Singin’ in the rain?

Mode und Wetter

Transseasonale Kollektionen integrieren Looks, die variabel, saisonüberbrückend einsetzbar sind. ©Evgenii Vasilenko_unsplash
Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen

Platzregen im Sommer, Sonnenschein und erhöhte Temperaturen im Herbst – in den Jahreszeiten spielt sich nicht immer die zu erwartende Wetterlage ab, erst recht nicht in Zeiten das Klimawandels. Wie kann Mode mit klassischen Saison-Rhythmen da trotzdem passend gemacht sein? Ein Blick über Ansätze.

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Kurze Tops und Shorts im Sommer, dicke Pullover und Jacken im Winter – mit dieser Rechnung ist es heute nicht getan. Ganz und gar nicht. Welches Kleidungsstück zu welchem Zeitpunkt, zu welcher Saison- und Wetterlage gebraucht und gesucht ist, stellt vielmehr ein recht komplexes Thema dar. Verschiedene Faktoren sind dafür verantwortlich. Zum einen sind da die Ansprüche von Konsumenten, die sich geändert haben. Es ist eine höchstmögliche Flexibilität und Tragbarkeit von Kleidungsstücken zu jeder Zeit und Gelegenheit gewünscht. Die robuste Jeans will man das ganze Jahr über – auch an heißen Sommertagen – bequem anziehen können. Der wärmende Pullover soll nicht nur bei niedrigen, sondern auch bei höheren Temperaturen angenehm tragbar sein. Zum anderen machen es aktuelle Wetterkapriolen nicht einfach, klar zu kategorisieren, Kleidungsstücke einem Zeitrahmen zuzuordnen, der saisonal exakt für sie passt. Vor allem der Handel spürt die Konsequenzen, wenn der offizielle Verkaufsstart zur Wintersaison mit zu warmen Temperaturen zusammenfällt und sämtliche Winterartikel in den Regalen liegen bleiben. Es existieren keine Planungssicherheiten für Witterungsverhältnisse, in Zeiten des Klimawandels wohl weniger denn je.

Als Lösung bieten sich Konzepte an, die über das klassische Frühjahr/Sommer- und Herbst/Winter-Schema hinausdenken. Transseasonale Kollektionen integrieren Looks, die variabel, saisonüberbrückend einsetzbar sind. Multifunktionalität und Modularität stellen in diesem Zusammenhang wichtige Stichwörter – und das sowohl in Bezug auf Design als auch Material. So sind hybride Modelle, schlichte, saisonunabhängige Farben und Muster wichtige Impulsgeber. Overshirts funktionieren wahlweise als Oberhemden oder Jacken, Westen als Zusatz über Shirts, Pullovern oder Outdoor Pieces. Jeans sorgen in leichten Modal-Mischungen über sämtliche Monate und Wetter hinweg für ein gutes Tragegefühl. Layering-Kompositionen unterstreichen mit einfach kombinierbaren Teilen die Tendenz hin zu mehr Ungebundenheit. Dabei punkten reine Naturmaterialien über atmungsaktive und hautfreundliche Merkmale mit einer hohen Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Wetterlagen. Innovative, ausgeklügelte Tech-Qualitäten gewinnen parallel mit wasserabweisenden, winddichten und temperaturregulierenden Eigenschaften. Die Bandbreite der Möglichkeiten, die Bekleidung mehr Unabhängigkeit von Rhythmus, Klima und Wechsel der Jahreszeiten verleiht, ist facettenreich.

Neue Perspektiven

Nicht zuletzt haben sich aus dem Bedürfnis hin zu saisonunabhängiger und damit zugleich an Witterung anpassungsfähiger Bekleidung schon auch Trends entwickelt, die neue Perspektiven und Wege aufzeigen. Sie sind mitunter beeinflusst von Gepflogenheiten in Ostasien und Nahost. Modest Fashion ist eine Erscheinung, die nicht nur religiösen und traditionellen Emotionen Rücksichtnahme und Respekt einräumt, sondern über bedeckte, angezogene und entspannte Kleidungsstücke auch schlichtweg Schutz vor Wetter bedeutet, so Kälte oder intensiver Sonneneinstrahlung, und damit einen aktuellen Zeitnerv trifft, Anklang findet. Lockere Kaftane und weite Hosen sind in dieser Rubrik bezeichnend und ziehen sich als Key Looks über diverse Saisons durch die Kollektionen. Zudem ist mit Cooling Fashion eine Kategorie Mode ins Leben gerufen, die – ausgebrochen aus der Ecke Activewear – bewusst auf den Klimawandel referiert. Sie wartet vor allem mit technischen Geweben sowie Funktionalität auf und schafft darüber viel Flexibilität. Ganzjahreskleidung mit UV-Schutz und kühlender Ausrüstung steht im Mittelpunkt. Und es trenden Labels wie VETEMENTS, die ohne Achtung auf Saison oder Geschlecht ihren eigenen Stil in den Vordergrund rücken. Prinzipiell sind es gerne junge Independent Slow Fashion Brands, die ebendiesen Kurs wählen und dabei Nachhaltigkeit hochhalten. Unisex, fair produziert und saisonunabhängig konzipiert, lautet die Richtlinie.

