„Planungssicherheit dient uns allen“

Interview mit Berlins Regierungschef Michael Müller

„Zu den Veranstaltungen, die dort künftig wieder stattfinden können, gehören zweifellos auch die Modemessen mit ihrer internationalen Strahlkraft." Der Flughafen Tempelhof während der letzten Ausgabe der Bread & Butter dort. ©FT
Autor: Markus Oess

Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, bekennt sich klar zum Modestandort Berlin. Anders geht es auch nicht. Und auch den Flughafen Tempelhof sieht Müller durchaus in greifbarer Nähe für Fashion-Messen als Location. Müller über Berlin, Bärenkostüme und Brioni.

FT: Herr Müller, bevorzugen Sie mehr die Mode von der Stange oder die von Altkanzler Gerhard Schröder, der auch mal im feinen Brioni erscheint?

Große Herausforderung digitale Transformation“ Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin ©Messe Berlin

Michael Müller: „Ich nehme eher etwas von der Stange und fühle mich mit bekannten Labels sehr wohl.“

Wie sieht es mit einem Bärenkostüm aus, in dem Ihr Genosse Klaus Wowereit dereinst auf der Bread & Butter für Furore sorgte?

„Da Klaus Wowereit sein Bärenkostüm mitgenommen hat, stellt sich mir diese Frage nicht. Es gibt auch keine Dienstkleidung für den Regierenden Bürgermeister, die man beim Amtswechsel übernimmt. Und für Furore sollen ja die Veranstalter und Modedesigner – und nicht die Gäste – sorgen.“

Sie haben ja auch die Berliner Messen besucht, wie war Ihr Eindruck, haben Sie irgendwas von den Messen mitgenommen?  

„Das habe ich. Ich habe viele tolle Sachen gesehen. Der Trend geht zu kräftigen Farben und was mir gut gefällt, sind die sogenannten African Prints und Blumenprints. Und fließende Stoffe. Auch bei den Männern spielt kräftige Farbe eine Rolle und bequeme Freizeitkleidung.“

Paris steht für Haut Couture, London für Weltläufigkeit und den klassischen Mann, Florenz für das schöne Leben. Wofür steht Berlin?

„Die Berlin Fashion Week ist die wichtigste Modewoche in Deutschland. Alle Modegenres zeigen innerhalb einer Woche die neuesten Trends. Ganz klar punktet Berlin mit den Wachstumsbereichen Sustainable Fashion und Smart Wearables. In Berlin hat sich im Zuge starker Modemessen und der Berlin Fashion Week seit 2007 in den letzten zehn Jahren ein dichtes Netz aus Agenturen, Messeveranstaltern, kleineren Modelabels sowie einem stetig wachsenden Mode-Online-Handel herausgebildet.“

Welche Bedeutung haben die Modeindustrie und die Modemessen zur Berlin Fashion Week für Berlin als Wirtschaftsfaktor, aber auch als kultureller Imagefaktor und Markenbotschafter in der Welt?

„Berlin steht inzwischen mit 2.700 Unternehmen für die höchste Dichte an Modeunternehmen in Deutschland. Seit 2009 stieg die Anzahl der Unternehmen um 600 und der Umsatz um 3 Milliarden Euro. Über 25.000 Erwerbstätige sind in Berlin in der Modebranche beschäftigt. Die Fashion Week ist da ein wichtiger Baustein. Die Fashion Week zieht in jeder Saison bis zu 100.000 Besucher und Besucherinnen aus aller Welt an. Rund 5.000 Print- und 5.000 Online-Beiträge zur Messe sind natürlich auch eine gute Werbung für Berlin. Das kreative und weltoffene Image der Stadt wird ganz sicher durch diese Industrie und die Messen mitgeprägt.“   

Wie bewerten Sie die aktuelle Stellung von Berlin in Europa gegenüber Paris, Mailand/Florenz oder London und auch weltweit als Modemessestandort aktuell und in den zurückliegenden Jahren?  

