Pitti Reflections

Trend

Die 101. Pitti in Florenz war für die Menswear-Branche ein Signal für aller Player. Auch wenn diese Session nicht als Grand Cru in die Geschichte eingehen wird, waren Standard und Qualität auf gewohnter Höhe. ©FT, alle übrigen Bilder ©laut Bezeichnung

Autor: Winfried Rollmann
Die real stattfindende 101. Pitti in Florenz war für die Menswear-Branche ein Signal für das Vertrauen aller Player in die Zukunft. Auch wenn diese Session nicht als Grand Cru in die Geschichte eingehen wird, waren der Standard und die selektive Qualität auf gewohnter Höhe. Deshalb lohnt es sich, in einer Analyse der gezeigten Trends die Schwerpunkte der internationalen Menswear für Herbst/Winter 2022/23 zusammenzufassen. Wir haben für Sie die Schlüsselkollektionen in Florenz und den Mailänder Showrooms analysiert.

1 – Soulwear

Nach Saisons von „Jogg Dressing“ spüren wir eine deutliche Sophistication des Comfort Looks. Was vorher in Sweat-Jerseys sehr relaxt daherkam, wird jetzt in edlen Garnen gestrickt. BRUNELLO CUCINELLI präsentiert wertigen Cashmere-Rippenstrick in Hoodie und Pant. eleventy bringt zum Knit-Look softe Doubleface-Wende-Jackets in Edelhaar-Blends. Shirty Layers spielen mit flauschiger Materialität und mehr Weite (zegna, PHIL PETTER).

Der Übergang von der Strickjacke zum Sakko ist fließend, wie bei TOMBOLINI. In den Kombis ist die Strickjacke zur Chino definitiv ein Keylook der Saison (JEORDIE’S, altea). Sportlich-edel interpretiert, bringt GIMO’S Lederpuffer in neuen Vintage Finishes. Active-Elemente wie Steppwesten und Hoodies setzen Akzente mit lässigem Tailoring bei CARUSO. Neu ist eine tiefere mittlere Farbigkeit mit Vicunha und Grafit-Tönen. Die Menswear-Kollektion von Peserico zeigt dies beispielhaft.

2 – Prime Casual

Prime Casual ist ein starker Fokus, das Spitzenprodukt bleibt dabei die Hemdjacke. Als echter Sakko-Ersatz hat sie einen deutlich höheren Cool-Faktor als das Jacket. CLOSED zeigt das überzeugend zu weiteren Hosen, East Harbour Surplus in gekonntem Brooklyn Style. Tailored hat sie Suit Flair bei TOMBOLINI oder zeigt karierte Muster in den Overshirts von XACUS.

Warme Oliv- und Kaki-Nuancen oder gebrannte Shades haben Hochkonjunktur in Cotton Velvets und Samt (BOGLIOLI, TRANSIT). Sportive, mittelbreite Cordrippen für Hosen (BoB) unterstreichen Materialauthentizität. In Strick sind „Casentino Finishes“ wie bei roberto collina in hellem Grün die Highlights. Softe Suede Sneaker von Pantofola d’Oro in Salbei und Nuss ergänzen lässig.

3 – Sustainable Quality

Das Megathema Sustainability ist allgegenwärtig. Bei ernsthafter Betrachtung ist die Theorie jedoch deutlich einfacher als die Praxis. Recyceltes Material entspricht oft nicht gewohnt hohen Qualitätsstandards und seine Verfügbarkeit ist häufig sehr begrenzt. Bei italienischen Toplabels setzt sich deshalb eine neue Sichtweise durch. Es ist sinnvoller, langlebige, hochwertige Produkte zu kreieren, die Männer dauerhaft und gut begleiten – buy less, but better. Hier stehen Authentic Casuals im Fokus. Die Wax Outdoor Jackets in Cotton und Wolle von HOLUBAR oder FILSON gehen mit Mann durch dick und dünn. Japanese Selvage Denim von TELA GENOVA steht jetzt schon auf der Hitliste deutscher Einkäufer. Dazu passen die detailreichen Shetlandwesten von CAPTAIN SANTORS oder L’EGOÏSTE, einem spannenden Label von der Côte d’Azur. Hybride Casuals in Indigo Shades wie bei DIGEL haben das Zeug zu Bestsellern.

Leder und Lammfell waren schon immer Garant für echte Werte. Vegetabile oder chromfreie Gerbungen schaffen nachhaltige Standards. Natürliche Lieblingsstücke werden die Lammfelljacken von GIMO’S oder Peserico. Die authentischen Boots von Manovie Toscane ergänzen perfekt.

