„Genieße es, nicht zu überlegen, was ich anziehen soll“

Ein Pfarrer über Mode

„Manchmal würde ich einem Mitbruder jemanden wünschen, der ihn bei der Auswahl seiner Kleidung mit Feingefühl beraten könnte." Pfarrer Michael Datené
Autor: Nina Peter

Pfarrer Michael Datené hat Theologie und Philosophie in Bonn und Rom studiert, wurde im Jahr 2000 zum Priester geweiht und hat seit 2015 die Leitung der Pfarrei St. Peter und Paul in Eschweiler (NRW) inne. Im Interview mit FT schildert er seine persönliche Einstellung zum Thema Mode und Kleidung im religiösen Kontext.

FT: Differenzieren Sie persönlich in Ihrem Alltagsleben zwischen Mode und Bekleidung
Michael Datené: „Der Begriff Mode ist für mich wesentlich weitreichender als das, was ich mit dem Wort Bekleidung bezeichne. Selbstverständlich brauche ich Bekleidung, aber ich muss nicht mit jeder Mode gehen. Aus meiner Sicht gehören zum Beispiel auch Handyhüllen, Musikrichtungen, coole Sprüche, Frisuren und sogar Nahrungsmittel zur Mode. So war etwa Bubble Tea eine Zeit lang ,Mode‘, heute hört man kaum noch davon.
Allerdings lässt sich auch an der Kleidung durchaus einiges über die aktuelle Mode ablesen. Wenn ich bei einem Besuch bei einem Goldhochzeitspaar in ein Fotoalbum hineinschauen darf, dann lässt sich (meist nicht ohne ein Schmunzeln) gerade an der Kleidung oder an den Frisuren viel über den Wandel der Mode innerhalb des letzten Jahrhunderts erkennen.“

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre private Kleidung aus?
„Es gibt Kleidungsvorschriften, die mir durch die katholische Kirche vorgegeben sind und an die ich mich gerne halten möchte. Das ist für mich das erste Kriterium. Auch Tragekomfort und Pflegeleichtigkeit meiner Kleidung sind mir sehr wichtig. Ich trage im normalen Alltag lieber Jeans und Pullover als einen förmlichen Anzug. Allerdings passe ich meine Kleidung immer wieder den anstehenden Tagesterminen oder besonderen Anlässen an – beispielsweise für den Neujahrsempfang in unserem katholischen Krankenhaus oder für eine Nachtwanderung mit den Messdienern.
Für einzelne Anlässe habe ich natürlich noch besondere Kleidung, so zum Beispiel Karnevalskostüme (das ist in meiner Pfarre im Herzen der Karnevalshochburg Eschweiler sehr wichtig) oder Funktionskleidung für die Woche, in der ich mit etwa 120 Menschen aller Altersgruppen zu Fuß nach Kevelaer gehe.
Bei all dem habe ich natürlich noch nicht von der liturgischen Kleidung gesprochen, welche ich während des Gottesdienstes anziehe, von der Vielfalt der Gewänder in Art, Farbe, Schnitt, Nutzung, Kostbarkeit und Alter. Aber das auszuführen, würde hier den Rahmen sprengen.“

In welchen Geschäften kaufen Sie Bekleidung?
Das hängt von der Art der Bekleidung ab. Meine Kollarhemden kaufe ich zumeist in Rom, da ich eine ganz bestimmte Sorte bevorzuge, die ich bisher nur dort gefunden habe. Schuhe, Hosen, Pullover, Anzüge usw. kaufe ich hier in diversen Geschäften, wobei ich keine besondere Vorliebe für bestimmte Geschäfte habe. Jedenfalls beschränke ich mich beim Kleidungskauf keineswegs auf Läden, die besondere Klerikerkleidung anbieten.“

 Stehen Religion und Stilbewusstsein in der Bekleidung in einem Kontrast zueinander?
Manchmal frage ich mich das auch, wenn ich mit dem ein oder anderen meiner Priesterkollegen zusammentreffe. Manchmal würde ich einem Mitbruder jemanden wünschen, der ihn bei der Auswahl seiner Kleidung mit Feingefühl beraten könnte. Doch mache ich diese Beobachtung nicht nur bei Priestern. Daher würde ich sagen: Nein, Religion und Stilbewusstsein stehen nicht notwendigerweise in Kontrast zueinander. Manchmal werden sogar religiöse Accessoires geradezu „Mode“, so trugen zum Beispiel vor einigen Jahren viele Popsänger einen Rosenkranz als Halskette.
Ich denke, dass man auch als Priester nicht unmodisch gekleidet sein muss. Auch nicht, wenn man sich an die kirchlichen Bekleidungsnormen hält. Als etwa Zwölfjähriger habe ich an einer Jugendfreizeit teilgenommen, bei der auch ein Priester zum Leitungsteam gehörte. Als ich eines Tages einen damals sehr modischen Pullover trug, sprach mich der Priester an, ob es diesen auch in Schwarz gäbe. Das war nicht bloß als Scherz gemeint, er schien mir tatsächlich beeindruckt. Ich habe jedenfalls seine Frage bis heute nicht vergessen. Auch bei dieser Frage müsste eigentlich noch vieles gesagt werden im Hinblick auf die liturgische Kleidung während der Gottesdienste, welche durch die Epochen ebenfalls ,modischen‘ Veränderungen unterlegen war und ist.“

