Spieglein, Spieglein …

Schönheit im Kontext von Lifestyle

Wie geht Schönheit mit Lifestyle zusammen? ©pixabay
Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen

Seit Menschengedenken übt Schönheit eine besondere Faszination auf ihren Betrachter aus. Heutzutage regiert rund um das äußere Erscheinungsbild ein regelrechter Hype – nicht zuletzt angesichts sozialer Medien. Wie geht Schönheit dabei eigentlich mit Lifestyle zusammen? Macht sich gegenwärtig ein Umdenken im Umgang mit Äußerlichkeiten bemerkbar?

„Wenn uns etwas schön vorkommt, bringt das kleine Dosen Freude in unseren Alltag. Schöne Dinge machen uns glücklich“, kommentiert Helmut Leder, Leiter des Instituts für Psychologische Grundlagenforschung der Uni Wien, seine Studien zum Einfluss des Schönheitssinns in der Online-Ausgabe der österreichischen Zeitung „Der Standard“. Wie tief diese Art des Glücksempfindens tatsächlich greift, kann die Tatsache verdeutlichen, dass ausgerechnet in Krisengebieten und kriegsgebeutelten Gegenden die Menschen viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen und auch Kunst und Kultur hochhalten. Dazu die Literaturprofessorin Barbara Vinken, die sich mit Ästhetik und Mode auseinandersetzt: „In der Kleidung wird die Intaktheit des Selbst widergespiegelt. Je stärker man bedroht wird, desto stärker der Wille nach Intaktheit.“

Und Intaktheit ist es nicht zuletzt auch, die in Ländern wie Südkorea eine wichtige Rolle spielt. Kaum ein Land ist wohl so sehr von dem Bestreben nach Schönheit geprägt wie Südkorea, die dortige Kosmetikindustrie und Schönheitschirurgie boomen. In einem Artikel von „Zeit Online“ heißt es, im Pro-Kopf-Vergleich verzeichne der Staat mit einer Einwohnerzahl von 51 Millionen Menschen die meisten Schönheitsoperationen weltweit (laut Quelle stammen die neuesten verlässlichen Zahlen von 2015). Begründet liege dies mutmaßlich in der Historie des Landes. Der Neokonfuzianismus, der im 14. Jahrhundert wirkmächtig wurde und bis heute nachhallt, lehrte, dass sich ein ordentlicher Geist in einem ordentlichen Körper ausdrückt. Außerdem sei in Südkorea die äußere Erscheinung keine rein persönliche Angelegenheit, sondern vielmehr auch Repräsentation der Gemeinschaft und Familie, Ausdruck von Intaktheit des eigenen Hauses.

Zerrbilder durch Netzwerke

Der Eindruck, dass die äußere Erscheinung keine rein persönliche Angelegenheit ist, drängt sich auch bei Betrachtung westlicher Kulturen auf. Natürlich, die gesellschaftlichen Zwänge mögen nicht so stark ausgeprägt sein, nichtsdestotrotz wächst auch hier der Trend zu Schönheitseingriffen. Aus freiem Willen heraus? Heutzutage ist Schönheit eng mit bestimmten Lifestyles verbunden. Schönheits- und Körperbewusste finden sich in Communities zusammen, tauschen sich über bestimmte Looks, Fitness und Ernährungsweisen aus, die sich ihrer Idee zufolge auch auf andere Lebensbereiche auswirken. Sie sind Teil eines Netzwerkes, das zumeist ein bestimmtes Ideal verfolgt. Die so häufig eingeforderte Individualität der Akteure fällt am Ende nicht selten einer kollektiv konstruierten Muster-Identität zum Opfer. Und diese Muster-Identität kann es in sich haben: Virtuell manipulierte Gesichter und Körper verzerren gerade in den Medien die Realität. Helmut Leder im „Standard“ diesbezüglich: „Dies fließt also in meine Repräsentation davon ein, wie ein Mensch aussieht. Und das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass ich mich selbst und andere für unzureichend und unschön halte.“

Doch auch wenn ein bestimmter Lifestyle, eine bestimmte Community ein Ideal vorgibt, Surfer mit Waschbrettbauch und Globetrotter mit Alternativ-Look, so bedeutet dies keineswegs zwangsläufig, dass sich Lifestyle nicht auch offen entwickeln kann. Es haben sich mittlerweile zahlreiche Bewegungen hin zu Diversität herausgebildet, die die Unterschiedlichkeit von Körpern und Menschen feiern und die mehr und mehr Raum lassen für eigens gewählte Interpretationen von Lebensstilen. Die Wahrnehmung, der Umgang mit Äußerlichkeiten verändert sich allmählich. Gerade in den sozialen Medien wird dies im Kontrast zu gelernten Bildern offenkundig. Und auch Mode erlebt so ein Erstarken von echten individuellen Optiken. Während sich einerseits Stereotype in Perfektion präsentieren, kommen andererseits wahre Individualisten zum Zuge, die sich freimachen von fremdbestimmten Vorstellungen und ihrerseits einen Lifestyle sowie ein eigenes Verständnis von Schönheit entwerfen – und damit wohl auch wahrhaft Intaktheit des Selbst demonstrieren.

