Brasilien im Blick

Bekleidungsmarkt in Lateinamerik

Brasilien gilt als die größte Nation mit vollständiger Textilkette im globalen Westen. ©David Rangel by unsplas
Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen
Brasilien ist im globalen Textil- und Bekleidungssektor eine bedeutende Größe – nicht nur als Baumwollproduzent, sondern auch als Absatzmarkt. Welche aktuellen Daten, Entwicklungen und News gibt es hier zu verzeichnen? Welcher Look bestimmt überhaupt das Bild auf den Straßen des bevölkerungsstärksten Landes Lateinamerikas? Ein Blick aus Europa Richtung Zuckerhut.

Brasilien. Fußballnation, Karnevalshochburg, Heimat des Bossa nova – und bedeutender Player im Bekleidungssektor. Das südamerikanische Land gilt als die größte Nation mit vollständiger Textilkette im globalen Westen. Das Spektrum reicht von der Produktion textiler Fasern wie Baumwolle über Spinnerei, Weberei und Verarbeitung bis hin zu Vermarktung und Verkauf, Einzelhandel. Zudem findet zweimal jährlich die São Paulo Fashion Week in São Paulo, Brasiliens Wirtschaftszentrum, statt. Nach letzten öffentlichen Zahlen der textilen Vereinigung TEXBRASIL hat die inländische Textil- und Bekleidungsindustrie im Jahr 2021 über 1,34 Millionen Menschen beschäftigt. Es sind 8 Millionen Menschen mehr, wenn indirekt Beschäftigte dazugerechnet werden. Dabei liegt der Anteil von Frauen bei etwa 60 Prozent. Der Umsatz der Textil- und Bekleidungskette hat im Erhebungsjahr 190 Milliarden Brasilianische Real betragen, umgerechnet rund 32,5 Milliarden Euro. Laut Prognose des Portals Statista soll das Marktvolumen im Jahr 2028 auf über 34,6 Milliarden Euro steigen, entsprechend einem jährlichen Umsatzwachstum von 3,17 Prozent.

Grund genug für ausländische Konzerne, Expansion im Wachstumsmarkt Brasilien voranzutreiben. Nach vorausgegangenen Markteintritten in Mexiko, Peru und Uruguay nimmt so aktuell das schwedische Unternehmen H&M Kurs auf das mit rund 210 Millionen Einwohnern bevölkerungsstärkste Land Lateinamerikas. Im kommenden Jahr soll in Kooperation mit der Dorben Group der erste H&M Store im Südosten Brasiliens eröffnen, parallel dazu ist der Start eines Onlineshops geplant. Sukzessive will man in der Folge die Präsenz landesweit erhöhen. Der chinesische Ultra-Fast-Fashion-Gigant SHEIN plant indes ein Produktions- und Exportzentrum in Brasilien, einem seiner größten Märkte, um von dort aus in Zusammenarbeit mit lokalen Bekleidungsherstellern sowohl Brasilien als auch ganz Lateinamerika zu bedienen. Parallel dazu will man Presseberichten zufolge hinsichtlich Zollbestimmungen günstigere Bedingungen für den Handel mit dem europäischen sowie US-Markt schaffen. Laut Analyse der brasilianischen Investitionsbank BTG Pactual soll der Umsatz des Konzerns SHEIN, der keine offiziellen Geschäftszahlen bekannt gibt, im Jahr 2023 mehr als 10 Milliarden Brasilianische Real im Land betragen haben, umgerechnet mehr als 1,7 Milliarden Euro. Dies entspreche einem Wachstum von 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die lokale Textilindustrie sowie der lokale Einzelhandel sehen sich den Billigmode-Anbietern aus dem Ausland gegenüber unter Druck gesetzt. Die Regierung reagiert mit einem Vorschlag zur Besteuerung von Importen bis zu 50 US-Dollar. Ein neuer, föderaler Steuersatz von 20 Prozent soll bei diesen greifen und die Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Industrie gegenüber ausländischen Märkten erhöhen.

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Derweil sorgt auch eine Studie der britischen NGO earthsight für mediales Aufsehen. Große Flächen von Regenwald sollen für den Anbau von Baumwolle abgeholzt worden sein. Ebenso werden in diesem Zusammenhang Vorwürfe um Menschenrechtsverletzungen und Landstreitigkeiten mit indigenen Bevölkerungsgruppen laut. Im Fokus stehen zwei große brasilianische Agrarkonzerne sowie mehrere asiatische Firmen, die wiederum Filialisten wie ZARA beliefern. Letztere werden erneut wegen fehlender Kontrollen von Lieferketten kritisiert. Brasilien zählt zu den Top Five der Baumwollproduzenten weltweit. Mitunter soll die verarbeitete Baumwolle, deren Weg man im Rahmen des NGO-Berichts nachverfolgte, mit Öko-Labeln ausgezeichnet worden sein.

Körperkult

Neben den Strukturen in Industrie und Handel, die sich rund um große internationale Märkte und auch den heimischen Massenmarkt gebildet haben, existieren im Land zahlreiche Handwerksbetriebe und Kleinunternehmen in Textil und Bekleidung. Sichtbar wird dies auf öffentlichen Märkten oder auch einfach in gewöhnlichen Einkaufsstraßen. Neben einen Laden mit vornehmlich aus Asien bezogenen Waren reiht sich durchaus ein Geschäft mit handgefertigten Sandalen aus Leder – betrieben von Ladenbesitzern, die ihr gesamtes Leben lang nur ebendieses Metier verfolgt haben. Kein Ausnahmefall. Und sehr kennzeichnend für das Land selbst, das so sehr von Gegensätzen geprägt ist. Dies spiegelt sich auch im modischen Straßenbild wider. Im Gros dominieren – nicht zuletzt klimabedingt – Luftigkeit und Casualness den Look. Einfaches Shirt/Top und kurze Hose sind sicherlich ein Standard, wenn denn nicht für den Job vielmehr formelle Bekleidung getragen wird. Sportivität steht hoch im Kurs. Neben der geografischen Nähe zu den USA, die in Sachen Sportswear und Trends stets aufs Neue beeinflussen, ist es der Kult um Fitness und Körper, der sportive, aktive Outfits anhaltend befeuert. Sportmarken wie Nike, Reebok und adidas erfreuen sich großer Beliebtheit. Es herrscht eine besondere Wertschätzung von komfortabler, unkomplizierter Bekleidung vor, wenn auch parallel eher körpernahe sowie explizit körperbetonte Schnitte im Vordergrund stehen. Entsprechend haben auch 75 Prozent der befragten Brasilianer in einer Statista-Analyse 2023 angegeben, dass Bekleidung und Schuhe vor allem komfortabel und praktisch sein müssen.