Das Supergesamt-Dingens

Der normale Mann

„Eng, kratzig oder beides? – Dann bin ich sofort raus", sagt der normale Mann Boris Graue. ©privat
Autor: Andreas Grüter

Booker, Kurator, künstlerischer Leiter – Boris Graue ist seit 30 Jahren in Sachen Kultur und Event unterwegs. Nach Stationen beim Bollwerk107, dem Moers Festival, der Wittener Werk°Stadt und dem Internationalen ComedyArts Festival verantwortet der Medienpädagoge aktuell den pädagogischen und medienkulturellen Part der gamescom. Dass er auch in puncto Fashion ein echtes Gespür hat, beweist er im Gespräch.

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FASHION TODAY: Wo kaufst du deine Klamotten ein?
Boris Graue: „Ich bin seit Jahren Fan von großen Multibrand-Häusern, in denen ich mich zwischen meinen Lieblingsmarken tummeln und Sachen auch hands-on probieren kann. Wenn dann vielleicht noch ein DJ spielt oder es eine Kaffee- oder Cocktailbar gibt, bin ich sofort in love. Es ist ein wenig wie Kino: Man erlebt etwas, das man liebt, zusammen mit Gleichgesinnten, auch wenn man sie nicht kennt. Anprobieren mag ich aber trotzdem nicht, weil mir für das Warten vor engen Kabinen schlicht die Geduld fehlt.“

Ist Online-Shopping ein Thema für dich?
„Absolut – ich bin extrem anfällig für superspontane Impulskäufe über Instagram, sowohl bei den großen Mailordern als auch bei ganz kleinen Labels. Natürlich geht das auch mal schief, Sachen passen nicht (oft) oder kommen erst gar nicht an (selten). Ohne Online-Shopping hätte ich aber einige kleine und mitunter sehr spezielle Labels wie etwa die großartige FORWARD PATCH CONTROL gar nicht gefunden. Ich mag auch den Kontakt mit den Macherinnen und Machern dahinter. Andere Lieblingslabels wie MULTIPLY, SIXTHJUNE oder VERTERE gibt es ja mittlerweile auch in Offline-Shops, da scheitert es dann aber gerne mal an der Größe.“

Prints und Muster oder Ton in Ton?
„Beides. Bis in die Nullerjahre hatte ich gefühlt keine Hose ohne Camou-Muster und kaum ein Shirt ohne Print – beides sind ja auch komplette modische Wiedergänger und tauchen einfach immer wieder auf. Wenn es um eine Teddyfleece-Jacke geht, wandert auch mal ein krasses florales Muster in den Kleiderschrank, ansonsten ist mein Stil über die Jahre allerdings deutlich reduzierter und sehr plain geworden.“

Hast du ein Anlass-Outfit?
„Oh ja, damit war ich im letzten Jahr auf einem Empfang im Bundesministerium und eine Woche später auf der Hochzeit eines befreundeten Tätowierers – und ich halte es auch für clubbable, wenn wir nicht gerade vom ,Berghain‘ sprechen. Aktuell besteht es aus einem silbernen Secondhand-Sakko von DIESEL mit Leinenanteil, für das ich mir stundenlang Bügel-Tutorials auf YouTube gegeben habe, einer oversized Stoffhose von REPLAY, einem Kurzarmhemd von MULTIPLY und silbernen Nike Initiators.“

„Als bekennender Mode-Messie habe ich von allem viel zu viel – ein eher ungünstiges Hobby in den kleinen Kölner Wohnungen!“

Folgst du Trends oder setzt du lieber eigene Statements?
„Die aktuellen Entwicklungen zu verfolgen, finde ich megaspannend und habe sowohl riesigen Spaß daran, mir die Leute auf dem Bahnsteig anzuschauen als auch stundenlang Insta-Stories oder Blogs zum Thema zu inhalieren. Ich quatsche auch gerne mal Leute auf ihre Outfits an. In Köln führt das oft zu schönen Gesprächen, im Ruhrgebiet würde ich eher davon abraten. Wenn neue Shapes und Fabrics zu meinem Stil passen, baue ich sie auch ein – das passiert manchmal spontan, manchmal nach längerem Zögern. Es gibt aber auch immer mal Trends, von denen ich denke: ,Das sieht richtig cool aus, aber ganz sicher nicht an mir.‘ Ich finde es durchaus reizvoll, zum Beispiel einen total angesagten Jackentyp mit einer hoffnungslos überholten Hose zu kombinieren oder umgekehrt. Altersgrenzen ignoriere ich aggressiv; wenn mir jemand zu einem Teil sagt: ,Dafür bist du zu alt/zu jung‘, wandert es sehr sicher in die Einkaufstasche.“

