Die Kräfte schwinden in der Verlängerung.

Lockdown

©pixabay

Autor: Markus Oess
Eigentlich wäre es Zeit, die erste Bilanz zu ziehen und darüber zu befinden, ob die Order gut oder weniger gut werden sollte. Nach Monaten des Lockdowns und der Ankündigung von Bund und Ländern, die Geschäfte noch bis wenigstens 7. März geschlossen zu halten, lautet die Frage, ob es für den Handel im Super-GAU endet oder nur in einer Katastrophe. Die Stimmung im Handel und bei der Industrie ist im Keller, die Aussichten sind schlecht. Wir haben mit KATAG-Vorstand Knut Brokelmann über die Order und die Perspektiven für die kommende Wintersaison gesprochen.

Die Spielarten im Umgang mit der angelaufenen Order Herbst/Winter 2021/2022 hängen neben modischen Aspekten von zwei Faktoren ab: Wie haben die Händler im Lockdown ihre Läger räumen können und wie viel Geld ist in der Kasse, um tatsächlich Ware zu ordern? Während die Industrie dem Handel mit Valuten oder Warentausch bis hin zur Rücknahme entgegenkommt, ist andererseits beim Handel schon der Wunsch nach Neuheiten zu spüren, allein es scheitert zu oft an den Finanzmitteln. Die Hoffnung, im Schlussspurt mit dem Ende des Lockdowns noch in der auslaufenden Wintersaison das Lager halbwegs zu säubern, hat sich mit der Verlängerung des Lockdowns bis mindestens 7. März vollends zerschlagen. So gesehen bringt die Verlängerung der Order bis nahezu Mitte März nur wenig, sollten sich bis dahin die Perspektiven im Handel nicht wieder aufhellen. Mittlerweile gibt es Initiativen der Handelsverbände und einer Allianz von Modehändlern, gegenüber der Politik die Nöte der stationären Händler deutlich zu machen und die ersehnten Hilfen nicht nur endlich komplett auszuzahlen, sondern auch adäquat auszustatten. Inzwischen hat die unitex mit Händlern rechtliche Schritte eingeleitet, um den verordneten Ladenschluss zu beenden. Ende offen. Gleichzeitig sagen die Messeveranstater reihenweise ihre physischen Veranstaltungen ab, zuletzt die INNATEX und die SUPREME in München, wo die Behörden aufgrund der Pandemie und der Furcht vor der britischen Mutante den Stecker zogen. Gerd Oliver Seidensticker, Chef des gleichnamigen Unternehmen und Präsident des Industrie-Verbandes GermanFashion setzt darauf, dass mit der Ladenöffnung auch die Konsum an Fahrt gewinnt: „Die Beschaffungsseite ist bis auf die Transportherausforderungen, die wir insbesondere gerade in China haben, sehr stabil. Die Mitglieder unseres Verbandes haben die Produktionsmengen bereits vor einem Jahr coronabedingt leicht nach unten korrigiert und etwas vorsichtiger disponiert. Die Order seitens der Händler zeigt sich zwar schleppender und zurückhaltender, doch geht die Industrie davon aus, dass sich mit den dringend erforderlichen Öffnungen im Einzelhandel die Situation entspannen wird und die Kauflust an den POS zurückkehrt.“

Bemühen um faire Lösungen und wirtschaftliche Zwänge

Schätzungen gehen von einem Rückgang des Abverkaufs vor der jüngsten Lockdown-Verlängerung von bis zu 60 Prozent in der Spitze aus – je nach Marke und je nach Sortiment. Und nicht jeder stationäre Händler kommt mit den Internetverkäufen gut zurecht, manche wollen es auch nicht. „Entsprechend dürfte die Order ausfallen“, sagt ein Händler gegenüber FT. Dabei dürfte es bei der DOB noch etwas besser aussehen als bei den Männern. „Wir spüren allseits das Bemühen um faire Lösungen, aber der wirtschaftliche Zwang ist eben zu groß“, sagt der Händler. Wo die Ware, wenn auch unter Margenverlust, abgeflossen ist, ist die Bereitschaft zu ordern naturgemäß höher. Zudem hängt es an den finanziellen Möglichkeiten der Unternehmen.

Auch bei der EK/servicegroup gehen die Orders runter. Dennoch, sagt Daniel Kullmann, Head of Corporate Marketing and Communications, sei man zufrieden, immerhin wurden die angepassten Ziele erreicht. „Insbesondere für unsere Haka-Marke Marco Manzini hat sich ausgezahlt, dass wir unseren Händlern viel neue Marketing-Maßnahmen angeboten haben, online und offline. Das hat sich jetzt ausgezahlt. Ebenso, dass wir neue Wege gegangen sind, inklusive Live-Streams mit Kollektionsvorstellung oder Live-Chats mit Händlern, in denen wir unsere Kollektionen digital vorgestellt haben. Übrigens läuft unsere Messe-Order noch bis zum 19. Februar, daher ist das jetzt nur ein Zwischenfazit.“ Ein Großteil der Ware wird in Europa produziert, manches auch Fernost, in China. Auch die Bielefelder haben die Mengen reduziert und gehen nun vorsichtig optimistisch in die Planungen, wie Kullmann sagt. „Wir haben durch eine eng abgestimmte Planung mit unseren Vorlieferanten alle Lead Times einhalten können. Durch die langjährige Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten haben wir Wege gefunden, um für alle Beteiligten am Ende Zufriedenheit zu schaffen. So haben wir die Zeit der reduzierten Volumina genutzt, um die Qualität der Ware weiter zu verbessern und sind daher gut gerüstet für die Zeit nach der Pandemie.“ 

„Schließlich steht unsere Zukunft auf dem Spiel.“

Knut Brokelmann ist Vorstand der KATAG AG in Bielefeld. Er sagt, das Bild in der Branche sei uneinheitlich und es hänge von vielen Faktoren ab, wie sich Handel und Industrie nach Ablauf der Order stellen, vor allem aber, wie sie in die nächste Saison starten.