Welche Regeln gibt Ihre Religion in Bezug auf Bekleidung vor?
„Das Kirchenrecht (CIC) sagt in can. 284: ,Die Kleriker haben gemäß den von der Bischofskonferenz erlassenen Normen und den rechtmäßigen örtlichen Gewohnheiten eine geziemende kirchliche Kleidung zu tragen.‘ Die Deutsche Bischofskonferenz hat diese Bestimmung zuletzt 1995 präzisiert: ,Der Geistliche muss in der Öffentlichkeit durch seine Kleidung eindeutig als solcher erkennbar sein. (…) Als kirchliche Kleidung gelten Oratorianerkragen oder römisches Kollar, in begründeten Ausnahmefällen dunkler Anzug mit Kreuz.“

Lassen sich aus Ihrer Religion auch Anhaltspunkte/Indikatoren für den Konsum von und den Umgang mit Kleidung ableiten?
Kleidung ist ein göttliches Geschenk für die Menschheit. Das wird bei einem Blick in die Bibel schnell deutlich. Schon einige wenige Hinweise belegen das: Im wahrsten Sinne des Wortes ,seit Adam und Eva‘ ist es für den Menschen bedeutsam, sich zu bekleiden. Bereits die ersten Seiten der Bibel beschreiben, wie der Schöpfer selbst den Stammeltern der Menschheit die erste Kleidung überreicht: ,Gott, der Herr, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.‘ (Gen 3,21)

Kleidung ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Daher gab es schon in der frühen Kultur des Volkes Israel die Bestimmung, dass die Kleidung unpfändbar war: ,Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt.‘ (Ex 22, 25–26)

Dennoch darf man die Kleidung nicht zu wichtig nehmen. Johannes der Täufer betont: ,Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat!‘ (Lk 3, 11). Und auch Jesus trägt seinen Jüngern auf, ,außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.‘ (Mk 6, 8–9)

Jesus warnt ausdrücklich davor, sich zu viel um die eigene Kleidung zu sorgen: ,Was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.‘ (Mt 6, 28–29)

Auch manche Heiligen legten in der Nachfolge Jesu hin und wieder eine außergewöhnliche Einstellung zu Kleidung an den Tag. So erinnern sich nicht nur die Kinder heute gerne daran, dass der Heilige Martin vor der Stadt Amiens seinen Soldatenmantel mit dem frierenden Bettler teilt. Und als Zeichen seines radikalen Sinneswandels vom verweichlichten Kaufmannssohn hin zu einem entschiedenen Leben in Armut zieht der Heilige Franziskus alle seine kostbaren Kleider aus, legt sie seinem Vater zu Füßen und kleidet sich von nun an in das Gewand, der er sich erbettelt hatte. Wie in allem gilt also auch bei der Kleidung der Grundsatz, das richtige Maß zu treffen: weder zu viel noch zu wenig – und im Hinblick auf manchen ,Minirock‘ darf man das durchaus in mehrfacher Hinsicht verstehen.“

Spielt Eitelkeit in Bezug auf Ihr äußeres Erscheinungsbild eine Rolle?
„Nein, ich denke nicht. Normalerweise ist es nicht nötig, dass ich mehrfach am Tag meine Kleidung wechseln muss. Das finde ich sehr angenehm. Und ich genieße es, dass ich morgens nicht lange überlegen muss, was ich anziehen soll.“

Trennen Sie Beruf und Alltag in Bezug auf Ihre Kleidungswahl oder ist Ihre Religiosität eine Haltung, die sich auch generell auf Ihre Einstellung zu Mode und Bekleidung auswirkt?
„Wie bereits vorher beschrieben, gibt es unterschiedliche Situationen, in denen ich meine Kleidung entsprechend anpasse. Aber grundsätzlich lässt sich feststellen, dass meine persönliche Kleidungswahl sehr wohl durch meine religiöse Einstellung und Aufgabe beeinflusst wird. Gott hat mich berufen, als Priester für alle Menschen da zu sein und ihnen durch mein Leben Zeugnis abzulegen von seiner liebevollen Hinwendung zu uns Menschen in Jesus Christus. Ich bemühe mich, dass dies durch meinen Lebenswandel spürbar wird, zu dem auch mein Kleidungsstil gehört. Tatsächlich ist es schon mehrfach vorgekommen, dass Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, die mich aber an meiner Kleidung als Priester erkannten, auf der Straße um mein Gebet oder um einen Segen gebeten haben. Solche Erfahrungen haben mich stets bestärkt in dieser Haltung.“

Wenn Sie kein religiöses Amt bekleiden würden, würden Sie sich dann anders kleiden als bisher?
„Vor meinem Eintritt ins Priesterseminar war ich Bankkaufmann. Hier hatte ich ebenfalls eine typische Kleidung zu tragen: Anzug, zumindest Sakko und Krawatte, alles in nicht zu ausgefallenen Farben. Nach meinem Ausscheiden aus der Bank habe ich diese Kleidung mit Freuden nicht mehr getragen – zumindest nicht regelmäßig. Als Theologiestudent habe ich selbstverständlich andere Kleidung bevorzugt. Ich bin daher sicher, dass ich mich zweifellos anders kleiden würde, wenn ich nicht Priester wäre. Das bedeutet aber nicht, dass mir die Priesterkleidung unangenehm ist, im Gegenteil. Ich bin sehr froh über meine Berufung als Christ und meinen Dienst als Priester. Und ich erfahre immer wieder, dass nicht zuletzt auch meine Kleidung als deutliches Zeugnis für diese Berufung und diesen Dienst von den Menschen verstanden wird.“