„Langsam, aber stark“

Kurzumfrage

Die Branche erfährt einen Wandel, der sich langsam nur vollzieht, sich aber nicht mehr aufhalten lässt. Reicht die Zeit? ©FT

Autor: Markus Oess

Was sagt der konventionelle Fachhandel – kommt jetzt die große Nachhaltigkeitswelle? Was sollten grüne Labels leisten, um gelistet zu werden? Wir haben bei der Führung der drei großen Verbundgruppen im Handel nachgefragt.

FT: Greta Thunberg ist Heldin oder Reizfigur, aber wahrscheinlich wird ihr beides nicht gerecht. Sie wurde zur Reflexionsfläche für die eigenen Ängste/Wünsche. Losgelöst von ihrer Persönlichkeit? Gewinnen moralische Fragen nach Umweltschutz, fairen Lebens- und Arbeitsbedingungen tatsächlich an Bedeutung oder dominieren nicht immer noch Fragen wie Preis, Flächen und Systemfähigkeit etc.?

„Mehr Verantwortung für ökonomische, ökologische und soziale Folgen des eigenen Handelns“ Susanne Sorg ©EK/servicegroup

Susanne Sorg, Vorstand EK/servicegroup: „Obwohl die meisten Shopper einen moralischen Kompass haben, finden sie genug Gründe und Rechtfertigungen für inkonsequentes Verhalten. Doch die Luft wird angesichts des gesellschaftlichen Diskurses dünner. Greta Thunberg und auch viele andere haben einen Stein ins Rollen gebracht, der nicht mehr zu stoppen ist und sich direkt auf den Markt auswirkt. Darauf haben wir uns in Industrie und Handel einzustellen. Skalierbare Größen wie Rentabilität und Effizienz werden noch länger dominieren, doch der Nachhaltigkeitsfaktor gewinnt spürbar an Gewicht. Man merkt deutlich, dass die Bereitschaft aller Akteure wächst, mehr Verantwortung für ökonomische, ökologische und soziale Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen. Wir haben uns bereits freiwillig verpflichtet, die Standards des niederländischen ‚Convenant on Sustainable Textiles‘ einzuhalten, unter anderem werden hier auch Audits durchgeführt. Die wichtigste Voraussetzung für moralisches Handeln sind allerdings keine freiwilligen Maßnahmen, sondern klare gesetzliche Regeln.“

‚Klimawandel‘ in der Gesellschaft“ Dr. Daniel Terberger ©BrauerPhotos / G.Nitschke

Dr. Daniel Terberger, Vorstandsvorsitzender KATAG AG: „Die Menschen suchen sich immer Symbolfiguren, sei es nun Jeanne d’Arc oder Rudi Dutschke. Und auch Greta Thunberg ist zum Symbol für den Kampf gegen den Klimawandel geworden. Es hilft, die Komplexität auf eine bestimmte Person oder Sache zu reduzieren. So fällt es uns leichter, zu verstehen und Antworten zu finden. Aber um die Frage zu beantworten: Nachhaltigkeit bringt uns eine gewaltige Veränderung in der Gesellschaft. Aber so wie der Klimawandel langsam vonstattengeht und sich seine Folgen erst mit der Zeit zeigen, ist es auch mit dem ‚Klimawandel‘ in der Gesellschaft als Antwort darauf. Die Veränderungen kommen langsam, aber stark, und sie werden nicht mehr umzukehren sein. Aber das reduziert natürlich nicht wichtige Fragen des Marktes wie Produkt, Preis, Fläche, modische Aussage oder Zeitgeist.“

„Seltener, wertiger oder wertvoller konsumieren“ Gerhard Albrecht ©unitex

Gerhard Albrecht, Geschäftsführer unitex GmbH: „Es ist eine grundlegende Verhaltensänderung der gesamten Weltbevölkerung notwendig. So riesig und dennoch so klein ist die Aufgabe. Jeder Mensch sollte seinen eigenen Beitrag dazu leisten. Wenn wir es ernst damit meinen, dass wir die Anzahl der Katastrophen im Zusammenhang mit dem Klima für die nächsten Jahrzehnte und Generationen eindämmen wollen, dann ist jeder Einzelne gefragt. Für den Konsum im Gesamten und auch für die Bekleidung bedeutet dies, dass wir seltener, wertiger oder wertvoller konsumieren müssen. Wir müssen den Gütern wieder einen Wert geben. Das ist eine nahezu 180-Grad-Drehung, die schnell gehen sollte. Das ist sehr herausfordernd, beinhaltet eine massive Bewusstseins- und Verhaltensveränderung, an der wir nicht vorbeikommen. Heute sieht die Realität im Handel noch anders aus. Gestern habe ich einige Schaufensterfotos in einem Einkaufszentrum gemacht. 3. Dezember, Vorweihnachtszeit, nach Black Friday, Cyber Monday, Black Week und sonstigem Unfug mit Rekordumsätzen im Online-Business und entsprechendem Paketwahnsinn. Da könnte man noch so nachhaltig produzieren, wenn der Konsum dann hin und zurück über die Paketdienste auf den Straßen mit entsprechenden Emissionen zur Realität wird. Ich wünsche mir sehr und hoffe, dass Greta Thunberg der Auslöser für viele Veränderungen zur positiven Entwicklung auf unserem Planeten wird.“

