Schätze aus dem Ozean

Blue Economy in Island

Thor Sigfusson gründete im Jahr 2011 das Ocean Cluster House, einen Ort, an dem sich kreative Start-ups aus der Blue Economy über die Verwendung von Fischabfällen als nachhaltige Ressource austauschen. Das Gebäude befindet sich im Hafen von Reykjavik. ©Iceland Ocean Cluster
Autorin: Katja Vaders

Island gehört zu den kleineren Volkswirtschaften und liegt derzeit im weltweiten Vergleich mit anderen Ländern auf Rang 110. Die Insel hat kaum mineralische Bodenschätze und auch die Landwirtschaft kann aufgrund der rauen klimatischen Verhältnisse nur in kleinem Maßstab betrieben werden. Eine Schlüsselindustrie des Landes ist die Fischerei, die über Jahrhunderte der wichtigste Wirtschaftsfaktor für die Isländerinnen und Isländer war und bis heute ist. Dass auch die Nebenprodukte des Fischfangs wie Haut und Gräten, die gemeinhin als Abfallprodukt behandelt werden, eine wichtige Ressource sein können, steht seit 2011 im Fokus der Arbeit des Coworking Space Ocean Cluster House. Welche innovativen Produkte seitdem von isländischen Start-ups im Hafen Reykjaviks entwickelt wurden, erzählte uns Thor Sigfusson, Gründer und Geschäftsführer des Ocean Cluster House, in einem Gespräch.

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FASHION TODAY: Thor, du bist Gründer und Geschäftsführer von Iceland Ocean Cluster.
Wie kamst du zu der Idee, einen Coworking Space im Hafen Reykjaviks mit einer ganz speziellen Ausrichtung ins Leben zu rufen?
Thor Sigfusson: „Ich habe das Iceland Ocean Cluster im Jahr 2011 gegründet. Auf die Idee kam ich während der Arbeit an meiner Doktorarbeit, in der ich untersuchte, wie es Unternehmerinnen und Unternehmern aus einem so kleinen Land wie Island gelungen war, global zu expandieren, und durch welche Eigenschaften sie sich von anderen Entrepreneuren unterschieden. Einige von ihnen waren eher global, andere lokal ausgerichtet, aber mir wurde klar, dass in den Rohstoffindustrien wie der Fischerei und der Landwirtschaft, in denen die Ressourcen begrenzt sind, etwas fehlte: Die Menschen in diesen Branchen neigten dazu, Dinge für sich zu behalten, und wer das tut, expandiert in der Regel nicht so stark auf globaler Ebene. Ich wusste, dass man an diesem Punkt ansetzen musste, damit es diesen Unternehmen gelingt, aus ihrem Silo auszubrechen und globaler zu agieren.“

Dabei gibt es in Island nicht wirklich viele Ressourcen – außer Fisch.
„Ja, das stimmt. Ich denke, eins der interessanten Dinge an uns ist, dass wir eine Insel mit vielen heißen Quellen und Wasserfällen sind, was wiederum vor allem grüne Energie bedeutet. Unsere natürlichen Ressourcen befinden sich allerdings vor allem in den Ozeanen. Wir mussten also einen Weg finden, diese wenigen Ressourcen so gut wie möglich nutzbar zu machen – besser als die anderen Nationen, die über viel mehr Rohstoffe verfügen. Uns wurde klar, dass auch Fischabfälle sehr wertvoll sein können und man sie daher nicht einfach wegwerfen sollte. Dass wir Alternativen finden mussten, um diesen ,Abfall‘ zu nutzen. Daher gründeten wir das Ocean Cluster House und luden Unternehmen, Designerinnen und Designer und alle anderen dazu ein, darüber nachzudenken, was man mit Fisch so alles machen kann. So haben wir einen Ort geschaffen, an dem all diese Menschen an ihren Projekten arbeiten, sich mit anderen Gründerinnen und Gründern sowie Geschäftsleuten austauschen und clevere Ideen entwickeln, um mehr aus Fisch zu machen. Daraus sind alle möglichen Start-ups entstanden, die mittlerweile recht erfolgreich sind.“

