Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat einen ersten juristischen Erfolg gegen den Ultra-Fast-Fashion-Anbieter SHEIN erzielt. Das Unternehmen darf nicht länger pauschal damit werben, bis 2050 Netto-Null-Emissionen erreichen zu wollen, ohne offenzulegen, wie dieses Ziel angesichts zuletzt gestiegener Emissionen konkret erreicht werden soll. Für die DUH ist das Verfahren ein Signal im Kampf gegen Greenwashing im Modemarkt. Barbara Metz ist seit 2022 Bundesgeschäftsführerin der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation. Im Interview spricht sie über strukturelle Ursachen von Überproduktion, die Rolle digitaler Plattformen, die Wirkung permanenter Rabatte und politische Versäumnisse. Zudem erläutert sie, warum eine erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien so ausgestaltet werden müsse, dass Fast Fashion wirtschaftlich unattraktiv werde, und warum aus ihrer Sicht schnelles Handeln geboten ist.
FASHION TODAY: Die Deutsche Umwelthilfe hat einen rechtlichen Erfolg gegen SHEIN erzielt. Was bedeutet dieses Verfahren für den Umgang mit Greenwashing im Modemarkt?
Barbara Metz: „Dieser erste rechtliche Erfolg ist ein klarer Weckruf – und längst überfällig. Die Textilindustrie ist jahrzehntelang politisch unter dem Radar geflogen, während sie Klima, Umwelt sowie Verbraucherinnen und Verbraucher massiv geschädigt hat. Statt dieses fossile, lineare Geschäftsmodell endlich zu verändern – denn nichts anderes ist Plastik-Fashion, bei der bis zu 70 Prozent der Produkte aus synthetischen Kunststofffasern bestehen –, haben viele Unternehmen auf wachsende Kritik mit Greenwashing reagiert.

Wir sehen das überall: erfundene Eigenlabels mit Namen wie ,green‘, ,care‘ oder ,sustainable‘, die gut klingen, aber keinerlei Transparenz oder messbare Umweltwirkung haben. Dazu kommen scheinbare Klimaschutzversprechen, während die Emissionen gleichzeitig weiter steigen – in einzelnen Fällen wie bei SHEIN um bis zu 23 Prozent pro Jahr. Wer das Klimaschutz nennt, verhöhnt jede ernsthafte Debatte.
Und genau hier ziehen wir die Linie. Wer mit Klimazielen, Netto-Null oder Nachhaltigkeit wirbt, muss erklären, was dahintersteht. Ein fossiles, auf permanentem Wachstum und immer höheren Stückzahlen basierendes Geschäftsmodell wird nicht plötzlich klimaneutral, nur weil es sich ein grünes Etikett anklebt. Wer solche Behauptungen aufstellt, muss sie belegen – und genau daran scheitern diese Versprechen dann in der Realität regelmäßig wie gerade wieder bei SHEIN.
Ressourcenzerstörung, lineares Wachstum und Überproduktion sind niemals klimafreundlich. Ultra Fast Fashion steht sinnbildlich für diese Realitätsverweigerung. Deshalb war SHEIN der richtige juristische Einstieg – und nicht der letzte Fall.“
Warum ist das Geschäftsmodell von Ultra-Fast-Fashion-Anbietern grundsätzlich klimaschädlich?
„Ultra Fast Fashion ist ein Klimakiller mit System. Dieses Geschäftsmodell basiert auf permanenter Überproduktion, extrem kurzen Produktzyklen erkauft mit maximaler Ressourcenverschwendung. Der Großteil der Produkte besteht aus fossilen Kunstfasern, wir tragen also Erdöl und Gas in gewebter Form. Diese Textilien – meist noch aus Mischgewebe – sind kaum recyclingfähig, setzen Emissionen entlang des gesamten Lebenszyklus frei und verschärfen das Mikroplastikproblem massiv. Schon jetzt kommen bis zu 35 Prozent des Mikroplastikeintrages in unseren Ozean aus der Textilindustrie. Sie verursacht bis zu 9 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen, gehört zu den größten Verschmutzern von Oberflächengewässern und ist einer der Haupttreiber von Mikroplastik in Meeren und Böden. Ein System, das auf immer neuen Mengen und Wegwerfware basiert, ist strukturell unvereinbar mit Klimaschutz. Das lässt sich nicht ,grün transformieren‘, das muss vollkommen neu ausgerichtet – und politisch begrenzt werden.“
SHEIN bringt bis zu 9.000 neue Designs täglich auf den Markt. Welche Auswirkungen hat diese Geschwindigkeit?
