„Einfach finden“

Eco Fashion

„Es geht nicht darum, Musterland zu sein, sondern darum, dass alle ihren Teil zum großen Ganzen beitragen.“ ©pixabay
Autor: Markus Oess

Seit sechs Jahren beschäftigt sich Thimo Schwenzfeier inzwischen mit nachhaltiger Mode. Als Macher der Berliner Plattform NEONYT, die von der Messe Frankfurt organisiert wird, kommt der Manager auch international viel herum. Nachhaltigkeit rückt nicht erst seit der zurückliegenden Saison zusehends in den Fokus der Branche. Aber nun müssten Politik, Industrie und Handel an einem Strang ziehen, um spürbare Veränderungen herbeizuführen, sagt Schwenzfeier. Die Chancen dazu stünden gut.

In erster Linie müssen Unternehmen ihrer Verantwortung gerecht werden.“ Thimo Schwenzfeier ©Messe Frankfurt

FT: Herr Schwenzfeier, wenn wir einen Blick in Ihren Kleiderschrank werfen, wie viele nachhaltig produzierte Teile finden wir?
„Da ich mich seit knapp über sechs Jahren mit dem Thema nachhaltige Mode beschäftige, würde ich auf über 50 Prozent tippen. Aber ich habe und trage auch noch eine Vielzahl ‚konventioneller‘ Marken, wenn die Qualität stimmt. Das ist schließlich ebenfalls ein Baustein von Slow Fashion. Und ich bin auch heute nicht vor klassischen Lustkäufen gefeit – wenn ich über die Zeil in Frankfurt flaniere und mir gefällt eine Jacke im Schaufenster, dann möchte ich die haben. Am besten ist es natürlich, wenn schon im Schaufenster eine nachhaltige Marke zu entdecken ist.“

Auf welche Zertifizierungen setzen Sie beim Kleiderkauf? Sie dürfen sich eine aussuchen.
„Es gibt nicht das eine Siegel, das alle Bereiche der Wertschöpfungskette abdeckt, deshalb fällt es mir hier auch etwas schwer, mich festzulegen. Das wird der Komplexität des Themas einfach nicht gerecht. Aber wenn Sie mich zwingen, würde ich wohl den Global Organic Textile Standard nennen. Das Siegel berücksichtigt die Einhaltung von Sozialkriterien ebenso wie die von Umweltaspekten.“

Ist Nachhaltigkeit wirklich in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, kaufen die Menschen inzwischen bewusster Mode ein?
„Das Bewusstsein der Gesellschaft ist durch Umweltbewegungen wie Fridays for Future definitiv gewachsen. Studien zeigen jedoch, dass die Kaufentscheidung immer noch in erster Linie von der Verfügbarkeit und vom Look abhängt. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Sustainable Fashion konventioneller Mode optisch in nichts nachsteht. Auf der NEONYT finden Einzelhändler genau das, was die Kunden suchen: hochmodische Sustainable Fashion. Zudem müssen sowohl die Modemarken als auch der Handel Konsumenten noch stärker und transparenter informieren, sodass bewusste Konsumenten diese im Handel auch einfach finden.“

Warum sind dann Discounter und Anbieter von Fast Fashion so erfolgreich beziehungsweise liegt es weniger am System ,billig schnell und weg damit‘ als vielmehr an modischen Fehlleistungen der Designer, wenn es zu Problemen kommt und sich Konsumenten abwenden?
„Fast Fashion kann Trends, die durch High Fashion ausgelöst werden, schneller umsetzen; schneller und häufiger Kollektionen in den Markt bringen. Aber auch Fast-Fashion-Giganten wie H&M wollen das verloren gegangene Vertrauen der Kunden wiedergewinnen, handeln und setzen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit intensiv auseinander. H&M versucht sich deshalb beispielsweise zurzeit an Mietservices oder Recycling von Kleidung. Bei der NEONYT beschäftigen sich die Marken nicht erst seit gestern mit den Möglichkeiten einer nachhaltigen und sozial verträglichen Produktion. Und wer denkt, nachhaltige Mode kann in Sachen Design mit konventioneller Mode nicht mithalten, ist meiner Meinung nach einfach nicht informiert.“

Viele Deutsche sprechen in Umfragen gern davon, nachhaltig konsumieren zu wollen. Aber besteht nicht zwischen Absicht und Handeln doch eine Lücke?
„Es kann nicht allein den Kunden angelastet werden, durch ihre Kaufentscheidung einen Wandel zu bewirken. In erster Linie müssen Unternehmen ihrer Verantwortung gerecht werden, indem sie ihre Lieferketten umstellen und gegenüber Verbrauchern klar und transparent kommunizieren.“

