Autor: Markus Oess
Das Berliner Label adddress positioniert sich seit seiner Gründung 2003 als genderless. Gegründet wurde die Marke von Andreea Vrajitoru, die an der FHTW Berlin (heute HTW Berlin) Modedesign studierte und zuvor für ANNA SUI in New York arbeitete. adddress bewegt sich preislich im gehobenen Contemporary-Segment, T-Shirts kosten rund 140 Euro, Mäntel etwa 449 Euro. Das Label betreibt eigene Stores in Berlin-Mitte und im BIKINI BERLIN und setzt bei einzelnen Teilen auf On-demand-Produktion. adddress hat sich dabei von einer Womenswear-Marke zu einem Genderless-Konzept mit „No Waste“-Ansatz entwickelt, das Überproduktion vermeiden soll. Im Interview mit FASHION TODAY MEN spricht Vrajitoru darüber, wie sich das Verständnis von Unisex-Mode seit 2003 verändert hat, was die Linie konkret von klassischen Damen- und Herrenkollektionen unterscheidet, wie Kundschaft und Handel darauf reagieren und wo sie das größte Wachstumspotenzial für Unisex-Mode sieht.

FASHION TODAY MEN: adddress positioniert sich seit 2003 als genderless – wie hat sich das Verständnis von Unisex-Mode seither verändert?
Andreea Vrajitoru: „Als wir 2003 mit adddress angefangen haben, war genderless beziehungsweise Unisex definitiv eine Nische. Es sorgte für Unsicherheit, was fast vom Kauf abhielt, überhaupt musste man vieles erklären, um Vertrauen zu schaffen. Heute ist das glücklicherweise viel selbstverständlicher geworden. Es fühlt sich schon wie eine Befreiung an. Viele Menschen beziehungsweise speziell unsere Kunden denken Mode freier und kaufen nicht mehr nach Kategorie, sondern nach Gefühl, Silhouette, Material und Persönlichkeit und vor allem Stil. Für uns war Unisex aber nie einfach ,neutral‘. Es ging immer darum, Kleidung zu entwerfen, die offen bleibt und sich über die Person definiert, die sie trägt.“
Was unterscheidet die Unisex-Mode konkret von gängigen Damen- und Herrenkollektionen – andere Schnitte, andere Stoffe, andere Kategorien?
„Der wichtigste Unterschied ist die Herangehensweise. Bei klassischen Damen- und Herrenkollektionen denkt man oft von festen Körperbildern und Erwartungen aus. Bei unserer Unisex-Linie denken wir stärker über Proportion, Layering und vor allem Persönlichkeit – und ob es dieses Individuum, welches ein bestimmtes Kleidungsstück tragen soll, überhaupt gibt, überhaupt auf unsere Mode trifft. Viele Teile funktionieren über eine offenere Silhouette, über Weite, Länge, Volumen oder besondere Details. Wir ordnen Stoffe oder Schnitte nicht weiblich oder männlich ein. Ein Teil kann streng, weich, oversized oder körpernah wirken – entscheidend ist, wie es getragen und kombiniert werden kann.“
Ihr bietet On-demand-Produktion einzelner Teile an – spielt das bei der Unisex-Linie eine größere Rolle als bei den geschlechtsspezifischen Kollektionen?
„Nicht unbedingt, wobei bei Unisex die Passform ein spannendes Thema ist, weil ein Kleidungsstück auf unterschiedlichen Körpern unterschiedlich wirken kann. On-Demand gibt uns die Möglichkeit, flexibler zu reagieren und einzelne Teile bewusster zu produzieren oder besser an individuelle Proportionen anzupassen. Das passt sehr gut zu unserer Idee von Unisex: Es geht nicht darum, einen Schnitt für alle gleich zu machen, sondern darum, Kleidung offen zu gestalten und trotzdem individuell tragbar zu halten. Gleichzeitig vermeiden wir dadurch Überproduktion, was für uns sehr wichtig ist – aus umwelttechnischer Perspektive, aber auch aus Sicht der Exklusivität.“
Wie verteilt sich die Kundschaft der Unisex-Linie – mehr Frauen, mehr Männer, ausgeglichen?
