Die nächsten 100 Jahre

ROY ROBSON

©ROY ROBSON

Autor: Markus Oess
ROY ROBSON feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum. Gerade in der jüngeren Vergangenheit hatte sich einiges im Management getan. Inzwischen ist Frederick Westermann alleiniger Geschäftsführer, ihm zur Seite stehen Sven Brueggemann als Head of Product/Marketing und Christoph Sangmeister als Head of Sales. „Never change a winning team“, propagiert Westermann, es laufe gut in Lüneburg. Westermann und Brueggemann im FT-Interview über Veränderung in Zeiten von Corona und die Vorhaben in der Zukunft.

Wir produzieren ausschließlich ROY ROBSON. Jedes Teil, das unser Werk verlässt, ist ein ROY-ROBSON-Unikat.“ Frederick Westermann, ROY ROBSON

FT: Wie kommen Sie jetzt durch die Order, welche Teile laufen gut?
Frederick Westermann: „Sehr positiv. Insgesamt sind wir durchgängig in allen Märkten mindestens auf das Niveau von 2019 zurückgekehrt. Strick, Wirk, aber auch Jacken und Mäntel liefen gut und der Anzug hat sich wieder stabilisiert. Gerade in der Pandemie war ein ordentlicher Rückgang zu spüren. Das Thema Sportswear ist bei uns zunehmend in den Fokus gerückt und wir haben auch hier ein deutliches Plus erzielt.“

Sven Brueggemann: „Wir haben den Anzug zu dieser Saison mit einer Pre angeschoben und dabei auf das Thema Coloured Suits gesetzt: Vier Saisonfarben kombiniert aus Hose, Sakko und Rolli in den Farben Taupe, Hellblau, Fudge und Oliv. Die Resonanz war wirklich sehr gut. Aber auch den Total Look haben wir stärker fokussiert als früher. In Kombination mit der neuen Bildsprache passiert da gerade ein wichtiger Reset, der uns als Marke insgesamt sehr guttut. Authentizität, Verbindlichkeit, Nahbarkeit, für diese Werte stehen wir und wir bekommen sie besser und besser transportiert.“

Westermann: „Auch im Bereich Casual verzeichnen wir einen zweistelligen Zuwachs. Das Sakko wurde in der jüngeren Vergangenheit auch mal liegen gelassen. Inzwischen ist es aber wieder sehr gefragt, die Bestände auf der Fläche sind jetzt gut nachsortiert und die Nachfrage seitens der Verbraucher ist gut. Wir konnten in den vergangenen Saisons unsere Bestände gut abfließen lassen, sodass wir vom Lager her sauber dastehen. Aber auch neue Formen, in die wir hineingearbeitet haben, wie beispielsweise das Overshirt, Shirt Jackets oder der Blouson, verzeichnen eine zunehmend größere Nachfrage.“

Wie hat Corona die Prozesse intern und extern verändert?
Westermann: „Inzwischen ist es völlig normal, sich über Videocalls zu koordinieren und auszutauschen. Beim Equipment sind wir sehr gut aufgestellt und auch die Designprozesse sind weiter digitalisiert worden. Hier ist noch viel Luft nach oben, auch die Entwicklungen der Digitalisierung gehen täglich weiter. Insgesamt aber ein Meilenstein in der Entwicklung, der uns zusätzlich in die Karten spielt, vieles inhouse zu lösen.“

Brueggemann: „Wir haben schon vor Corona in Themen wie die mobile Auftragserfassung investiert, was sich besonders in der Pandemie ausgezahlt hat. Previews oder Vorordertermine per Videocall sind heute normal.“

Es geht um Glaubwürdigkeit und um den Willen, auch die nächsten 100 Jahre erfolgreich am Markt zu sein.“ Sven Brueggemann

Was ist modisch passiert?
Brueggemannn: „Der Zeitgeist hat die Formal Wear verändert, sie modernisiert. Der Wunsch nach Bequemlichkeit und der Abschied von Zwängen sind klar ablesbar. Das geht über unkonstruierte, leichte Sakkos, das Overshirt, das als Unisex-Piece sicher bleiben wird. Stretch ist inzwischen auch beim Futter Standard. Wir werden modischer, auch mutiger, aber wir werden unsere Authentizität und unsere DNA natürlich niemals aufgeben.“

Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus, was passiert mit WE CARE?
Brueggemann: „90 Prozent unserer Produkte kommen aus Europa beziehungsweise der Türkei. Gerade als Familienunternehmen, das in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, hat Nachhaltigkeit ein besonderes Gewicht. Es geht um Glaubwürdigkeit und um den Willen, auch die nächsten 100 Jahre erfolgreich am Markt zu sein. Die Welt verändert sich. Der Anteil von E-Commerce steigt, es gibt weniger Personal auf der Fläche und so muss das Produkt zwangsläufig selbsterklärend werden. Das erreichen wir mit der Kapsel WE CARE. Die Produkte sind komplett nachhaltig produziert und machen circa 10 Prozent der Kollektion aus. Diesen Anteil werden wir zukünftig stetig ausbauen. Themen wie ,Fridays for Future‘ haben das Kundenbewusstsein gefordert und zu einem Umdenken geführt. Und auch wenn die Pandemie alles überschattet hat, geraten solche Themen nicht in den Hintergrund.“

Westermann: „Wir betrachten das Thema ganzheitlich in allen Unternehmensbereichen, nicht nur auf Produktebene. Es geht nicht darum, einzelne Punkte hervorzuheben, sondern um ein umfassendes Unternehmenskonzept, welches auch guten Anklang im Handel findet.“

