2026 ist schon voll im Gange und Dry January sowie diverse gratis Test-Abos für Fitnesscenter oder Meditations-Apps sind bereits wieder ausgelaufen. Das neue Jahr beginnt getrieben von einem starken Gefühl, dass irgendetwas schon anders werden sollte, meist mit einem Versprechen an sich selbst. Einem zurückhaltenden Versprechen. Man spricht es kaum noch aus, denkt es sich vielleicht nur. Wir haben gelernt, vorsichtiger zu hoffen. Darin liegt eine grundlegende Verschiebung, denn wir starten ein neues Jahr nicht mit hoffnungsvoller Erwartung, sondern mit vorweggenommener Enttäuschung.
Ich komme gerade von einer Reise in Ostafrika zurück. Viel Zeit in der Natur, viel Zeit ohne Handy, viel unmittelbare Gegenwart. Und wie so oft, wenn man Abstand gewinnt, schärft sich der Blick auf das große Ganze. Die Welt wirkte dort nicht einfacher, aber irgendwie direkter. Probleme, von denen mir erzählt wurde, schienen weniger abstrakt. Sie waren einfach da, sichtbar und konkret.
Zurück zu Hause fühlt sich das anders an. Man spürt eine eigentümliche Schwere, die aus Alltagsherausforderungen bis hin zu Weltschmerz entsteht. Weniger sichtbar und weniger konkret, aber sehr lähmend. Wir sind informiert, reflektiert und kritisch, gleichzeitig erstaunlich unbeweglich. Wir wissen viel, handeln aber dennoch wenig. Vielleicht liegt das aber gar nicht an dieser gefühlten Ohnmacht, sondern an einer merkwürdigen Bequemlichkeit, die wir uns angewöhnt haben: der Lust an der Enttäuschung.
Enttäuschung klingt nach Schmerz, ist aber oft das Gegenteil. Wer enttäuscht ist, muss nichts mehr erwarten. Das heißt, Enttäuschung kann durchaus vertraut und berechenbar sein. Enttäuschung wird so zu einer emotionalen Sicherheitsstrategie, die uns vor Hoffnung und damit gleichzeitig auch vor Verantwortung schützt. Man weiß so schon im Vorhinein, wie es ausgehen wird und das ist angenehm unaufgeregt.
Ich möchte nicht behaupten, dass wir diesen Zustand sogar genießen, aber Enttäuschung erlaubt jedenfalls Distanz. Wer enttäuscht ist, steht scheinbar über – oder zumindest neben – den Dingen. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Alles vorhersehbar, alles wenig erfreulich. Man kommentiert, man seufzt, man wendet sich ab und fühlt sich dabei seltsam bestätigt, vor allem wenn es die anderen auch tun. Diese Art der Enttäuschung ist aber nicht neutral, sondern eine eigene Haltung. Eine passive Haltung noch dazu. Sie erzeugt den Eindruck von Interesse und Betroffenheit, ist aber oft nur eine versteckte Form von Resignation und Gleichgültigkeit.
Was mir auf meiner Reise besonders deutlich wurde, war der Unterschied zwischen Betroffenheit und Beteiligung. Dort, wo Konsequenzen unmittelbar spürbar sind, bleibt wenig Raum für Ausreden. Veränderung ist dann keine Frage der Haltung, sondern der Notwendigkeit. Zu Hause hingegen haben wir uns eine komfortable Zwischenposition geschaffen. Wir sind betroffen genug, um uns zu beklagen, aber selten beteiligt genug, um etwas zu riskieren. Veränderung ist aber immer riskant. Wer sich bewegt, kann scheitern. Wer handelt, kann sich irren. Vorweggenommene Enttäuschung bewahrt uns vor diesem Risiko. Sie erlaubt uns, recht zu behalten, ohne etwas verändern zu müssen.
Eine Herausforderung unserer Zeit – zumindest in unseren Teilen der Welt – liegt vielleicht gar nicht darin, weniger enttäuscht zu sein, sondern weniger zufrieden mit unserer Enttäuschung.
Vielleicht ist das der Grund, warum so vieles stagniert, obwohl wir permanent von Wandel sprechen. Wir wollen Veränderung, aber bitte ohne Reibung. Wir fordern Transformation, aber ohne Selbstverunsicherung. Wir sehnen uns nach neuen Lösungen, behalten aber alte Sicherheiten. Enttäuschung dient als emotionaler Klebstoff, der diesen Widerspruch zusammenhält.
Ein neues Jahr verstärkt diese Dynamik. Die Kraft des Neuanfangs trifft auf eine immer tiefer werdende Müdigkeit. Man weiß, was man alles ändern müsste, und ahnt gleichzeitig, dass man es nicht tun wird. Also senkt man die Erwartungen. Das wirkt vernünftig. In Wahrheit ist es aber nur eine Vorwegnahme des Aufgebens.
Erneut enttäuscht.
Das Wort verbirgt aber auch eine zweite Bedeutung, nämlich das Ende einer Täuschung. „Ent-Täuschung“. Bisher war man getäuscht, jetzt fällt etwas weg. Das könnte eigentlich befreiend sein und Klarheit bringen, doch aus irgendeinem Grund bleiben wir oft genau an diesem Punkt stehen und schauen nur zurück auf die zu Ende gegangene Täuschung. Klarheit wäre der Punkt, an dem man nicht nur sieht, was nicht funktioniert, sondern auch anerkennt, was der eigene Anteil daran ist. Wir nutzen die Klarheit nicht, um etwas zu verändern, sondern um uns eine Meinung zu bilden über das, was war. In der Gewissheit, dass es jetzt halt so ist, wie es ist – bis zur nächsten Enttäuschung.
Ent-Täuschung müsste eigentlich der Anfang sein. Der Moment, in dem eine falsche Vorstellung endet und etwas Ehrlicheres beginnen kann. Doch dafür müssten wir den nächsten Schritt gehen. Den unbequemen. Den, der uns selbst betrifft.
Eine Herausforderung unserer Zeit – zumindest in unseren Teilen der Welt – liegt vielleicht gar nicht darin, weniger enttäuscht zu sein, sondern weniger zufrieden mit unserer Enttäuschung. Sie nicht als Endpunkt zu akzeptieren, sondern als Übergang zu sehen. Als Einladung, Verantwortung nicht länger auszulagern, sondern selbst zu übernehmen.
Die Welt steht nicht von selbst und einfach so auf dem Kopf. Sie ist das Ergebnis dessen, was wir dulden und vermeiden. Veränderung beginnt nicht dort, wo Hoffnung besonders groß ist, sondern dort, wo wir aufhören, Enttäuschung als Ausrede zu benutzen.
Ein neues Jahr ist kein Neubeginn. Es kann aber ein Moment der Ent-Täuschung sein. Die Täuschung, dass Dinge von selbst anders werden, darf enden.
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