„9.000 neue Designs pro Tag sind kein Zeichen von Innovation, sondern von industrieller Maßlosigkeit und Profitgier. Diese Geschwindigkeit produziert zwangsläufig Übermengen, Wegwerfklamotten für einen Tag, Retouren und Vernichtung. Niemand braucht diese Mengen, niemand kann sie sinnvoll nutzen.
In Europa werden jetzt schon 4 bis 9 Prozent aller Textilien, die auf den Markt kommen, zerstört, bevor sie überhaupt getragen werden. Eine Kette dreimal bis zum Mond und zurück. Diese Geschwindigkeit ist ein direkter Angriff auf unser aller Klima, Ressourcen und Gesundheit – und sie ist politisch mitverantwortet, weil sie bislang kaum reguliert wird.“
„Der Preis lügt. Ultra Fast Fashion ist nur deshalb so billig, weil Umwelt- und Sozialkosten systematisch ausgelagert werden – auf die Allgemeinheit, auf unsere Gesundheit und auf kommende Generationen. CO₂-Emissionen, giftige Chemikalien, Mikroplastik, Müllberge und kollabierende Entsorgungssysteme tauchen auf dem Preisschild nicht auf.“
Wie stark dominiert Fast Fashion den deutschen Modemarkt bereits?
„Fast Fashion ist im deutschen Modemarkt längst nicht mehr der Extremfall, sondern der Normalzustand – und wird zunehmend von Ultra Fast Fashion überlagert. Plattformen wie SHEIN setzen aggressive Niedrigpreisanker, die den gesamten Markt nach unten ziehen. Sie definieren, was als ,normaler Preis‘ gilt, und entwerten damit Qualität, Haltbarkeit und Reparierbarkeit. Entscheidend sind heute nicht mehr Nutzungsdauer oder Bedarf, sondern Geschwindigkeit und Masse.
Diese Dynamik bleibt nicht auf den Online-Handel beschränkt. Sie wirkt tief in den stationären Handel hinein, permanente Rabatte, Aktionspreise und immer kürzere Kollektionszyklen sind inzwischen branchenweit etabliert.
Der Markt folgt dabei längst nicht mehr den Bedürfnissen der Menschen, sondern den Logiken von Algorithmen, Dauersales und Impulskäufen. Dieses System verdrängt nachhaltigere Anbieter, verzerrt den Wettbewerb und macht es zirkulären Geschäftsmodellen schwer, sich zu etablieren. Solange Ultra Fast Fashion den Takt vorgibt, bleibt der gesamte Markt auf Beschleunigung und Wegwerflogik ausgerichtet – mit gravierenden Folgen für Umwelt, Klima sowie Verbraucherinnen und Verbraucher.“
Warum blenden viele Menschen ökologische Folgen aus, sobald der Preis besonders niedrig ist?
„Weil der Preis lügt. Ultra Fast Fashion ist nur deshalb so billig, weil Umwelt- und Sozialkosten systematisch ausgelagert werden – auf die Allgemeinheit, auf unsere Gesundheit und auf kommende Generationen. CO₂-Emissionen, giftige Chemikalien, Mikroplastik, Müllberge und kollabierende Entsorgungssysteme tauchen auf dem Preisschild nicht auf.
Wenn Leihen, Reparieren oder faire Mode oft fünfmal teurer sind als Plastik-Billigware, ist das kein individuelles Versagen, sondern ein systemisches Marktversagen. Konsumenten-Bashing ist hier reine Ablenkung. Umfragen zeigen, dass bis zu 25 Prozent der Menschen in Deutschland bereit wären, zirkuläre Angebote regelmäßig zu nutzen. Sie scheitern an fehlender Infrastruktur und Angeboten. Genau hier muss Politik eingreifen. Fast Fashion muss aufhören, sich zu lohnen! Zirkuläre Geschäftsmodelle müssen im Alltag für uns alle erfahrbar und bezahlbar werden.“
Welche Rolle spielen Rabatte, permanente Sales und Aktionspreise?
