„Innovation ist kein Selbstläufer“

messe frankfurt

„Die Textilindustrie ist eine hochkomplexe Branche. Das birgt Chancen, aber auch Herausforderungen", sagt Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies bei der Messe Frankfurt GmbH. alle Bilder ©Messe Frankfurt
Autor: Markus Oess

Volatile Märkte, steigende Energiepreise, regulatorischer Druck und Fachkräftemangel setzen die Textilindustrie unter Anpassungsdruck. Olaf Schmidt von der messe frankfurt, Veranstalter der techtextil und texprocess, sieht Innovation als entscheidenden Faktor – allerdings nur, wenn sie strategisch eingesetzt wird. Im Gespräch erläutert er, wo Unternehmen investieren, welche Rolle KI spielt und wie die Leitmessen den Transfer von Forschung in marktfähige Anwendungen beschleunigen wollen. Grundlage des Interviews ist das vorliegende Dokument.

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FASHION TODAY: Herr Schmidt, Sie sagen, gerade in Zeiten von Investitionszurückhaltung zeige sich, wie entscheidend Innovationskraft sei. Was beobachten Sie aktuell konkret in der Branche – wo wird gebremst, wo wird investiert?
Olaf Schmidt: „Innovation begleitet die Textilindustrie seit jeher. Angesichts globaler, technologischer und regulatorischer Umbrüche gewinnt sie an Dringlichkeit: Volatile Zollpolitik, Rezessionstendenzen, hohe Energiepreise und Fachkräftemangel verlangen neue Wege. Viele Unternehmen sind aktuell zurückhaltend bei Investitionen in wenig skalierbare Produktions- und Lieferstrukturen oder reinen Ersatzausgaben ohne Automatisierungspotenzial. Stattdessen investieren sie gezielt in Effizienz, Flexibilität, Resilienz und neue Geschäftsmodelle – vor allem in künstliche Intelligenz, Digitalisierung und datenbasierte Prozesse. Gleichzeitig ist Innovation die Voraussetzung für wirtschaftlich tragfähige Nachhaltigkeit. Ressourceneffizienz und moderne Fertigungstechnologien sowie neue Materialien sind unerlässlich, um Anforderungen wie den Green Deal zu erfüllen. techtextil und texprocess spiegeln diese Marktentwicklungen wider. Trotz des volatilen Marktumfelds bleiben beide Plattformen stabil und vereinen textile Lösungen von 1.700 Ausstellern aus 49 Ländern, darunter 120 Neukunden und zahlreiche Länderpavillons. Ein starkes Signal für die Relevanz der beiden Innovationshubs in Frankfurt.“

Wo sehen Sie aktuell den größten Hebel von Innovationen: eher bei Effizienz und Kosten oder bei neuen Geschäftsmodellen und Märkten?
„Kurzfristig liegt der größte Hebel bei Effizienz und Kosten. Unternehmen stehen unter hohem Druck, mit weniger Ressourcen wettbewerbsfähig zu bleiben. Digitale Prozesse, Automatisierung und KI ermöglichen skalierbare Effizienzgewinne – von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Planung. Daraus entstehen neue Geschäftsmodelle und Marktchancen. Datengetriebene Services, flexible Produktionsmodelle oder individualisierte Angebote verändern Wertschöpfung und Kundennutzen. Effizienz und neue Geschäftsmodelle greifen also ineinander. Wer heute in Effizienz investiert, schafft die Basis für Wachstumsmärkte von morgen.“

Gerade auf Messen begleiten Innovationen die Textilindustrie seit jeher.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten strukturellen Bremsen für Innovation in der Textilindustrie?
„Die Textilindustrie ist eine hochkomplexe Branche. Das birgt Chancen, aber auch Herausforderungen: Globale Lieferketten, verschiedene regulatorische Anforderungen und eine fragmentierte Wertschöpfungskette bremsen Innovationszyklen. Fehlende Schnittstellen, nicht durchgängige Datenflüsse und international verzahnte Produktionsprozesse erschweren es, Innovationen schnell und ganzheitlich umzusetzen. Hinzu kommen Investitionsunsicherheit, Fachkräftemangel, steigende Anforderungen durch KI sowie begrenzte Ressourcen, vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen. Genau hier setzen techtextil und texprocess an: Sie bringen Forschung, Technologieanbieter, Produzenten und Anwender entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammen. In diesem globalen Netzwerk lassen sich Schnittstellen überwinden, Wissen bündeln und Innovationen schneller vorantreiben.“

Welche dieser Themen dominieren die techtextil und texprocess 2026 aus Ihrer Sicht am stärksten: KI, Automatisierung, neue Materialien, Kreislaufmodelle – oder etwas anderes?
„Entscheidend ist das Zusammenspiel: KI und automatisierte Prozesse sind zentrale Enabler der Textilindustrie. Sie verändern und beschleunigen Entwicklung, Produktion und Design grundlegend. Zudem gewinnen alternative Materialien, Kreislaufmodelle und nachhaltige Produktionsansätze an Bedeutung und Marktreife. Als Leitmesse für technische Textilien deckt die techtextil zwölf Anwendungsbereiche ab – von funktionalen Bekleidungstextilien bis zu Bau, Mobilität und Medizin. Die texprocess ergänzt dies als globale Plattform für effiziente und skalierbare Verarbeitungstechnologien. Gemeinsam schaffen beide Leitmessen wertvolle Synergien, bringen Unternehmen mit neuen Kunden und Anwendungsbereichen zusammen – auch über die eigenen Zielgruppen und klassischen Märkte hinaus.“

