Sharon Van Etten – Remind Me Tomorrow

Gehört – gekauft

Flirrend schillerndes Klangkleid ©Ryan Pfluger
Autor: Christoph Anders

Fast fünf Jahre lang hatte sich Sharon aus der Studio-Album-Routine zurückgezogen und dafür ihre verblüffend vielschichtige Energie in allerlei andere Aktivitäten investiert, schrieb Soundtracks, kümmerte sich um Haushalt und Kinder, spielte in einer Netflix-Serie mit (wer nachschauen möchte: The OA) und begann ein Psychologie-Studium. In dieser Phase war ihr das heimische Klavier der engste musikalische Begleiter (die Gitarre hemmte ihr Schreiben, heißt es), und so entstanden die zehn ebenso überraschenden wie glücklich gewohnten Ohrwürmer des 2019er-Werks allein auf Basis der privaten Pianotasten. Mit der Maßgabe, sich vorher mit Portishead, Suicide und Nick Cave zu beschäftigen, wurden die bereits hochmelodiösen Demo-Fassungen an Produzent John Congleton übergeben, der ihnen ein flirrend schillerndes Klangkleid aus allerlei Keyboard-Farbspielereien zauberte, die vom analogen Synthesizer über artige Klavierakkorde, Orgel und verzerrte Harmonium-Wogen bis hin zu dezenten Trip-Hop-Teppichen reichen und die Absenz von gewohnten/gewöhnlichen Gitarren schlicht vergessen lassen. Bei aller Klangkunst strahlen die Songs einen anfänglich überraschenden, handgemacht natürlichen Charme aus, der seine betörende Kraft nicht zuletzt aus Sharons bewegender Stimme zieht. Irgendwo zwischen Psych Folk on Acid, emotionsgeladener Elektronik und seligem Singer-Songwriter-Segen, in den eigensinnig-einzigartigen Weiten zwischen Kate Bush, Siouxsie und Leslie Feist erreicht das neue Songwerk auch die entlegensten Tiefen des Hörerherzens und schenkt uns eine weitere verwegen-verspielte, versponnen-verführerische Facette einer faszinierenden Frau.
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Sharon Van Etten – Are We There 

Das bewegendste, berührendste, beeindruckendste Epos, das uns die Fürstin des düsteren Roots-/Desert-Dramas jemals schenkte. Schon der Vorläufer „Tramp“ fand unter uns und euch zahlreiche begeisterte Jünger, ihr in Eigenregie produziertes viertes Machtwerk nun zeigt die Magierin zwischen Mystik und Melancholie auf dem Zenit ihrer Alternative-Country-Kunst. Mal im streicherumgischteten, wild umtosten Romantikrausch, mal in rau-verzerrter Wüstenweite, mal im karg-klaren Piano-Kleid kommen ihre mitreißenden Melodien daher, getragen von ihrem außerordentlichen Gesang zwischen charismatischer Grazie und kühler Grandezza, sanft und dennoch herz- und raumfüllend zwischen Brandi Carlile, Carla Werner und PJ Harvey gelegen, ganz dazu angetan, die traurigen Tonfolgen zwischen Tristesse und Tragik mitten in die Seele zu singen. Um sie herum wogen die mal wilden, mal wohlig-weichen Songwellen, schmeicheln die Streicher, zerren die rohen Gitarrenriffs, poltert das Schlagwerk und twangen die Saiten, im Kontrast zwischen erhaben-gewaltiger, drohend-düsterer Instrumentalmacht und verführerisch-zaubrischem Gesang die edle Etten’sche Songkunst besonders reizvoll wirken zu lassen. Zwischen Wovenhand-Wut und vehementer Carlile-Romantik, schleppender Shoegaze-Schwermut und PJ-Harvey-Pathos, Rachael-Yamagata-Reife, Rykarda-Parasol-Drama und rauen Lou-Reed-Rock-Akkorden füllt Sharon weite, hallende Klangsäle mit ergreifender Emotion, mystischer Macht und gefühlsgeladenem Gesang, erfüllt die Sinne und lässt uns atemlos, aber glücklich zurück. Zum Reinlegen schön, zum Abtauchen tief, zum Niederknien ergreifend.
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Sharon Van Etten – Tramp 

Wildromantischer, tief berührender Gesang in oft rauem, wetter- und wüstenwind-gegerbtem Folk-Rock-Gewand – das bereits dritte, von Aaron Dessner (The National) produzierte Album der mitreißenden Stimme klingt so gar nicht nach ihrer Geburtsgegend New Jersey, es sind vielmehr Bilder der Appalachen, die mein bewegtes Inneres vehement umwehen. Auch wenn die Basis ihrer zwölf ungemein erdnahen, natürlich gewachsenen Lieder spürbar im Folk liegt, so ist ihre Musiksprache weit roher, vorwiegend geprägt von rau-rissigen E-Gitarren, die im schleppenden Neil-Young-Rock-Schritt eine mystisch-verwunschene, windumtoste Hügellandschaft errichten. Bereichert um allerlei Folk-Instrumental-Werk, Klavier und Orgel, wird so eine sowohl in intimer akustischer Einsamkeit wie in nahezu brachialer Rock-Fülle, in zart aufgefächerten Akkorden oder in mystischen Klangkaskaden ungemein intensive Americana-Landschaft erschaffen, die ihre wehe Wirkung aber erst durch die berückend romantisch-rauchige Stimme der holden Heldin zu voller Entfaltung bringt. Völlig atemraubend wird es, wenn Sharon ihre Stimme in wild-verwegener Zweistimmigkeit über ihre eigene Wüste wehen lässt, getrieben-fiebernd, von einer emotionalen Energie, die tief ins Herz schneidet. Ihren bewegenden Gesang vergleichen Kritiker mit Kristin Hersh oder Neko Case, aber ich sehe sie vielmehr in einer romantischen Reihe mit Carla Werner und Brandi Carlile, deren Verehrern ich „Tramp“ auch innigst ans Herz legen möchte. (cpa)
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