Greta Thunberg wird zur Weltretterin erklärt oder zur großen Nervensäge – je nach Bedarf. Gleichzeitig wird viel davon gesprochen, dass die Verbraucher den Wandel wollen und ihn notfalls per Kaufentscheidung herbeiführen. Kann das gelingen?
„Verbraucher können definitiv den Druck auf die Modebranche erhöhen – und das tun sie bereits. Es wird aber wohl immer nur ein Teil der Konsumenten sein, die sich in der Tiefe mit dem Thema auseinandersetzen. Entscheidend ist also, dass die Politik mit der Industrie zusammenarbeitet und den Wandel forciert. Nur so wird sich grundlegend etwas verändern. Damit meine ich vor allem die Arbeitsweisen entlang der textilen Wertschöpfungskette.“

Gibt es für Sie ein Musterland oder eine Mustergesellschaft, die nachhaltig konsumiert?
„Ich denke, dass wir in Deutschland schon relativ weit sind, was das Bewusstsein für den Klimawandel und eine nachhaltige Entwicklung betrifft. Auch in Skandinavien oder den Niederlanden wird Nachhaltigkeit immer populärer. Und auch in Ländern wie den USA oder China gibt es eine wachsende Szene für umweltbewusste Themen. Nachhaltigkeit ist international ein Schlüsselthema, wie auch die Länderpavillons während der vergangenen Ausgaben der NEONYT gezeigt haben und auch zur kommenden Ausgabe noch stärker zeigen. Es geht nicht darum, Musterland zu sein, sondern darum, dass alle ihren Teil zum großen Ganzen beitragen.“

Marken wie HUGO BOSS oder GUCCI stehen der Umfrage zufolge genauso wenig für Nachhaltigkeit und faire Löhne wie Discounter und Fast-Fashion-Anbieter. Die Verbraucher sehen vor allem die Marken und Händler in der Pflicht. Wie sehen Sie das?
„Für große Luxusmarken ist es doch fatal, mit Discountern oder Anbietern von Fast Fashion quasi gleichgesetzt zu werden. Da sehe ich eine hohe Verpflichtung bei den Marken. Und die Statements beispielsweise von KERING oder LVMH werden ja auch immer eindeutiger. Jetzt muss die Umsetzung folgen. Die Händler sehe ich in der Pflicht, mutig das Thema Nachhaltigkeit in ihre Sortimente aufzunehmen, ihr Verkaufspersonal zu schulen und dem Online-Handel echte, relevante, emotionale Geschichten entgegenzusetzen. Aber auch der Verbraucher muss etwas beisteuern, zum Beispiel indem der Kauf von Bekleidung wieder bewusster und langlebiger erfolgt.“

Sie sind auch international unterwegs, kennen die weltweite Szene aufseiten des Handels wie auch der Industrie. Wie schätzen Sie die Situation ein – wie weit sind wir global betrachtet von einer wirklich nachhaltigen gesamten Wertschöpfungskette im Textilsektor entfernt?
„Auch hier kommt es darauf an, wie genau Nachhaltigkeit definiert wird. Ich sehe auf meinen internationalen Reisen, dass umweltbewusstere Alternativen immer mehr in den Fokus rücken. Dadurch wird es für Unternehmen immer dringlicher, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und Antworten parat zu haben. Global gesehen ist die konventionelle Textilbranche aber sicherlich noch einige Jahre von einer vollständig nachhaltigen Wertschöpfung entfernt. Aber, und das ist ganz wichtig: Nachhaltigkeit ist kein Trend, der wieder verschwindet. Wer jetzt nicht die Weichen stellt, wird in einigen Jahren keine Bedeutung mehr haben. Die NEONYT mit ihren Ausstellern ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet und wird deshalb in Zukunft weiter an Relevanz gewinnen.“

Was sind die drängendsten Probleme?
„Laut den UN ist die Modeindustrie für etwa 10 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Diese Treibhausgase tragen maßgeblich zum Klimawandel bei. Da muss sich schnell etwas ändern. Aber auch im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen in Produktionsländern muss sich dringend etwas tun. Und auch die Transparenz in der Lieferkette, die Komplexität der Subsubsublieferanten ist eine wichtige Baustelle.“

Wo schlummern die Quick Wins, also Ansatzpunkte, die schnell realisierbar sind und auch im nennenswerten Umfang Änderungen herbeiführen?
„Da gibt es viele Möglichkeiten, innerhalb der Wertschöpfungskette anzusetzen. Die Marken, die auf der NEONYT vertreten sind, haben einen ganzen Katalog an Antworten auf diese Frage. Ein Großteil setzt auf siegelzertifizierte Produktionsstätten, die faire Arbeitsbedingungen gewährleisten. Viele verwenden ausschließlich nachhaltige Fasern. Und auch die Reduktion der CO2-Ausstöße – beispielsweise durch minimierte Transportwege und neue Technologien – ist ein Thema, das viele Labels beschäftigt. Kommen Sie einfach im Januar vorbei, um zu sehen, wie gut Wandel aussehen kann.“