Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Markus Oess

Wenn wir in einem Jahr zurückblicken, werden wir von zwei Zeitabschnitten sprechen. Der Zeit vor und der Zeit nach Covid-19. Wir erleben gerade schlechte Zeiten. Pandemien hat es schon immer gegeben. Die Pest, Cholera oder auch die Spanische Grippe. Aber noch nie war die Globalisierung so weit vorangeschritten wie jetzt. Uns kann der berühmte Sack Reis in China lange nicht mehr egal sein und fällt er um, kann jeder Schaden nehmen. Deutschland stellt gerade ein Prozent der Weltbevölkerung und ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde – und das ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen. Und Deutschland ist nach den USA das meistinternationalisierte Wirtschaftsgebilde. Keine Frage, all das wäre ohne die globalisierte Welt nicht möglich gewesen. Und die Verflechtungen haben auch dafür gesorgt, dass wir enger zusammenrücken. Jetzt ändern sich die Zeiten und wir erleben nicht erst seit Corona revisionistische, protektionistische Tendenzen in der Welt, die jetzt sicher weiter Auftrieb erhalten werden. Auch Kriege sind lange schon wieder ein Thema – echte und wirtschaftliche.

Nach vier Wochen des Lockdowns sehen wir, dass die Maßnahmen richtig waren und die Pandemie für den Augenblick zu bewältigen ist, ohne unser Gesundheitssystem zu überlasten. Die Bundesregierung tritt entschlossen mit einem ganzen Bündel an Hilfspaketen an, um die heimische Wirtschaft aufzupäppeln und auch international Solidarität zu beweisen. Dabei wird der hiesigen Politik international ein gutes Krisenmanagement attestiert.

Sicher sind die wirtschaftlichen Folgen hart und haben einen Absturz nach einer langen Phase des Aufschwungs ausgelöst. Aber bestimmte Fehlkonstruktionen unseres globalen Wirtschaftssystems sind wohl kaum Corona anzulasten. Angefangen von rein profitgetriebenen Investoren, die nur die Gewinnmaximierung des eingesetzten Kapitals zur Handlungsmaxime erheben und ihr alles andere unterordnen bis hin zu Verteilungsungerechtigkeiten und Ausbeutung. Aber auch das sollte gesagt werden: Im internationalen Vergleich herrschen hierzulande paradiesische Zustände, die in anderen Ländern alles andere als selbstverständlich sind. Meinungsfreiheit und faire, freie Wahlen, Rechtssicherheit, eine gute, vollumfängliche gesundheitliche Versorgung, soziale Absicherung und sozialer Frieden, eine funktionierende Infrastruktur. Mäkeln gilt jetzt nicht. Der wahre Erfolg Deutschlands lässt sich nicht in Geldeinheiten definieren, sondern eben über diese Punkte. Und genau diese sollten wir alle verteidigen. Nicht gegen ausländische Mächte und Interessengruppen, sondern gegen jeden, der ein Interesse hat, diese Dinge zu verändern, um die eigene Position zu verbessern, real oder auch nur in der schalen Hoffnung darauf.

Rein rational betrachtet, bringt die Einsicht, dass auch die Geschäftspartner existieren und die Angestellten von ihrer Arbeit leben können müssen, schon aus sich heraus eine faire und damit langfristig gesicherte Wohlstandsverteilung. Fehlt diese Einsicht, muss dafür gesorgt werden, dass sie gewonnen wird, etwa wenn zwei gleichwertige Tarifpartner über Geld sprechen oder wenn der Geschäftspartner sich darauf verlassen kann, sein Recht auch notfalls juristisch klären zu lassen, ohne deswegen gleich geteert und gefedert durch die Straßen gejagt zu werden. Auch die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen ist ein solches Lehrstück. Das ist im Übrigen trotz eines Landesvaters der Linken kein Sozialismus, sondern die Grundregeln der sozialen Marktwirtschaft und das alles folgt einem der besten Gesetze dieser Welt, dem deutschen Grundgesetz.

Was aber hat all das mit der Textilbranche zu tun? Nun, sie ist Teil unseres Wirtschaftssystems und ein Rad, das in andere Räder greift. Handel und Industrie sitzen in einem Boot und nur wenn beide in die gleiche Richtung arbeiten, wird es sich fortbewegen, statt sich im Kreis zu drehen. Dann bewegt man sich auch, kommt aber nicht voran. Die Branche ist dabei, die Spielregeln zumindest teilweise zu definieren, und es ist viel von Solidarität die Rede, von gegenseitiger Hilfe und der unbedingten Notwendigkeit dazu. Und noch etwas: Krisen haben auch reinigende Wirkung und bringen Gutes hervor. Die Pest hat für die Mechanisierung der Produktion gesorgt und für die ersten Arbeitsgesetze, die Cholera führte zu Kanalisation und Wasserreinhaltung, nun begann man, Abwässer und Trinkwasser zu trennen. Und die „Spanische Grippe“ löste Aufstand und Revolution aus und besiegelte das Ende des Deutschen Kaiserreiches. Schlechte Zeiten sind auch gute Zeiten für positive Veränderungen. Wir sollten damit beginnen!

Ihr

Markus Oess