Rohstoff Fisch

Wie würdest du das konkrete Konzept hinter dem Ocean Cluster House beschreiben?
„Im Grunde genommen geht es darum, kreative Köpfe aus Forschung, Fischerei und Aquakultur mit Start-ups zusammenzubringen. Zu Beginn meiner Arbeit im Ocean Cluster House traf ich beispielsweise oft brillante Fischer, die noch nie Berührungspunkte mit einem Start-up gehabt hatten, und mir wurde klar, dass das Cluster eine Art Verbindungsglied sein kann. Natürlich muss dieses Verbindungsglied auch etwas Konkretes zu bieten haben, wir nennen es die ,niedrig hängenden Früchte‘. Wir brauchen also Argumente für die Unternehmen, das ist neben der Aussicht auf Profite die Möglichkeit, beim Thema Nachhaltigkeit besser abzuschneiden. Das sind gute Anreize, eins unserer Start-ups zu treffen, die Ideen haben, wie man derzeit noch ungenutzte Ressourcen verwenden und daraus einen Wert schaffen kann.“

Wie finanziert sich das Ocean Cluster House?
„Kurz nach unserer Gründung bin ich viel unterwegs gewesen und habe mit zahlreichen Menschen über meine Idee gesprochen. Darunter waren auch einige der führenden Köpfe der isländischen Fischereiindustrie, die bis heute überzeugte Unterstützer des Ocean Cluster House sind. Wir haben zudem viele Mitglieder, die uns unter anderem mit Inkubator-Programmen unterstützen und uns dabei helfen, unsere Gemeinschaft zu schaffen. Auch unser Standort im Hafen von Reykjavik war und ist sehr hilfreich für uns.“

Bekommt ihr auch Unterstützung von politischer Seite?
„Die isländische Regierung hat sich nicht so sehr engagiert, aber sie steht dem, was wir tun, zumindest sehr positiv gegenüber. Wir wollten auch nicht, dass das Ocean Cluster House eine staatliche Institution wird. Für uns ist vor allem wichtig, immer am Puls der Zeit zu bleiben, damit wir unsere Mitglieder bestmöglich unterstützen können.“

Welche Produkte haben die Mitglieder des Ocean Cluster House bisher hervorgebracht? Was sind die erfolgreichsten Ideen?
„Wir können ziemlich viele Erfolgsgeschichten erzählen, wobei mir wichtig ist, dass wir als Ocean Cluster House diese Ideen größtenteils nicht selbst entwickelt haben. Unsere Arbeit besteht darin, Start-ups zu fördern und zu unterstützen. Eine der ersten Ideen, die von meinem Team kam, war, ein Kollagen aus Fischhaut zu entwickeln, die wir hier in Island in großen Mengen zur Verfügung haben. Wir erstellten also einen Business-Plan mit Fischereien und bauten eine große Fabrik in Grindavík, einer Hafenstadt in Südwestisland. Leider kam es dort im letzten Jahr zu einem Vulkanausbruch, sodass die Produktionsstätte derzeit stillsteht, aber hoffentlich bald wieder in Betrieb genommen wird. Ein weiteres Start-up aus dem Ocean Cluster House hat ein Getränk namens COLLAB entwickelt, das Fischkollagen enthält und mittlerweile zu einem der beliebtesten Erfrischungsgetränke in Island geworden ist (Anm. d. Autorin: COLLAB ist seit letztem Jahr auch in Deutschland erhältlich). Du siehst also, wir haben inzwischen alle möglichen Start-ups und Unternehmen ins Leben gerufen, die mit Kollagenprotein aus Fischhaut arbeiten. Es gibt mittlerweile aber auch unzählige Technologieunternehmen, die wir unterstützen.“

