„Schönheitsideale sind hochpolitisch“

Übergröße und Gesellschaft

Schön sein ist zutiefst kulturell und untrennbar damit verbunden. ©pixabay

Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen

Hochglanzwerbebilder und Laufstegschauen mit Blitzlichtgewitter: Vor allem in der Modeindustrie bedeutet Schlanksein oftmals Schönsein. Fashion Today hat bei Dr. Nina Mackert, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leipzig Lab „Global Health“ der Universität Leipzig, nach den Hintergründen von Schönheitsidealen gefragt.

„Schön schlank“ lautet die Devise. Gesellschaftlich gelten gemeinhin Figuren als erstrebenswert, die einen geringen Anteil an Körperfett aufweisen. Es ist nicht zuletzt die Modeindustrie, die eben diese Idee erhält und weiterträgt – durch Werbekampagnen und Laufstegschauen, auf denen durchtrainierte Oberkörper, schmale Taillen und schlanke Beine zu sehen sind. Und doch machen sich aktuell auf den Catwalks immer häufiger Plus Size Models bemerkbar, auf Instagram tauchen unter dem Titel „Body Positivity“ Pics auf, die Diversität zelebrieren. Zeichnet sich ein Umdenken ab? Welche Rolle spielen im Zusammenhang mit Schönheitsidealen kulturelle Aspekte? Dr. Nina Mackert, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leipzig Lab „Global Health“ der Universität Leipzig, hat Fashion Today Fragen zum Thema beantwortet.

Dr. Nina Mackert, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Leipzig Lab Global Health, Universität Leipzig ©privat

FT: Heutzutage gilt gemeinhin eine schlanke Figur als schön – wie sehr haben sich Schönheitsideale im Laufe der Zeit verändert?
Dr. Nina Mackert: „Dass Dicksein als Problem gilt, ist tatsächlich historisch betrachtet ein relativ neues Phänomen. Noch im 19. Jahrhundert betrachteten die Menschen – Medizinerinnen und Mediziner inklusive – dicke Körper eher als Wohlstandskörper, als körperliche Ausweise erfolgreicher Geschäfte, robuster Gesundheit oder – bei Frauen – als Zeichen von Fruchtbarkeit. Zum Ende des Jahrhunderts änderte sich dies langsam und im Laufe der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts begann eine Interpretation von Dicksein vorherrschend zu werden, die auch das spätere 20. und frühe 21. Jahrhundert geprägt hat: Statt Wohlstand, Gesundheit und Geschäftstätigkeit assoziierte man mit dicken Körpern nun zunehmend Armut, Krankheit und Faulheit.“

Wie ist es Ihrer Meinung nach dazu gekommen, dass nunmehr vornehmlich der Schlankheitswahn regiert?
„Es ist auffallend, dass parallel zu der Entwicklung, mit der Körperfett in Ungnade fiel, das Interesse an Körpern und ihrem Funktionieren stieg und eine ganze Reihe von Methoden erfunden wurde, mit denen Körper und Ernährung gemessen werden konnten – wie etwa das Kalorienzählen. Mit diesen neuen Methoden entstanden überhaupt erst Kategorien wie ,Normalgewicht‘ und eben auch ,Übergewicht‘. Die Kalorie versprach den Menschen, sie könnten ihr Gewicht präzise über ihre Nahrung steuern – das war vorher weder möglich noch ein Ziel gewesen, das die Menschen hatten. Im frühen 20. Jahrhundert begannen Diätratgeber, den Menschen vorzurechnen, dass sie bei einer Ersparnis von 1.000 Kalorien am Tag monatlich 8 und jährlich 96 Pfund verlieren könnten – oder eben zunehmen würden, wenn sie 1.000 Kalorien mehr äßen. Diese Annahme der Quantifizier- und Regulierbarkeit von Körpern und Ernährung ist meines Erachtens zentral dafür, dass Dicksein zum Problem gemacht wurde. Denn nun schien ein dicker Körper auf den Unwillen oder das Unvermögen von Menschen hinzudeuten, sich selbst zu kontrollieren.“

Wie stellt sich das Bild vom Dicksein außerhalb der westlichen Welt dar? Ist es ebenfalls im Gros negativ besetzt?
„Das ist eine so kaum zu beantwortende Frage. Denn erstens ist die nicht westliche Welt äußerst heterogen und zweitens sind gerade gegenwärtig globale Verschiebungen zu betrachten, die auch die lokalen Körperbilder verändern. Aber es zeigt sich doch, dass Dicksein in anderen Gesellschaften positiv besetzt ist. Solche Repräsentationen von ,den anderen‘ funktionieren leider auch oft als Klischee und Katalysator für negative Bilder von Körperfett hierzulande, indem es dann als nicht weiß und in einer Form ,unzivilisiert‘ beziehungsweise mit einer geringeren Form von Entwicklung verknüpft wird.“

Wie sehr sind Schönheitsideale mit kulturellen Aspekten verbunden?
„Schönheitsideale sind zutiefst kulturell und untrennbar damit verbunden, auf welchen Vorstellungen Gesellschaften basieren. Schlanksein steht für so viel mehr als nur, einen schlanken Körper zu haben. Es gilt als schön, weil es ein Symbol für Selbstkontrolle, Selbstmanagement und Wissen ist – alles Werte, die in liberalen Gesellschaften als zentrale Qualitäten von Staatsbürgerschaft gelten und vor allem im Zeitalter der Selbstoptimierung abgefeiert werden. Deshalb ist ein Abweichen von Schönheitsidealen auch mit so hohen sozialen Kosten verbunden. Dicke Menschen werden in dieser Gesellschaft täglich diskriminiert. So gesehen, sind Schönheitsideale hochpolitisch.“

Wie empfinden Sie den aktuellen Trend hin zu „Body Positivity“? Findet derzeit womöglich ein Umdenken in puncto Schönheitsideal statt?
„Body Positivity ist ja selbst eine sehr heterogene Bewegung, die von fett-positiven Kampagnen bis hin zu Insta Models reicht, die ,Kurven‘ und Dehnungsstreifen zur Schau stellen. Außerdem wurde sie von der Mode- und Kosmetikindustrie gekapert, die die Forderungen entleert haben und nur noch als Label benutzen, um Werbung zu machen. Ob da ein Umdenken stattfindet, hängt dann auch davon ab, ob die politische Kritik an der Diskriminierung dicker Menschen hörbar bleibt und nicht über eine bessere Form der Selbstoptimierung, sondern über deren Logik selbst gestritten wird.“

Mehr dazu unter: https://geschichtedergegenwart.ch/uebergewicht-wie-das-kalorienzaehlen-zur-selbsttechnik-wurde/