Wolkig, wenig heiter

MICAM 101

Autor: Winfried Rollmann

Die internationalen Schuhanbieter haben die Weichen auf der 101. MICAM in Mailand gestellt. Die Neuorganisation der Hallen war eine Initiative für eine bessere Lesbarkeit der Angebote. Auf der Messe waren die Erwartungen verhalten. Wer mit einem Pari in der Order Herbst/Winter 2026/2027 aussteigt, sieht sich schon als Winner. Die Großwetterlage bleibt eher wolkig als heiter. Anbieter versuchen, Geschäftsfelder im Modehandel zu erweitern, und sehen einen leichten Silberstreif am Horizont in Osteuropa. Viele Brands leiden unter der schwachen Nachfrage aus Deutschland. In der Folge analysieren wir die wichtigsten Schuh-Trends und kristallisieren die Keypoints für Men und Women heraus. Women Shoes sind mit „W“ gekennzeichnet.

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CLASS AFFAIR

Die Laufstege erzählen es schon seit Saisons. Smarte Lederschuhe und Booties laufen dem Sneaker modisch den Rang ab. Auch wenn das Straßenbild und Handelsumsätze noch etwas anderes erzählen, nimmt die modische Relevanz von Lederschuhen zu. Hier geht es weniger um den NOS-Business-Schuh als um ein Modestatement.

Wenn wir von Wertigkeit sprechen, gehören polierte Kroko-Oberflächen bei Leder schon immer zu guten Argumenten. Calpierre und NeroGiardini übersetzen sie in luxuriöse Loafer, wonders in schlanke Schaft-Stiefel, die stark im Trend liegen.

Schlanke, gestreckte Booties zeigen mit feinen Square Toes smarte Eleganz, ob bei STEVE MADDEN, ALEXANDER HOTTO oder UNIQUE.

Das tiefe Rot ist als Impulsgeber in den Sortimenten eine starke Fashion-Option. In Bootie und Stiefel überzeugt es bei luxury.brands.milano oder SOFIA/LEN, CANAPÉ zeigt es in Aal-Leder-Optik.

Lange Jahre eher ungeliebt, haben Pumps und selbst Stilettos wieder Konjunktur. Absatzhöhen werden von 7 bis 9 Zentimetern angeboten, konsumiger dürften 5 bleiben. Das skandinavische Brand BIANCO übersetzt Modernität in kompromisslos schlanke Booties, ALBANO zeigt italienischen Sexappeal auf High Heels. Bitchy in Black schärfen MARCO CASTELLI oder NeroGiardini ihr Angebot.

Ein Fashion-Highlight diesen Winter sind die Gaiter Boots oder Stiefel mit extraweiten Schäften, wie von BRONX oder Studio Malori.

HISTORICAL 

Zukünftiges funktioniert in der Regel nur, wenn es in der Vergangenheit verwurzelt ist. Deshalb beziehen sich Trends oft auf etwas, was Erlebtes bei Verbrauchern anspricht.

Weiter geschnittene, bequemere Schuhe mit abgerundeten Spitzen, wie bei PANTANETTI oder wonders gehören dazu. Auch hier tiefes Rot neben Black. Auch toughe Loafer und Derbies für Männer zeigen modisch Präsenz. Ihr oft massiv weiterer Cut und ein höherer Aufbau machen sie zu Fashion Statements. Auch wenn ihr kommerzieller Erfolg noch überschaubar ist, zeigen sie bei GIOVANNI CONTI, ROSSI oder Profession Bottier, wo die Reise hingeht.

Bei femininen Booties sehen wir historisch inspirierte detailreiche Schnürboots mit verlängerten Spitzen bei UNIQUE, THEN oder REGARDE le CIEL.

 ROUGH RIDERS

Toughe Boots waren eine der Schlüsselbotschaften in Mailand. Kernige Leder verbinden markante Formen mit soften Falten. In der absoluten Trendfarbe Braun versieht SHOTO Schnürer und Chelseas mit attraktiver Patina. A.S.98 poliert die Spitzen blank. Bei Women werden die Schäfte halbhoher Stiefel effektvoll gerafft, PIXY und NeroGiardini zeigen sie in Suede, MOMA in patiniertem Nappa, eleganter und verfeinert bei MARTINA T und BRONX.

