Dresscode: Männer, Macht und Mode

Prof. Antonella Giannone
„Wir leben in einem Zeitalter der ‚very normal people‘". Prof. Antonella Giannone (Bild: privat)

Autor: Mirco Lange

„Trump ist der Typ alternder Mann, der versucht, im Rahmen eines eher konservativen Image durch wenige Zeichensetzungen an seiner Jugend festzuhalten“, sagt Antonella Giannone, Professorin für Modetheorie, -geschichte und Bekleidungssoziologie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich mit „Kleidung als Zeichen“ (Titel ihrer Doktorarbeit). Im FT-Interview kommt der alte Mann auch sonst nicht gut weg. Prof. Giannone über Stil, Stärke und die Stimulanz der Macht.

FT: Frau Professor Giannone, achten Sie bei Männern besonders auf Kleidung?
Prof. Antonella Giannone: „Aber sicher. Gerade bei Männern lassen sich deutliche Veränderungen in der Mode gut feststellen. Das ist immer sehr interessant zu beobachten.“

In den 20ern des vergangenen Jahrhunderts sind Jugendliche mit Hemd und Sakko aus dem Haus gegangen. Heute tragen Mittzwanziger knielange T-Shirts und Turnbeutel auf dem Rücken. Ist da etwas schiefgelaufen?
„Nein, die Mode hat sich einfach verändert. Auch, weil der historische und kulturelle Kontext ein ganz anderer ist. Ich sehe das, was junge Männer heute tragen, nicht als negative Entwicklung, sondern einfach als Zeichen unserer Epoche, die interpretiert werden müssen. Mode und Zeit sind eng miteinander verbunden und rechtfertigen sich gegenseitig.“

Apropos Zeichen: Sie forschen zum Thema Modetheorie, -geschichte und Bekleidungssoziologie. Im Fachbereich Semiotik, also der Lehre über Symbole und Zeichen, haben Sie promoviert. Kann man denn Mode überhaupt lesen?
„Ja, wobei ‚lesen‘ natürlich in diesem Fall metaphorisch gemeint ist. Wir können Mode aber durchaus interpretieren, denn sie drückt sich in Zeichen aus. Und um diese Zeichen richtig deuten zu können, muss man – wie bei anderen Zeichensystemen auch – den Kontext berücksichtigen, mit den geltenden Codes vertraut sein und natürlich über das Wissen verfügen, wie diese Codes als ebensolche fungieren. Dennoch ist Mode als nonverbales Zeichensystem nie eindeutig. Es sind immer mehrere Interpretationen möglich. Auch ist ausschlaggebend, wer interpretiert und welche Absicht er verfolgt. Bei Straßenschildern zum Beispiel ist das anders – da soll die Bedeutung für alle Beteiligten klar sein!“

Das bedeutet, es gibt auch heute verschiedene Muster oder Symboliken, die als Codes fungieren, ähnlich wie beim Militär?
„Aber ja. Beim Militär ist es so, dass wir hier von Uniformen sprechen, die wegen ihrer Funktion auch strenger codiert werden müssen. Sie ermöglichen genaue Korrespondenzen und lassen uns zum Beispiel die Position der Träger in der militärischen Hierarchie erschließen. Sie drücken also eine direkte Zugehörigkeit zu einem bestimmten Rang aus und ihre Bedeutung ist hier also eindeutig. Spannend ist aber, dass gerade in einigen Subkulturen oder im Kontext der Fetischszene, also völlig anderen Umgebungen, die gleichen Symbole verwendet werden, um mit der ursprünglichen Bedeutung auf einer anderen Ebene zu kokettieren. Die Symbole der Macht erhalten dadurch eine völlig neue Bedeutung. Um diese interpretieren zu können, muss aber auch hier wieder der Kontext miteinbezogen werden.“

