Alles, nur nicht Mainstream

FRANCHIPANI

Szene-Kennerinnen: Hippie-Mama Karin van Akker (rechts) und ihre langjährige Mitarbeiterin Esther Huckebrink (alle Bilder ©FT)
Autorin: Nina Peter

Mit ihren Geschichten und Erfahrungen könnte Karin van Akker Bücher füllen. Vor 40 Jahren, im Juni 1979, hat sie ihren Laden – Franchipani – in Aachen eröffnet und ist der Kaiserstadt – wenn auch an wechselnden Orten und mit einer unterschiedlichen Anzahl von Läden – immer treu geblieben. Ihre Geschäfte in der Harscampstraße sind eine Art Kult-Institution – jeder Aachener kennt das unverwechselbare, verschnörkelte Logo im 1970er-Jahre-Stil.

Heute trifft es durchaus den Nerv der Zeit, sich mit Retro- und Vintage-Designs zu schmücken und eine charmante Auswahl an neu interpretierten oder echten Klassikern zu seinem nostalgischen Besitz zu zählen. Es gibt jedoch einen riesigen Unterschied zwischen Läden, die „auf Retro gemacht sind,“ und der beeindruckenden Welt, die sich dem unwissenden Besucher beim erstmaligen Betreten von Franchipani eröffnet. Das allumfassende Sortiment hätte durchaus das Potenzial, ein Museum für Szenemode zu füllen, und in jeder Ecke findet sich bereits im Dekor ein Stück authentischer Zeitgeschichte, verpackt in einer gemütlichen, verwinkelten Wohnungsatmosphäre. Stöbernd und suchend – fasziniert von facettenreichen Klamottenstilen und individueller Gestaltung – bewegt man sich hier von Raum zu Raum und von Szene zu Szene. Dass es hier nicht nur wilde Mode gibt, sondern auch diverse Accessoires – vom Palästinensertuch über Haarfarben, Fingerringe, Piercings, Silberschmuck, Patches und Caps bis hin zu Nietengürteln –, unterstreicht die tief reichende Kenntnis über Szenen und kleinste Details, die einzelne Looks stilistisch komplettieren. Dem Zufall überlassen ist hier nichts, auch wenn der 200 Quadratmeter große Shop und seine Mitarbeiter zum Wohlfühlen, zeitweisen Kaffeetrinken und Verweilen einladen und man dazu geneigt ist zu vergessen, dass man hier in einem Geschäft gelandet ist. Hinter dem Sortiment, der Stimmung und der Kundenbetreuung stecken viel Arbeit und Hingabe, das merkt man im Austausch mit der dynamischen, rothaarigen Hippie-Mama Karin van Akker, die in ihrem Laden tatsächlich immer noch täglich anzutreffen ist. „Ich mache das hier so lange, bis ich umkippe“, lacht sie und man hat keinen Zweifel, dass sie diesen Plan auch in die Tat umsetzen wird.

Der richtige Instinkt zur richtigen Zeit

Modeketten, Fast Fashion, Online Shopping – spätestens seit den 2000er-Jahren hat sich der Modekonsum um 180 Grad gedreht und dem kleinen und mittelgroßen stationären Einzelhandel zunehmend das Leben erschwert. Es gleicht fast schon einem kleinen Wunder, dass ein Geschäft wie Franchipani in seiner Art noch existiert – „Man muss natürlich einen langen Atem haben“, erklärt Karin van Akker, „nicht alles, was man macht, funktioniert – Zeitgeist-Gespür ist das A und O. Wir haben das, was Trend wird, einfach schon vorher hier – das wissen die Leute. Manchmal waren wir sogar zu früh.“

Von Anfang an hat sie – statt sich auf eine Szene-Gruppe zu beschränken – mit ihrem Sortiment die stilistischen Ansprüche eines Hippies ebenso wie die eines Punks, von Anhängern der Gothic- und Schwarzen, Rockabilly- sowie der Gabba-Szene erfüllt. „Heute sind Szenen nicht mehr so klassifiziert, das ist schon gemischter geworden“, beschreibt die langjährige Mitarbeiterin Esther Huckebrink. „An einem normalen Samstag im Laden haben wir beispielsweise Familien mit Kindern hier. Meistens waren die Eltern selbst früher schon hier und kommen aus Nostalgie zu uns oder weil sie wissen, dass es hier alternative und hochwertige Schuhe, wie Doc Martens, gibt. Klar gab es Zeiten, zu denen bestimmte Szenen besonders populär waren – in den 1980ern und 1990ern waren Musik und Mode stärker verbunden, Anfang der 2000er war Gothic sehr gefragt. Heute gibt es mehr Individualisten – die stellen sich ihren Look selbst zusammen und folgen nicht einem bestimmten Trend.“ Auch in Zeiten, in denen Szenen-Stile so kommerzialisiert werden, wie beispielsweise der Punk-Look, verliert Franchipani seine Kunden nicht an den Mainstream – im Gegenteil, sie kommen gezielt, um ihre Outfits mit ‚authentischen‘ Styles zu bestücken. Bandshirts von Nirvana, Pink Floyd, den Rolling Stones und den Beatles – ob gerade vom schnell drehenden Trend-Karussell nach oben gespült oder nicht – sind hier gefragte Dauerbrenner.