„Unsere Unisex-Linie wird tatsächlich von Frauen und Männern getragen. Es ist nicht immer ganz ausgeglichen, aber wir merken, dass die Kategorie für die Kundinnen und Kunden weniger wichtig wird. Viele entscheiden sehr intuitiv: Passt der Look zu mir? Fühlt sich das Teil richtig an? Erreiche ich damit die Stilaussage, die ich erzeugen möchte? Kann ich es in meinen Alltag oder meine eigene Ästhetik integrieren? Besonders spannend ist, dass ein und dasselbe Teil je nach Person völlig anders wirken kann. Genau das ist für uns der Reiz an Unisex, neben der Tatsache, dass wir Schubladen- und Schemadenken nicht unterstützen.“
Welche Teile laufen in der Unisex-Kategorie am besten, welche eher schlecht?
„Am besten funktionieren Teile, die eine starke Silhouette haben und trotzdem leicht zu kombinieren sind: von Jacken und Mänteln über Hosen, ob eng oder weit, bis hin zu Oberbekleidung. Schwieriger sind sehr körpernahe Teile, weil dort die Erwartungen an die Passform oft spezifischer sind. Da braucht es mehr Beratung oder manchmal auch Anpassung, damit es wirklich gut funktioniert.“
Wie reagieren Handelspartner auf die Unisex-Linie – gibt es Vorbehalte bei Order oder Visual Merchandising?
„Heute sind viele Handelspartner deutlich offener als früher. Trotzdem ist der Handel oft noch sehr stark in Damen- und Herrenflächen organisiert. Das merkt man bei der Order, bei Größenläufen und auch beim Visual Merchandising. Eine Unisex-Linie passt nicht immer automatisch in diese Struktur. Gleichzeitig kann genau das interessant sein, weil sie neue Kombinationen ermöglicht und Kundinnen und Kunden anders anspricht. Wichtig ist, dass Unisex nicht wie eine Zwischenlösung präsentiert wird, sondern als eigenständige Haltung.“
Wo seht ihr das größte Wachstumspotenzial für Unisex-Mode in den kommenden Saisons?
„Wir sehen das größte Potenzial gerade im urbanen Kontext; in Verbindung mit Musik, Kunst und Clubkultur wird Kleidung viel stärker als persönlicher Ausdruck verstanden. Für uns liegt die Zukunft von Unisex nicht in neutraler Uniformität, sondern in starken, progressiven Teilen, die offen bleiben. Kleidung muss Charakter haben, sie darf auffallen, aber sie muss nicht erklären, ob sie für Frauen oder Männer gedacht ist.“
Move on
Das Label
adddress wurde 2003 in Berlin gegründet und positioniert sich seither als genderless und avantgardistisch. Die Marke steht nach eigener Beschreibung für architektonische Silhouetten und eine eigenständige, Berlin-geprägte Formsprache zwischen Avantgarde und Alltag. adddress betreibt eigene Stores in Berlin-Mitte (Weinmeisterstraße) sowie im BIKINI BERLIN und vertreibt zudem über den eigenen Onlineshop. Preislich bewegt sich das Label im gehobenen Contemporary-Segment: T-Shirts kosten rund 140 Euro, Blazer etwa 345 Euro, Mäntel rund 449 Euro. Bei einzelnen Teilen setzt adddress auf On-demand-Produktion, um Überproduktion zu vermeiden.
Die Interviewpartnerin
Andreea Vrajitoru ist Gründerin von adddress. Sie studierte Modedesign an der FHTW Berlin (heute HTW Berlin) und sammelte vor der Gründung des Labels Berufserfahrung bei ANNA SUI in New York.
Die Kollektion
adddress zeigt einen neuen Drop, der Berliner Mode mit Musik- und Kunstkultur verbindet. Die Kollektion kombiniert experimentelle Silhouetten mit alltagstauglichen Einzelteilen und arbeitet mit Kontrasten: Schwarz trifft auf Signalorange, klare Struktur auf fließende Stoffe, funktionale Schnitte auf inszenierte Details. Die Zuordnung zu einem Geschlecht ergibt sich laut adddress nicht aus festen Kategorien, sondern aus Form, Bewegung und Styling der einzelnen Teile. Zur Kollektion gehören unter anderem Jacken, Mäntel sowie enge und weite Hosen, ergänzt um Oberteile in offener, weiter Passform. Einzelne Teile werden on demand produziert, um Überproduktion zu vermeiden. adddress beschreibt Kleidung als Ausdrucksmittel, das für unterschiedliche Kontexte funktionieren soll – vom Club über die Straße bis zum Alltag, unabhängig von klassischen Kategorien. Präsentiert wird die Kollektion im eigenen Store in Berlin-Mitte sowie im Onlineshop des Labels.