„Rabatte sind kein Service, sondern ein Beschleuniger der Wegwerfspirale. Permanente Sales erzeugen künstlichen Kaufdruck, fördern Impulskäufe und treiben Retourenquoten in die Höhe. Digitale Plattformen perfektionieren dieses System mit gezielten psychologischen Mechanismen wie Countdown Timern, Push-Nachrichten, künstlicher Verknappung und dauerhaftem Verkaufsdruck. Nutzerinnen und Nutzer sollen nicht informiert entscheiden, sondern möglichst schnell klicken.
Diese Praktiken sind kein Nebeneffekt, sondern zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Sie machen Überkonsum zum Normalzustand und verhindern bewusste Kaufentscheidungen. Damit sind sie nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein klares Verbraucherschutzproblem, weil Kaufentscheidungen gezielt manipuliert werden, um Absatzmengen zu maximieren.
Auch auf europäischer Ebene ist dieses Problem längst erkannt. Die EU stuft manipulative Verkaufspraktiken und sogenannte Dark Patterns als unzulässig ein, wenn sie die freie und informierte Entscheidung von Verbraucherinnen und Verbrauchern untergraben. Große Online-Plattformen stehen deshalb zunehmend unter regulatorischer Aufsicht und müssen nachweisen, dass ihre Verkaufsoberflächen nicht gezielt täuschen oder zu übermäßigem Konsum verleiten.
Entsprechend laufen auf EU-Ebene bereits Verfahren und Prüfungen gegen große Online-Marktplätze, bei denen genau solche Verkaufsmechanismen im Fokus stehen. Dabei geht es ausdrücklich um künstlichen Kaufdruck, Intransparenz und die systematische Förderung von Impulskäufen. Diese Verfahren machen deutlich, dass permanente Sales und manipulative Rabattstrategien kein akzeptierter Normalzustand mehr sind.
Für uns ist klar: Wer Umwelt- und Verbraucherschutz ernst nimmt, muss diese Verkaufspraktiken regulieren. Überproduktion beginnt nicht erst in der Fabrik, sondern bereits im digitalen Schaufenster. Rabatte, Dauer-Sales und künstlicher Kaufdruck sind zentrale Treiber von Fast Fashion und müssen entsprechend konsequent begrenzt und sanktioniert werden.“
Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Mitverantwortung des stationären Handels und etablierter Modemarken an dieser Entwicklung?
„Die Verantwortung des stationären Handels und etablierter Modemarken ist erheblich. Ultra Fast Fashion ist kein plötzlicher Betriebsunfall des digitalen Zeitalters, sondern die radikale Zuspitzung eines Systems, das der klassische Handel selbst über Jahrzehnte aufgebaut hat. Große Modemarken und Handelsketten haben Mode systematisch von einem langlebigen Gebrauchsgut zu einem kurzlebigen Konsumartikel umdefiniert.
Über Jahre wurde Konsumentinnen und Konsumenten beigebracht, dass Kleidung ständig neu sein muss, dass Trends im Wochenrhythmus wechseln und dass der Preis wichtiger ist als Qualität oder Nutzungsdauer. Permanente Rabattaktionen, immer kürzere Kollektionszyklen und die Normalisierung von Überkonsum sind keine Erfindung von Plattformen – sie waren lange Kernstrategie etablierter Anbieter. Ultra Fast Fashion ist die logische Eskalation dieser Logik, nicht ihr Gegenentwurf.
Hinzu kommt: Viele etablierte Marken haben zwar begonnen, Nachhaltigkeitsnarrative zu übernehmen, ihr Geschäftsmodell aber kaum verändert. Es wird weiterhin linear produziert, überwiegend fossilbasiert, mit hohen Stückzahlen und begrenzter Reparierbarkeit. Statt echter Transformation sehen wir häufig kosmetische Anpassungen und kommunikative Aufrüstung.