Was sagen uns diese Codes gerade in Bezug auf unser Thema Macht?
„Die Beziehung von Mode und Macht ist immer sehr eng gewesen, hat sich jedoch im Laufe der Zeit stark verändert. Im Mittelalter etwa waren exotische Stoffe aus den entlegensten Ecken der damals bekannten Welt, beispielsweise Seide, prächtige Farben und bestimmte Pelzarten, ein Luxus, den sich nur die wenigsten leisten konnten, wodurch automatisch eine Exklusivität entstand, die eindeutig als Machtsymbol begriffen wurde. Heute ist das etwas anders: Die exklusiven Stoffe sind viel einfacher zu beschaffen und damit auch für mehr Menschen zugänglich als früher. Was aber bleibt, ist das Bedürfnis nach Einzigartigkeit. Dieses kann man heute auf die unterschiedlichste Art und Weise befriedigen. Macht in der Mode wird aber immer noch im Zusammenspiel von Exotik, Luxus und Einzigartigkeit erzeugt.“

Gibt es in der Mode eine Art Geheimsprache?
„Ja, geheime Kleidungscodes gibt es. Dabei steht immer im Vordergrund, dass sich Menschen zu etwas zugehörig fühlen wollen. Es ist zwar nicht mehr wirklich geheim, aber in der Neonaziszene werden immer gerne Labels getragen, die bestimmte Anspielungen auf die Nazivergangenheit enthalten. Solange die Öffentlichkeit nicht darauf aufmerksam wird, funktioniert das Tragen dieser Labels wie eine Art Geheimsprache. Was allerdings heute das eine bedeutet, kann morgen schon wieder anders interpretiert werden. Bei der heutigen Informationsüberflutung halten sich solche Geheimcodes wahrscheinlich immer nur für kurze Zeit.“

Welche Einflüsse verändern die Symboliken im Laufe der Zeit? Offenbar kann das ja recht schnell gehen. Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, trägt neuerdings auch gerne mal Jeans und verzichtet auf die Krawatte – in so einer Position bis vor wenigen Jahren eher unüblich …
„Nicht nur in Deutschland! (lacht). Der Chef von FIAT Sergio Marchionne oder auch der frühere italienische Ministerpräsident und Unternehmer Silvio Berlusconi haben sich schon oft im blauen Pullover blicken lassen. Für den Ersteren gilt der blaue Pullover als offizielles Erkennungsmerkmal. Es scheint bei den großen Konzernen oder auf der großen Bühne den Drang zu geben, sich mit hippen, „smarten“ Unternehmen messen zu müssen. Wenn solche Menschen in legeren Outfits auftreten, dann vermitteln sie, dass sie sich selbst und auch das Unternehmen von den alten und starren Hierarchien gelöst haben. Der Vorstandsvorsitzende von heute gibt sich ganz gern als ‚involvierter Mensch‘, also als jemand, der genauso am Produktionsprozess teilhat wie der Arbeiter am Fließband auch. Dabei ist aber ganz offensichtlich, dass bei den großen Autoherstellern gerade diese Hierarchien immer noch vorherrschend sind, während das Image konstant aktualisiert wird.“

Was sind denn dann die heutigen Insignien der Macht?
„Wir leben in einem Zeitalter der ‚very normal people‘,  jeder kann alles sein, wenn er es nur möchte. Zumindest wird uns das von allen Seiten zugetragen. Ich betrachte das als großen Mythos unserer Epoche. Ein Mythos, der in erster Linie der Digitalisierung geschuldet ist. Dadurch, dass wir die virtuellen Profile unserer digitalen Identitäten täglich aufs Neue inszenieren können, haben wir die Möglichkeit, viel leichter in andere Rollen zu schlüpfen. Das Bild der Macht hat sich heute also völlig verändert und die Distanz zu den ‚Mächtigen‘ ist zumindest augenscheinlich merklich geschrumpft. Dazu zähle ich auch die zunehmend verschwimmende Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Es gehört also ganz und gar zur Inszenierung von Macht, wenn sich Obama in Freizeitkleidung mit seiner Familie als ganz normaler Mensch ablichten lässt.“