Welche Leuchtturmprojekte kannst du hier nennen?
„Eine der größten Erfolgsgeschichten in Island ist ein Unternehmen namens Kerecis, das medizinische Produkte aus Fischhaut herstellt, die zur Wundbehandlung genutzt werden. Sie dienen als Transplantat für Diabetikerinnen und Diabetiker oder Verbrennungsopfer. Die Produkte von Kerecis helfen der natürlichen Haut dabei, sich zu regenerieren. Unser Part war es, den großartigen Gründerinnen und Gründern von Kerecis bei der Suche nach Investoren zu helfen.“

FASHION TODAY ist ein Modemagazin, daher interessiert mich natürlich, welchen Stellenwert das Thema Mode und Bekleidung im Ocean Cluster House hat.
„Vor einigen Jahren kam ein Mann mit einer schwarzen Jacke und Hose aus Leder zu mir und sagte: ,Ich bin Modedesigner und möchte Teil des Ocean Cluster House werden.‘ Ich antwortete: ,Ich mag das Design deiner Sachen, aber Kleidung und Mode haben nicht viel mit dem zu tun, was wir machen.‘ Daraufhin sagte er: ,Ich trage gerade mein Design und es ist aus Lachsleder gefertigt.‘ Ich war sprachlos, denn diese Begegnung zeigte mir, dass es noch viele weitere Möglichkeiten gibt, Fischhaut zu nutzen, an die wir noch nicht gedacht hatten. Seitdem interessieren sich immer mehr junge Designerinnen und Designer dafür, Mode oder Accessoires wie Taschen oder Krawatten aus Fischhaut herzustellen. Und das Schöne daran ist, dass es sich bei Fischleder um ein vollkommen nachhaltiges Produkt handelt – egal ob Lachs- oder Kabeljauhaut, ein Fisch, der vor unserer Küste in großen Mengen gefangen wird.“

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Meeresfrüchte

Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Markt, der immer mehr erschlossen wird …
„Richtig, und zwar die Schönheitsindustrie. Es werden inzwischen unzählige Beauty-Produkte aus Rohstoffen aus dem Meer hergestellt, vor allem aus Nebenprodukten wie den Schalen von Garnelen, aus denen wiederum Chitin und Chitosan gefertigt werden können, Stoffe, die wirklich gut für die Haut sind. Hinzu kommt das bereits erwähnte Kollagen, das beispielsweise in den Enzymen des Kabeljaus zu finden ist. Wir haben also erkannt, dass der Ozean voller großartiger Proteine und Mineralien ist, die wir für die Schönheitsindustrie, aber auch für die Mode nutzen können.“  

Das Ocean Cluster House gibt es seit 15 Jahren. Wie hat es sich seitdem entwickelt? Ihr habt inzwischen rund 70 Start-ups bei ihrer Gründung unterstützt …
„Wir expandieren immer weiter und planen aktuell, gleich nebenan ein neues Haus zu bauen, das ähnlich groß ist wie das originale Ocean Cluster House. Wir werden letztendlich wahrscheinlich zwischen 5.000 und 6.000 Quadratmeter am Hafen Reykjaviks zur Verfügung haben, gefüllt mit Start-ups und Unternehmen aus der Blue Economy. Hinzu kommt unser derzeit größtes Projekt: die Übernahme einer alten Aluminiumfabrik in der Nähe des Flughafens Keflavik, die noch um einiges größer ist. Auch hier möchten wir Unternehmen kleine oder große Räume zur Verfügung stellen, in denen sie ihre Produkte rund um die Themen saubere Energie und sauberes Wasser aus Island entwickeln können. Natürlich ist auch der Wind in Island ein wichtiges Thema, der beispielsweise für Kühlungen et cetera nutzbar ist. Wir sind sehr stolz auf unser neues Projekt, das wir Iceland Eco-Business Park nennen. Ich hoffe, dass wir bis 2030 rund 35.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügng haben für Start-ups, die sich mit Kreislaufwirtschaft oder anderen Arten von grüner und blauer Wirtschaft befassen.“