Tatsächlich ist Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit Bekleidung, die sich nicht an exakt definierte Jahreszeit-Rhythmen hält und sich unterschiedlichen Wetterlagen geschickt anpasst, ein wichtiger, ausschlaggebender Punkt in der Diskussion um Mode, Wetter und Saison. Denn übergreifend einsetzbare Kleidungsstücke, die fortlaufend ihre Gültigkeit und Relevanz bewahren, modisch nicht aus dem Zeitgeist fallen, gehen nicht so schnell in die Wegwerf-Falle. Die Lebenszeit ist verlängert. Und auch sind bei multifunktionalen, flexibel einsetzbaren Teilen generell weniger Teile gebraucht. Ein Plus für die Umwelt und einen umsichtigeren, ressourcenschonenderen Umgang mit Mode.

Nachgefragt

Wie wichtig sind saisonübergreifende Konzepte für Kollektionen? Der Modefilialist H&M kommentiert gegenüber FASHION TODAY:

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„Mode ist nach wie vor ein saisonales Geschäft, da unsere Kundinnen und Kunden – von Familien bis hin zu Einzelpersonen – spezifische Kleidung wie zum Beispiel Regenbekleidung, Schneehosen oder Bademode meist zu bestimmten Zeitpunkten im Jahr benötigen. Für ein global agierendes Unternehmen wie H&M ist das Wetter jedoch wesentlicher Einflussfaktor, der eine zunehmende Flexibilität in der gesamten Ausrichtung erfordert. Neben saisonaler Kleidung gewinnen daher auch ganzjährig tragbare Kollektionen, funktionelle Materialien und modulares Design an Bedeutung. Diese Entwicklung erlaubt es uns, agil auf Wetterbedingungen zu reagieren und gleichzeitig dem Anspruch an Langlebigkeit und Relevanz gerecht zu werden.“  

Welchen Einfluss haben Saison und Wetter auf das Kaufverhalten? Konsumenten erklären gegenüber FASHION TODAY:

„Ich kaufe sehr nach Bedarf. Wenn es warm ist, kaufe ich T-Shirts ein. Wenn es kalt ist, besorge ich mir Pullover und Winterjacken. Es würde mir, denke ich, nicht einfallen, im Sommer vorausschauend warme Kleidung zu holen. Allerdings kaufe ich dann schon dicke Sweat-Jacken, die ich – egal wann – einfach als Jacken-Ersatz nutzen kann. Allgemein trage ich gerne leichtere Übergangsjacken.“

Marc K., 48 Jahre

„Ich gehe am liebsten im Frühjahr einkaufen und gebe bestimmt mehr Geld aus, wenn das Wetter schön ist. Man ist einfach besser drauf und hat Laune auf neue Sachen. Mir passieren dann auch Spontan-Einkäufe. Wenn ich zum Beispiel abends noch verabredet bin, gönne ich mir dazu schon mal ein neues Shirt oder eine neue Hose. Im Herbst kaufe ich viel gezielter, zum Beispiel eine Jacke oder Schuhe. Bei Regen gehe ich kaum raus zum Einkaufen. Generell kaufe ich sowohl nach Bedarf als auch vorausschauend. Gerade wenn es gute Angebote gibt, nehme ich auch Sachen für das nächste Jahr mit. Ich trage viele Sachen saisonübergreifend. Hemden oder weiße Sneaker, die eigentlich für den Sommer gedacht sind, ziehe ich auch im Winter, auch bei schlechtem Wetter an. Umgekehrt trage ich im Sommer auch mal ein dickeres Hemd. Ich mag Teile, die ich das ganze Jahr über anziehen kann.“

Gorden, 57 Jahre