„Anders als im ersten Lockdown empfehlen wir, den Warenfluss offen zu lassen. Wir können nicht noch einmal komplett stoppen.“ Knut Brokelmann, KATAG AG ©privat

FT: Herr Brokelmann, wie ist die Order angelaufen und wie viel wird überschlägig reduziert?
Knut Brokelmann:Was positiv zu vermerken ist: Die Händler kommen bewusst zu uns in die Showrooms, sie wollen die Ware anfassen und suchen den persönlichen Kontakt, selbstverständlich bei Einhaltung aller Abstands- und Hygienevorschriften. Und das, obwohl wir natürlich auch den Orderprozess komplett digitalisiert anbieten. Wir merken einfach, die Menschen sehnen sich regelrecht danach, sich wieder zu treffen. Was das Ordervolumen und die Orderstrategie angeht, gibt es kein einheitliches Bild. Wir können nicht pauschal sagen, es wird x Prozent weniger gekauft. Hier spielen viele Fragen eine Rolle: Haben die Händler, wenngleich auch unter Margenverlust, ihre Läger zumindest halbwegs bereinigen können? Wann gehen sie vom Ende des Lockdowns aus? Februar? Dann besteht noch Hoffnung, Winterware zu verkaufen. März oder sogar Ostern? Dann ist das Thema durch. Wie sieht es mit der Finanzkraft aus?“

Welche Sortimente stehen dabei im Fokus und gibt es vielleicht auch Bereiche, die sogar zulegen, wie etwa Homewear oder Casual Wear?
„Bei den Sortimenten gibt es Bereiche, die immer noch auf der Verliererstraße sind: Businesswear und Anlassmode zum Beispiel, einfach weil der Grund, Anzug zu tragen, weggefallen ist. Andere Bereiche wie Casual, besonders Strick, Wäsche, Heimtex oder Kinderkleidung, zählen sogar zu den Gewinnern. Hier verzeichnen wir auch gerade bei Cashmere mit (THE MERCER) N.Y., aber auch mit In Linea, Clarina für die DOB und Commander für die HAKA gute Zahlen. Bequemlichkeit, Wohlfühlen liegen im Trend. Was wir auch sehen, ist, dass attraktive Marken wie Marc O’Polo durch den Online-Handel einen zusätzlichen Schub erhalten, da hier zum einen die Bekanntheit und die Qualität einer Marke wesentlich stärker zum Zuge kommen. Zum anderen werden die Wünsche der Verbraucher mit tollen Kollektionen einfach getroffen, wie bei BETTER RICH, oder sie nicht zuletzt wie am Beispiel FYNCH-HATTON gegenüber den Händlern einen guten Job machen.“

Auf welche Agreements können sich Händler und Industrie aus Ihrer Sicht einigen, um auf der einen Seite den verlängerten Lockdown für Händler sortimentsmäßig, vor allem aber auch finanziell, zu verkraften und umgekehrt auf der anderen Seite die Ausfälle für die Industrie verkraftbar zu halten?
„Generell lässt sich sagen, dass überall der Wille förmlich zu greifen ist, gemeinsam diese fundamentale Krise zu meistern, und Handel, Industrie und wir nach guten, praktikablen Lösungen suchen, die allen gerecht werden. Schließlich steht unser aller Geschäftsmodell und damit unsere Zukunft auf dem Spiel. Ob und wie weit Handel und Industrie aufeinander zugehen, hängt wiederum auch von vielen Faktoren ab. Wie weit kann der Handel Ware ordern, wie sieht es mit der Verlagerung hin zu NOS aus, welche Angebote gibt es? Kann die Industrie überhaupt Ware tauschen oder komplett zurücknehmen? Wie sieht es mit dem finanziellen Atem aus? Entscheidend sind der Warenbestand und die Liquidität. Innerhalb dieser Eckpfeiler ist die Bandbreite der Lösungen sehr groß. Auch hier gilt: Flexibilität gewinnt. Anders als im ersten Lockdown empfehlen wir, den Warenfluss offen zu lassen. Wir können nicht noch einmal komplett stoppen. Es gibt aber auch Lieferanten, die überhaupt nicht in der Lage sind, Ware auszuliefern, weil es pandemiebedingt in der Vorstufe hakt. Ich komme gerade aus München und ich habe mit österreichischen Händlern gesprochen. Bekanntlich wird dort wieder geöffnet. Dort geht der Handel davon aus, dass das Geschäft schnell wieder anspringt, auch wenn natürlich die Verluste nicht mehr komplett aufzuholen sind. Es gibt aber auch die Furcht vor einem dritten Lockdown.“

Nun wurde auf dem Bund-Länder-Gipfel die Verlängerung des Lockdowns bis mindestens 7. März beschlossen. Was bedeutet das für den Handel und in der Folge für die Order?
„Für Handel ist die Nachricht natürlich ein Desaster. Fast noch schlimmer ist, dass man noch immer nicht planen kann. Übrigens ist die Industrie von der Entscheidung genauso betroffen. Für die Order sehe ich keine weitere Verschärfung. Die Budgets waren und bleiben konservativ und die Hoffnung auf einen halbwegs vernünftigen Start der HW 21 Saison bleibt.“