Wer heute so tut, als sei Ultra Fast Fashion ein externer Störfaktor, blendet diese Vorgeschichte aus. Der Markt wurde über Jahre darauf konditioniert, immer mehr Textilien zu immer niedrigeren Preisen zu konsumieren. Die ökologische und soziale Rechnung dieses Modells wird nun sichtbar. Verantwortung bedeutet deshalb nicht nur, sich von Plattformen abzugrenzen, sondern das eigene Geschäftsmodell grundlegend zu hinterfragen und zu verändern.“
Sehen Sie Unterschiede zwischen klassischen Fast-Fashion-Anbietern und Plattformmodellen wie SHEIN oder TEMU?
„Ja, es gibt Unterschiede – aber sie liegen weniger im Prinzip als in der Radikalisierung des bestehenden Systems. Plattformmodelle wie SHEIN oder TEMU sind nicht das Gegenteil klassischer Fast-Fashion-Anbieter, sondern deren entfesselte Weiterentwicklung.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Struktur. Plattformen operieren ohne stationäre Läden, mit Tausenden Drittanbietern, extrem kurzen Produktionszyklen und direkter Anbindung an digitale Nachfrage- und Trenddaten. Produktion, Vermarktung und Vertrieb sind vollständig datengetrieben und auf maximale Geschwindigkeit optimiert. Regulierung, Marktaufsicht, Zollkontrollen und Produktsicherheit kommen bei diesen Modellen systematisch nicht hinterher.
Hinzu kommen das Dropshipping-Prinzip und der massenhafte Versand von Kleinsendungen. Produkte gelangen direkt von der Fabrik zu Verbraucherinnen und Verbrauchern, oft ohne ausreichende Kontrolle entlang der Lieferkette. Verantwortung wird fragmentiert, Zuständigkeiten verschwimmen, Haftung wird verschoben. Genau das macht diese Modelle so problematisch aus Sicht von Umwelt- und Verbraucherschutz.
Während klassische Fast-Fashion-Unternehmen in nationale Regulierungsrahmen eingebettet sind, operieren Plattformen grenzüberschreitend, hochdynamisch und mit minimaler Transparenz. Fast Fashion wird dadurch nicht nur schneller, sondern auch schwerer greifbar für staatliche Kontrolle.
Das Ergebnis ist ein System, in dem Überproduktion, Wegwerfware und Umweltzerstörung noch weiter beschleunigt werden. Fast Fashion ist damit nicht verschwunden – sie ist digitalisiert, entgrenzt und industrialisiert worden. Genau deshalb braucht es neue, schärfere politische Antworten, die Plattformmodelle explizit einbeziehen und nicht länger als Sonderfall behandeln.“
Die DUH fordert eine konsequente erweiterte Herstellerverantwortung. Was müsste politisch konkret passieren, damit Fast Fashion wirtschaftlich unattraktiv wird?
„Fast Fashion wird erst dann verschwinden, wenn sie sich ökonomisch nicht mehr lohnt. Genau darum geht es bei einer konsequent ausgestalteten erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien. Alles andere wäre Symbolpolitik.
Aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe braucht es ein Textil-EPR-System, das nicht nur Abfall verwaltet, sondern Überproduktion aktiv verhindert. Der zentrale Hebel dafür ist eine verbindliche und wirksame Ökomodulation der EPR-Beiträge. Das bedeutet: Wer viele kurzlebige, nicht reparierbare, nicht recyclingfähige und überwiegend fossilbasierte Produkte auf den Markt bringt, muss deutlich höhere Beiträge zahlen als Unternehmen, die langlebige, reparierbare und kreislauffähige Textilien herstellen.
Diese Ökomodulation darf dabei kein Feigenblatt sein. Sie muss finanziell so ausgestaltet werden, dass sie eine echte Lenkungswirkung entfaltet. Beiträge im niedrigen Prozentbereich ändern nichts. Wir brauchen spürbare Malus-Systeme für Fast- und Ultra-Fast-Fashion-Modelle: Hohe Designzahlen, kurze Produktzyklen, geringe Haltbarkeit, problematische Materialmixe und synthetische Fasern müssen klar bepreist werden.