Strick hat diese Saison besondere Highlights zu bieten. Moosige Garne zeigen spektakuläre Strukturen in Norwegern (DANIELE FIESOLI) oder updaten Strickjacken und Hoodies bei roberto collina. Der „Yeti“-Pullover des finnischen Designers Ralf Ekroth ist one of a kind. Die gemusterten Navajo-Strickjacken von MCS sind starke Authentic-Argumente.

4 – See me!

Immer mehr Verkäufe werden heute auch in der Menswear online abgewickelt. Das heißt, Angebote brauchen Sichtbarkeit und Boldness, um aus der Masse hervorzustechen. Jüngere Männer der Gen Z haben kein Problem damit, in Statement Visuals imagebildend aufzutreten.

Große Checks, vielfarbige Patterns und überraschende Motive sind das Rezept. PIACENZA hatte hierzu auf der Pitti einen starken Auftritt. MANUEL RITZ punktet mit Patch-Teddyjacken oder einer exzentrischeren Brit Attitude, altea mit spektakulär verfremdeten Argyles, roberto collina mit überraschenden Neo-Folk-Jacquards. Marc O’Polo setzt bei seinem ersten Auftritt in Florenz nachhaltig produzierte Casuals eklektisch gekonnt in Szene. Eine Retro-Ski-Ambiance bei COLMAR und Peanuts-Pullover sorgen für gute Laune in den Sortimenten. Bei den Accessoires punkten die Karo-Schiebermützen von STETSON oder die unglaublich kreativen Sneaker von Flower MOUNTAIN.

5 – Future Performance

Neben authentischen Modewelten sind performancegetriebene Urban- und Outerwear ein starkes Fashion-Momentum. Wertiger, urbaner und anspruchsvoller als bei den Active Brands bedienen sie einen echten Bedarf. Leichte Tech-down-Jackets bei HERNO Laminar für Urban Mover. Echte Funktion wie in AlphaTauris „Heatable Capsule Collection“ verspricht eindeutig Mehrwert. Intelligente Tech Layers verbinden Rainwear Function minimalistisch mit warmen Zwischenlayers, wie bei KNT oder RRD. Materialkontraste bringen Optik in Outdoor-Sortimente. Matt-Glanz-Kontraste und Druckmotive setzen starke Visuals in Szene (Blauer). Hybride Materialkontraste, wie Knit und Nylon oder padded Partien mit Stretchjersey erhöhen den modischen Gebrauchswert (PAUL & SHARK, HOLDEN).

6 – Re-Smart

Die Umsätze im Handel haben keinesfalls gezeigt, dass Formal Wear ausgedient hat. So mancher Händler war erstaunt über blendende Anzugumsätze im Herbst, obwohl Business Wear angeblich vorbei sei. Die Lust von Männern auf eine Neo-Smartness ist spürbar. Auch wenn sie nicht mehr so tradiert daherkommt, zeigt sie dennoch Kontur. So sind generöse, längere Mäntel in der nächsten Saison stilbildend. Zweireihige Ulster werden lässig über Rollis getragen (CARUSO). Tiefe Braun- und Burgundertöne geben ihnen Allüre. Feinstrickjacken und vollere Shirts ersetzen oft das Jacket (BOGLIOLI, Brioni). Jerseys und stretchige Anzugstoffe geben Männern eine zeitgemäße Bewegungsfreiheit in geraderen Schnitten. Joker für jüngere Looks sind Pullunder, sie wirken frisch und lässig über T-Shirts zu weiteren Chinos (CLOSED, JEORDIE’S). Eine neue Faszination für Graushades gehört zu einem subtileren Umgang mit Neutrals. Moulinégarne machen Faux-Unis aufregender (ENTRE AMIS) und grafische Musterspiele wie Makro-Fischgräten (irish crone) und Retro-Geometrics (HANDPICKET) werden bei Nichtfarbe zu spannenden Visuals.

7 – New Romantics

Der Zeitgeist stellt die klassische Männerrolle schon länger infrage. Die feminine, romantische Seite von Männern ist in einer neuen Gender Fluidity im Mainstream angekommen. Da passt die verspielte Dandyallüre in Florenz und Mailand ins Bild. Tailored Samtjackets wagen mutig Rosé- (YOON) und Rosenholztöne. Flower Prints und mondäne Ornamentals gehören sensibel zum neuen Druckrepertoire. Fließendere, seidigere Stoffe kommen ins Spiel. Spektakuläre Jacquards stellen Tuxedos ins Rampenlicht (CARUSO, ITALIAN FAMILY). Pierre-Louis Mascia patcht reiche Ornamentprints virtuos auf Seide. Er verwandelt romantische Träume in Statements für selbstverliebte, anspruchsvolle Hedonisten, mit einem Hauch von Dorian Gray.