Fischer-Z – Swimming In Thunderstorms

Gehört – gekauft

Autor: Christoph Anders

Bereits nach wenigen Momenten des Eingangssongs zum 2019er Fischer-Z-Album wird klar: Hier hat jemand sein Handwerk auch nach 42 Dienstjahren nicht verlernt, mit scharfen Gitarren, schleiernder Orgel und vor allem dieser unverwechselbar mal sonoren, mal schneidenden Stimme ist Big Wide World ein derart passendes Paradestück, dass es sich auch auf Red Skies Over Paradise prächtig gemacht hätte. Im Verlaufe des mit 14 Liedern randvoll gefüllten Werks löst Hauptfischer Watts sich mitunter von allzu eingefahrenen Erwartungen und stellt nicht nur seine Songwriter-Vielfalt, sondern auch seine Zugehörigkeit zum Club der reifen Männer nachhaltig unter Beweis. Die höchsten Höhen seiner gekonnt ohrenfreundlich gestalteten Melodien weiserweise um ein bis zwei Tonstufen tiefergelegt, betont er heute mehr die tieferen Bereiche seiner weiterhin unverkennbaren Stimme, auch zeigt er öfter als früher seine Balladen-Fähigkeiten, egal ob zurückhaltend akustisch oder rauschhaft-hymnisch, dennoch spürt man in den mitreißenden Rock-Momenten (und auch in den großartig gelungenen Reggae- und Highlife-Seitensprüngen) seinen natürlichen Hang zu Rhythm ’n’ Groove.

John Watts: „… auch nach 42 Dienstjahren nichts verlernt.“ ©Sam Shaw

Und zwischen pulsierendem Rock, treibenden Wave-Verweisen, ergreifenden Balladen-Tönen, freundlich-packendem Pub-Rock und ehrlich gelebten World-Music-Ausflügen sind es die Nähen zum reifen Graham Parker, zum E-Street-Band-Rock des mittleren Springsteen und der ehrlichen Go-Betweens-Songschule, die John Watts bei allen durchweg spürbaren Verbindungen zur frühen Fischer-Vergangenheit als wertes Mitglied des Clubs der nicht mehr ganz jungen, aber immer noch wütenden Männer willkommen heißen lassen. Reifes Songwerk, das bei aller Nostalgie nicht im Blick zurück verharrt, sondern das fünfte Schaffensjahrzehnt mit Wucht einläutet.

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Joan Shelley – Like The River Loses The Sea

Unverfälschte, kristallklare, aber auch verletzliche Schönheit, unendliche Weiten in ihrer unberührten, naturbelassenen Reinheit – wenn diese unsere Welt wäre wie ein Shelley-Song, dann würde nicht nur ich den inneren und äußeren Frieden finden. Die reine, reife Anmut der wurzelnahen Weisen der amerikanischen Lied-Schöpferin überwältigt mich bei jedem Wiederhören, zudem gelingt es ihr und ihren gleichzeitig erdigen wie erlesenen, fragilen wie formvollendeten Folk-Kostbarkeiten, mich mit jedem aktuellen Album zu verblüffen, bleibt sie sich doch ganz und gar treu, ohne sich dabei je zu wiederholen. Joan hat die Jahrhunderte ihrer heimatlichen Musiktraditionen bis an deren Wurzeln in sich aufgesogen, so tief, dass sie diese Musik lebt und atmet. Aus diesem Erfahrungsschatz schöpft sie derart naturgegebene, bei aller Beweglichkeit nachfühlbar fließende Tonfolgen, die man aus alten und ältesten Liedsammlungen entlehnt glaubt, und doch sind die ebenso entdeckenswert frisch wie unendlich vertraut klingenden Melodien sämtlich ganz und gar Joan.

Joan Shelley: „…unverfälschte, kristallklare, aber auch verletzliche Schönheit.“ ©Amber Estes Thieneman

Dabei ruft ihre wundervoll weiche, herzwärmende Stimme nicht nur Erinnerungen an vergangene Jahrhunderte hervor, man spürt auch den Geist des New Yorker Folk-Revivals über den Weisen schweben, hört die Harmonieliebe seliger Simon-&-Garfunkel-Zeiten, empfindet die unverkennbare Nähe zum sanften Schönklang der einzigartigen Rosie Thomas und fühlt die fragil-filigrane Alternativ-Folk-Welt, die Bonnie „Prince“ Billy uns mit brüchiger Stimme mitten in die Seele sang. Letzterer steht Joan auch gleich zweimal als zart-zerbrechlich agierender Gesangsduettpartner zur Seite, wie überhaupt die auf den ersten Blick eher knapp bis knappst besetzten Arrangements dennoch an guten Gastnamen nicht sparen, schenken die Jonsdottir-Schwestern schwelgerische Streichermomente, bereichern Cheyenne Mize und Julia Purcell drei Wunderweisen um himmlische Vokal-Harmonien, setzt Produzent und Vielinstrumentalist James Elkington wohlgewählte Glanzlichter mit Piano, Gitarre, dezenter Perkussion, Wurlitzer und Harmonium. Und auch wenn man durchweg spürt, dass St Joan Herz und Hirn, Heim und Hallen allein mit der leisen, unwiderstehlichen Kraft ihrer Stimme und ihres unaufdringlich wirkungsvollen Akustikgitarrenspiels berühren, bewegen und füllen kann, so sind es auch die einfühlsame Produktion und die beseelt gesetzten Beigaben, die das Album durchweg voll und rund klingen und manche Songuntermalung fast unbemerkt auf Vollband-Begleitung anwachsen lassen, ohne dass die zitternde Zartheit, die zu Herzen gehende Zerbrechlichkeit davon berührt würden. Bewegender kann man amerikanischen Folk nicht darreichen.