Echte Riding Boots haben eine toughe Patina vom Erlebten. MOMA und JOHN RICHMOND verbinden bequeme, runde Kappen mit toughen Sohlen in aged Braun und Asphalt-Nuancen. Mit Gaiter- und Gürtel-Details punkten sie markant für toughe Frauen bei Metisse, BRONX oder mimmú, einer sehr spannenden Brand aus Neapel. Die echten Westernboots in abgeräumter, klarer Proportion werden diese Saison zum idealen Begleiter der weiten Hosen. Anzüge mit authentischen Westernboots geben Looks deutlich mehr Charakter. Stilsicher bieten sie DUCANERO, Lemargo oder ALEXANDER HOTTO an.

COUNTRY HERITAGE

Die Mode hat ihre Landliebe wiederentdeckt. Barbour. und RALPH LAUREN feiern im Handel spektakuläre Erfolge. Dazu passen kernigere Schuhe, allen voran verfeinerte Paraboot Styles, wie sie GIORGIO 1958 oder Calpierre zeigen. Genarbte oder patinierte Leder in warmen Braun-Nuancen zeigen flach verarbeitete Nähte, die den sportiven Style auch businesslike machen.

Full Brogues gelingt ein Comeback. Die markanten Lochungen werden in Karamellbraun oder Berry-Rots bei Lemargo und MOMA stark in Szene gesetzt.

Bei Women steht die geraffte Mokassin-Verarbeitung im Fokus. Soft bei Tamaris, ist sie bei INUOVO oder REGARDE le CIEL effektvoll in Falten gelegt.

Wallabies in Veloursleder sind definitiv die Casual Shoes der Saison. Bequem, wie Desert Boots, sind sie deutlich markanter mit plastisch eingefassten Nähten. TMRS verarbeitet sie in seiner neuen Männer-Linie mit extrem komfortabler Ortholite-Sohle.

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Boat Shoes setzen ihren Siegeszug im Winter fort. Mit Golf-Franse oder warmem Futter passen sie besser in die Herbst-Sortimente, wie bei VOILE BLANCHE, MJUS oder DONNA CAROLINA. Warm gefütterte Boat-Mokassins bei ALEXANDER HOTTO, KANNA oder der Linie dolce vita von STEVE MADDEN.

Schnürboots in Nubuk oder Suede sind für Männer treue Begleiter im Herbst. Markante Sohlen und ausdrucksvolle Nähte gehören genauso zu den Attributen wie Highland-Grün und -Braun. ROSSI oder CYCLEUR de LUXE machen die heavy Looks mit ultralighten Vibram-Sohlen unglaublich leicht.

Wir erleben diese Saison ein großes Comeback der „Red Wing“-Boot-Optik. Helle, volle Sohlen mit toughen Workwear Uppers geben Männern auch in harten Zeiten Sicherheit. Starke Beispiele bei Floris van Bommel oder Lemargo.

WARM UP

Der nächste Winter scheint recht kalt zu werden. Fell und fellgefütterte Schuhe waren omnipräsent. Edle Männerschuhe wie Chelseas oder Loafer zeigen Fell nicht nach außen, bieten aber den wärmenden Komfort. Profession Bottier oder Calpierre verkaufen sie gut, VOILE BLANCHE füttert seine soften Nubuk-Wallabies mit Lammfell.

Mit Teddy-tuned Sneakern kommt man bei 3P und VOILE BLANCHE gut durch den Winter. Bei Fell-Komfort ist der Übergang zum Lounging fließend. Breite Leisten, softe Sohlen und Wohlfühlmood sind angesagt. Sichtbare Fellpartien und authentisches Dekor gehören bei PONS QUINTANA, COLORS OF CALIFORNIA und HEY DUDE dazu.

Fell-Slides und fellgefütterte Clogs sind starke Styles bei TOSCA BLU, MISS Olivia oder INUOVO.

Einen starken Auftritt haben Mountainboots mit typischen Schnürungen und Performance-Sohlen. Bei FRANCESCHETTI, roberto cavalli oder KELTON haben sie eher Urban Function. Typische Mountainboot-Schnürungen sehen wir aber auch als neues Detailing auf Derbies bei ROSSI oder KING tartufoli. Farblich kontrastierende Schnürungen, wie bei Trekking-Seilen, geben Runnern oder Sneakern bei CoSTUME NATIONAL, méliné oder Floris van Bommel das gewisse Extra.