„Alle genannten Städte haben sehr unterschiedliche Ausgangssituationen und Historien. Sie sind nur begrenzt vergleichbar. Berlin ist neben Paris wahrscheinlich der stärkste und größte Modemessestandort.“

Welche Unterstützung leistet Berlin für die Messen der PREMIUM GROUP und der PANORAMA sowie SELVEDGE RUN und die Schauen der MBFW?

„Für Berlin steht das Schaffen guter Rahmenbedingungen für ein gesundes Wachstum der Unternehmen am Standort wie auch der Berlin Fashion Week im Vordergrund. In den Anfangsjahren der Berlin Fashion Week haben wir die Messen und Modenschauenplattformen direkt unterstützt. Mit Finanzierungen, mit Landesbürgschaften, bei Genehmigungen. Inzwischen sind wir eher im Standortmarketing (www.fashion-week-berlin.com) sowie der Förderung des Designnachwuchses aktiv. Zur Fashion Week unterstützen wir beispielsweise Modenschauen-Slots im Rahmen der MBFW-Modenschauplattform zugunsten Berliner Designerinnen und Designer oder Präsentations-Slots Berliner Designerinnen und Designer im Rahmen des Berliner Salons, aber auch umfassende Kommunikationsmaßnahmen inklusive des Online-Kalenders zur Berlin Fashion Week mit Informationen zu allen Veranstaltungen. Außerdem fördern wir landesseitig ein zehnteiliges Workshopprogramm zugunsten Berliner Designer mit dem Fashion Council Germany (FCG) und Mentorenprogramme für nachhaltig produzierende Berliner Modelabels mit dem FCG.“

Welches Feedback erhalten Sie von den Playern vor Ort, herrscht da Zufriedenheit?

Ich bekomme von den Veranstaltern sehr viel positives Feedback. Natürlich gibt es auch den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag. Die große Herausforderung für alle Wirtschaftsbereiche ist die digitale Transformation, auch in der Modeindustrie. Die zunehmende Digitalisierung hat Konsequenzen für Handel, Produktion und Marketing, aber auch für die Berlin Fashion Week selbst.“

Werden Sie die Unterstützung in der Zukunft erhöhen, mit Geld oder auch durch politischen Willen und Präsenz, um den Messestandort Berlin zu stärken? In Florenz zur Eröffnungs-Pressekonferenz der Pitti Uomo zum Beispiel reisen eigens Mitglieder der italienischen Regierung an, zeigt die Politik Flagge und fördert die Messe auch monetär. Auch kulturell ließe sich das Thema mit begleitenden Konzerten, Ausstellungen sowie anderen Aktionen und Kollaborationen durchaus gut transportieren.

„Ich werde natürlich weiter die Messen besuchen und das auch nach Feierabend. Wir sind mit den Veranstaltern der Fashion Week im regelmäßigen Austausch über die strategische Ausrichtung, die Dachkampagne sowie über die künftigen Termine der Modewoche. Wir haben eine lange Historie der Zusammenarbeit und inzwischen weit über 10 Millionen Euro in die Berliner Modewoche investiert. Darauf wollen wir weiter aufbauen.“

Zwei Dinge werden immer wieder diskutiert, wenn die Branche zusammentrifft. Das sind zum einen die weiten Wege in der Hauptstadt. Sicher verfügt Berlin über eine sehr ordentliche Infrastruktur, aber die Einkäufer wollen Mode sichten und nicht durch Berlin touren. Die Akteure organisieren einen Shuttle, der aber immer noch nicht alle Hotspots verbindet, und die Player achten auf ein eigenständiges Profil. Dennoch, gäbe es Standorte, etwa Tempelhof, die sich aus Sicht der Stadt anböten, die Messen auf zwei Standorte zu fokussieren, so die Organisatoren es denn möchten?