Gleichzeitig braucht es gezielte Bonus-Mechanismen für zirkuläre Geschäftsmodelle: Reparierbarkeit, Langlebigkeit, Wiederverwendung, Leihmodelle, Secondhand-Integration und Upcycling müssen finanziell belohnt werden. Wer Textilien lange im Umlauf hält, spart Ressourcen, Emissionen und Abfall – und genau das muss sich lohnen.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die klare Priorisierung von Abfallvermeidung und Wiederverwendung. EPR darf nicht darauf reduziert werden, den Müll am Ende des Lebenszyklus zu sortieren und zu recyceln. Recycling allein löst das Problem nicht, wenn die Mengen weiter explodieren. Ziel muss sein, Textilien gar nicht erst zu Abfall werden zu lassen.
Dazu braucht es verbindliche Abfallvermeidungsziele, transparente Mengenmeldungen und eine konsequente Kontrolle. Fast Fashion darf nicht länger ein Geschäftsmodell sein, das Umweltkosten externalisiert und Gewinne privatisiert. Fast Fashion muss politisch so reguliert werden, dass sie wirtschaftlich unattraktiv wird.“
„Ein wirksames EPR-System darf sich nicht auf Sortierung und Recycling beschränken. Es muss den Aufbau einer zirkulären Infrastruktur finanzieren – also Leihmodelle, Reparaturangebote, Secondhand-Strukturen, Tausch- und Upcycling-Initiativen.“
Welche Erwartungen richten Sie dabei konkret an Bundesumweltminister Carsten Schneider?
„Wir erwarten vom Bundesumweltminister, dass er seiner Verantwortung gerecht wird. Deutschland ist einer der größten Textilmärkte Europas und der größte Importeur von Textilien innerhalb der EU. Wer hier handelt, hat Einfluss auf den gesamten Markt. Wer hier zögert, blockiert den Wandel.
Konkret erwarten wir, dass das Bundesumweltministerium jetzt ein ambitioniertes Eckpunktepapier für eine nationale Textil-EPR vorlegt und dieses zügig in ein wirksames Gesetz überführt. Dieses Gesetz muss deutlich über Mindestanforderungen hinausgehen und klarmachen: Überproduktion und Wegwerfmode sind politisch nicht mehr akzeptabel.
Ein zentrales Element muss eine verbindliche, starke Ökomodulation sein, die Überproduktion sanktioniert und nachhaltige Alternativen fördert. Ebenso erwarten wir eine klare Zweckbindung der EPR-Mittel: Ein erheblicher Teil der Gelder muss verpflichtend in Wiederverwendung, Reparatur und den Aufbau zirkulärer Infrastrukturen fließen – nicht nur in Sortierung und den Aufbau von Recycling.
Darüber hinaus braucht es eine sichere Einbindung von Online-Plattformen und -Marktplätzen in die Herstellerverantwortung. Wer Textilien in Deutschland vertreibt oder den Marktzugang organisiert, muss auch Verantwortung übernehmen – unabhängig davon, ob ein Unternehmen hier physisch ansässig ist oder nicht.
Wir erwarten außerdem, dass Deutschland nicht auf die langsamsten EU-Fristen wartet, sondern vorangeht. Andere Länder zeigen, dass nationale Lösungen möglich sind. Ein ambitionierter deutscher Ansatz wäre ein starkes Signal an die EU – und an die Industrie.
Kurz gesagt: Wir erwarten Führung, Klarheit und Tempo. Alles andere wäre angesichts der ökologischen Schäden nicht verantwortbar.“
Die EU schreibt EPR-Systeme bis 2027 vor. Reicht dieser Zeitplan aus Sicht der DUH aus?
„Nein. Dieser Zeitplan reicht nicht aus – weder ökologisch noch strukturell. Die Probleme sind heute da, nicht 2027. Die Sammel-, Sortier- und Entsorgungssysteme für Textilien stehen bereits jetzt unter massivem Druck, während die Mengen weiter steigen.
Gleichzeitig sehen wir weltweit die dramatischen Folgen der Textilproduktion: steigende Emissionen, massive Gewässerverschmutzung, Mikroplastik in Böden und Meeren sowie enorme soziale Schäden entlang der Lieferketten. Jeder weitere Aufschub bedeutet mehr Müll, mehr Emissionen und höhere Folgekosten für die Allgemeinheit.
