Mode aus dem hohen Norden

Island

„Modedesign ist hier nicht besonders etabliert, was ich ziemlich reizvoll finde. Ich habe das Gefühl, dass wir gerade dabei sind, einen isländischen Stil zu entwickeln", sagt Bergthora Gudnadottir, Designerin und Gründerin des isländischen Modelabels FARMERS MARKET ©FARMERS MARKET

Autorin: Katja Vaders

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Island ist die größte Vulkaninsel der Erde und befindet sich zwar in Europa, allerdings ziemlich „far out“, südlich des nördlichen Polarkreises. Im Südwesten der Insel liegt Reykjavik, die nördlichste Hauptstadt der Welt. Sie hat nur rund 138.772 Einwohnerinnen und Einwohner, strahlt aber dennoch Metropolenflair aus und ist zum beliebten Reiseziel für jährlich um die zwei Millionen Touristinnen und Touristen geworden. Diese besuchen die Insel vor allem wegen ihrer unberührten, rauen Natur. Aber auch kulturell hat vor allem Reykjavik einiges zu bieten: Neben einer umtriebigen Kunst- und Musikszene gibt es einige interessante Fashion Brands in der isländischen Hauptstadt. FASHION TODAY sprach mit Bergthora Gudnadottir, Designerin und Gründerin des isländischen Modelabels FARMERS MARKET, das sie mit ihrem Ehemann, dem Musiker Jóel Pálsson, betreibt.

Bergthora Gudnadottir ist Designerin und Gründerin des isländischen Modelabels FARMERS MARKET, das sie seit 2005 mit ihrem Ehemann, dem Musiker Jóel Pálsson, betreibt.©

FASHION TODAY: Bergthora, du bist Designerin für das Label FARMERS MARKET, das du zusammen mit deinem Mann Jóel machst. Wann und warum habt ihr die Marke gegründet?
Bergthora Gudnadottir: „Wir haben unsere Marke FARMERS MARKET – Iceland im Jahr 2005 gegründet. Zuvor hatte ich fünf Jahre lang als Designerin für eine der stärksten Marken Islands im Bereich Outdoor-Bekleidung gearbeitet. Jóel war seit über zehn Jahren als professioneller Musiker tätig, realisierte eigene Musikprojekte, spielte auf allen möglichen Veranstaltungen und unterrichtete Musik. Das war einige Jahre vor der Wirtschaftskrise, zu einer Zeit, als alles groß und global sein musste und Umweltbewusstsein oder Nachhaltigkeit noch keine Rolle spielten. Wie viele Künstlerinnen und Künstler oder Menschen, die in der Kreativbranche arbeiten, wollten wir etwas anderes machen, etwas Sinnvolleres, das unseren persönlichen Wurzeln näher ist. Wir sind zwar in Reykjavik geboren und aufgewachsen, hatten aber beide Großeltern, die Bauern waren, sodass wir eine sehr starke Verbindung zum Landleben haben. Die Idee hinter unserer Marke war es also, Tradition mit Moderne, Nationales mit Internationalem und Landleben mit Stadtleben zu verbinden.“  

Du hast gerade schon erwähnt, dass ihr beide aus künstlerischen Berufen kommt. In welchen Bereichen arbeitet ihr und wie spiegelt sich eure Kunst in eurer Mode wider?
„Genau, wir haben beide einen künstlerischen Hintergrund. Ich habe hier in Island Textildesign an der Kunstakademie studiert und Jóel macht schon seit seiner Kindheit Musik und hat seinen Abschluss am Berklee College of Music in Boston gemacht. Jóel teilt seine Zeit gleichmäßig zwischen Musikauftritten und der Betreuung unseres Unternehmens auf. Einige Teile aus unserer Kollektion stehen in direktem Zusammenhang mit der Musikszene, wie zum Beispiel unsere Herren-Cordhosen, die seit Jahren Teil unseres Portfolios sind. Sie wurden als ,Gig-Hosen‘ für unsere Musikerfreunde entworfen, die fast alle mindestens ein Paar davon besitzen. Die Idee war, schwarze Hosen zu entwerfen, die für verschiedene Arten von Auftritten geeignet sind, bei denen man sich etwas formeller kleiden muss, aber dennoch seine kreative, ausgefallene Persönlichkeit zeigen möchte.“  

Was ist der Stil eurer Marke – und würdest du sagen, dass er typisch für Island und seine Kultur ist?
„Der Stil unserer Marke ist eine Mischung aus urbanem und Outdoor-Lifestyle. Wir lassen uns eher von der uns umgebenden nördlichen Hemisphäre inspirieren als von den großen Modemetropolen wie Paris, Mailand oder New York. Perlenstickereien aus Grönland, traditionelle Wollstoffe aus Island und Skandinavien oder der britische Landhausstil sind unsere wichtigsten Inspirationsquellen.“  

