Das Runde, nicht das Eckige

Luigi Colani

Luigi Colanis legendäre Kugelküche von Poggenpohl sieht aus wie eine Mischung aus einer Taucherglocke und einem Raumschiff: In ihrem Inneren hat der Designer alle Gerätschaften so angeordnet, dass von einem in der Mitte der Kugel installierten Sitzplatz alles in Griffweite ist. Alle Bilder ©Poggenpohl

Autorin: Katja Vaders
Luigi Colani entwarf in seinem langen Leben unzählige Objekte für ebenso viele Marken: Ob Rennauto, Ufo-Lampe oder Handtuchhalter – der gebürtige Berliner gestaltete Alltagsprodukte, Möbel und Automobile und schenkte damit unzähligen internationalen Marken einen Hauch seines ganz speziellen „Biodesigns“.

Luigi Colani ist unbestritten eine Designlegende. Obwohl er weltbekannt ist, blieb er jedoch zeitlebens eher so etwas wie ein verkanntes Genie. Er behauptete einmal, dass 70 Prozent seiner Entwürfe nicht in Produktion gegangen wären, aber trotzdem als „Appetitanreger für die Industrie“ fungiert hätten. Nichtsdestotrotz kooperierte Colani in den 1960ern und 1970ern immer wieder mit zahlreichen großen Unternehmen und designte für sie Produkte, die in die Geschichte eingingen. Luigi Colani gelang es nämlich immer wieder, in seinem Werk die Grenzen zwischen Kunst und Design aufzulösen.

Geboren 1928 als Lutz Colani in Berlin, hatte er an der dortigen Kunstakademie studiert, bis er Ende der 1940er-Jahre nach Paris zog, um sich an der École polytechnique für Aerodynamik und Ultraleichtbau einzuschreiben. Anfang der 1950er arbeitete er für den amerikanischen Flugzeugbauer Douglas Aircraft Company im Bereich Materialforschung, danach zog es ihn zurück in die französische Hauptstadt, um dort Karosserien für Automobile zu entwerfen. Im Jahr 1955 gründete er seine erste eigene Werkstatt und arbeitete fortan als freischaffender Industriedesigner und Künstler.

Seine Entwürfe bildeten organische, biomorphe Formen ab, deren Vorbild die Natur war – selbst wenn sich seine Designs stets am technischen und industriellen Fortschritt orientierten und damit auch immer wieder einen Blick in die Zukunft warfen. Dementsprechend wirken sie bis heute nicht selten wie der Ausstattung eines Science-Fiction-Films entnommen.

1970 legte der Designer Luigi Colani für Poggenpohl seine Studie „experiment 70“ vor. Mit der blauen Kugelküche präsentierte er ein visionäres Konzept, das eine Küchenvision für das Jahr 2000 skizzierte. Das Modell steht bis heute im Poggenpohl-Showroom in Herford.

Luigi Colani selbst bezeichnete seine organische Formsprache als „Biodesign“, eine „Humanisierung der Nahtstelle Mensch-Maschine“, und verwendete gern neueste Materialien für die Umsetzung seiner Ideen. Die von ihm entworfenen Alltagsprodukte zeichneten sich vor allem durch ihre Kurven und Rundungen aus, Colanis bevorzugte Ästhetik. Ecken und Kanten“, so der Meister, „zerfetzen das Auge.“ Der Exzentriker platzierte mit seiner Arbeit nachhaltig biomorphe Formen in der Designkultur und vermied in seinen Entwürfen stets jede Wiederholung. Vielleicht gelang es ihm daher nicht, sich auch langfristig im kommerziellen, europäischen Industrie- und Produktdesign zu etablieren.

Mit dieser Außenseiterrolle vermochte Luigi Colani allerdings auch durchaus zu spielen. Er bezeichnete sich als Terrorist, als „Baader-Meinhof des Designs“, seine Bomben waren seine futuristischen Visionen, die er immer wieder in den etablierten Kunst- und Designbetrieb warf. Dabei wollte er doch eigentlich nur Alltagsobjekte optimieren und vor allem verschönern. Verstanden haben das nicht alle, insbesondere in Deutschland wurde Kritik an Colanis Arbeit laut. Viele seiner Designs, vor allem für kleinere Autos, gingen dementsprechend nicht in Serie. Die Fotos seiner umwerfend schönen Ideen hingegen gingen um die Welt.

