Steiner & Madlaina: Wünsch mir Glück

GEHÖRT – GEKAUFT

Nach den vielen Konzerten auf eigenen Touren, auf Festivals oder im Vorprogramm von Acts wie Faber und Element of Crime haben Steiner & Madlaina nun auf ihrem zweiten Album „Wünsch mir Glück“ ihre Sprache in Sound, Haltung und Wort gefunden. ©Tim Wettstein

Autor: QK

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Wer in den letzten zwei Jahren nur einmal vor einer Bühne stand, auf der Nora Steiner und Madlaina Pollina sangen und Gitarre spielten, der ahnte ja bereits, dass diese beiden Schweizerinnen Mitte zwanzig in Sachen Songwriting (und Gesang! und Charisma!) in der Champions League spielen. Alle anderen werden spätestens von ihrem zweiten Album „Wünsch mir Glück“ überzeugt werden, das am 29. Januar 2021 erscheinen wird.

Steiner & Madlaina schreiben ihre Songtexte jeweils allein, sind aber trotzdem schon seit ihrer Jugend eine kreative Einheit. Gerade auf diesem Album haben sie viel über die Themen und Texte gesprochen und sich gegenseitig als höchste und einzige Instanz in Sachen Qualitätskontrolle ausgetauscht. Es beginnt mit einem „Gute-Laune-Song mit leicht bitterem Nachgeschmack“. So sagen es die Künstlerinnen selbst sehr treffend über den Opener ihres zweiten Albums und benennen damit zugleich eine Spezialität des Hauses Steiner & Madlaina – denn genau diese Geschmacksrichtung können sie perfekt zubereiten. „Es geht mir gut“ wird zu Weißweinschorle bei 40 Grad im Schatten gereicht, ein Chor säuselt, ein entspannt groovender Rocksong streckt sich gemächlich aus und die beiden Schweizerinnen schmieren einem spätestens im Refrain das schlechte Gewissen unwiderstehlich wie nicht mehr ganz frische Erdbeermarmelade aufs Brot: „Wie Leonce und Lena steht uns Langeweile gut / Uns ist total bewusst, was rundherum der Mensch so tut / Zu faul für jegliche Debatten / Bleib ich bei vierzig Grad im Schatten.“ Eine ihrer Stärken kommt schon hier zum Tragen: Nora Steiner und Madlaina Pollina sind viel zu schlau, um sich mit fuchtelnden Zeigefingern als Gutmenschen zu inszenieren, sondern demontieren sich mit gut abgeschmeckter Selbstironie und schmerzhaften Wahrheiten selbst gleich mit, bis sie in einer letzten Umarmung ganz richtig feststellen: „Wenn wir alle Lust drauf hätten, könnten wir die Welt noch retten.“ Autsch.

Aber der Reihe nach: 2015 erschien ihre erste EP „Ready to Climb“. Fünf Lieder, vier auf Englisch, eines auf Deutsch. Dunkler Folk, der auf Gitarre, Klavier und den Gesang der beiden setzte. 2018 kam das Debüt „Cheers“, das überwiegend deutsche Lieder mit einer Handvoll englischer und dem wundervollen „Herz vorus id Wand“ auf Schwyzerdütsch mischte. Das Label ihres Vertrauens schon damals: GLITTERHOUSE RECORDS. Eine gar nicht so ungewöhnliche Wahl, denn neben Americana-Größen wie Spain oder The Walkabouts veröffentlichen zum Beispiel auch Die Nerven ihre Alben bei der Institution in Beverungen. „Cheers“ war schon eine dieser Platten, die manch einen hart beeindruckten. Allein das abgründige Liebes-Duell „Wenn du mir glaubst“ oder die bissige Hymne „Das schöne Leben“ waren so perfekt getextet, dass man gar nicht glauben wollte, hier ein Debütalbum vor sich zu haben. Dazu klangen die beiden Frauen Mitte zwanzig auf eine Weise verschmitzt, cool, kämpferisch, angetrunken und weise, als hätten sie schon im Gaslight Cafe im New York der 1960er gesessen, in Seattle mit Layne und Kurt abgehangen, mit Kim Gordon Kunst gemacht und mindestens einmal Paul Westerberg oder Shane MacGowan unter den Tisch getrunken.

Nach den vielen Konzerten auf eigenen Touren, auf Festivals oder im Vorprogramm von Acts wie Faber und Element of Crime haben Steiner & Madlaina nun auf ihrem zweiten Album „Wünsch mir Glück“ ihre Sprache in Sound, Haltung und Wort gefunden. Und dabei fällt sofort auf: Alle Songs sind auf Deutsch getextet. Eine gute Entscheidung, denn die elf deutschen Songs beweisen eindrücklich, dass die beiden lyrisch einen verdammt guten Lauf hatten. In Sachen Sound und Wucht hat sich ebenfalls ein wenig geändert: Denn auch wenn Steiner & Madlaina kreativ als Duo arbeiten, sind sie stolz auf „ihre Jungs“ beziehungsweise ihre Live-Band, die ihnen auch im Studio zur Seite stand. Leonardo Guadarrama (Schlagzeug), Nico Sörensen (Bass) und Max Kämmerling (E-Gitarre) spielten unter Leitung von Nora und Madlaina die Songs live im Studio ein. Sehr dynamisch eingefangen wurde das von Produzent Alex Sprave, der schon bei „Cheers“ am Start war. Indie-Folk und der oft verschmelzende Gesang der beiden bilden zwar nach wie vor die Basis, aber das bluesige „Und die bin ich“ oder das wütende „Wenn ich ein Junge wäre (ich will nicht lächeln)“ erweitern ihre Klangfarbe sehr schlüssig.

