Der Hipster auf der Intensivstation

DMI Fashion Day

Der DMI Fashion Day bietet einen modischen Ausblick auf die kommenden Saisons. (©DMI)

Autor: Markus Oess

Das jetzt schon einige Saisons vorherrschende Modediktat der schmalen Silhouette verliert seinen Alleinstellungs-Anspruch. Es wird wieder weiter, das war eine der zentralen Botschaften des Fashiondays. Das DMI gibt einen Ausblick auf den kommenden Sommer.

„Hip-Hop disst Hipster“, zitiert Gerd Müller-Thomkins Carl Tillerson bei der Eröffnung des DMI Fashion Day in den Düsseldorfer Rheinterrassen im Vorfeld der CPD. Der Chef des Deutschen Mode Institutes, Köln, nimmt Bezug auf die modischen Andeutungen, die auch die Berlin Fashion Week hinterlassen hat. Auch wenn es natürlich noch eine Weile dauert, bis die Botschaft in den Läden und auf Deutschlands Straßen angekommen ist, beginnt das prägende Idealbild des Hipsters mit enger Silhouette und der Skinny-Jeans als aufbrechendes Element in der Endlosschleife zu verblassen. Stattdessen macht sich auch im Zuge der Demokratisierung der öffentlichen Meinung via Social Media der Street-Look der Hip-Hopper daran, mit neu erstarkten Selbstbewusstsein die Mode zu erobern und zur High Fashion zu werden. Im Grunde ist das zwar nicht grundsätzlich neu, aber die Elemente der 90er werden ohne Komplexe neu gemixt. Der Tracksuit trifft zum Beispiel auf die weitere Hosen mit Bügelfalte. „Jedenfalls wird der neu angerührte Hipster-Mix nicht reichen“, sagt Müller-Thomkins zum Ausblick auf die modischen Entwicklungen 2019 und darüber hinaus.

Zuvor aber gab Dr. Ulla Ertelt von HML Modemarketing einen Ausblick auf das, was gerade hinter uns liegt, Zahlen vom Herbst 2017, und lieferte wenig Überraschendes. Demnach hat die Menswear ein Umsatzwachstum von 2,1 Prozent verzeichnet und der positive Trend, schwächer zwar als die DOB, dürfte auch in diesem Jahr anhalten. Allerdings ist die Entwicklung nicht einheitlich. Während das gehobene Genre um 3,4 Prozent zulegen kann, verliert die Mitte 0,6 Prozent. Der Preiseinstieg gewinnt leicht. Nach Produkten zeigen sich ebenfalls teils deutliche Unterschiede: Der Mantel gewinnt 8,4 Prozent (auf niedrigem Niveau), Jeans wachsen um 6 Prozent, Wirk um 3 Prozent und die Jacken um 2,2 Prozent. Dagegen stagniert der Absatz der Hemden mehr oder weniger und Anzüge verlieren 1,6 Prozent. Ihr Institut befragte die Verbraucher zu deren Vorlieben. Das Ergebnis: Die jungen Männer stehen eher auf einen jungen, schlichten, modernen und nachhaltigen Look. Der Anteil der 14- bis 29-Jährigen, die einen Retro-Hipster-Style bevorzugen, ist mit 18 Prozent relativ stabil. Noch hat sich der Abstieg der Hipster nicht ganz herumgesprochen. Auch das Thema Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung. 31 Prozent der Befragten befürworten nachhaltige Produkte. Nur mehr kosten soll es nicht, denn 47 Prozent kaufen preiswerte Lebensmittel, also Preiseinstiegsware.

Für den Blick auf das, was in den kommenden Saisons angesagt sein wird, greifen Christel Wickerath und Niels Holger Wien vom DMI auf verschiedene Modetypen zurück, an denen sie die künftigen Trends festschreiben. Generell gelte, dass sich die Themen zusehends vermischen und sich die Grenzen zwischen den einzelnen Genres verlieren. Da gibt es den Inspirer, der sich aus allen Kulturbereichen bedient. Vor allem aber bei den Farben und Bildern Afrikas und der Black-Power-Bewegung der USA. Der Essenzialist wiederum bevorzugt die reduzierte Formensprache, zurückhaltende Farben und die handwerkliche Produktion der Bekleidung. Hier gewinnen Volumen und der Flow aus Material und Tailoring eine neue Bedeutung. Der Trespasser überschreitet bewusst, aber fantasievoll bestehende Grenzen. Nimmt Farben und Formen der Pop-Art auf. Er bewegt sich eher im Premiumsegment und nutzt ebenso Anleihen aus der Sportswear. Der Star schließlich liebt das Opulente, das Schmückende. Mit einer neuen Körperlichkeit kommt er aus der Hip-Hop-Kultur heraus zur Selbstinszenierung. Jeder darf sich auf dem Red Carpet inszenieren. Die verschiedenen Typen werden mit Design-Disruptoren in Verbindung gebracht, um neue Looks zu kreieren. Mit Romantik wird Modernität poetischer in Szene gesetzt, Hypertech sorgt für eine gewisse Künstlichkeit in den Looks. Street-smart veredelt die Einflüsse der Streetwear, insbesondere aus Asien. Sporty Hybrids erregen mit neuen Kombinationen von Material und Funktionalität Aufsehen. Die Digitalisierung steht für die Motivsprache und Fast Future in neuen Formen. Die Nachhaltigkeit in Material und Prozessen gewinnt an gesellschaftlicher Relevanz. Wickelrath und Wien überschreiben ihre modische Reise mit drei kurzen Botschaften: „Let’s mix. Do it with love. You are perfect as you are.“ Die Trends und Farben der Saison 2019 hat das DMI in seinem TREND BOOK WOMEN/MEN/ACCESSORIES S/S 19 zusammengefasst.