Autor: Márton Liszka
Das Weltgeschehen hat seit Beginn des Jahres ein Tempo angenommen, das kaum noch jemand wirklich verarbeiten kann und sich vermutlich erst in den Geschichtsbüchern der nächsten Generationen übersichtlich ordnen lässt. Eine Schlagzeile jagt derzeit die nächste. Venezuela. Iran. Enthüllungen um Epstein. Vier Jahre Krieg in der Ukraine. Steigende Energiepreise. Unterbrochene Versorgungsketten. Politische Umbrüche. Ein unendlicher Fluss an weltweiten militärischen Operationen, neuen Sanktionen, absurden Drohungen und Gegenangriffen. Alles Breaking News.
Die Welt wirkt plötzlich wie ein Ort, an dem die hinter diesen Breaking News liegenden Entscheidungen von einer Handvoll Personen getroffen werden, jedoch Folgen für alle anderen haben. Wir sitzen vor Bildschirmen, lesen Nachrichten, diskutieren mit Familie und Freunden. Die Informationen sind da. Permanent. Satellitenbilder, Liveticker, tiefgründige politische Analysen. Aber irgendwo zwischen all diesen Informationen bleibt ein Gefühl zurück, das schwerer wiegt als jede gebildete Meinung zur neuesten Schlagzeile: Ohnmacht.
Kriege beginnen, Regierungen geraten unter Druck, Bündnisse verschieben sich, Märkte reagieren. In Venezuela ringt eine Bevölkerung seit Jahren mit einer politischen Realität, die sich trotz internationaler Aufmerksamkeit kaum verändert. Im Nahen Osten eskalieren Konflikte immer wieder neu und währenddessen entstehen weltweit Konsequenzen, die weit über ihre ursprünglichen Schauplätze hinausreichen.
Die meisten von uns erleben diese Ereignisse somit aus der Distanz. Wir verfolgen Entwicklungen, wir bilden uns eine Meinung und doch spüren wir gleichzeitig, dass die eigentlichen Entscheidungen an Orten getroffen werden, zu denen wir keinen Zugang haben: Parlamente, Militärstäbe, Regierungskabinette, Vorstandsetagen großer Unternehmen oder auch in geheim gehaltenen Hinterzimmern. Unzugängliche Räume, in denen Entscheidungen fallen, deren Folgen global sind.
Es ist eine Welt, in der Macht sehr konzentriert ist und Ohnmacht weitverbreitet. Gefühlt waren wir noch nie so weit entfernt davon, Einfluss auf die Entwicklungen in der Welt nehmen zu können. Ich ertappe mich selbst immer öfter dabei, Nachrichten zu lesen und zu spüren, wie erschlagend das ist. Das Unheil in der Welt scheint näher gerückt. Aber Nähe in der Information bedeutet in diesem Fall nicht Nähe im Einfluss.
Genau diese Erfahrung verändert etwas im Verhältnis zwischen Bürgern und Weltpolitik. Wir sind zwar global informiert, aber politisch meist nur lokal handlungsfähig. Entscheidungen auf internationaler Ebene entstehen in Strukturen, die weit über den Einfluss einzelner Menschen hinausgehen. Staaten handeln strategisch, Märkte reagieren auf komplexe Dynamiken, technologische Entwicklungen entstehen in Netzwerken, die größer sind als viele politische Systeme. Die Folge ist eine Rolle, die für unsere Zeit gängig geworden ist: die des global informierten Beobachters. Wir wissen viel über das, was geschieht. Wir kennen Hintergründe, Interessen und Konfliktlinien. Doch dieses Wissen lässt sich nur selten in tatsächliche Handlungsmacht übersetzen.
Das ist die eine Seite der janusköpfigen Ohnmacht des Informierten.
Die andere Seite dieser verspürten Ohnmacht entsteht nicht aus fehlendem Einfluss, sondern aus permanenter Konfrontation. Selbst wer sich nicht besonders für Weltpolitik interessiert, kann sich ihr heute kaum entziehen. Nachrichten erscheinen in Social-Media-Posts, in Push-Meldungen, auf Werbetafeln in der U-Bahn, in Gesprächen im Büro und beim Abendessen zu Hause. Krisen, Kriege und Konflikte sind nicht mehr Ereignisse, die gelegentlich in unser Leben treten, sie bilden mittlerweile viel mehr eine Art Hintergrundrauschen unseres Alltags. Das erzeugt eine zweite Form der Ohnmacht, keine politische, sondern eine tief emotionale. Man kann in die Geschehnisse der Welt nicht eingreifen, gleichzeitig aber auch nicht wegsehen.
Die großen Entscheidungen der Welt werden wir weiterhin selten treffen. Die kleinen, die sie am Ende grundlegend mitprägen, dagegen jeden Tag.
Viele Menschen spüren diese Spannung, ohne sie klar benennen zu können. Man möchte informiert bleiben, ohne von der Weltlage überwältigt zu werden. Man möchte Verantwortung ernst nehmen, ohne permanent das Gefühl zu haben, dass alles gleichzeitig aus dem Gleichgewicht gerät. Früher war Weltpolitik etwas, das man gelegentlich in der Zeitung las, man konnte sich von globalen Krisen räumlich oder medial leichter distanzieren. Heute ist diese Distanz kaum noch möglich, denn Weltpolitik begleitet uns durch den ganzen Tag, ohne dass wir ihr entkommen können.
Während wir also auf große Ereignisse blicken, übersehen wir häufig die Ebenen, auf denen Entscheidungen tatsächlich noch gut möglich sind. Organisationen, Unternehmen, lokale Institutionen, soziale Strukturen sind solche Orte, an denen Einfluss zwar kleiner wirkt als auf der geopolitischen Bühne, aber unmittelbarer ist. Dort entstehen Veränderungen, die seltener Schlagzeilen machen, aber dafür rascher reale Wirkung entfalten. Entscheidungen über Arbeitsweisen, über wirtschaftliche Verantwortung, über Zusammenarbeit und gesellschaftliche Rollen. All das sind Entwicklungen, die vielleicht nicht spektakulär wirken, aber ebenfalls den Alltag vieler Menschen prägen.
Die Welt wird weiterhin von mächtigen Akteuren gesteuert werden. Staaten werden Konflikte austragen, Regierungen werden Entscheidungen treffen, Märkte werden reagieren. Diese Dynamiken sind Teil unserer politischen Realität. Ohnmächtig sind wir jedoch erst dann, wenn wir aus der überforderten Zuschauerrolle schließen, dass unser eigener Handlungsspielraum bedeutungslos sei.
Es stimmt, die großen Entscheidungen der Welt werden wir weiterhin selten treffen. Die kleinen, die sie am Ende grundlegend mitprägen, dagegen jeden Tag.
Der Autor

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