Justus Lebek folgt als Präsident des Industrieverbandes GermanFashion auf Gerd Oliver Seidensticker. Seidensticker hatte den Verband 14 Jahre geführt. Lebek trifft auf eine Branche, die einer schwacher Nachfrage, Exportminus und steigenden regulatorischen Anforderungen gegenübersteht. Im Gespräch mit FASHION TODAY skizziert er seine Einschätzung zur konjunkturellen Lage, benennt Risiken für 2026 und formuliert Erwartungen an die Politik. Zugleich beschreibt der neue Präsident, wie GermanFashion seine Mitglieder in einer komplexer werdenden Informationslage unterstützen will.
Fashion Today: Herr Lebek, Sie übernehmen das Amt in einer wirtschaftlich angespannten Phase. Wie schätzen Sie die aktuelle konjunkturelle Lage der GermanFashion-Mitgliedsunternehmen ein?
Justus Lebek: „Die gesamtwirtschaftliche Lage ist sowohl national als auch international von zahlreichen Herausforderungen und Unsicherheiten geprägt. Insbesondere die konjunkturelle Situation in unserer Branche lässt sich derzeit nicht als positiv bezeichnen. Die letzten verfügbaren Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus September 2025 zeigen eine Phase der Stagnation. Die Rückgänge in fast allen relevanten Indikatoren haben sich mittlerweile verfestigt.
Trotz dieser Situation lässt die jüngste ifo-Umfrage jedoch die Hoffnung auf eine mögliche Verbesserung aufkommen. Dennoch werden der Mangel an Aufträgen sowie die unzureichende Nachfrage aus dem Ausland weiterhin als ernsthafte Problemstellung wahrgenommen. Der Außenhandel hat sich im Jahr 2025 ebenfalls negativ entwickelt. Bis September 2025 wurden insgesamt 2,6 Prozent weniger exportiert als im Vorjahr.
Auch wenn es schwierig ist, die genaue Entwicklung vorherzusagen, gehe ich davon aus, dass wir zum Jahresende 2025 einen leichten Rückgang im Umsatz verzeichnen werden.“
Welche Entwicklungen erwarten Sie für das Geschäftsjahr 2026 – beim Konsum, in der Order, bei Kosten und Margen?
„Ich gehe davon aus, dass wir auch im Jahr 2026 mit einer vorsichtigen Haltung und einem klaren Fokus auf Kostenmanagement in das Jahr starten werden, ähnlich wie bereits 2025. Unternehmen stehen wie gehabt vor der Herausforderung, kostenintensive Maßnahmen umzusetzen, insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit und Beschaffung. Dabei suchen sie weiterhin nach Produzenten, die ihre Waren logistisch sicher und gemäß den europäischen Standards liefern und herstellen können. Ich vermute, dass der Trend zum Nearshoring, insbesondere in nordafrikanische Länder, auch in diesem Jahr anhalten wird.
Insgesamt werden Unternehmen, wie bereits in den vergangenen Jahren, sehr genau kalkulieren und produzieren. Die Zeiten, in denen Lagerbestände optimistisch aufgestockt wurden, sind endgültig vorbei. Wir werden versuchen, die Margen zu halten, doch stärkere Gewinne erscheinen wenig realistisch. Die Unternehmen leisten hervorragende Arbeit, um sich auf die aktuellen Herausforderungen einzustellen. Besonders von der Politik erwarten wir weiterhin Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen, insbesondere durch Vereinfachungen und eine Reduzierung unnötiger Bürokratie.“
„GermanFashion hat bereits in der Vergangenheit viel dafür getan, seine Mitglieder in einer zunehmend komplexer werdenden Informationslandschaft zu unterstützen, und wir werden diesen Weg konsequent fortsetzen.“
Wo sehen Sie die größten Risiken für die Branche in 2026?
