Crash mit Dominoeffekt

Billiglohnländer

©Michael Gottschalk/photothek.net
Autorin: Cordelia Albert

Die Corona-Pandemie sorgt weltweit für einen heftigen Crash in der Bekleidungsbranche: geschlossene Geschäfte, sinkende oder gar keine Abverkäufe, Existenzangst. Ein Dominoeffekt mit Folgen. Händler bleiben auf ihrer Ware sitzen, ordern nicht mehr nach oder stornieren bei ihren Herstellern, die wiederum die Aufträge bei ihren Fertigungsbetrieben kappen. Am Ende der Kette trifft es die Ärmsten aus den Niedriglohnländern besonders hart. Doch selbst wenn keine Orders storniert würden, gäbe es gravierende Probleme in der Lieferkette.

Die ganze (Handels-)Welt im Ausnahmezustand: Geschäfte geschlossen, der Umsatz im Keller, Existenzangst macht sich breit. Das ist in der Bekleidungsbranche nicht anders als in anderen Segmenten. Die Händler bleiben auf ihrer Ware sitzen, dementsprechend ordern sie weniger, gar nicht mehr oder stornieren ihre Bestellungen. Das hat wiederum Folgen für die Bekleidungs- und Textilhersteller, die sich laut einer aktuellen Studie des Münchner ifo INSTITUTs deutlich pessimistischer als im Vormonat zeigen. So sank der Produktionsindex bei Textilherstellern um 16 Indexpunkte auf minus 24 Punkte, bei Bekleidung ging er um 12 Punkte auf minus 22 Punkte zurück. Als Konsequenz dieser Entwicklung reagieren auch die Hersteller mit Verschiebung oder Stornierung ihrer Aufträge. Doch nicht nur deshalb stehen zunehmend die Nähmaschinen still, sondern auch, weil in einzelnen Ländern als Schutz vor dem Coronavirus die Fabriken geschlossen wurden. Ein verheerender Kreislauf, der besonders die Menschen in den armen Ländern trifft.

Unter den fünf wichtigsten Herkunftsländern für Bekleidung steht Bangladesch an Platz zwei (siehe Tabelle). In dem Land gibt es rund 2.000 Bekleidungslieferanten mit circa 4.000 Fabriken. Eine Online-Umfrage des Center for Global Workers’ Rights (CGWR) unter Arbeitgebern des Landes Ende März zeigte, dass seit dem Ausbruch von Corona rund 46 Prozent der laufenden beziehungsweise bereits fertiggestellten Produktionen von den Auftraggebern storniert worden seien. Rund 72 Prozent der Einkäufer würden außerdem die von ihren Lieferanten bereits eingekauften Materialien nicht bezahlen und sogar 91 Prozent weigerten sich, die Produktionskosten zu begleichen.

Die Konsequenz: Inzwischen mussten nicht nur 58 Prozent der Fabriken geschlossen werden (Stand Ende März), sondern durch die finanziellen Ausfälle seien über eine Million Fabrikarbeiter ohne die rechtlich vorgeschriebene Bezahlung oder Abfindung nach Hause geschickt worden. Zwar stünden laut Gesetz beurlaubten oder entlassenen Arbeitern Teillöhne oder Abfindungen zu, doch die Realität sieht anders aus. Laut der Studie bekommen 72 Prozent der beurlaubten und 80 Prozent der entlassenen Fabrikarbeiter überhaupt kein Geld. Bedenkt man in diesem Zusammenhang, dass ein Angestellter meist allein eine ganze Großfamilie von seinem Verdienst ernährt, wird das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich.

Viele erschwerende Faktoren

Doch es sind nicht nur die Stornierungen und Zahlungsausfälle der Modefirmen, die dramatische Konsequenzen für die Produktionsfirmen in den Niedriglohnländern haben, sondern auch die Schließungen in den Ländern an sich. In Bangladesch wurde beispielsweise ein landesweiter Urlaub ausgerufen, bei dem Büros geschlossen und der öffentliche Verkehr eingestellt wurde. Selbst wenn ihre Fabrik noch geöffnet ist, haben die Menschen Probleme, zu ihrer Arbeit zu gelangen. Im ebenfalls für den Bekleidungssektor wichtigen Indien gilt seit 24. März (vorerst bis Mitte April) eine vollständige Ausgangssperre, weshalb die gesamte Produktion komplett geschlossen wurde. Das heißt aber auch, dass Lieferungen, die zum Beispiel für den Online-Handel oder Kundenvorbestellungen dringend erwartet werden, nicht produziert beziehungsweise verschickt werden können. Dazu kommt noch der zunehmende Materialmangel. Denn im größten Produzentenland China standen nicht nur die Nähmaschinen still, sondern auch die in anderen Ländern für die Herstellung benötigten Werkstoffe und Zutaten können nicht geliefert werden, genauso wenig wie momentan Stoffe aus Italien erhältlich sind, wo die Produktion ebenfalls stillsteht.

Glücklicherweise gibt es aber auch erste Lichtblicke im Dunkeln. Vor allem Marken von fairer Kleidung betonen, dass sie ihre Bestellungen abnehmen und bezahlen werden. Und als erster internationaler Konzern hat nun H&M erklärt, Verantwortung zu übernehmen. Aufträge, für die die Produktion bereits gestartet sei, wolle man nicht stornieren, was für die Endfertigung, aber auch für Materialien und Rohstoffe gelte, heißt es in einer Konzernmitteilung. Dem schlossen sich Unternehmen wie INDITEX, MARKS & SPENCER, KIABI, PVH und Target an und versicherten, dass sie die bereits gefertigte Ware ihrer Produzenten abnehmen werden.