Format mit Zukunft

New Formal

Marc Unterbrink ist seit 2007 bei h+p hachmeister+partner GmbH & Co. KG. Inzwischen ist er Partner und verantwortlich für das Händler-Benchmarking. ©h+p hachmeister+partner

Autor: Markus Oess
Bei der Formal Wear hat es in der Pandemie einen Bruch gegeben. Die Umsätze haben sich immer noch nicht erholt. Alles in allem ist Casual demgegenüber besser durch das zurückliegende Jahr gekommen. Abschreiben sollte man den Anzug aber nicht. Im Gegenteil, sagt Marc Unterbrink, Partner bei h+p hachmeister+partner, im FT-Interview, die Pandemie habe neue Kombinationsmöglichkeiten salonfähig gemacht. New Formal sei das kommende Format. Eine Markteinschätzung.
 

FT: Herr Unterbrink, ein Blick zurück. Wie haben sich der Anzug und dazugehörige Segmente Hemd oder Mantel umsatzmäßig im Verlauf von 2021 entwickelt, welche Segmente haben gewonnen, welche verloren?
Marc Unterbrink: „Grundsätzlich kann man sagen, dass die formellen Segmente – und somit auch der Anzug – 2021 deutlich stärker verloren haben als der Bereich Casual. Der Trend zu weniger Businesswear ist klar erkennbar. Verglichen mit dem Vorvorjahr, haben 2021 die Anzüge neben den Krawatten in unserem Panel mit mehr als 900 Points of Sale und 8 Milliarden Euro Fashion-Umsatz am deutlichsten an Umsatz verloren. Von ,Gewinner-Sortimenten‘ möchte ich im Pandemie-Zeitraum nicht sprechen, aber die geringsten Einbußen im Vergleich zu 2019 hatte der Wirkwaren-Bereich. Inklusive der Online-Umsätze konnte bei den Sweatshirts sogar ein Zuwachs erzielt werden.“

Können Sie uns auch die Entwicklung innerhalb des Segmentes aufzeigen – hat der klassische Anzug wiedergewonnen oder waren es eher die jungen, etwas lauteren Anbieter?
„Das Baukasten-Segment hat insgesamt weniger verloren als der klassische Anzug. In Summe haben auch die ‚moderneren‘ Anbieter mit ihren Stoffen und Schnitten tatsächlich gegenüber den eher klassischen Marken besser performt. Mutige Hersteller und Einkäufer hatten hier einen leichten Vorsprung. Auch ist erkennbar, dass das Premium-Segment insgesamt weniger verloren hat als der Mainstream-Bereich. Diese Tendenz beobachten wir schon eine ganze Weile. Langfristig ist über alle Herren-Segmente gesehen ein Shift von Classic zu modern/trendy sowie von Mainstream zu Premium erkennbar.“

Welchen Anteil an der Entwicklung hat die Anlassmode in dem Zusammenhang?
„Tatsächlich waren Anlasskäufe im Sommer/Herbst wieder zu verzeichnen – hier sogar mit höherem Luxury-Anteil. Business lief weiterhin nicht gut, aber Anlass wurde wieder nachgefragt. Durch einige wieder stattfindende gesellschaftliche Ereignisse hatten die Kunden auch wieder Lust, sich entsprechend zu kleiden beziehungsweise sich etwas zu gönnen. Die festliche Mode lag in einzelnen Monaten 2021 über 2020, wenn auch nicht auf Vorkrisen-Niveau).“

„In Summe haben auch die ‚moderneren‘ Anbieter mit ihren Stoffen und Schnitten tatsächlich gegenüber den eher klassischen Marken besser performt. Mutige Hersteller und Einkäufer hatten hier einen leichten Vorsprung.“

Wie hat sich die Konfektion gegenüber Casual und Sportswear entwickelt, konnten Marktanteile zurückgewonnen werden?
„Insgesamt gab es durch die Pandemie eine Verschiebung von Konfektionsanteilen hin zum Casual-Segment. Dieser Trend ging im Sommer etwas zurück, als Öffnungen ohne große Einschränkungen möglich waren und entsprechende Anlässe kamen. Von ‚zurückgewinnen von Marktanteilen‘ ist jedoch nicht die Rede. Der Handel hat auch bereits mit einer vorsichtigen Wareneinsteuerung reagiert auf die gesunkene Nachfrage im formellen Segment. Bei den klassischen Anzügen ist dies deutlich stärker erkennbar als bei den Baukästen. Der aktuell anhaltende Shift durch den Trend zur Casualisierung ist also klar erkennbar; der Kunde kauft zunehmend leger, aber hochwertig. Eine Casualisierung führt nicht zwingend zu einer sinkenden Ausgabebereitschaft.“

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Abgrenzung und Definition von Casual/Sportswear zum Anzug? BALDESSARINI zum Beispiel kombiniert sowohl Mantel als auch Outdoorjacke zum Anzug, Collegejacke zur Anzughose.
„Die Pandemie hat neue Kombinationsmöglichkeiten ‚salonfähig‘ gemacht und die Casualisierung hält auch in die Kombinationen ein Stück weit Einzug. Angefangen beim Tragen einer Sakko-Chino-Kombination, wo früher der Baukasten-Anzug als gesetzt galt, bis hin zu den von Ihnen beschriebenen Möglichkeiten, die ein stringentes Business-Segment aufbrechen lassen und modische Highlights setzen.“

Der Anzug tut sich online schwerer, sagt zum Beispiel Lars Braun, Hamburg. Was bedeutet das für die Konfektion im immer noch anhaltenden Online-Boom?
„Es überrascht eigentlich nicht, dass Anzug und Co online schwieriger sind als Sportswear. Der Umsatzanteil im formellen Segment ist online geringer als stationär. Der Anzug ist nach wie vor ein Produkt, bei dem der stationäre Handel seine Beratungskompetenz ausspielen kann – und auch sollte. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen sollte diese Kompetenz aber auch online sowie über Marketing-Maßnahmen an den Endkunden transportiert werden. Ich darf als Händler dieses Segment bei meinem Online-Auftritt also nicht außer Acht lassen.“

Mit welcher Entwicklung für die Konfektion rechnen Sie für die kommenden zwei Jahre, also kurz- und mittelfristig?
„Ich glaube fest daran, dass die Menschen wieder Lust haben werden, sich elegant zu kleiden. Sicherlich wird der Business-Bereich nicht wieder so stark zurückkommen wie vor der Pandemie, ich rechne aber damit, dass es einen Nachholeffekt bei der Konfektion gibt, verbunden mit dem Gefühl, sich etwas zu gönnen. ‚New Formal‘ wird ein Format mit Zukunft sein – viele Hersteller haben ja auch bereits schon mutig reagiert auf die Casualisierung im Business-Segment und bieten tolle, innovative Produkte.“

Wie sollten Händler Konfektion ordern, die eher in der jungen, konsumigen Zielgruppe unterwegs sind, wie sieht es bei der klassischen Businesswear aus?
„In beiden Bereichen wird es meiner Meinung nach ein Trading-up geben, aber auch verbunden mit einem Mehrwert für den Endkunden. Die Hersteller reagieren ja bereits mit Passform, Komfort, Funktionalität und innovativen Materialien. Dies gilt es nun, auch an die Kunden zu transportieren im Sinne eines Mehrwerts. Grundsätzlich wichtig ist es, die eigenen Kunden zu kennen und diese Insights genau wie den eigenen Markenkern auch in die Order mit einfließen zu lassen.“