„Wir alle wollen gefallen!“

Der Mensch und sein Körper – eine Beziehung, die in heutiger Zeit nicht selten von Disharmonie geprägt ist. Im Interview mit Fashion Today spricht die Soziologin Prof. Dr. Villa Braslavsky unter anderem über die Körperwahrnehmung von Männern und Perfektionsdrang. Diättipps in diversen Internet-Foren, Schnappschüsse von Waschbrettbäuchen und modischen Outfits auf Insta – der Körper wird geformt und in Szene gesetzt, gerade in Zeiten des World Wide Webs scheint dies unumgänglich. Oder? FT hat Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie/Gender-Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München, gefragt. Sieht sie einen gesellschaftlichen Trend hin zu mehr Toleranz?

„Männer werden zunehmend auch als Geschlecht adressiert und erlebt.“ Prof. Dr. Villa Braslavsky ©privat

Fashion Today: Gibt es einen Unterschied in der Körperwahrnehmung von Männern und Frauen?
Prof. Dr. Villa Braslavsky: „Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hat sich ein Muster herausgebildet, demzufolge es einerseits ‚den‘ Menschen und andererseits ‚andere‘ gibt, zum Beispiel Frauen (sowie andere Gruppen, etwa Kinder, „Wilde“ usw.). Historisch gesehen – und das prägt uns bis heute – lernen Frauen eher, sich als Geschlecht und als von Männern betrachtete und bewertete Personen wahrzunehmen. Frauen sind daher in der Tendenz und grob gesprochen weitaus kritischer ihrem eigenen Körper und dem anderer gegenüber. Sie achten intuitiv auf alles, was bewertet wird, es gibt immer ein ‚zu‘: zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu fest, zu schwabbelig, zu hell, zu dunkel. Das weibliche Körperideal ist nicht nur ziemlich unerreichbar, das Nicht-Erreichen ist zudem als individuelles Scheitern moralisiert (falsch gegessen, nicht genug Sport getrieben, nicht gut auf sich aufgepasst, zu wenig Wellness, zu viel Stress). Bei Männern ist die kulturelle Rahmung des Körpers anders, jedenfalls historisch und auch wieder grob gesprochen. Der männliche Körper steht stereotyp für Status; an ihm soll sich der soziale Rang des Mannes erkennen lassen – das reicht gewissermaßen. Auch soll an ihm eher keine Individualität erkennbar sein, sondern eine uniformierte Position: etwa der Arzt, das Familienoberhaupt, der bürgerliche Mann, der Arbeiter. Doch dies ändert sich; immer stärker werden auch Männer als ein Geschlecht wahrgenommen und müssen/können sich selbst so wahrnehmen. Dies ist eine ziemliche Zumutung, Stichwort: Beobachtung, Beschämung, ‚Policing‘ von Körpern in der Öffentlichkeit, strenge Ideale usw. Aber es ist auch eine enorme Bereicherung, ein Freiheitsgewinn hinsichtlich der individuellen Selbstgestaltung durch Kleidung, Kosmetik, Sport beispielsweise.“

Wie weit gehen Menschen, um ihr Ideal zu erreichen?
„Frauen sind, pauschal gesprochen, tendenziell leidensfähiger und zugleich kreativer in Bezug auf die Körpergestaltung. Sie hungern, treiben Sport, unterziehen sich langwierigen Behandlungen, ertragen Spott und Demütigungen, geben Unsummen aus für Kosmetika, schminken und stylen sich, alles, um den ‚richtigen‘ Körper zu erlangen. Denn sie wissen, sie werden sonst zum ‚Monster‘, zur ‚Unfrau‘, sie werden als Versagerinnen wahrgenommen. Frauen haben zu gefallen, sich schön zu machen. Dies ist jedenfalls ein sehr starkes ideologisches Muster. Und um Versagen zu vermeiden, gehen Frauen hierzulande recht weit. Wobei auch Lust, Spaß und Selbstverwirklichung dabei eine große Rolle spielen. Aber man muss auch sehen: Wir alle wollen gefallen, wir alle brauchen Anerkennung, wir alle wollen begehrt und geliebt, wertgeschätzt und gesehen werden. Daher kann und will ich nicht streng urteilen darüber, wann etwas ‚zu weit‘ geht. Das ist kontextspezifisch, das variiert stark, das hängt auch vom Milieu oder der Region ab.

