Same procedure as last year

EDITORIAL

Markus Oess ©FT

Der Branche geht es mäßig, die Konjunktur lahmt und die Laune der Menschen, für Bekleidung Geld auszugeben, geht nach unten. Zudem sind die Aussichten mit Blick auf die baldige Bundestagswahl alles andere als lustig. Dazu kommen auch noch die fundamentalen Daten in Deutschland, die einen ebenfalls nicht gerade in Feierlaune bringen.
Ging bei Ihnen schon das Licht aus? Bei mir jedenfalls nicht. Am makroökonomischen Status quo können wir so wenig ändern wie an der weltpolitischen Lage. Dennoch denke ich, dass Zuversicht wichtig ist. Solange wir das tun, was wir tun können, ist es schon eine Menge. In der Summe können wir dann doch die Welt verändern, jeder in seinem Verantwortungsbereich, aber am Ende des Tages für alle.

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Wieso aber steht da etwas zur anstehenden Bundestagswahl? Nun, das hatte ich in der Januar-Ausgabe 2025 geschrieben. Heute, fast ein Jahr später, gilt das ganz offensichtlich noch immer. Abgesehen von der Bundestagswahl natürlich. Liegt das nun an meiner Weisheit oder daran, dass sich bis heute nicht viel geändert hat? Es liegt ein Mehltau auf der Republik und es scheint, dass der ersehnte Befreiungsschlag nicht kommt, auch gar nicht kommen kann. Noch immer sind die fundamentalen Strukturprobleme in Deutschland nicht gelöst, die Sozialsysteme kranken und es herrscht Steuerungerechtigkeit, noch immer wird munter Interessenpolitik und feinster Lobbyismus betrieben. Mit Politik lässt sich ja auch Geld verdienen. Etwa, wenn eine Firma eines Regierungsmitglieds mit Kontakten zu Regierungsmitgliedern wirbt und Bundeskanzler Merz kein Problem damit hat – schließlich wurden ja jetzt mit einem flugs zwischengeschalteten Treuhänder alle Interessenkonflikte pulverisiert. Die Infrastruktur bröckelt weiter und die Wirtschaft lahmt. Vor allem haben wir eine veritable Nachfragekrise im Land – und es passiert … nichts. Wir brauchen ein echtes Konjunkturprogramm, das die Binnennachfrage anschiebt!

Und dann gibt es noch Redebedarf über eine gesichert rechtsextreme Partei. Deutschland lässt sich, wie andere Länder auch, von den Rechtsextremen treiben. Statt die Diskussion sinnvollerweise umzudrehen und die demokratische Mehrheit vor der radikalen Minderheit zu schützen, werden in der Politik immer wieder rechte Felder wie Migration beziehungsweise Maßnahmen zu deren Unterdrückung, Deutschtümelei oder die Radikalisierung nach links oder Sozialmissbrauch politisch beackert – in der Hoffnung, rechte Wähler und Protestler zurückzugewinnen. Mit dem bekannten Ergebnis. Die Wahrheit ist: Die Menschen wählen im Zweifelsfall das Original. Die Wahrheit ist auch: Das Original ist rechtsradikal. Wir sollten endlich beginnen, wehrhaft unser Grundgesetz und unser Wertesystem zu verteidigen, die noch unter dem Eindruck des zu Ende gegangenen Zweiten Weltkriegs und des Naziterrors ihren Anfang nahmen. Wir dürfen nicht vergessen, sondern müssen uns gegen diese braunen Schreihälse stellen, die sich siegestrunken zusehends weiter radikalisieren – sofern das noch möglich ist. Tun wir das nicht, wird die AfD Wahlen gewinnen, regieren und Zugriff im wahrsten Wortsinn auf die Menschenrechte eines jeden Bürgers haben. Wie das endet, mag ich mir nicht vorstellen. Wir brauchen nicht einmal in der Geschichte zurückzublicken, es reicht, wenn wir die aktuellen weltpolitischen Geschehnisse betrachten, in denen selbst vorgebliche Verbündete zu Gegnern werden und allein (militärische) Stärke über Recht und Unrecht entscheidet.

Es wundert nicht, dass der aktuellen Bundesregierung in unserer Kurzumfrage ein schlechtes Zeugnis ausgestellt wird. Die Branche leidet unter massiver Kaufzurückhaltung und für sehr viele Marken und den Handel sowieso ist Deutschland der Ankermarkt. Läuft der nicht, läuft nichts. Aber – und das ist die gute Nachricht – die Umfrage fördert auch positive Entwicklungen zutage. Die Unternehmen bauen Resilienz auf, entwickeln sich weiter und kommen so besser durch diese Zeiten. Positiv ist auch, dass – und das hebe ich gerne hervor – die AfD nicht als demokratische Partei wahrgenommen wird, sondern als Gefahr. Nur wie mit dieser Gefahr umgegangen werden soll, darüber herrscht nicht immer Einigkeit.

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Die neue Order steht bevor und wir haben natürlich nach Trends gefragt. Carl Tillessen, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts DMI, Trendanalyst, Berater und Autor, gibt Antworten. Wolfgang Müller, Chef des Premium-Strickers hajo, zieht Bilanz. Außerdem haben wir den HIRMER-Manager Jens Beukema gleich zweimal interviewt – wie er es mit der Pitti hält und mit den Großen Größen. Und wenn es gut läuft, hat Deutschland nach einer längeren Durststrecke wieder eine Modemesse. Wir haben mit Show Director Thimo Schwenzfeier über Konzept und Erfolgsaussichten der SHIFT in Offenbach gesprochen. Natürlich haben wir wieder Plattentipps in der Ausgabe und Floris van Bommel, Creative Director des gleichnamigen niederländischen Schuhlabels, besucht uns auf ein Kaltgetränk.

Das ist die letzte Ausgabe von FASHION TODAY MEN in diesem Jahr. Mit der nächsten Januar-Ausgabe feiern wir übrigens unser Zehnjähriges in neuer Konstellation. Das ganze Team von FASHION TODAY MEN wünscht Ihnen und Ihren Liebsten schöne Weihnachten und kommen Sie gut rüber in ein hoffentlich besseres Jahr 2026.

Ihr

Markus Oess