In Ländern wie Italien, Mexiko, den USA oder Russland erlangte er ebenso Kultstatus wie in Japan und vor allem China – seine Witwe Ya-Zhen Zhao stammt übrigens aus dem Reich der Mitte. In Asien galt er als Autorität und feierte dort seine größten Erfolge: Schon in den 1970er-Jahren richtete er ein Designcenter in Japan ein und war in den frühen 1980er-Jahren Chefdesigner bei gleich mehreren japanischen Tech-Unternehmen. Colani entwarf Kameras für Canon und SONY sowie Autos für mazda. Zu dieser Zeit hatte er auch genug von „Mittelmaß und Kriechertum“ in seiner Heimat und wandte Deutschland erst einmal den Rücken zu. 1987 kehrte er immerhin zurück nach Europa und ließ sich in Bern nieder. Das feste Band zu China blieb weiterhin bestehen: Ab 1995 nahm er Design-Professuren an mehreren chinesischen Universitäten an, im Jahr 2014 eröffnete er das Institut für Industriedesign in der Nähe von Shanghai, das erste seiner Art im Land.

Aber zurück zu seinen ikonischen Objekten, von denen so viele in die Designgeschichte eingingen. Besonders bekannt sind seine (Renn-)Autos, die skulpturalen Möbel, Brillen oder technischen Geräte – vom Fernseher bis zum Fotoapparat. Auch Uniformen, übrigens für die Hamburger Polizei, und Kleidung zählten zum Werk des Designers. Bis zu seinem Tod 2019 in Karlsruhe arbeitete er an seinen stets runden Formen, in der Natur, so Colani, gäbe es schließlich auch nichts Eckiges.

Bis zu seinem Tod 2019 in Karlsruhe arbeitete er an seinen stets runden Formen, in der Natur, so Colani, gäbe es schließlich auch nichts Eckiges.

Dabei war er auch seine eigene Marke: Sein großer Schnäuzer, seine weißen Oversized-Rollkragenpullover und die Zigarre gehörten dabei zu seiner Corporate Identity wie der von ihm entworfene Schriftzug seines Namens. In seiner ersten eigenen Werkstatt entwickelte er passend dazu den speziellen Colani-Look und kreierte mit ihm Automobile wie den Fiat 1100 TV, den Sportwagen Colani GT oder Gefährte von ALFA ROMEO, LANCIA, VW oder BMW. Auch ein Lkw mit raumschiffähnlichem Führerhaus für MARCHI MOBILE war dabei. Mit diesen immer sehr schnittigen, futuristischen Autodesigns gewann er zahlreiche Preise und sorgte überall für Aufsehen.

Viele seiner Auto-Entwürfe waren ihrer Zeit übrigens nicht nur in ihrer Formsprache weit voraus, sondern fuhren durch ihre aerodynamische Optik schneller und auch sparsamer als die anderen ihrer Zeit, wie zum Beispiel der Citroën 2CV oder der Ford Ka. Dennoch waren die meisten seiner Entwürfe zu radikal für die Autoindustrie, auch, weil sie nicht dem Geschmack der Mainstream-Kunden entsprachen.

Seine Designs für Alltagsprodukte und ergonomische Möbel für teils namhafte Unternehmen hingegen erlangten vor allem in den 1960ern weltweite Bekanntheit wie der Schreibtisch für FLÖTOTTO, der Schimmel-Flügel „Pegasus“, ein aerodynamisches Waschbecken für Villeroy & Boch, die elegant-gerundete Canon T90 oder Colanis legendäre Ufo-Lampe. Andere Objekte kamen über den Prototyp nicht hinaus und landeten im Museum und nicht im Verkaufsraum, wie die Kugelküche von poggenpohl. Luigi Colani entwickelte alles – von Kopfhörern und Duschbrauseköpfen über Computer bis zu Biergläsern und Tischgeschirr.

Insbesondere in seinen letzten Jahren ersann er zudem zahlreiche Entwürfe für Städte und Welten der Zukunft oder arbeitete an Zukunftsstudien – als wollte er den Menschen auf einem immer mehr erkrankenden Planeten die Vision einer besseren Welt hinterlassen. In seiner Zeit als Gastprofessor für Urbanistik und Architektur an der Universität Shanghai begann er mit dem Entwurf einer energieeffizienten Green City. Dort sollten in futuristisch gestalteten Gebäuden 50.000 Forscher leben und arbeiten. Eine schöne Vorstellung, dass Luigi Colanis letzte Vision vielleicht irgendwann einmal dazu beiträgt, den Planeten Erde zu retten. Und dem Designer damit posthum die Unsterblichkeit verleiht, die er sich schon zu Lebzeiten gewünscht und auch verdient hat.