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Steve Waitt – Another Day Blown Bright

Mit Ohr und Geist eines im Hier und Jetzt agierenden Singer-Songwriters blickt der New Yorker mit derart viel Herz weit zurück in die Geschichte des Rock, dass es gerade für uns etwas betagteren Musik-Kenner und -Sammler eine unverfälschte Freude ist. Denn der energische Sänger und vielseitig begabte Tastenzauberer weiß derart herzenslustvoll mit den Elementen der Spät-1970er-Rock-Vielfalt zu spielen, dass man einerseits kaum aus dem Schwelgen in zahlreichen wohligen Erinnerungen kommt, sich dennoch daran erfreuen kann, all die mannigfaltigen Möglichkeiten der druckvollen Spielwiese aus Hard-, Soft-, Yacht-, MOR-, Country- und Blues-Rock (mit Spuren von Gospel und Rhythm ’n’ Blues und stets mit einem Hauch Pop-Appeal gereicht) auf einer einzigen Scheibe vorzufinden.

Steve Waitt: „… mit derart viel Herz weit zurück in die Geschichte des Rock.“ ©Julie Schumacher

Dabei plündert der Meister auf Rhodes, Wurlitzer, Piano und Orgel nicht einfach die vorgegeben geliebt-gewohnten Vorbilder zwischen späten Doobie Brothers, der weniger süßen Supertramp-Seite und dem wüstenwindumwehten Chris Isaak, von rauem Stones-Riff-Werk bis hin zur harten Bob-Seger-Schule, er lebt und atmet die komplett eigenen, hymnisch-hehren Melodien, umsäumt sie mit prachtvoll gestalteter Keyboard-Arbeit zwischen unterschwellig schwärender Orgel und rhythmisiert treibendem E-Piano, lässt den E-Gitarren genügend Raum für twangende und elektrisierend verzerrte Ausritte und auch das Schlagwerk zeigt sich extrem vielseitig und farbig, gleichzeitig pulsierend, groovend und druckvoll. Über allem thronen die unwiderstehlich mitreißenden Melodien, oft und gern auch in zwei- und dreistimmiger Harmonieseligkeit gereicht, sodass man sich bereits beim zweiten Treffen beim versonnenen Mitsummen erwischt. Packendes Song-Werk, für Freunde zeitlos-vielseitiger Rock-Güte besonders empfohlen.

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Meszecsinka – Állj Bele A Mélybe

Das vor allem weltmusikalisch ungemein inspirativ wirkende Label-Trio Beste! Unterhaltung, Nordic Notes und CPL hat uns schon so manch entdeckenswerten Klang-Diamanten geschenkt und einige Türen in fremd-faszinierende Welten weit aufgestoßen, aber mit dem 2019er Klang-Kaleidoskop der ungarischen Weltreisenden um die mystisch-magische Stimme von Annamária Oláh setzt CPL seinem ohren- und herzenöffnenden Schaffen eine (weitere) Krone auf. Nicht nur, dass der verstörend-betörende Gesang der Protagonistin in vielerlei Sprachen unter die Haut geht (neben Ungarisch singt (und spricht) man unter anderem in Spanisch, Russisch, Bulgarisch und Englisch), auch das musikalische Weltbild wird durch das Vier-Länder-Quartett derart reich gestaltet, dass es auch dem weit bewanderten Kenner den Atem nimmt.

Meszecsinka: „… reich gestaltetes musikalische Weltbild eines Vier-Länder-Quartetts.“ ©Reka Koti

Zwischen sanfter Piano-Ballade und ausuferndem, von gelenkig-griffigem Bass und fantasievollem Keyboard-Einsatz geprägten Progressive Rock, zart-zerbrechlicher Akustik-Weise und mitreißendem Derwisch-Tanz, düsterem Gothic-Folk und bezauberndem Dream-Art-Pop, zwischen haushohen Rock-Gebirgen von majestätischer Madrugada-Macht und spanischer Gitarren-Folklore, satt-packendem Groove und verwegen verstiegenen Psyche-Rock-Weiten weben die vier Veitstänzer einen World-Music-Teppich, der den welteneinenden Anspruch voll erfüllt. Getragen und durchzogen von eher dunklen, mitunter jenseits gewandten Texten (bei nicht voll entwickeltem Schul-Ungarisch helfen die CPL-gewohnten Übersetzungen im Digipak-Beiheft), üben die derart vielschichtig dargereichten Weisen eine unwiderstehliche Faszination aus, die den Krautrock-Kenner ebenso wie den Dark-Folk-Fan, den Balkan-Bewunderer wie auch den World-Music-Weisen gleichermaßen berühren wie verführen wird; mich jedenfalls haben die vier auf eine nicht enden wollende Reise mitgenommen. Es gibt viel zu entdecken – hört es euch an! (cpa)

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