„Der Flughafen Tempelhof als ein besonderer Zielort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft steht nach der Schließung der Flüchtlingsnotunterkunft im Dezember 2017 weitgehend auch wieder als Event- und Veranstaltungsort zur Verfügung. Zu den Veranstaltungen, die dort künftig wieder stattfinden können, gehören zweifellos auch die Modemessen mit ihrer internationalen Strahlkraft. Die Einkäufer und Einkäuferinnen sind auch an anderen Standorten weltweit das Touren zwischen Messen und Modenschauen gewohnt. Hier ist Berlin keineswegs eine Ausnahme. Zu der Weiterentwicklung von Tempelhof sind wir mit den Messen wie auch der Betreibergesellschaft im Gespräch.“

Der zweite Punkt, der natürlich gerade von deutschen Ausstellern angesprochen wird, ist der vergleichsweise geringe Zuspruch aus dem Ausland. Wie sieht das eigentlich für den Tourismus aus, spüren Sie da eine Veränderung? 

„In dieser Sommersaison hatten wir zur Modewoche etwas geringere Besucherzahlen. Das liegt unter anderem an der sich verändernden Einzelhandelsstruktur. Die Aussteller sind zufrieden, es wurde gesichtet und geordert. Auch mit der Medienresonanz sind wir zufrieden. Die Übernachtungszahlen bekommen wir erst gegen Ende des Jahres.“

Wie werben Sie im Ausland für Berlin, können Sie überhaupt etwas für die Branche tun?

„Das Standortmarketing zur Berlin Fashion Week verantwortet vor allem Berlin Partner. Seit vielen Jahren unterstützen sie die Berlin Fashion Week mit Medienkooperationen im Ausland, Plakatkampagnen sowie der gut frequentierten Website zur Berlin Fashion Week und vielem mehr. Und natürlich werbe ich bei meinen Auslandsreisen auch persönlich für den Modestandort Berlin. Das Interesse ist nach meinen Erfahrungen weiterhin groß.“

Üblicherweise kommen aus der privaten Wirtschaft und den Playern vor Ort Forderungen an die Politik und die Kommunen. Jetzt haben Sie die Gelegenheit, die Branche ins Boot zu holen und ihre Wünsche (um nicht das harte Wort der Forderung zu verwenden) zu formulieren.

„Mir ist wichtig, dass wir längerfristig klare Verabredungen treffen, insbesondere auch, was die Termine betrifft. Planungssicherheit dient uns allen, der Stadt genauso wie der Modemesse, um den Standort zu stärken und damit auch die Modeindustrie in dieser Stadt.“ 

Wie lautet Ihr Gegenversprechen? 

„Mode und die Berlin Fashion Week gehören zu Berlin wie der Fernsehturm. Berlin bietet für diese Branche einen hervorragenden Standort, weil hier Kreativität und Trendsetting in so vielen Bereichen stattfindet wie an kaum einem anderen Ort. Berlin hat Pläne zum Ausbau als Messestandort in den kommenden Jahren und wir wollen weiter präsent sein und unsere Stellung gegenüber der Konkurrenz ausbauen.“

 

Müller ohne Druck

Michael Müller ©regberlin auf Instagram

Er kennt Berlin und er hat keine vorgezeichnete Karriere vorzuweisen, die ihn geradlinig zum Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin führte. Michael Müller wurde 1964 im Berliner Bezirk Tempelhof geboren und erlangte 1982 die mittlere Reife. Später absolvierte Müller eine kaufmännische Berufsausbildung zum Bürokaufmann. Nach seiner Ausbildung arbeitete er bis 2011 als selbstständiger Drucker im Familienbetrieb mit seinem Vater Jürgen in Neu-Tempelhof. Müller ist unter anderem Mitglied der Arbeiterwohlfahrt und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. 1981 wurde Müller Mitglied der SPD, seit Dezember 2014 ist er Regierender Bürgermeister von Berlin und seit November 2017 zudem Präsident des Bundesrates.