Zu Besuch in Mosambik

Inside Africa

Afrikanische Muster und Stoffe zeichnen sich besonders durch ihre bunten Farben und Dessinierungen aus. ©Adobe Stock

Autor: Maximilian Fuchs
Afrika ist ein faszinierender Kontinent und für viele Menschen Sehnsuchtsort. FASHION TODAY hat mit Sabine Lydia Müller gesprochen, die seit einigen Jahren zwischen Deutschland und Mosambik pendelt. Die gebürtige Südbadenerin ist mit ihrer Marketingagentur SYMBIOSE EINS* seit 2006 für diverse Ethical und Eco Fashion Brands aktiv, von 2009 bis 2018 war sie Pressesprecherin der INNATEX – Internationale Fachmesse für nachhaltige Textilien. Aktuell berät sie unter anderem das türkische Bio-Socken-Label bls ORGANIC (Bulus Organic).

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Sabine Lydia Müller hat in Mosambik ihr zweites Zuhause gefunden. ©Mario Macilau

FT: Sabine Lydia, erzähl uns bitte erst einmal etwas über dich. Wie kam es zu deinem zweiten Zuhause in Mosambik?
Sabine Lydia Müller: „Seit ich mich 2006 selbstständig machte, vermarkte ich mit viel Leidenschaft nachhaltige Produkte und Dienstleistungen. Von 2009 bis 2018 vertrat ich zum Beispiel mit meiner Firma SYMBIOSE EINS* die INNATEX – Internationale Fachmesse für nachhaltige Textilien als Pressesprecherin sowie im Bereich Marketing und Event-PR. Seit ich 2013 erstmals den afrikanischen Kontinent bereiste, war ich fasziniert von der Gastfreundschaft und der facettenreichen Kultur meines jetzigen Gastlandes. Mich interessierte sofort, wie es sein konnte, dass ein Land, reich an wundervoller Fauna und Flora sowie extrem vielen Bodenschätzen, einen so niedrigen Lebensstandard hat. Und zwar nicht in Bezug auf die Möglichkeit zum Konsum von Gütern et cetera, sondern in Bezug auf Gesundheit, Bildung und Sicherheit. So entstand mein Wunsch, nicht nur weiter in die Kultur einzutauchen, sondern auch gezielt Mitverantwortung zu übernehmen, gesellschaftliche Strömungen, Grass-Roots-Bewegungen, Kunst- und Kulturschaffende kennenzulernen sowie landwirtschaftliche Konzepte zu erforschen und mich hier vor Ort nützlich zu machen. Es folgten regelmäßige längere Aufenthalte und nun bin ich fast häufiger in Mosambik als in Deutschland. Was aber in den letzten zwei Jahren auch an den veränderten Reisegewohnheiten lag.“

Der afrikanische Kontinent wird von der internationalen Modeindustrie gerne als Produktionsland genutzt. Auch für den Rohstoffexport spielt Afrika eine große Rolle. Wie siehst du die aktuelle Entwicklung und welchen Einfluss haben Standards wie Cotton made in Africa in der Mode-Wertschöpfungskette?
„Die Förderung von Bio-Baumwolle und Fairtrade-Zertifizierungen, aber auch Labels wie Cotton made in Africa tragen natürlich dazu bei, dass die Natur besser geschützt wird und ein gewisses Maß an Sozialstandards eingehalten wird. Das ist eine positive Entwicklung. Grundsätzlich wird aber immer noch sehr selten Wertschöpfung auf dem afrikanischen Kontinent betrieben. Im Textilbereich liegt es sicher mit daran, dass hier die Expertise – zumindest im Bereich der Produktion und Innovation – bisher ganz klar in Asien verankert war. Was die Kreativität der afrikanischen Designerinnen und Designer angeht, so hat sich hier in den letzten Jahren eine ziemliche Avantgarde entwickelt, auch im Styling. Internationale Stars zeigen sich mittlerweile gerne mit afrikanischen Labels.