Die EU-Frist darf deshalb nicht als Ausrede für Untätigkeit dienen. Im Gegenteil: Sie muss als spätester Endpunkt, nicht als Startsignal verstanden werden. Mitgliedstaaten wie Deutschland haben die Möglichkeit – und aus unserer Sicht die Pflicht –, früher zu handeln.
Ein früher Einstieg in eine ambitionierte Textil-EPR würde nicht nur Umwelt und Klima schützen, sondern auch Planungssicherheit für Unternehmen schaffen, die bereits heute auf langlebige und zirkuläre Modelle setzen. Wer wartet, schützt nicht die Wirtschaft, sondern das alte, zerstörerische Geschäftsmodell.“
Frankreich und die Niederlande gelten als Vorbilder. Was machen diese Länder besser als Deutschland?
„Der entscheidende Unterschied ist: Frankreich und die Niederlande und auch Italien handeln, während Deutschland noch diskutiert. Diese Länder haben erkannt, dass das Textilproblem real ist – und dass man es politisch mit einer EPR angehen kann, ohne auf die EU zu warten.
Frankreich hat bereits vor Jahren ein Textil-EPR-System eingeführt und dieses kontinuierlich weiterentwickelt. Besonders relevant ist der Reuse- und Reparaturfonds, aus dem gezielt Maßnahmen zur Wiederverwendung und Reparatur finanziert werden. Damit wird nicht nur Müll verwaltet, sondern aktiv daran gearbeitet, dass Textilien zu Abfall werden.
Genau hier liegt der zentrale Lernpunkt für Deutschland: Ein wirksames EPR-System darf sich nicht auf Sortierung und Recycling beschränken. Es muss den Aufbau einer zirkulären Infrastruktur finanzieren – also Leihmodelle, Reparaturangebote, Secondhand-Strukturen, Tausch- und Upcycling-Initiativen.
Deutschland ist einer der größten Absatzmärkte für Textilien in Europa. Dass wir hier bislang kein wirksames Textil-EPR-System haben, ist politisch nicht erklärbar. Wenn andere Länder bereits Erfahrungen sammeln, Strukturen aufbauen und Lenkungswirkungen erzeugen, dann gibt es keinen sachlichen Grund, weiter zu warten.
Wer ernsthaft Umwelt- und Verbraucherschutz will, muss jetzt handeln – und von den Ländern lernen, die den Mut hatten voranzugehen.“
Welche Verantwortung tragen Plattformen und Online-Marktplätze bei der Durchsetzung solcher Regeln?
„Plattformen und Online-Marktplätze tragen eine zentrale Verantwortung – und zwar nicht trotz, sondern wegen ihrer Rolle im Markt. Sie sind keine neutralen Vermittler, sondern marktgestaltende Akteure. Sie entscheiden, welche Produkte sichtbar sind, wie Preise gesetzt werden, welche Kaufanreize greifen und welche Anbieter Zugang zum Markt erhalten. Wer diese Macht hat, trägt auch Verantwortung für Umwelt-, Klima- und Verbraucherfolgen.
Genau hier liegt eines der größten Versäumnisse der vergangenen Jahre: Plattformen konnten sich lange hinter der Behauptung verstecken, lediglich technische Infrastruktur bereitzustellen. Dieses Narrativ ist überholt. Wer Algorithmen steuert, Ranking-Systeme definiert, Rabattmechanismen ermöglicht und Verkaufsdruck systematisch verstärkt, beeinflusst Konsumverhalten aktiv. Das ist Marktmacht – und Marktmacht muss reguliert werden.
Aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe ist deshalb klar: Plattformen müssen vollumfänglich in die erweiterte Herstellerverantwortung einbezogen werden. Wer Textilien in Verkehr bringt oder den Zugang zum Markt organisiert, muss auch für diese Produkte Verantwortung übernehmen – unabhängig davon, wo das Unternehmen sitzt oder wie komplex die Lieferkette ist. Verantwortung darf nicht an Drittanbieter, Produzenten oder Logistikpartner ausgelagert werden.
Wichtig ist zudem die Frage der Sanktionen. Wenn Plattformen systematisch gegen Umwelt-, Verbraucher- oder Produktsicherheitsregeln verstoßen, müssen Konsequenzen folgen, die über Bußgelder hinausgehen. Wie aktuell in Frankreich diskutiert, muss auch der Marktzugang selbst infrage gestellt werden können. Der Zugang zum EU-Binnenmarkt ist kein Selbstzweck, sondern an klare Regeln gebunden. Wer diese Regeln dauerhaft missachtet, darf nicht unbegrenzt davon profitieren.