Tja, bleibt an dieser Stelle also nur noch, all den Lesenden hier dieses Album in seiner Gänze ans Herz zu legen – und den beiden an dieser Stelle eine große Karriere an den Hals zu wünschen. Denn wer wie Steiner & Madlaina seit frühen Jahren so hart an seiner Kunst arbeitet, wer es schafft, mit oft einfachen Worten solch komplexe Themen und Gefühle auszuloten, wer dabei auch noch einen mal grimmigen, mal liebevollen, aber nie abgehobenen Humor an den Tag legt – und wer dann auch noch so verdammt gut singen kann und so dermaßen tolle Konzerte spielt, der hat alle Radio-Unterstützung und jede Titelstory des Landes verdient. Meine Meinung.

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Delvon Lamarr Organ Trio – I Told You So

Das neue Album des grandiosen Instrumental-Soul-Jazz-Trios Delvon Lamarr Organ Trio – oder wie es manchmal genannt wird: DLO3 – ist spezialisiert auf die verlorene Kunst der „Wohlfühlmusik“. Die Zutaten dieses berauschenden Cocktails sind eine große Portion des Orgel-Jazz der 1960er-Jahre von Jimmy Smith und Baby Face Willette, eine Prise des flotten Soul von Booker T. & The M.G.’s und The Meters und ein Spritzer Motown, Stax Records, Blues und kosmische Gitarre im Stil von Jimi Hendrix. Es ist ein Soul-Jazz-Gebräu, das direkt ins Herz geht und den Körper ins Schwitzen bringt. Zur Band gehört der Organist Delvon Lamarr, ein virtuoser Autodidakt mit perfektem Gehör, der sich den Jazz selbst beigebracht hat und mühelos eine Vielzahl von Instrumenten spielen kann.

Es ist ein Soul-Jazz-Gebräu, das direkt ins Herz geht und den Körper ins Schwitzen bringt. Delvon Lamarr Organ Trio ©Francis A. Willey

An der Gitarre ist der Dynamo Jimmy James zu hören, der sich durch chankende Gitarren im Stil von Steve Cropper, vulkanisches Acid-Rock-Freak-Out-Leadspiel und Slinky Jazz im Stil von Grant Green bewegt. Aus Reno, Nevada, kommt der Schlagzeuger Dan Weiss (auch vom Powerhouse Soul- und Funk-Kollektiv The Sextones). Dans schwingend drängendes Pocket-Groove-Drumming sorgt für die explosive Chemie des Trios. Gegründet von Lamarrs Frau und Managerin Amy Novo, begann das Trio 2015 aus bescheidenen Anfängen, hat aber seither zwei Billboard-Chart-Alben veröffentlicht und tourte weltweit vor ausverkauften Häusern. Jetzt kehrt das Trio mit seinem zweiten Studioalbum „I Told You So“ zurück, mit noch härteren Grooves und mehr Selbstvertrauen. Seit ihrem letzten Studioalbum sind zwar schon einige Jahre vergangen, aber sie haben nichts verlernt.

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Martin & Garp – Sentimental Fools

Nach sechs Jahren und so vielen verschiedenen Projekten endlich ein neues Studio-Album der Weilheimer Indie-Helden. Mit diversen Gästen, unter anderem Saya von den Tenniscoats, Juana Molina, sogar Jazzerin Angel Bat Dawid (von ihr kommt auch Neues, bin schon gespannt). Erstaunlich, was sie hier jeweils alles im selben Song zusammenmixen, teils übereinanderschichten, teils nebeneinanderstellen. Zum Beispiel: Repetitive Tasten-Motive (durchdringende Orgel) + Kraut-Spuren + Suicide-artiges in anderem zunehmend wärmeren Ambiente + Garage Rock + Pop, mehrere Ebenen parallel geschaltet. Can + kreiselndes Dauer-Motiv + naiv-betörender Gesang in zeitgenössischer Indie-Pop-Hypnose. Polyrhythmische Perkussivität + unterschwellige wie offen ausgestellte getragene Klangflächen + eine ständig wiederholte auf- und absteigende Gitarren-Punktierung + schwebende lichte, traumverlorene, bezirzende, bewegliche Schwaden + Ambient- und Jazz-Spuren. Außerweltliches trifft Silver Apples.

Schillernde, glitzernde, wundervolle und verstörende Sounds zugleich + tiefmelancholisch, zart und tröstend in einem + simple Beat Box meets Klangforschung.  ©Martin & Garp

Schillernde, glitzernde, wundervolle und verstörende Sounds zugleich + tiefmelancholisch, zart und tröstend in einem + simple Beat Box meets Klangforschung. Kraut + Indie Pop + Polyrhythmik + eine psychedelisch-verspielte Motorik. 1980s Wave aktualisiert + groovender Indie-Electronic-Pop der 2000er + Industrial Noir. Dazu kommen eine völlig lose, sich beinahe auflösende bis sanfte, reduzierte bis zeitlos bodenständige Ballade (melodisch höchst apart), suggestive Slow-Groove-Modern-Electronic-Psychedelia, die mich entfernt an irgendwas von Robert Wyatt erinnert, zweimal bunter, freundlicher, schöner, luftiger Indie-(Folk-)Pop (zeitlos) und erhebender, herrlicher, unbestimmter Indie-Folk in purer Schönheit mit gleichzeitig melancholischen wie hymnischen Nuancen. Also extrem variationsreiche, vielschichtige, enorm freisinnige Musik, die immer wieder fesselnde/faszinierende Phasen beinhaltet.

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