Räume für Austausch, Kooperation und Wissenstransfer

Sie betonen, techtextil und texprocess seien Orte, an denen Ideen zu marktfähigen Lösungen weiterentwickelt würden. Was heißt das praktisch – wie können Sie konkret den Transfer von Forschung in industrielle Anwendung fördern?
„techtextil und texprocess schaffen Räume für Austausch, Kooperation und Wissenstransfer. Ideen treffen früh auf reale Marktnachfrage und konkrete Anwendung. Formate wie die Techtextil und Texprocess Innovation Awards oder die kuratierten Foren erhöhen die Sichtbarkeit und liefern direktes Marktfeedback. Unternehmen können Potenziale schneller bewerten und gezielt mit Entscheiderinnen und Entscheidern ins Gespräch kommen. Kontakte und Projekte, für die sonst Monate nötig wären, entstehen hier innerhalb weniger Tage. techtextil und texprocess machen Innovation also dort greifbar, wo sie für den Markt relevant ist: in der Anwendung. Wie der Transfer praktisch funktioniert, zeigt die techtextil zum Beispiel mit Performance Apparels on Stage. Die Sonderschau macht funktionale Bekleidung und innovative Wearables im Einsatz erlebbar und zeigt, was sie unter anspruchsvollen Bedingungen leisten – etwa beim Wärmen, Kühlen, Schützen oder Erfassen von Daten. Ob Smart Textiles, Outdoor- und Sportbekleidung oder persönliche Schutzausrüstung: Performance Apparels zählt zu den dynamischsten Wachstumsfeldern der techtextil und wächst kontinuierlich weiter.“

In einer Panel-Diskussion fiel der Punkt, dass Innovation sowohl Effizienzhebel als auch Wachstumsmotor sei. Wo sehen Sie die echten Chancen und was wird in der Praxis derzeit eher noch überschätzt?
„Die größten Chancen liegen dort, wo Innovation Effizienz schafft, neue Marktpotenziale und Wertschöpfung ermöglicht: Sie hilft, Ressourcen zu sparen, Prozesse zu vereinfachen, Entwicklungszeiten zu verkürzen – und macht Unternehmen dadurch agiler, resilienter und wettbewerbsfähiger. Aber: Innovation allein ist kein Selbstläufer. Innovation ist dann ein Wachstumsmotor, wenn sie Teil einer klaren Strategie ist und messbare Vorteile im Alltag bringt.“

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Bühne für Erklärer

Welche Rolle spielen die Innovation Awards dabei aus Ihrer Sicht – sind sie eher Schaufenster, Orientierungssystem oder ein echter Marktbeschleuniger?
„Die Techtextil und Texprocess Innovation Awards sind Schaufenster, Orientierungssystem und Marktbeschleuniger zugleich. Sie zeigen, wie sich die globale Branche entwickelt und warum Innovation ein Wettbewerbsfaktor ist. Die Awards machen Innovationen sichtbar und marktfähig, schaffen Vertrauen bei Anwendern und Investoren und geben den entscheidenden Impuls für zukünftige Partnerschaften und Projekte. Eine unabhängige internationale Jury aus Industrie und Forschung zeichnet progressive Ideen mit klarer Marktrelevanz aus – von neuen Materialien über Produktionstechnologien bis hin zu Digitalisierung und KI. Für viele Unternehmen ist der Gewinn des Techtextil oder Texprocess Innovation Awards der entscheidende Moment, in dem eine Entwicklung den Sprung aus Forschung oder Pilotphase in den Markt schafft. Die ausgezeichneten Lösungen spiegeln die relevanten Branchenthemen – und finden auf techtextil und texprocess globale Bühnen.“

Nach welchen Kriterien wird entschieden, was wirklich wegweisend ist – und wie vermeiden Sie, dass Awards nur Buzzwords auszeichnen?
„Innovation soll einen neuen Mehrwert für die Industrie schaffen und praktisch einsetzbar sein. Entscheidend sind Innovationsgrad, Branchenrelevanz, Anwendungsbezug und Nachhaltigkeit. Klare Kategorisierungen und Bewertungen durch unsere unabhängige Fachjury stellen sicher, dass die Lösungen relevant sind und Potenzial haben, die textile Wertschöpfung nachhaltig zu verändern. Der Techtextil Innovation Award deckt mit Kategorien von neuen Konzepten und Materialien bis zu Digitalisierung, KI und Recyclingtechnologien den gesamten Innovationsprozess ab – von der Idee bis zur Anwendung. Der Texprocess Innovation Award setzt Schwerpunkte auf Effizienz und Umsetzbarkeit, etwa bei Automatisierung, Prozess- und Zeitoptimierung, Qualitätssteigerung sowie ökologischer und digitaler Innovation.“

