfalls gebe es schon, berichtet Manuela Preinsbergs von Rehacare, einer Messe für Menschen mit Behinderung. Über einen Code am Pullover-Etikett können Scanner Informationen zum Beispiel über den Anzug ein- und dem Betroffenen dann vorlesen. Kameras lesen all das vor, was sie sehen. Es gibt höhenverstellbare Einkaufswagen und mit einem Tritt vor Kassen oder Informationsterminals wird auch kleinen Männern ein Gespräch auf Augenhöhe ermöglicht. Aber grundsätzlich beginnt Behindertenfreundlichkeit in der Modewelt bereits am Eingang: mit Personal, das kein Aufheben um das Handicap macht.