Wie groß schätzen Sie das Interesse im konventionellen Handel, also bei Ihren Mitgliedshäusern, nach grüner Mode ein, hat sich diesbezüglich etwas im letzten halben Jahr getan?
Dr. Terberger: „Nachhaltigkeit beinhaltet nicht allein eine ökologische und soziale Komponente, sondern auch eine ökonomische. Alle Betriebe entlang der kompletten Wertschöpfungskette müssen leben können. Das schließt auch den deutschen Fachhandel mit ein. Also müssen diese Labels ebenso Fragen nach modischem Anspruch, Lieferfähigkeit und -sicherheit und auch der Rentabilität beantworten. Für Tests bieten sich jüngere Warengruppen in Mittelpreislagen, weil speziell junge Menschen nachhaltig konsumieren wollen, sich aber in aller Regel keine Premiummarken leisten können.“

Albrecht: „Grundsätzlich wurde das Bewusstsein auf allen Ebenen geschärft. Es wird deutlich mehr geforscht, entwickelt, konzipiert und es entstehen viele neue Aktivitäten. Unsere Mitglieder verstehen sich als Dienstleister für die Wünsche der Konsumenten. Das Heft hält der Kunde in der Hand. Er oder sie trifft die Entscheidungen. Tendenziell haben sich die Sortimente in diese Richtung weiterentwickelt, aber es gibt noch viel Luft nach oben.“

Sorg: „Auch Modehändler sind Teil der globalisierten Welt und bewegen sich im selben gesellschaftlichen Umfeld wie alle anderen. Geld zu verdienen ist okay, aber nicht um jeden Preis. Wir merken das an der wachsenden Nachfrage unserer Händler nach textilen Produkten, die unter umweltverträglichen und menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Ab Frühjahr 2020 gehen wir genau deshalb mit einer kompletten Babyface-Newborn-Kollektion in Bio-Baumwolle an den Start, in der DOB haben wir bereits eine ,Organic Cotton‘-Kollektion. Apropos Bio-Baumwolle: Hier steigt der Anteil der entsprechenden Anbauflächen zwar langsam, aber er steigt. Und das ist gut so. Wir haben in unserem EK-Fashion-Team übrigens auch einen CSR-Verantwortlichen, der direkt an unseren EK-Fashion-Direktor Jan Bongers berichtet.“

Was müssen grüne Labels leisten, um im konventionellen Handel gelistet zu werden, und welche Segmente bieten sich für erste Tests an?
Albrecht: Die wirtschaftlichen Anforderungen ändern sich nicht, das heißt, diese Parameter müssen mindestens vergleichbar sein. Zudem ist sicherlich ein immenser Aufklärungs-, Schulungs- und Kommunikationsbedarf für alle Stufen vorhanden. Es muss viel mehr erklärt werden als in der Vergangenheit. Wir unterstützen das im Rahmen des unitex-Retail-Campus. Das ist eine riesige Chance für den stationären Fachhandel!“

Sorg: „Sie müssen Qualität haben, ein gutes Design und nachweislich nachhaltig hergestellt werden. In diesem Zusammenhang spielt der Preis übrigens nicht die Hauptrolle. Gleichzeitig wird mehr Wert auf kompetente Beratung am PoS gelegt. Und gerade da kann der Fachhandel seine Klasse ausspielen. Besonders im Fokus stehen der Baby- und Kleinkindsektor. Mit grünen Labels rennen die Händler bei ihren Kunden offene Türen ein, denn beim Nachwuchs machen junge Eltern keine Kompromisse.“

Dr. Terberger: „Nachhaltigkeit beinhaltet nicht allein eine ökologische und soziale Komponente, sondern auch eine ökonomische. Aller Betriebe entlang der kompletten Wertschöpfungskette müssen leben können. Das schließt auch den deutschen Fachhandel mit ein. Also müssen diese Labels ebenso Fragen nach modischem Anspruch, Lieferfähigkeit und -sicherheit und auch der Rentabilität beantworten. Für Tests bieten sich jüngere Warengruppen in Mittelpreislagen, weil speziell junge Menschen nachhaltig konsumieren wollen, sich aber in aller Regel keine Premiummarken leisten können.“