„Wir bedienen eine Nische“

Anregungen für ihre Mode holt sich Karin van Akker gemeinsam mit ihren langjährigen Mitarbeitern aus London, Paris, Amsterdam und Berlin – das gesamte Team arbeitet intensiv an der Gestaltung des Sortiments mit. „Ware und wohin die Entwicklung geht, besprechen wir hier immer alle miteinander. Jeder hat seinen inhaltlichen Schwerpunkt und bringt seine Erfahrungen mit dem Kunden und seinen Wünschen ein.“ Zwar wird auch hier saisonal im größeren Stil geordert, aber „die wirklichen Szene-Sachen, wie beispielsweise Korsetts, bleiben das ganze Jahr über, die sind nicht vom Wetter abhängig.“ Da geht es dann um Fingerspitzengefühl und Feinarbeit: „Wir bestellen viele kleine Portionen, um den Kunden gerecht zu werden.“ Für ein derartiges Sortiment gibt es auch keine Erfolg bringende Einheitsformel, denn das Angebot ist durchweg individuell und entwickelt sich stetig mit den Bedürfnissen und Anforderungen der Besucher weiter. „Deshalb haben wir auch eine verschwindend kleine Anzahl von Reklamationen.“ Was an der Mode selbst, aber auch am Umgang mit dem Kunden liegt. Fittes Personal, respektvolles Agieren, Umgang auf Augenhöhe, ein offenes Ohr, ehrliche Beratung und Zeit für Austausch und Bedürfnisse – so individuell wie das Sortiment sind auch die Ansprüche der Besucher. Diesen gerecht zu werden, darauf richtet sich das Hauptaugenmerk. Und das bei einem Publikum, welches durchaus sehr heterogen ist – vom niederländischen Gabba, der extra kommt, um seine Clubwear zu erweitern, bis hin zum neugierigen Touristen, der weiß, dass man Franchipani in Aachen mal gesehen haben muss. „Der Kunde kommt gerne wieder und schätzt die positive Atmosphäre.

Vintage und Nachhaltigkeit

Bei Franchipani gibt es nicht nur Neues, sondern auch eine große Auswahl an Secondhand- und Vintage-Artikeln. „Wir haben vor 15 Jahren schon pflanzengefärbte Shirts angeboten, aber die wurden vom Kunden nicht angenommen. Selbst als die Diskussion um Azo-Farbstoffe, vor allem in schwarzen Klamotten, aufkam und wir darauf reagiert haben, hat kein einziger Kunde danach gefragt.“ Karin van Akker ist ein Fan von Nachhaltigkeit und auch von Vintage-Mode – „mir selber macht das Spaß und ich stehe voll dahinter. Ich bin heute selbst auch wieder ein bisschen in Vintage unterwegs“, konstatiert sie und zeigt ihre 1970er-Jahre-Longstrickjacke. „Vintage-Mode besteht immer aus besonderen und individuellen Teilen und einfach unwahrscheinlich schönen Dingen. Ich bin da selbst auch immer wieder aufs Neue erstaunt und begeistert.“ Gerade diese Begeisterung, ihre Persönlichkeit und die Einzigartigkeit ihrer Mode sind mit Sicherheit das, was Franchipani 40 Jahre lang geprägt und auch überleben lassen hat – so etwas nennt man Seele. Und die findet man weder online noch bei Mainstream-Filialisten. Es gibt noch viele Geschichten zu erzählen. Über Nepalpullover in den 1980er-Jahren, Franchipani-Jeans und Streifenhosen aus Amsterdam. Dafür sollte man aber auch einfach mal selbst in der Harscampstraße 4–8 vorbeischauen, ein bisschen Kleingeld für die Kaffeekasse mitbringen und sich sicher sein, dass hier jeder von der Nostalgiewelle gepackt wird und definitiv nicht mit leeren Händen rausgeht.

Infos zu Marken, dem Sortiment und dem Laden gibts auf www.franchipani.de – coole Bilder und Impressionen auf Instagram und Facebook.