„Outfitstars gespiegelt und serviert“

Auf der Fläche

Der Kundschaft wird die jeweilige Saison, etwa Sommer, und die damit verbundene ‚Reiselust‘ über die Story fokussiert. alle Bilder ©textilmerchandiser

Autor: Markus Oess
„Ich sehe mich als Modehandwerker, Visual Merchandiser, Coach und Visionär“, sagt Tom Bußmann über sich. Bußmann ist gelernter Textilkaufmann und seit 1990 in der Modebranche. 2018 dann hat er sich mit „textilmerchandiser“ selbstständig gemacht. In der FT-Serie „Auf der Fläche“ stellt er seine Wareninszenierungen vor, die er seither realisiert hat.

Diesmal geht es, wie könnte es anders sein, um Sommer und Reisen. Die Fotos zu den vorgestellten aktuellen Flächeninszenierungen stammen wieder aus verschiedenen Modehäusern und Fashion Stores. Das sagt Tom:

FT: Tom, lieber Sonne, Strand und Meer oder besser die Berge und Wandern?
Tom Bußmann: Sommer, Sonne, Strand und Meer – die Reiselust ist absolut präsent und verdrängt partiell das Unbehagen zur Corona-Pandemie, zum Klimawandel und auch zum Krieg. Der Impuls lautet bei vielen Menschen: ‚Nichts wie weg!‘ Urlaub als Quelle für Entspannung und Freiheit! Die neue Wanderlust liegt weiterhin voll im Trend, da diese Art der Erholung nicht zwingend an weite Entfernungen gebunden ist. Dennoch siegt aktuell die Sehnsucht, den Alltag zu verlassen und sich die ‚Weite‘ zu erschließen!“

Wonach fragt der Handel eher?
„Der Fachhandel forciert ungebrochen zum Beispiel die Ausrüstung und Packliste fürs Wandern, also gute Wanderschuhe, Wanderrucksäcke, Funktionsshirts, Stöcke, Sportunterwäsche, Wandershorts, Biwaksäcke, Hardshell-Jacken und Co. Das ist aber nicht mein Thema. Als Visual Merchandiser bilde ich instore ausschließlich Mode ohne Bezug auf eine spezielle Ausrüstung ab. Meine Auftraggeber sind Modehäuser, Filialisten, Retailer sowie Brands. Hier geht es ausschließlich darum, Modebotschaften über Looks, Storytelling, Ausdruck, Farben, Schnitte und Qualitäten erlebnisreich am PoS zu inszenieren und zu installieren. Die Outfits interpretieren die Story. Der Anlass, das Wetter, der Zweck, das Thema allgemein, wie auch die Nutzung von Waren rücken immer mehr in den Hintergrund. Dafür sprechen wir dann über das neue Lebens- und Modegefühl: ‚New Urban Lifestyle‘ steht über allem und löscht sogar die bislang ausgiebig gelebten Trends aus und ersetzt sie. Sommer- und Reise-Deko-Inszenierungen sowie reine Oster- und Weihnachtsdekorationen haben ausgedient! Die Warenstars stehen auf den Brettern der Modebühne absolut im Rampenlicht. Mode nach Stimmung hat beim Kunden bereits gestern triumphiert. Die gesamte VM-Inszenierung instore (Rückwände und Flächen) besticht und bildet das sogenannte Instore-Schaufenster.“

Geht es auch ohne den berühmten Koffer und Sonnenschirm?
„Ja! Die Frage beinhaltet bereits die ganze Wahrheit – genau dieser ‚berühmte Koffer und Sonnenschirm‘ als Reminder für Sommer, Sonne, Strand und Meer ist Geschichte! Wenn überhaupt, dann die Hängematte? Nein, diese ist auch nur freiheitlich gefühlt. Diverse Relikte und Dekoelemente gehören absolut der Vergangenheit an. Um den Kunden heute in atmosphärische und stimmungsvolle Erlebniswelten abzuholen, einzutauchen, zu emotionalisieren, bedarf es neuer Anreize – Reize für alle Sinne, zum Beispiel durch bewegliche Bilder, passendes Interieur, Raumduft, Raumhöhe, Hintergrundmusik, Sichtbarkeit der Looks und Storys, Erfrischungsgetränke, Ruhe-Inseln, Produktinformationen am PoS sowie Nachhaltigkeit. Diese Attribute bilden heute die Botschaft und Stimmung für den Kunden. Der Kundschaft wird die jeweilige Saison, etwa Sommer, und die damit verbundene ‚Reiselust‘ über die Story fokussiert: Outfitstars gespiegelt und serviert. Durch weniger Material mehr Sichtbarkeit erzeugen.“

Wie bindest du Marken ein, die Reisen ebenfalls thematisieren?
„Dieses Arbeitsfeld beziehungsweise Darstellungsmerkmale ordne ich ausschließlich Marken mit spezieller Ausrüstung, Funktionsbekleidung und Sport- sowie Fachgeschäften zu. Diese zählen nicht zu meinem Kundenkreis. Wir Fashionlover zeigen aktuell zumindest partiell auch Funktionsbekleidung, allerdings im Mix als cooles Fashion-Outfit. Hierbei überzeugt ausschließlich der Look, weniger die Funktionalität.“

Sollte die Deko in den Sommermonaten öfter gewechselt werden beziehungsweise wie sorgst du dann für Abwechslung auf der Fläche in diesen Wochen?
„Nein, die Deko beziehungsweise Darstellungen und Instore-Inszenierungen werden im Sommer nicht häufiger gewechselt als im Rest des Geschäftsjahres. Die monatlich wechselnden Kollektionen und die damit einhergehenden neuen Looks und Storys lassen die Modebühnen aufleben.“

Was war deine coolste Flächeninszenierung?
„Meine coolste Flächeninszenierung? Das entscheiden gerne meine Kunden. Meine ,coolste‘ würde ja bedeuten, es gäbe nur die eine ‚coolste‘ … Ich empfinde jede Inszenierung als neue, andere, wertvolle und besondere Herausforderung. Ich begegne jedem Auftrag mit Respekt, Leidenschaft, Achtsamkeit, Freude, Erfahrung. Dabei will ich immer auch Dynamik, Kreativität und Innovation mit reinbringen. Meine größten Inspirationen und Überzeugungen schöpfe ich aus den besten Visual-Merchandising-Erlebniswelten bei HARVEY NICHOLS in London.“

Der Look entscheidet, weniger die Funktion.

Steckbrief „textilmerchandiser“

Name: Thomas Bußmann, Rufname: Tom

Alter: 50 Jahre (26.05.1971)

Karriere:

– gelernter Textilkaufmann (Kaufmann im EH), seit 1990 in der Modebranche

– Area Manager bei MANGO, Retail Area Manager bei JACK&JONES und Bereichsleiter bei Donna

– selbstständiger Visual Merchandiser seit 2018

 

 

Dienstleistungen:

– externes Visual Merchandising

– VM Support & VM Coaching für Modehäuser, Mitarbeiter im Textileinzelhandel und für die Markenindustrie

Arbeitsorte: deutschlandweit, Österreich, Niederlande und Schweiz

Kontakt: Facebook, Instagram