„Besonderes Potenzial sehe ich im Bereich Accessoires aus natürlichen afrikanischen Rohstoffen.“

Das Spektrum ist breit gefächert. Es gibt sowohl Marken, die den westlichen Modestil vertreten, sowie andere, die zum Beispiel viel mit typisch farbenfrohen afrikanischen Prints arbeiten, wo folkloristische Elemente mit einfließen und so ein spannender Crossover-Mix entsteht. Afrika ist der weltweit ,jüngste‘ Kontinent und sprüht nur so vor Energie und Kreativität. Etwa 65 Prozent der Bevölkerung sind unter 35! Wir dürfen also sehr gespannt sein, welche Trends in Zukunft von Afrika inspiriert werden. Besonderes Potenzial sehe ich im Bereich Accessoires aus natürlichen afrikanischen Rohstoffen. Hüte, Schmuck, Taschen, Haar-Accessoires, Perlenstickerei und so weiter – hier gibt es noch viele spannende Materialien zu entdecken.“

Afrikanische Muster und Stoffe sind längst in den Runway-Kollektionen rund um den Globus vertreten. Welche afrikanischen Designerinnen und Designer findest du persönlich besonders spannend?
„MAXHOSA AFRICA, das Label des südafrikanischen Strickdesigners Laduma Ngxokolo, verbindet klassisch-traditionelle südafrikanische Xhosa-Patterns mit lässigen Schnitten und zeitgemäßem Design und kreiert so seinen einzigartigen Stil. Ich liebe die überraschenden Kreationen der nigerianischen Brand AHLUWALIA aus Nigeria, vor allem deren aktuelle HAKA-Kollektion und die fließenden Roben von TONGORO STUDIO aus dem Senegal. Die jeweiligen kulturellen Besonderheiten der über 50 Länder und ihrer jahrtausendealten Traditionen spiegeln sich mehr und mehr in modernen Labels wider. Toll finde ich hier in Mosambik auch kleinere lokale mosambikanische Labels, wie beispielsweise AFRORICKY, die mit tropischen Pflanzenfarben und Karingana Wa Karingana, die mit ,Healing Textiles‘ experimentieren. Mein persönliches Lieblingsteil ist jedoch ein mosambikanisches ,Capulana‘, ein lokales Printtuch, welches klassisch als Wickelrock getragen wird, was ich aber auch gerne als Stola oder Strandtuch nutze.“ 

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International investiert allen voran China massiv in die afrikanische Wirtschaft. Wie nehmen die Menschen vor Ort diese Entwicklung wahr?
„In Mosambik erlebe ich noch sehr wenige Vorbehalte der Gesellschaft gegenüber ausländischen Investitionen. Die Regierungen profitieren natürlich auch vom Geldfluss. Vereinzelt kämpfen aber schon soziale Initiativen und Umweltschutzorganisationen für zirkuläre Systeme, die nicht nur konservieren, sondern im besten Falle auch die Natur regenerieren sowie Unabhängigkeit von Donors und ausländischen Firmen bringen. Vielversprechende Ansätze gibt es hier zum Beispiel im Bereich Agroforestry, wo der Anbau von Cash Crops in Harmonie mit der Natur stattfindet und so die Biodiversität erhöht und das Klima geschützt wird.“ 

Im Dezember 2021 findet die nächste ASFW statt, die Africa Sourcing and Fashion Week, in Kooperation mit der messe frankfurt. Was wünschst du dir von der Industrie, welche Themen müssen deiner Meinung nach oben auf die Agenda?
„Ich wünsche mir die Einhaltung der Standards der ILO – International Labour Organization in der Produktion sowie mehr Fokus auf Umweltschutz und regenerative Anbaumethoden, Traceability und Blockchain-Technologien und das Umdenken von einer reinen Supply Chain hin zur Value Chain, wo Wertschöpfung in Afrika geschieht.“