„In diesem Jahr sehe ich mehrere potenzielle Risiken für die Branche. Zum einen bleibt das Zollthema ein ernst zu nehmender Unsicherheitsfaktor, da Änderungen in Handelsabkommen oder neue Zölle schnell zu unerwarteten Kostensteigerungen führen können, die schwer kalkulierbar sind. Ein weiteres großes Risiko ist die Konsumzurückhaltung der Verbraucher, die aufgrund der anhaltenden wirtschaftlichen Unsicherheit und eigener Ängste vor einer Rezession ihre Ausgaben reduzieren könnten.
Hinzu kommt unser Nummer-eins-Thema Nachhaltigkeit: Unternehmen, die nicht rechtzeitig auf die steigenden Anforderungen an ökologische und soziale Standards reagieren und in ihrer Lieferkette umsetzen, könnten in Wettbewerbsnachteile geraten. Letztlich bleiben auch die digitale Transformation und KI ein zweischneidiges Schwert – wie sichere ich mich rechtlich ab? Wie verliere ich nicht den Anschluss? Und vieles mehr wird uns beschäftigen.“
Welche politischen Maßnahmen erwarten Sie von der Bundesregierung, um die Textil- und Modewirtschaft zu entlasten?
„Von der Bundesregierung erwarte ich vor allem eine Entlastung der Textil- und Modewirtschaft durch pragmatische und zielgerichtete politische Maßnahmen. Insbesondere erhoffe ich mir, dass die Bundesregierung die Bürokratie abbaut und Prozesse vereinfacht, etwa bei geforderten Dokumentationspflichten, um den Unternehmen gerade in kleinen und mittleren Betrieben den Alltag zu erleichtern.
Darüber hinaus erwarte ich, dass die Politik die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche stärkt, etwa durch klare und verlässliche Regelungen im internationalen Handel und durch die Unterstützung von Initiativen, die fairen und transparenten Handel fördern. Nicht zuletzt wäre es wünschenswert, wenn die Regierung auf eine stärkere Förderung der Aus- und Weiterbildung setzt, um die Fachkräftesicherung langfristig zu gewährleisten und die Innovationskraft der Branche zu stärken.“
Sie sprechen von Desinformation und einer komplexer werdenden Informationslage. Wie soll GermanFashion seine Mitglieder künftig besser unterstützen?
„GermanFashion hat bereits in der Vergangenheit viel dafür getan, seine Mitglieder in einer zunehmend komplexer werdenden Informationslandschaft zu unterstützen, und wir werden diesen Weg konsequent fortsetzen. Wir bieten unseren Mitgliedern den direkten Zugang zu Experten, die ihre Fragen beantworten und sich den Herausforderungen der Branche stellen. Unsere Fachleute beraten dabei nicht nur branchenspezifisch, sondern auch fachübergreifend – eine essenzielle Stärke, um umfassend und zielgerichtet zu agieren.
Gerade bei Themen wie der Nutzung von künstlicher Intelligenz oder bei rechtlichen Feinheiten, etwa im Hinblick auf neue Nachhaltigkeitsgesetze, ist es wichtig, auf qualifizierte Beratung zurückzugreifen. Hier liegt der Vorteil von GermanFashion: Unsere Fachleute sind stets am Puls der aktuellen Gesetzgebung und haben direkten Zugang zu den Verordnungen und Richtlinien und deren Entstehungsprozessen. Diese Nähe ermöglicht es uns, unseren Mitgliedern präzise und verlässliche Informationen zu liefern – gerade in einem Bereich, in dem Desinformation und unklare Quellen oft ein Risiko darstellen.