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Gibt es, davon abgesehen, tatsächlich so etwas wie ein spezielles isländisches Modedesign? Und wenn ja, welche Kriterien muss es in Bezug auf Stil, aber auch in Bezug auf Praktikabilität in einem Land mit solch extremen Wetterbedingungen erfüllen?
„Modedesign ist hier nicht besonders etabliert, was ich ziemlich reizvoll finde. Ich habe das Gefühl, dass wir gerade dabei sind, einen isländischen Stil zu entwickeln. Ein wichtiger Faktor ist, dass wir keine richtige Sommersaison haben und daher nicht wie die Leute in den meisten anderen Ländern unsere Winterkleidung in den Sommermonaten wegpacken. Wir müssen immer darauf vorbereitet sein, dass sich das Wetter ganz plötzlich ändern kann und wir uns dann entsprechend kleiden können.“  

Euer Konzept beinhaltet, dass natürliche Stoffe, Handwerkskunst und Respekt für die Umwelt die wichtigsten Werte eurer Marke sind. Was steckt dahinter?
„Wir verwenden für unsere Kollektionen hauptsächlich Wolle, Leinen, Seide und Baumwolle und setzen Synthetik nur für dekorative Details oder zur Verstärkung ein. Wir arbeiten schon seit vielen Jahren sehr eng mit denselben Bekleidungsherstellern zusammen, bei denen es sich meist um kleine Familienunternehmen handelt.   Aufgrund meines Backgrounds in der Textilbranche ist es mir wichtig, alles über den Herstellungsprozess zu wissen, von der Fertigung des Garns bis zum fertigen Produkt. Daher werden alle unsere Rohstoffe von unseren Lieferanten nur für uns produziert und gefärbt.“  

Nachhaltigkeit ist also fester Bestandteil eures Labels. Wie zeigt sich das konkret in den von euch verwendeten Stoffen, aber auch in der Produktion?
„Der wichtigste Punkt in Bezug auf Nachhaltigkeit in unserem Manifest war von Anfang an, bei unseren Kollektionen das Thema Saisons zu ignorieren. Die meisten Modeunternehmen produzieren zwei bis sechs Kollektionen pro Jahr, die nach Ablauf der Saison im Ausverkauf landen. Das machen wir nicht mit, unsere Kollektionen sind saisonunabhängig. Wir fügen unserem Portfolio einfach Styles hinzu oder nehmen sie auch wieder heraus, wenn wir Lust dazu haben. Einige unserer Modelle haben wir schon seit unserer Gründung im Sortiment und wir ändern nur die Farben oder Stoffe. Was die Produktion angeht, haben wir im Laufe der Jahre viel Zeit und Mühe investiert, um Bekleidungshersteller sowie Rohstoffproduzenten zu finden, die hohe Standards in Bezug auf Nachhaltigkeit und ethische Beschäftigungspolitik haben.“  

Ihr habt zwei Stores in Reykjavik. Wer sind eure Kunden? Und könnt ihr euch vorstellen, zu expandieren und Geschäfte auch in anderen Ländern zu eröffnen?
„Unser Designstudio und unser Hauptgeschäft befinden sich im alten Hafenviertel von Reykjavik. Unser anderer Store ist in der Haupteinkaufsstraße in der Innenstadt. Wir haben viele lokale Stammkunden, die im Laufe der Jahre immer mehr geworden sind, insbesondere seit wir unseren Online-Shop gestartet haben, über den wir auch Menschen außerhalb von Reykjavik erreichen können. Unter den Touristinnen und Touristen, die Island besuchen, haben wir ebenfalls gute Kundinnen und Kunden, und wir haben festgestellt, dass wir über unseren Online-Shop ziemlich viele Bestellungen von Menschen erhalten, die nach ihrer Rückkehr aus Island online bei uns einkaufen. Es gibt zwar auch in anderen Ländern Einzelhändler, die Teile von uns anbieten, aber die Eröffnung eines eigenen Ladens wäre eine zu große Verantwortung. Unsere Vision war es immer, langsam zu wachsen und niemals zu viel zu investieren. In den letzten 20 Jahren haben wir auf jeden Fall ein starkes Fundament für unser Unternehmen aufgebaut. Also sehen wir mal, was die Zukunft für uns bereithält.“

Was auch immer das sein mag – wir wünschen euch weiterhin viel Erfolg und danken für das Gespräch!