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel erklärte in seiner Philosophie der Mode (1905), dass Mode in der Lage sei, einerseits den Anschluss an Gleichgestellte und andererseits auch den Abschluss an Tieferstehende auszudrücken. Mode sei ein „Produkt klassenmäßiger Scheidung“. Wie wird diese Unterscheidung sichtbar, wenn sich schicke und legere Outfits zunehmend vermischen und auch der Preis keine Grenze mehr zieht, also ZARA zu Zegna keinen Tabubruch mehr darstellt?
„Als Simmel seinen berühmten Text schrieb, war Mode in der Tat noch ein Mittel, um Klassenzugehörigkeit auszudrücken. Das frühe zwanzigste Jahrhundert war aber auch durch viele Umbrüche gekennzeichnet und es hat nicht lange gedauert, bis sich das auch in der Mode bemerkbar gemacht hat. Aus heutiger Perspektive würde ich behaupten, dass Simmel zwar durchaus noch in Teilen sehr aktuell ist. Aber von einer sich ausschließlich vertikal und klassenabhängig verbreitenden Mode, wie Simmel sie beschrieben hatte, können wir heute nicht mehr sprechen. Philosophen wie Simmel haben in klar zu erkennenden sozialen Kategorien gedacht. Heute sind wir aber alle so global geworden, dass ich hier lieber von diversen Machtzentren sprechen würde. Die Einteilung in Ober- und Unterschicht funktioniert heute in Bezug auf Mode nicht mehr ganz, dafür sind unsere Gesellschaft und unser Modeverständnis viel zu komplex geworden. Und wir können auch nicht von ‚der‘ Mode sprechen, sondern müssen vielmehr über die Moden sprechen und Mode als globales Phänomen betrachten. Ich glaube, dass eine Verbreitung der Mode von oben nach unten, wie sie bei Simmel beschrieben wurde, in mehrerer Hinsicht nicht mehr zutrifft. Außerdem ist der Zugang zur Mode heute ein völlig anderer als damals. So können Jugendliche, also Menschen, die aufgrund ihres Alters noch gar keine wirkliche finanzielle Macht haben können, durchaus Macht im Modekontext ausüben. Und zwar allein dadurch, dass sie in ihrem Innovationsdrang neue Standards setzen, die wiederum gesellschaftliche Folgen haben können.“

Was bedeutet das für die Inszenierung der klassischen Idee von Männlichkeit in der Mode heute?
Die Genderdebatte hat in der Mode eine lange Tradition. Kurz gefasst kann man sagen, dass Mode sich zwischen 1850 und 1950 auf die Konstruktion von Weiblichkeit konzentriert hat. Die männliche Kleidung wurde zur zivilen Uniform, die Inszenierung von Männlichkeit hat in ihrer Bedeutung eingebüßt. Besonders spannend wird es ab 1960, weil in dieser Zeit die Dialektik zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit die Mode besonders prägte. Denken Sie nur an die Rüschen auf den Hemden und die langen Haare der Hippie-Generation. Auch das Zeigen nackter Haut war im Grunde nichts anderes als eine Gegenbewegung zum Anzug tragenden, völlig bedeckten Geschäftsmann. Es entwickelten sich ganz viele Varianten von inszenierter Männlichkeit, die parallel zueinander existierten. Was wir heute beobachten, ist eine zunehmende Vermischung beider Rollen: Geschlechtsmerkmale beziehungsweise Markierungen verschwinden langsam, die Industrie verwendet diesbezüglich gern das Wort ‚genderless‘. Damit nimmt die Mode auch direkten Bezug auf den gesellschaftlichen Diskurs. Die Ästhetik des Unmarkierten polarisiert und stellt zugleich diese Polarisierung wieder infrage. Es gibt nicht mehr ein dominantes Bild von Männlichkeit oder Weiblichkeit – und das betrachte ich als eine positive Entwicklung.“

Was können Sie am Kleidungsstil des US-Präsidenten Donald Trump ablesen?
„Die Haare! (lacht). Also, das ist das Erste, was allen immer wieder auffällt, das, was ihn sofort erkennbar macht. Trump ist der Typ alternder Mann, der versucht, im Rahmen eines eher konservativen Image durch wenige Zeichensetzungen an seiner Jugend festzuhalten. Und dann färbt er sich die Haare in diesem künstlichen Orange, was soll man dazu sagen? Er fürchtet offenbar wie Berlusconi, der sich regelmäßig liften lässt, seine Fähigkeit, Frauen verführen zu können, zu verlieren. Nicht mehr attraktiv zu sein, scheint in diesen Fällen also auch einen Machtverlust zu symbolisieren.“