Wir werden also auch in Zukunft nicht nur weiterhin eine umfassende Informationsbasis bieten, sondern diese ständig erweitern. Dazu gehören unter anderem neue Branchennewsletter, eine verstärkte Einmischung in die Gesetzgebung sowie die Vertretung unserer Branche auf höchster Ebene. Ein zentraler Punkt auf meiner persönlichen Agenda ist es, noch mehr Austausch und Vernetzung zu fördern, vor allem bei wichtigen Themen wie dem Digital Product Passport (DPP) und anderen relevanten Entwicklungen.“
Wie wollen Sie sicherstellen, dass unterschiedliche Unternehmensgrößen – vom Mittelstand bis zur größeren Marke – gleichermaßen vom Verband profitieren?
„Die Herausforderung, sicherzustellen, dass alle Unternehmen gleichermaßen vom Verband profitieren, nehmen wir sehr ernst. Transparenz, Dialog und passgenaue Angebote sind dabei die entscheidenden Stichworte. Unsere Mitgliederstruktur ist vielfältig – von kleinen Familienbetrieben bis hin zu großen Marken – und wir legen großen Wert darauf, dass jedes Unternehmen die Unterstützung erhält, die es benötigt.
Für die kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) steht die kontinuierliche und pragmatische Unterstützung im Alltag im Vordergrund. Wir sorgen dafür, dass aktuelle Informationen schnell und unkompliziert weitergegeben werden, sei es zu gesetzlichen Neuerungen, Markttrends oder branchenspezifischen Herausforderungen. Diese schnelle Reaktionsfähigkeit ist für KMU besonders wichtig, da sie oft nicht über die gleichen Ressourcen wie große Unternehmen verfügen.
Aber auch die größeren Marken profitieren von unserer Expertise. Durch unsere breit angelegte Kompetenz und die enge Zusammenarbeit mit Experten bieten wir maßgeschneiderte Beratung und Lösungen, die auf die Bedürfnisse größerer Unternehmen abgestimmt sind. Aus meiner Erfahrung sehe ich hier keinerlei Probleme, unterschiedliche Unternehmensgrößen gleichermaßen zu integrieren und allen gerecht zu werden.
Ein zentrales Element, um alle Mitglieder miteinander zu vernetzen, sind unsere Arbeitskreise und Netzwerkveranstaltungen. Diese bieten den Mitgliedern nicht nur Zeit und Raum für den Austausch, sondern ermöglichen uns auch, jederzeit am Puls der Branche zu bleiben.“
„Online, Store, Mobile und Social wachsen zusammen und die Gewinner sind jene, die diese Touchpoints konsistent orchestrieren. Im Wholesale werden die Volumina selektiver verteilt und die Zusammenarbeit datenbasierter – man bestellt weniger ,auf Verdacht‘, dafür häufiger und näher am tatsächlichen Bedarf.“
Welche Erwartungen haben Sie an die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Modeunternehmen und wie will der Verband sie stärken?
„Die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Modeunternehmen hängt aus unserer Sicht maßgeblich von fairen Rahmenbedingungen und Chancengleichheit ab. Deutsche und europäische Unternehmen investieren erheblich in Produktqualität, Sicherheit, Nachhaltigkeit und die Einhaltung weiterer gesetzlicher Vorgaben. Diese Anstrengungen dürfen im internationalen Wettbewerb nicht zum Nachteil werden.
Ein zentrales Anliegen des Verbandes ist es daher, sich auf politischer Ebene für faire Marktbedingungen einzusetzen. Dazu gehört ganz klar, dass der Marktzugang in Europa nur solchen Unternehmen offenstehen darf, die europäische Gesetze einhalten – etwa das Produktsicherheitsgesetz oder weitere verbraucher- und umweltrelevante Regelungen. Insbesondere gegenüber Plattformen wie TEMU oder SHEIN sehen wir aktuell erhebliche Wettbewerbsverzerrungen, gegen die wir uns entschieden positionieren und für konsequenten Vollzug der bestehenden Regeln einsetzen.