Wie geht es damit weiter?
Westermann: „Durch die Hochwertigkeit unserer Produkte und den entsprechenden Wareneinsatz sowie Kollegen, welche die Produktionsstätten regelmäßig besuchen, haben wir in den vergangenen Jahren schon eine ganze Menge getan, auch fertigen wir im Wesentlichen in Europa. Bezogen auf die Kapsel WE CARE, hatten wir die ersten guten Verkäufe.“

Wie erleben Sie die Lieferkettenprobleme?
Brueggemann:Auch wir konnten das eine oder andere Teil nicht liefern wie gewünscht, weil Zutaten, Stoffe und Garne knapp oder gar nicht verfügbar waren. Das betraf sowohl den Baukasten als auch die Chino beispielsweise. Aber im Großen und Ganzen waren wir dank unserer eigenen Produktion in der Türkei sowie dank unserer langjährigen Partner auf Lieferantenseite gut lieferfähig und sind zufriedenstellend durchgekommen. Zum Glück warten wir nicht auf große Containerlieferungen aus Fernost.“

Mussten Sie die Preise anpassen?
Westermann: „Nachdem wir in der Vergangenheit durch eine gute Effizienz die Preise relativ stabil halten konnten, war es diesmal nicht mehr zu vermeiden und wir haben auch manche Eckpreislagen neu besetzt.“

Sind Sie jetzt wie andere ins höhere Risiko gegangen, um sich Rohwaren zu sichern?
Westermann: „Letzten Endes haben wir wie in den vergangenen Jahren anhand unserer Planwerte disponiert und einen gewissen Grundsatz an Rohware haben wir immer vorrätig, so konnten wir auch im vergangenen Herbst die eigene Produktion wieder schnell hochfahren und waren mit einem Großteil der Artikel auch wieder schnell lieferfähig. Die Pandemie wird uns aber nicht dazu verleiten lassen, jetzt volles Risiko zu gehen, auch in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Mode geändert und wir hatten glücklicherweise nicht überdisponiert, Spekulation gehört nicht zu unserem Geschäftsmodell.“

Welchen Vorteil bringt die eigene Produktion?
Westermann: „Sie ist ein großer Wettbewerbsvorteil. Keine zwei Wochen benötigen wir von der Planung bis zur Anlieferung der fertigen Produkte an unser Lager in Lüneburg.

Weiterhin bringt sie uns vor allem Schnelligkeit, Flexibilität und viel Sicherheit. Wir haben die Arbeitsbedingungen, faire Löhne und von der Modellentwicklung bis hin zum fertigen Produkt alles selbst in der Hand.“

Wie stark ist die Auslastung?
Westermann: „Wir haben derzeit eine gute Auslastung und auch noch Ausbaureserven. Nach Beendigung der Kurzarbeit stocken wir gerade wieder Personal auf, um auf 100 Prozent gehen zu können.“

Haben Sie auch Fremdaufträge?
Westermann:Nein. Wir produzieren ausschließlich ROY ROBSON. Jedes Teil, das unser Werk verlässt, ist ein ROY-ROBSON-Unikat.“

Was hat sich seit dem Weggang von Herrn Bischof getan?
Westermann:Wir haben die Ablaufprozesse im Produkt sowie im Vertrieb optimiert und neu strukturiert. Die Verantwortungsbereiche liegen jetzt bei Sven Brueggemann, der zusätzlich zum Produkt auch das Marketing verantwortet. Christoph Sangmeister fungiert als Head of Sales. Zu dritt bilden wir ein gutes Team, sodass keine Tätigkeiten auf der Strecke bleiben.“

Bleibt es bei der aktuellen Regelung oder stehen doch noch Änderungen an?
Westermann: „Never change a winning team!

Wir mussten lernen, dass in Europa wieder Krieg herrscht. Die Ukraine fällt als Produktionsland wohl erst mal aus, aber natürlich auch als Absatzland. Dazu kommen die Sanktionen gegen Russland …
Westermann: „Das ist schwer abzuschätzen. Natürlich ist es ein Schock für uns alle und der Krieg eine unglaubliche Tragödie, die hoffentlich bald endet. Allerdings habe ich Zweifel an einer schnellen Lösung. Für uns als Unternehmen wird es wohl zu Umsatzverlusten kommen, aber es wird uns sicher nicht aus der Bahn werfen.“

Wagen Sie dennoch eine Prognose für 2022?
Westermann:Die Sportswear hat sich stark entwickelt und so, wie es aussieht, geht das auch so weiter. Auch der Anzug sowie für Herbst/Winter der Mantel nehmen weiter an Fahrt auf, sodass wir unterm Strich am Ende des Jahres 2022 besser als am Ende 2021 dastehen werden. Aber wir werden das Niveau von 2019 noch nicht wieder erreichen.“

Die Gesprächspartner

Frederick Westermann studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Paderborn. Von 2007 bis 2011 arbeitete der 40-Jährige für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers in Düsseldorf, bevor er 2011 in die kaufmännische Leitung des Familienunternehmens ROY ROBSON einstieg. Die Berufung in die Geschäftsführung erfolgte Ende 2016.

Sven Brueggemann studierte in Freiburg und in Düsseldorf Betriebswirtschaftslehre und stieg 2017 bei ROY ROBSON als Head of Product Management ein. Seit 2021 verantwortet der 40-Jährige Produkt und Marketing. Stationen zuvor waren BOSS und adidas.