Wie stark ist das Thema künstliche Intelligenz mittlerweile in den Einreichungen vertreten – und in welchen Bereichen der textilen Wertschöpfung sehen Sie die realistischsten KI-Anwendungen?
„Künstliche Intelligenz ist fest in den Einreichungen verankert und hat eigene Kategorien innerhalb der Techtextil und Texprocess Innovation Awards. Das unterstreicht die Relevanz des Themas für die gesamte textile Wertschöpfung. Auf der texprocess liegt der Fokus vor allem auf 3D-Design, virtuellen Prototypen, Produktionssteuerung, Prozessoptimierung und Qualitätssicherung. Auf der techtextil zeigt sich KI stärker in der Entwicklung neuer Materialien, der Optimierung von Funktionen und der Erschließung neuer Anwendungen. Insgesamt dominieren praxisnahe Lösungen mit messbarem Nutzen, die Ressourcen sparen und Prozesse effizienter sowie skalierbarer machen.“

adidas spricht über 3D-Design, virtuelle Prototypen und KI in der Entwicklung. Wie verändert das aus Ihrer Sicht die Messe selbst – weniger Muster, mehr digitale Prozesse, andere Gesprächspartner?
„Volatile Märkte erfordern ein Umdenken und neue Strategien. Dazu gehören neue globale Partnerschaften, resilientere Lieferketten und alternative Geschäftsmodelle. Genau hier kommen techtextil und texprocess ins Spiel: als Orte, an denen Unternehmen zentrale Zukunftsfragen und Entscheidungen im direkten Austausch vorantreiben. Technologische Entwicklungen wie 3D-Design, virtuelle Prototypen und KI sind Werkzeuge, um Entwicklungszeiten zu verkürzen, Materialeinsatz zu reduzieren und Produktionsprozesse zu optimieren. Gespräche setzen daher früher an, sind strategischer und interdisziplinärer. Neben Einkauf und Vertrieb kommen verstärkt Entwicklungs-, Design- sowie Digital- und Innovationsteams zusammen. Gerade in unsicheren Zeiten zeigt sich: Der persönliche Austausch auf den Messen ist relevanter denn je.“

Technologien für Nachhaltigkeit 

Nachhaltigkeit ist laut der portugiesischen citeve nur wirtschaftlich realisierbar, wenn Forschung und Innovation zusammenkommen und in Prozesse überführt werden. Welche nachhaltigen Technologien erwarten Sie 2026?
„Im Fokus stehen Technologien, die Nachhaltigkeit wirtschaftlich tragfähig machen und sich in der Praxis bewähren: effiziente Recyclingprozesse, zirkuläre Konzepte, neue Hochleistungsmaterialien sowie digitale Entwicklungs- und Produktionsmethoden. Diesen Ansatz unterstützen techtextil und texprocess mit dem Econogy-Programm, das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit bewusst zusammendenkt. Aussteller können sich einem Nachhaltigkeitscheck unterziehen und erhalten bei erfolgreicher Prüfung ein spezielles Signet am Messestand und online. So finden Besucherinnen und Besucher nachhaltige Angebote gezielt und effizient. Das kuratierte Content-Programm bietet mit interaktiven Vorträgen und geführten Touren mit renommierten Expertinnen und Experten zusätzliche Orientierung zu nachhaltigen Lösungen und Geschäftspotenzialen.“

Schauen wir ein Jahr weiter. Was wäre für Sie ein Zeichen dafür, dass techtextil und texprocess 2026 tatsächlich textile Transformation beschleunigt haben – woran würden Sie das festmachen?
„Ganz klar: wenn Innovationen schneller den Weg in die Anwendung finden und aus Messebegegnungen konkrete Projekte entstehen. Wenn neue Partnerschaften wachsen, Entwicklungszyklen kürzer werden und Unternehmen messbar effizienter, nachhaltiger und wettbewerbsfähiger agieren. Entscheidend ist, dass techtextil und texprocess umsetzen – und aus innovativen Ideen reale Lösungen für die Zukunft der globalen Textilbranche entstehen. Das ist und bleibt unser Anspruch.“

Der Gesprächspartner

Olaf Schmidt ist Vice President Textiles & Textile Technologies bei der Messe Frankfurt GmbH, dem internationalen Messeveranstalter mit Sitz in Frankfurt am Main. In dieser Funktion verantwortet er unter anderem die Leitmessen techtextil und texprocess und begleitet strategisch die Weiterentwicklung textiler Zukunftsthemen. Der Manager ist bereits seit Oktober 2006 für die Hessen tätig.
Zuvor absolvierte er ein Studium an der Hochschule Niederrhein, University of Applied Sciences, und schloss als Diplom-Textilingenieur beziehungsweise Master of Sciences in der Fakultät Textil- und Bekleidungstechnik ab. Ergänzend erwarb er an der Hochschule Landshut, University of Applied Sciences, einen Master of Business Administration mit Schwerpunkt Industrial Marketing and Technical Sales.