Darüber hinaus stärken wir die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Mitglieder durch konkrete, praxisnahe Unterstützung. Dazu zählen unter anderem Beratung und Expertise im Bereich Sourcing, der Zugang zu belastbaren Produzenten-Netzwerken, Kontakte vor Ort sowie die Organisation von Delegations- und Marktreisen. Ziel ist es, unseren Unternehmen sichere, regelkonforme und wirtschaftlich tragfähige Beschaffungsstrukturen zu ermöglichen.
Ergänzend sehen wir unsere Rolle auch darin, Wissen zu bündeln und weiterzugeben – etwa zu internationalen Marktanforderungen, Handelsregularien oder geopolitischen Risiken. So schaffen wir Orientierung in einem immer komplexeren globalen Umfeld und helfen unseren Mitgliedern, ihre Position im internationalen Wettbewerb nachhaltig zu stärken.“
Erwarten Sie strukturelle Veränderungen in der Branche, etwa bei Retail-Formaten, Wholesale-Modellen oder Beschaffungsstrategien?
„Absolut. Wir sehen, dass Retail nicht mehr eindimensional funktioniert. Online, Store, Mobile und Social wachsen zusammen und die Gewinner sind jene, die diese Touchpoints konsistent orchestrieren. Im Wholesale werden die Volumina selektiver verteilt und die Zusammenarbeit datenbasierter – man bestellt weniger ,auf Verdacht‘, dafür häufiger und näher am tatsächlichen Bedarf. Gleichzeitig bauen viele Marken ihre DTC-Kanäle aus, um Preisbild, Markenführung und Kundendaten besser zu kontrollieren. In der Beschaffung verschieben sich die Prioritäten hin zu kürzeren Lead Times, robusteren Lieferketten und Transparenz, gerade auch im Nachhaltigkeitskontext. Damit verändert sich die Branche strukturell – nicht nur zyklisch.“
Gibt es einen Referenzwert, an dem Sie Ihren eigenen Erfolg Ihrer Verbandsarbeit festmachen, oder einfach gefragt: Was werden Sie liefern?
„Die Mitgliederentwicklung ist sicherlich ein wichtiger Referenzwert, allerdings nicht im Sinne einer bloßen Zahl. Entscheidend ist für mich, dass es uns gelingt, auch neue und innovative Labels für GermanFashion zu gewinnen und den Verband für unterschiedliche Geschäftsmodelle attraktiv zu halten. Das ist ein klarer Gradmesser dafür, ob wir die relevanten Themen der Branche treffen.
Ein weiterer Maßstab ist der kontinuierliche Ausbau unserer fachlichen Kompetenz. Die Komplexität der Anforderungen nimmt stetig zu – von Nachhaltigkeitsregulierung über Digitalisierung bis hin zu internationalen Rahmenbedingungen. Hier ist es mein Anspruch und mein immer offenes Ohr dem Team von GermanFashion gegenüber, dass wir unsere Expertise weiter vertiefen und unseren Mitgliedern verlässliche, praxisnahe Unterstützung bieten.
Liefern möchte ich, dass GermanFashion genau hier weiter ansetzt – nah an den Unternehmen, lösungsorientiert und mit einem klaren Blick für die praktischen Herausforderungen der Branche.“
Der Interviewpartner
Justus Lebek ist geschäftsführender Gesellschafter von Lebek International Fashion und seit 2026 Präsident vom GermanFashion Modeverband Deutschland e.V. Er folgt auf Gerd Oliver Seidensticker, der das Amt 14 Jahre innehatte. Lebek steht für einen mittelständisch geprägten Blick auf Industrie, Beschaffung und Markt. In seiner neuen Funktion vertritt er die Interessen der deutschen Textil- und Modeindustrie gegenüber Politik, Institutionen und Öffentlichkeit. Schwerpunkte seiner Agenda sind der Abbau von Bürokratie, faire Wettbewerbsbedingungen im internationalen Handel sowie praxisnahe Unterstützung der Mitgliedsunternehmen bei Themen wie Nachhaltigkeit, Regulierung und Digitalisierung.