Dem männlichen Stereotyp entspricht eher, so zu tun, als seien die Männer in der Hinsicht unabhängiger. Weil auch das zum guten Männerton gehört: autonom und unberührbar durch den Blick der anderen zu sein. Tatsächlich aber haben auch Männer hinsichtlich ihres Körpers Selbstzweifel und arbeiten an einem ‚richtigen‘ Männerkörper. Und dies wird zunehmend zum Muss, möglicherweise aber auch zur Lust. Für beide Geschlechter gilt, dass Übergewicht hier und heute stigmatisiert ist. Dicksein gilt als Ausdruck von innerer Verwahrlosung und moralischem Scheitern – dicke Menschen gelten als faul, dumm, undiszipliniert, verantwortungslos, unkontrolliert, exzessiv. Als Phantasma sind sie das Gegenstück zum ‚richtigen‘ Körper, sie faszinieren und wecken auch neidvolle Begehrlichkeiten. Die Abwertung von dicken Menschen gilt übrigens für alle Geschlechter, wenngleich dicke Männer derzeit wohl besonders viel Abscheu erregen – denn diese verweigern sich (angeblich!) den männlichen Tugenden von Kraft, Ausdauer, Härte, Disziplin, Ehrgeiz, dem ‚Triumph des Willens‘.

Denken Sie, dass sich das Selbstbild der Männer aktuell womöglich verändert?
„Männer werden wie angedeutet zunehmend auch als Geschlecht adressiert und erlebt. Das geht mit neuen Freiheiten – Stylen usw. – und Zwängen – Beobachtung und Bewertung – einher. Besonders interessant sind Versuche, ‚Caring Masculinities‘ zu entwickeln, das heißt Konzepte vom Mann, die Fürsorge, Kümmern, Berührbar- und Nahbarsein einschließen. Dies ist auch ein Effekt feministischer Debatten, aber er ist nicht ganz neu. Welche Abwehr das hervorruft, konnte man gut an der Gillette-Werbung ‚The Best Men Can Be‘ sehen.“

Welche Rolle spielt Perfektion in der heutigen Gesellschaft?
„Weitaus wichtiger als Perfektion ist die Norm und sind die Praxen der Optimierung. Perfektion lässt sich erreichen, ist (theoretisch) ein Zustand. Aber Optimierung ist ein endloser, offener, unabschließbarer Prozess. Der Körper kann immer fitter, gesünder, der Sex immer wilder, die Leistung immer besser, der Move immer cooler werden. Diese Optimierungslogik ist eng verzahnt mit großen gesellschaftlichen Dynamiken, die auch ökonomisch relevant sind. Und diese Logik realisiert sich in allerlei Projekten – Projekt Haus, Projekt Kind, Projekt Sport, Projekt Marathon, Projekt Baustelle usw. Ein Projekt ist vergleichsweise unbestimmt, vage, flexibel.“

Wie sehr dient das Äußere als Kommunikations- und Selbstdarstellungsmittel?
„So sehr wie immer schon. Nur die bestimmte Form und der Inhalt ändern sich. Aber es gab wahrscheinlich nie einen Zustand, in dem der Körper nicht als Visitenkarte der Person galt. Wir können uns nicht nicht zu unseren Körpern verhalten – wir müssen und können uns und unsere Körper gestalten. Das ist unsere Natur, nicht ein modischer Zeitgeist. Mode und Kleidung sind dafür ganz zentral. Aber wie genau diese in Szene gesetzt und gelesen werden, das ist extrem variabel. Heute zum Beispiel ist kreative Individualität ganz wichtig – zu anderen Zeiten und an anderen Orten ist womöglich eher die Status- oder Berufszugehörigkeit entscheidend. Aber auch hier und heute ist die Ausflaggung von Gruppenzugehörigkeit via Kleidung absolut wesentlich; über Kleidung und Mode wird Geschlecht, Alter, Subkultur, Milieu, Status, Bildung sichtbar gemacht. Wer dabei besonders spielerisch oder mutig ist, Mode also als Kunstform begreift, zeigt eben auch, dass er/sie das kann, das will – dass das geht.“

Spüren Sie aktuell eine Bewegung erstarken, die sich gegen stetige Selbstoptimierung und Perfektion richtet?
„In Social Media, insbesondere Instagram, und in vielen Blogs gibt es reichlich Kritik, gewichtige Gegenstimmen und Lust an Vielfalt, an „anderen“ Körpern. Frauen, die sich keine Haare rasieren oder zupfen; Menschen, die ihr „Normalgewicht“ nicht mal zelebrieren, sondern davon erzählen, wie sie versuchen, normal mit dem Normalgewicht zu leben. Modeblogs für allerlei Körpervielfalt. Und vieles mehr. Das Wesentliche ist dabei, dass die unendliche Variation menschlicher Körper sichtbar und positiv erlebbar wird.“