Autor: Maximilian Fuchs
Das internationale Sourcing befindet sich im Umbruch. Durch geopolitische Spannungen und die damit verbundene Fragilität der Lieferketten richten sich die Produzenten neu aus. Die Schlagworte der Stude lauten „De-Risking“ und „Nearshoring“. Sie beschreiben die Diversifikation der Produktionsstandorte und vor allem eine geringere Abhängigkeit von einzelnen Ländern. Auch wenn Asien ein volumenstarker und dominanter Produktionsstandort bleibt, gewinnt die Fertigung in Europa zunehmend an Bedeutung.
Unsicherheiten sind ein Risiko für die Wirtschaft, insbesondere für die Beschaffung. Die aktuellen Entwicklungen sind daher ein guter Anlass, Lieferketten dauerhaft robuster zu gestalten und zusätzliche Kapazitäten in Regionen nahe der Absatzmärkte aufzubauen, etwa in der EU, der Türkei, Nordafrika und Osteuropa. Eine Studie von Inverto zeigt, dass Mode- und Konsumgüterunternehmen Nearshoring inzwischen als wichtigen Baustein zur Absicherung der Supply Chain betrachten. In der jüngsten globalen Executive-Befragung zur „State of Fashion“ von McKinsey & Company geben viele Entscheider an, dass sie ihre Lieferketten im laufenden Jahr stärker geopolitisch ausrichten und mit neuen Zöllen, Konflikten sowie Klima-Risiken rechnen. H&M-Group-Geschäftsführer Daniel Ervér fasst dies in seinem CEO-Letter folgendermaßen zusammen: „Wir reagieren noch schneller auf Trends, beschleunigen Entscheidungsprozesse, erhöhen die Flexibilität der Lieferkette, erweitern unsere Nearshoring-Kapazitäten und verstärken die Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten.“
Einkäufer müssen Total Landed Cost (Stückkosten plus Fracht, Zoll, Compliance und Inventory Risk) genau kalkulieren, sonst wird Nearshoring zur teuren Enttäuschung, so das Resümee des Grant Thornton Reports.
Diese Entwicklung ist selbstverständlich auch mit höheren Kosten verbunden. „Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Nearshoring den Preisdruck weiter erhöht und es Zeit braucht, bis sich die Auswirkungen zeigen, insbesondere in neuen Produktionsländern wie Nordafrika“, erklärt Accenture-CEO Matt Jeffers. Höhere Lohn- und Arbeitskosten wirken sich deutlich als Kostentreiber aus, zudem können Transport- und Zollfallen unangenehme Überraschungen verursachen. Einkäufer müssen Total Landed Cost (Stückkosten plus Fracht, Zoll, Compliance und Inventory Risk) genau kalkulieren, sonst wird Nearshoring zur teuren Enttäuschung, so das Resümee des Grant Thornton Reports „Retail nearshoring that pays: A risk-smart playbook“. Wie in vielen anderen Bereichen spielt künstliche Intelligenz auch beim Nearshoring eine maßgebliche Rolle als Katalysator und sorgt für Resilienz und Kostenkontrolle. Dort, wo klassische Konzepte an ihre Grenzen stoßen, optimiert sie Prozesse und verschafft durch prädiktive Analysen sowie dynamische Gesamtkostenberechnungen einen klaren Wettbewerbsvorteil.