SNEAKER REFLECTION

Wie gehts beim Urban Sneaker weiter? Retro bleibt ein gutes Thema. Naturgummiböden und neue Upper-Materialien wie Cord und diskrete weiße Kontraste sorgen für Contemporary Mood bei TMRS, LLOYD oder JOHN RICHMOND. Zero-Sohlen mit Cushion Insoles sind der New Standard. CYCLEUR de LUXE sieht sie klar im Fashion-Fokus. Neu sind die tonigen oder uni Farbwege. Dezente Dekoration bei MAISON TOUFET oder Floris van Bommel charakterisieren. Megastar der Saison ist der Brown Sneaker. Ohne ihn geht nichts! In tiefem Mokka gefällt er bei SMR23, W6YZ oder NeroGiardini.

Die wichtigste Erkenntnis zum Urban Sneaker ist der tonige Aufbau. Sohle und Upper werden Ton in Ton abgestimmt, keine weiße Sohle! Das haben CANDICE COOPER und VOILE BLANCHE, beide Labels der FALC Group, perfekt gelöst.

Bei Männern bleibt der Hybrid-Sneaker mit wertigem Leder-Upper und Trainer-Sohlen eine gute Business-Option. BALDESSARINI und CERRUTI 1881 kombinieren tiefe Farben mit Black.

Verspielte Dekoelemente haben bisher bei Women eine starke Rolle gespielt. Hier wird es ruhiger. GIO+, die für ihre geschmückten Sneaker bekannt sind, reduzieren den Ausschmuck und blenden die Sohlen mit Leder. Der Schmuck wird auf Accessoires wie Schals, Socken oder Mützen wiederholt.

VINTAGE MAXIMALISM

Eine Aussage, die von vielen Anbietern zu hören war: „Die Kunden suchen definitiv neue Optiken. Selbst gut verkaufte Styles müssen etwas Neues haben“. Diversität ist gefragt. Das geht über aufwendige Optik. Klassische Neo-Bourgeois-Loafer bekommen das Spezielle über spezielle Schließen oder Colour Finishes, wie bei PONS QUINTANA, FRAU und MAISON TOUFET. Extreme Vintage Finishes geben „old“ Klassikern von ÁPICE und A.S.98 einen aufregenden Look. Asphaltgrau kann in Marbled Finish oder used sehr eyecatching sein. Das zeigen das MICAM-Material-Forum und die Styles von Floris van Bommel oder A.S.98.

Oxidierte Metallic-Effekte geben Sneakern die Sporen. Bei STUDIO FIRENZE, wonders und méliné sind oxidierte Gold-, Braun- und Titan-Shades spektakulär.

Animalmuster bleiben stark. Statt Basic Leo sieht man verstärkt Zebra, Cow oder Python, siehe TOSCA BLU, SHADDY oder CANDICE COOPER.

Python ist vor allem in dunkleren Farben up to date. Das Muster wird auch oft als Besatz verwendet. Ein großes Comeback erlebt der „ISABEL MARANT“-Keil-Sneaker, hier in Interpretationen von BRONX und MRP. Kleine Python-Details können auch sonst dezenten Urban Sneakern von roberto cavalli oder PRIMABASE den neuen Twist geben.

Barocke Opulenz mit Samt, Flock oder Jacquards steht für maximale Optik, die definitiv Kunden anzieht. Der kleine Stand von MRP oder PRIMABASE war die ganze Messe über crowded. Hier liegt vielleicht eine Antwort für die Erfolgs-Shoe-Story der Zukunft.

MICAM mit neuem Konzept

©FT

Die 101. MICAM und die 129. mipel sind in Mailand-Rho zu Ende gegangen. Nach Angaben der Veranstalter kamen über 20.000 Besucher, 54 Prozent aus dem Ausland und 46 Prozent aus Italien. Die stärksten Besuchergruppen innerhalb Europas kamen aus Frankreich, Spanien, Deutschland, Belgien und Griechenland. Außerhalb der EU lagen Japan und die USA erneut vorn. Insgesamt stellten 795 Marken aus, darunter 402 internationale und 393 italienische Unternehmen. Neu war ein überarbeiteter Hallenaufbau. Die nächste Ausgabe MICAM 102 ist vom 13. bis 15. September 2026 geplant.