Eure Vision hat sich aber längst auch über die Grenzen von Island hinaus verbreitet.
„Das stimmt. Wir haben inzwischen zehn Ocean Cluster in den meisten Regionen der Welt. Dazu gehören Schwestercluster in fünf Bundesstaaten der USA, in Dänemark, Namibia oder in Schottland. Weitere sind aktuell im Entstehen, aber natürlich funktionieren die Ocean Cluster in jedem Land unterschiedlich.“

Was ist denn typisch isländisch am Ocean Cluster House, was man vielleicht nicht in die anderen Länder übertragen kann?
„Wir haben in Island eine Gesellschaft, die von einem großen gegenseitigen Vertrauen geprägt ist. Das macht die Dinge um einiges einfacher, weil die Menschen hier offen dafür sind, sich über ihre Ideen auszutauschen. Das ist wahrscheinlich nicht überall so, erfreulicherweise beobachten wir dennoch in vielen Ländern, dass unser Konzept funktioniert. Viele Küstenstädte haben das Problem, dass junge Menschen sie verlassen. Wir hoffen, dass die Ocean Cluster dabei helfen können, dass sie zurückkehren, auch, um dabei zu helfen, Modeartikel, Kosmetik oder technische Produkte aus Fisch herzustellen.“

Wie gelingt es dir, diesen ganz speziellen isländischen Spirit in die Welt zu transportieren?
„Vielleicht gelingt das mit meinem neuen Buch mit dem Titel ,The Incredible Coffee Machine‘. Die Idee eines Coworking Space mit einer besonderen Mission wie dem Ocean Cluster House, in dem sich die Start-ups mit Kreislaufwirtschaft, Blue oder Green Economy oder ähnlichen Themen beschäftigen, kann viel bewirken. Im Zentrum dieser Orte stehen immer Kaffeemaschinen, an denen sich alle Menschen, die dort arbeiten, jeden Tag begegnen – und diese Begegnungen sind überaus wichtig. Ich denke, die Botschaft des Buches ist klar: Es ist eine Sache, einen Coworking Space mit einer klaren Mission zu gründen, wir müssen sie aber auch zu Orten machen, an denen es einen Fluss gibt, an denen Menschen aufeinandertreffen, miteinander reden und ihre Ideen austauschen.“

Das hört sich spannend an – wir freuen uns auf die Veröffentlichung! Und hoffen, dass ihr mit dem Ocean Cluster House und dem Iceland Eco-Business Park noch viele weitere kreative und innovative Start-ups unterstützt und damit die Vision von einer besseren Welt fortführt. Vielen Dank für das sehr inspirierende Gespräch!

Der Interviewpartner

Thor Sigfusson, Gründer und CEO des Iceland Ocean Cluster. ©Iceland Ocean Cluster

Thor Sigfusson ist Gründer des Iceland Ocean Cluster, des Iceland Eco-Business Park sowie mehrerer Start-ups in der Fischerei- und Lebensmittelindustrie. In den letzten Jahren hat er das Netzwerk des Ocean Cluster um aktuell zehn Schwestercluster in Europa, Afrika, im Pazifikraum und in den USA erweitert.

Thor promovierte 2012 an der Universität von Island in International Business. Außerdem veröffentlichte er neun Bücher, darunter „100% Fish“, das seinen Weg zur Gründung einer globalen Bewegung zur Wertschöpfung aus Abfällen in der Fischereiindustrie beschreibt. Im Jahr 2024 erhielt er den Falkenorden, die höchste Auszeichnung, die der isländische Staat an Einzelpersonen vergeben kann, 2026 wurde ihm vom isländischen Präsidenten die Auszeichnung „Unternehmer des Jahres 2026“ von Excellence Iceland, dem isländischen Verband für Qualität, verliehen. Im Frühling 2026 erscheint sein neues Buch „The Incredible Coffee Machine“.