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Kaufst du nach Marken?
„Es gibt ein paar Marken, die einfach total gut zu mir passen, und die werden dann auch gezielt angesteuert. Wenn es dann noch Komplimente zum Outfit gibt, bin ich natürlich lost. Das passiert gerne mit ALPHA INDUSTRIES, sowohl bei Jacken als auch bei Hosen. Ich mag die Schnitte und Stoffe sehr, gerade wenn es sich vom ursprünglichen militärischen Stil wegentwickelt. Dann gibt es Labels, die ich entweder von ihrer Message cool finde oder bei denen ich einfach immer weiß, dass die Sachen qualitativ super und vor allem angenehm zu tragen sind. Dabei steht die Marke für mich aber nie an erster Stelle.“

Masse oder Klasse?
„Als bekennender Mode-Messie habe ich von allem viel zu viel – ein eher ungünstiges Hobby in den kleinen Kölner Wohnungen! Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch bereit wäre, richtig viel Geld für ein einzelnes Teil auszugeben.“

Woher nimmst du deine modischen Inspirationen?
„Ich finde, ein persönlicher Stil entwickelt sich im Laufe des Lebens aus der Ästhetik all der Szenen und Sparten, zu denen man Kontakt hatte, und das alles in dauerndem Austausch mit aktuellen Entwicklungen. Meine Inspirationen können deshalb sowohl aus Punk, Hardcore, Avantgarde, Jazz und Black Metal kommen als auch aus einer Gen-Z-Miniserie. Es fließt dann alles ineinander und verbindet sich zu einem ,Supergesamt-Dingens‘, wie es ein Essener Medienkünstler mal sehr charmant umschrieb.“

Welche Teile dürfen in deinem Kleiderschrank auf keinen Fall fehlen?
„Ganz klar Bomberjacken! Sie sind die Basis von allem in der Jackenzeit. Unverzichtbar ist die MA-1 in diesem sehr glockigen Heritage-Cut – davon habe ich diverse Farben und Stoffe. Die ALPHA INDUSTRIES ist ein absolutes Must-have, mittlerweile hängen bei mir aber auch Versionen von VERTERE oder sogar BOSS/HUGO am Kleiderständer. Die Form ist hier entscheidend. Ansonsten viele Chinos und Stoffhosen.“

Gibt es Looks, die für dich absolut tabu sind?
„Ich trage absolut keine unbequemen Sachen – niemals. Auch wenn sie noch so scharf aussehen. Eng, kratzig oder beides? – Dann bin ich sofort raus. Vor Skinny Jeans oder diesen absurd engen Anzügen der Business-Nachwuchs-Szene laufe ich schreiend davon. Was auch nicht geht, sind empfindliche Looks. Ich bin viel unterwegs und habe dann oft am Ende des Tages noch Termine, also fällt alles, was Fast-Food- oder Weinflecken nicht verkraften und idealerweise noch verstecken kann, sofort raus. Ansonsten: Trekking/Outdoor-inspirierte Looks, Jeanshemden, Lederhosen – auf gar keinen Fall! Flanellhemden – schwierig …“

Welche Fashion-Sünden kannst du einfach nicht lassen?
„Da gibt es einige. Unmögliche Kombinationen von verschiedenen Mustern zum Beispiel. Indiskutable Sweatshorts im Hochsommer. Oder Cargohosen – davon habe ich zu viele, um sie nicht zu tragen, und im Event-Beruf sind diese bizarr großen Seitentaschen einfach cool. Wenn ich dann später in einer Bar an einem Spiegel vorbeikomme, erschrecke ich mich regelmäßig selbst und kann nicht fassen, wie der Türsteher mich reinlassen konnte. Aber ich gebe nicht auf!“