Kurz gesagt: Plattformen sind ein zentraler Hebel für Veränderung. Ohne ihre konsequente Einbindung wird jede Textilregulierung ins Leere laufen.“
Wie kann die Branche Konsumentinnen und Konsumenten stärker in Richtung langlebiger, reparierbarer und zirkulärer Mode lenken?
„Indem nachhaltige Alternativen endlich einfacher, sichtbarer und selbstverständlicher werden als Neukauf. Derzeit ist das Gegenteil der Fall. Es ist oft einfacher, zehn neue Kleidungsstücke zu bestellen, als ein einziges zu reparieren oder ein hochwertiges Teil zu leihen. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Prioritäten.
Viele Menschen sind bereit, anders zu konsumieren. Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Verbraucherinnen und Verbraucher offen für Leihmodelle, Reparaturangebote, Secondhand oder Tausch ist. Was fehlt, ist nicht der Wille, sondern die Infrastruktur. Angebote sind schwer auffindbar, unübersichtlich, regional begrenzt oder im Vergleich zur Billigware zu teuer. Wer ernsthaft einen Wandel will, muss genau hier ansetzen.
Zirkuläre Mode darf kein Nischenprojekt bleiben. Sie muss im Alltag funktionieren – in Städten ebenso wie im ländlichen Raum, online ebenso wie vor Ort. Das bedeutet: flächendeckende Reparaturangebote, leicht zugängliche Leihmodelle, professionelle Secondhand-Strukturen und transparente Informationen für Verbraucherinnen und Verbraucher. Genau das fehlt bislang.
Als Deutsche Umwelthilfe sehen wir es als Teil unserer Verantwortung, diesen Wandel nicht nur einzufordern, sondern aktiv mitzugestalten. In diesem Jahr bauen wir gemeinsam mit Partnern eine digitale Plattform auf, um zirkuläre Textilangebote bundesweit sichtbar, auffindbar und nutzbar zu machen. Ziel ist es, Menschen den Zugang zu Alternativen konkret zu erleichtern – nicht theoretisch, sondern praktisch.
Entscheidend ist dabei die Finanzierung. Mittel aus der erweiterten Herstellerverantwortung müssen gezielt für den Aufbau dieser Infrastruktur eingesetzt werden. Nicht primär für das Sortieren von Wegwerftextilien, sondern für den Erhalt von Textilien im Nutzungskreislauf. Jeder reparierte, weitergenutzte oder geteilte Artikel spart Ressourcen, Emissionen und Abfall.
Hintergrund
Die Deutsche Umwelthilfe hat den chinesischen Ultra-Fast-Fashion-Anbieter SHEIN juristisch gebremst. Demnach darf der Konzern nicht länger ohne Erläuterung damit werben, bis 2050 Netto-Null-Emissionen erreichen zu wollen. Nach Auffassung der DUH fehlten nachvollziehbare Angaben, wie dieses Ziel trotz zuletzt deutlich gestiegener Emissionen erreicht werden soll.
Parallel hat die DUH weitere rechtliche Schritte gegen den SHEIN-Betreiber Infinite Styles Services Co., Ltd. eingeleitet. Gegenstand sind Werbeaussagen, in denen Produkte als „lokal“, „umweltfreundlich“ oder „100 Prozent natürlich“ beworben werden. Die Organisation sieht darin eine Täuschung von Verbraucherinnen und Verbrauchern.
Zugleich fordert die DUH Bundesumweltminister Carsten Schneider auf, klimaschädliche Fast-Fashion-Geschäftsmodelle über eine erweiterte Herstellerverantwortung wirtschaftlich unattraktiv zu machen. Das Ultra-Fast-Fashion-Modell mit Tausenden neuen Designs täglich sei strukturell klimaschädlich. „Ultra Fast Fashion kann per se niemals klimafreundlich sein“, sagt Barbara Metz. „Diese Geschäftsmodelle dürfen sich nicht länger lohnen.“