Macht es sein russischer Amtskollege Vladimir Putin da besser?
„Er macht es zumindest in seinem Sinne besser. Putin ist ein sehr kontrollierter Mensch, gepflegt und gleichzeitig extrem ausdruckslos. Modisch gesehen hat sich bei ihm in den letzten Jahren nicht viel verändert. Damit verkörpert er den Konservativen, der immer noch an alten Machtstrukturen festhält. Aber trotzdem ist er ja auch dafür bekannt, dass er immer wieder kurzzeitig aus seiner Politikerrolle ausbricht, um mit nacktem Oberkörper den starken Mann zu geben. Damit will er wohl zeigen, dass er neben seiner Rolle auf dem internationalen Parkett auch in den heimischen Wäldern Russlands nichts zu fürchten hat. Was in der Wahrnehmung einiger vielleicht auch seine politische Figur umso stärker erscheinen lässt.“  

Wie sieht es in der deutschen Politik aus, welcher Mann sticht hier besonders hervor?
„Konkret fällt mir da gerade nichts ein, aber wenn man sich beispielsweise mal die Wahlplakate der Piraten anschaut, dann fällt doch auf, dass sie ganz anders aussehen wollen. Bunte und lange Haare, Piercings etc. Das lässt sich als klassische Gegen-das-System-Haltung interpretieren – was per se ja nichts Schlechtes ist. Die Grünen haben ja ähnlich angefangen, wobei die sich ja mittlerweile längst etabliert haben. Wenn ich aber vielleicht eine Frau anführen darf, die etwas aus der Reihe tanzt, dann ist es die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Sie ist sehr dezent gekleidet, ähnelt mit ihrem eher altmodischen Stil aber dann doch eher politischen Ikonen der Vergangenheit, wie Rosa Luxemburg, vielleicht. Auf jeden Fall trägt sie keine markanten Zeichen des Zeitgenössischen … Ob das ein gewolltes politisches Statement ist, müssen Sie sie selbst fragen. Ich glaube schon!“

Simmel sagt auch, dass Moden rascher wechseln, wenn es politische Unsicherheiten gibt, konkret spricht er von „nervösen Zeitaltern“. Leben wir gerade in so einem nervösen Zeitalter?
„Mit Blick in die Nachrichten: ja. Aber ich würde hier eher nicht von einem nervösen Zeitalter sprechen, sondern von einem, in dem die Gesellschaft, wir alle eigentlich, massiv unter Aufmerksamkeitsstörungen leiden (lacht). Stichwort Mode und Instagram beziehungsweise Mode und die unendlichen Fashionblogs.“

Wie macht sich das Ihrer Meinung nach in der Mode bemerkbar?
„In der Gleichzeitigkeit der vielen Modebilder, die schnell durch andere ersetzt werden, bevor man überhaupt Zeit hat, mit ihnen vertraut zu werden. Es gibt unzählige Kanäle, aus denen wir Bilder beziehen können, unglaublich viele Möglichkeiten, Dinge zu kombinieren, aber auch mit anderen Augen zu sehen. Dennoch scheinen dabei viele einen starken Bezug zur Vergangenheit herstellen zu wollen. Vielleicht eine Art Sehnsucht nach ruhigeren Zeiten, nach der Überwindung der Zeit selbst, welche für alle, sogar für die Mode, zu einer Obsession geworden ist.“

Textile Zeichensprache

Antonella Giannone hat an der TU Berlin zum Thema „Kleidung als Zeichen: Ihre Funktionen im Alltag und ihre Rolle im Film westlicher Gesellschaften“ promoviert. Heute arbeitet die gebürtige Italienerin als Professorin für Modetheorie, -geschichte und Bekleidungssoziologie an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Giannone beschreibt, wie Kleidung als einzigartiges Kommunikationsinstrument von Kulturen funktionieren kann und was das für die Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft bedeutet.
In ihren Vorlesungen geht es u.a. um Kostümkunde, die Konstruktion von geschlechtsspezifischen Körperbildern und Schönheitsidealen oder Nachhaltigkeit im Designprozess.
Antonella Giannone lebt in Berlin.