Schwere Einbrüche befürchtet

Konjunktur

Deutschlands Modeindustrie läuft unrund. ©pixabay

Autor: Markus Oess
Das Konjunkturbarometer in der Modeindustrie zeigt auf ein lang anhaltendes Orkantief. Die Marken rechnen mit zweistelligen Umsatz- und Ergebniseinbrüchen. Das deutet auch die Kurzumfrage von FT an. Die Industrie fährt nicht nur in Deutschland branchenübergreifend wieder an, doch bis die ärgsten Sturmschäden beseitigt sind, dürfte es wohl mindestens drei Saisons dauern und so manches Unternehmen rechnet sogar noch länger. Ein Stimmungsbild.

Wiesław Brudziński ist ein polnischer Aphoristiker und Schriftsteller. Von ihm stammt der Spruch „Die kleineren Übel sind meist von längerer Dauer“. Zwar hatte er kaum Covid-19 im Sinn, als er diesen Satz formulierte, aber sind dann die kleinen Übel von langer Dauer? Seit im chinesischen Wuhan ein neuartiges Virus auftauchte, hatte es sich binnen kurzer Zeit über die ganze Welt verbreitet. Das Covid-19-Virus hat den Globus fest im Griff und zwang Regierungen und Unternehmen zu drastischen Maßnahmen, die die Gesellschaft schlicht abriegelten und die Wirtschaft zum Stillstand brachten. Es offenbarte sich ziemlich drastisch, dass unsere globalisierte Welt in einem sehr zerbrechlichen System funktioniert. Wenn im fernen China ein Mensch erkrankt, kann das durchaus auch Folgen für eine Karnevalsfeier auf dem platten Land haben. Und auch die Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen – vor allem die Automobilindustrie, das Baugewerbe und der Non-Food-Einzelhandel.

Es läuft wieder an

Während in China die Produktion längst wieder angelaufen ist, sorgen hierzulande die Lockerungen für Entspannung. SHIPPEO, europäischer Marktführer für Echtzeittransparenz in Lieferketten, spricht sogar von der Erholung einzelner Sektoren. Bau und Baumaterialien etwa oder der Bereich Maschinen, Ausrüstung und Technik. Hart getroffen von den Ladenschließungen war auch der Non-Food-Einzelhandel. Immerhin, heißt es von SHIPPEO, hätten Initiativen und Aktionen, die es den Kunden ermöglichen, online einzukaufen und Artikel sicher in den Geschäften abzuholen, dazu geführt, dass der Transport von Gütern in diesem Segment wieder auf 22 Prozent angestiegen ist. Hoffnung auf eine verhalten positive Entwicklung in einzelnen Bereichen sind erste Lockerungsmaßnahmen in den einzelnen Ländern. So ist innerhalb von sieben Tagen die durchschnittliche Lieferkettenaktivität in allen Sektoren von 30 Prozent auf 38 Prozent gestiegen. Auf einer täglich aktualisierten Landkarte hält das Unternehmen fest, wie sich die Supply Chains in Europa erholen. Die Aktivität von mehr als 3.000 Fabriken und Warenlagern in ganz Europa ist dort verzeichnet.

Der Warenverkehr nimmt Fahrt auf. ©SHIPPEO

Heruntergebrochen auf die Mode zeigt sich, dass die Lieferanten im Augenblick nicht das Problem haben, die Ware an Land zu kriegen, sondern in die Läden, denn die verstopfen, da wegen des Stillstands eben nichts verkauft wurde. Doch wie gehen die Modemarken mit der Krise um und mit welchen Folgen haben sie zu kämpfen? Um ein grobes Bild einzufangen, hat FT aktuell eine Kurzumfrage durchgeführt, die nicht den Anspruch erhebt, statistisch repräsentativ zu sein, aber einen Einblick gewährt, wie es in den Firmenzentralen aussieht. 26 Firmen haben sich beteiligt. Zum Zeitpunkt der Umfrage liefen die ersten Lockerungen bereits, durften Geschäfte mit weniger als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche öffnen.

Die Modebranche wurde vom Lockdown regelrecht in die Knie gezwungen. So wundert es nicht, dass wohl die meisten Firmen staatliche Hilfen in Anspruch genommen haben. Mittel der ersten Wahl ist das Kurzarbeitergeld, das von 24 Firmen beantragt wurde, Überbrückungskredite haben sechs Firmen beantragt. Lediglich ein Unternehmen gab an, ohne Hilfen die Krise meistern zu können. Mit Umsatzeinbußen rechnen alle Manager, allerdings mit einer deutlichen Spreizung im Ausmaß der Verluste. Zwei Firmen rechnen mit Rückgängen von bis zu 10 Prozent, sechs von bis zu 15 Prozent, die übrigen Manager befürchten sogar, dass am Ende des Jahres mehr als 20 Prozent weniger in der Kasse sind. Entsprechend dramatisch sind die Erwartungen an die Ergebnisse, die den geschätzten Umsatzrückgängen folgen. Die Gewinneinbrüche sind tendenziell sogar noch etwas stärker. Eines ist klar: An fehlender Ware wird es nicht liegen, wenn sich die Prognosen bewahrheiten sollten. Engpässe für die anstehende Sommersaison erwarten 15 Firmen keine und neun auch nur bei bestimmten Warengruppen. Und auch bei der darauffolgenden Wintersaison sind, wenn überhaupt, bei bestimmten Warengruppen Ausfälle zu befürchten.

Erste Kollektionsübergaben frühestens Ende Juni

Frühestens Ende Juni, sofern die Prozesse nicht durch weitere Rückschläge zurückgeworfen werden, planen die Macher mit den ersten Kollektionsübergaben, die Mehrheit sieht das eher Mitte bis Ende Juli, entsprechend später dürfte dann auch die Order losgehen. BRÜHL startet gar erst am 1. August. Um dem Handel etwas Luft zu verschaffen und die Order möglichst nach hinten zu ziehen, halten die Marken einen Teil der Lieferung zurück. Sie bieten einen Warentausch an und verlängerte Valuta für die kommenden beiden Saisons. Dazu kommen aber auch Rabatte zwischen 10 und zum Teil 30 Prozent.

Zwischen gedämpftem Optimismus und Trotz

Interessanterweise sind die Signale, die die Industrie vom Handel erhält, positiver als anfangs gedacht. Die Angaben schwanken zwischen vorsichtigem Optimismus (14 Firmen) und der Aussage, dass wohl schmerzhafte Verluste drohen, man aber überleben werde. Möglicherweise liegt es daran, dass endlich die ersten Geschäfte wieder öffnen durften. Ein Punkt, den mehr oder weniger alle Umfrageteilnehmer aufführten, um wieder wenigstens ein Stück Normalität zurückzugewinnen. Bis die Krise aber überwunden sein wird, wird es wohl mindestens drei Saisons dauern, 13 Firmen geben sogar an, dass auch dann noch nicht alles wieder aufgeholt sein wird. Kleine Übel dauern wohl wirklich lange. Und schon lange ist auch ein altes Instrument zur Lagerbereinigung en vogue: Nicht wenige Marken wünschen sich die Rückkehr zum guten alten Schlussverkauf.