Im Zeitalter der Nachhaltigkeit gehört es fast schon zum guten Ton, sich zumindest teilweise in Secondhand-Fashion zu kleiden. Plattformen wie Vinted, Sellpy oder momox erfreuen sich dementsprechend großer Beliebtheit. Kennerinnen und Kenner verschlägt es auf der Jagd nach Vintage-Schnäppchen zudem auf Trödelmärkte oder in eins der zahlreichen Sozialkaufhäuser, die von kirchlichen Trägern oder Menschenrechtsorganisationen wie OXFAM in den meisten Städten und Gemeinden betrieben werden. Auch die Journalistin, Bloggerin und Autorin Alexandra Wehrmann ist ständig auf der Suche nach ausgefallener Secondhand-Ware. Dafür steckt sie ihre Fashion-Trüffelnase nicht nur regelmäßig in die Wühltische der Sozialkaufhäuser – sie geht zudem sehr unkonventionelle Wege, um an ausgefallene, kostengünstige und zuweilen dennoch hochwertige Einzelstücke zu kommen: Sie sucht Klamotten in Altkleidercontainern. Wie es zu dieser Leidenschaft kam und was sie bei ihren Streifzügen schon alles gefunden hat, erzählte uns Alexandra in einem Gespräch.

©Alexandra Wehrmann
FASHION TODAY: Alexandra, zunächst einmal: Was bedeutet dir Mode – welchen Stellenwert hat sie in deinem Leben?
Alexandra Wehrmann: „Mode im Sinne von ,Was trägt man gerade, was ist angesagt?‘ ist mir nicht so wichtig. Dafür gibt es einfach zu viele Trends, die ich nicht mitgehen kann oder auch will. Aber Kleidung an sich spielt durchaus eine zentrale Rolle in meinem Leben. Ich umgebe mich gerne mit schönen Dingen, egal ob es jetzt Möbel sind, Vasen, Geschirr oder eben Klamöttchen. Es bereitet mir Freude, durch Läden zu streifen, mich auf Flohmärkten durch mannshohe Kleiderhaufen zu wühlen, Sozialkaufhäuser zu durchkämmen oder den Inhalt von ,Zu verschenken‘-Kisten zu sichten. Abends vor dem Einschlafen soll man ja an etwas Schönes denken, damit man mit einem guten Gefühl in die Nacht geht. Ich muss gestehen, ich denke dann manchmal an meine liebsten Klamotten. Und daran, wie man sie kombinieren könnte. Wahrscheinlich ein Grund, dass ich meistens gut schlafe.“
Was macht für dich die Faszination von Vintage-Mode aus?
„Lass es mich an einem Beispiel erklären. Ich liebe den Antwerpener Designer Dries Van Noten. Seit ich denken kann, wollte ich ein Teil von ihm in meinem Klamottenfundus haben. Nun könnte ich es mir leicht machen, in einen Laden gehen und mir das Teil meiner Wahl kaufen. Das wäre die einfache Lösung, für die ich natürlich auch einiges an Kleingeld in die Hand nehmen müsste. Was fehlen würde, wäre der Thrill. Den habe ich, wenn ich in einem Secondhand-Laden bin, in dem das Sortiment ständig in Veränderung ist und bei dem man nie weiß, was einen erwartet. Da gehe ich jedes Mal mit der Hoffnung rein, das Teil meines Lebens zu finden. Oft ist dem nicht so. Aber an manchen Tagen klappt es. Wie bei der Hose von Dries Van Noten.“
Wie kam sie in dein Leben?„Vor einigen Monaten stand ich in einer OXFAM-Filiale in Düsseldorf und schaute die Hosen durch. Darunter war eine blaugraue, auf den ersten Blick unscheinbare Baumwollhose. Der Stoff fühlte sich gleich gut an, man merkte, dass es sich um ein hochwertiges Material handelte. Ich schaute auf die Größe: 40. Für mich mindestens eine Nummer zu groß. Dann fiel mein Blick auf das Label: Dries Van Noten. Da wusste ich: Die Hose kann man auch gut mit Gürtel tragen. Gekostet hat sie kaum mehr als 20 Euro. Der Tag des Kaufs wurde kurzerhand zum Feiertag erklärt. Und die Hose habe ich wenig später schon ausgeführt. Kombiniert mit weißen Chucks, die ich auf der Straße gefunden habe, und einem orangeroten Kurzarmpulli aus den 1970ern vom Flohmarkt. Preis: 3 Euro. Du merkst schon: Die Preise spielen für mich auch eine Rolle. Je weniger ich ausgeben muss, desto intensiver das Glücksgefühl. Das ist Teil des Spiels. In derselben OXFAM-Filiale habe ich übrigens auch einen tollen Rock der Düsseldorfer Designerin Ulla Meiners aka URSBOB gefunden. Der ist mir allerdings einen Tick zu eng, da muss ich mich schon gezielt hineinhungern …“
Neben Schnäppchenjagd in Sozialkaufhäusern hast du noch ein weiteres, sehr spezielles Hobby: Du wühlst dich gerne durch Altkleidercontainer auf der Suche nach besonderen Stücken. Wie kam es dazu?
„Man könnte mein Verhalten als eine Art Zwangshandlung beschreiben. Es gelingt mir schlichtweg nicht, an den textilen Haufen, die rund um die Altkleidercontainer wild wuchern, vorbeizugehen. Bei ,Zu verschenken‘-Kisten, Sperrmüll oder Sozialkaufhäusern geht es mir ähnlich. Selbst wenn ich in Eile bin, muss ich stehen bleiben beziehungsweise reingehen und die Sachen kurz durchschauen. Sonst habe ich den ganzen restlichen Tag das Gefühl, mir könnte etwas durch die Lappen gegangen sein.“
©Alexandra Wehrmann
Wie gehst du vor, wenn du einen Container enterst – und läuft man dabei nicht Gefahr, in so ein Ding hineinzufallen?
„Ich steige natürlich nicht in den Container hinein – das ist ja lebensgefährlich. Stattdessen sichte ich alles, was rechts, links, vor und hinter den Containern liegt. Also die schon erwähnten Klamottenberge, die viele Menschen eher eklig finden. Einige Teile sehen ja auch aus, als hätten sie den Urin vieler Jahrzehnte aufgesogen. Oder noch Schlimmeres. Manchmal wünschte selbst ich mir, ich hätte Einweghandschuhe dabei. Habe ich aber nie. Dennoch: Ich muss tun, was ich tun muss – auch ohne schützendes Gummi über den Händen. Mit spitzen Fingern picke ich Teil für Teil aus dem Haufen, sondiere, schaue nach Größen, Labels, überlege, zu welchen meiner Bestandsteile sie passen könnten. Was mich in dem Zusammenhang reizt, ist, das Schöne im Hässlichen auszumachen. Hipster-Trödel oder Vintage-Shop kann jeder. Altkleidercontainer ist was für Fortgeschrittene. Sozusagen die Champions League der Gebrauchtkleidung.“
Was hast du schon alles im Altkleidercontainer gefunden – was war das beste Stück, das du jemals ergattert hast?
„Zwei Teilchen, die mir spontan einfallen: eine nachtblaue Seidenbluse made in Italy. Und ein Kleid aus einem gemusterten afrikanischen Stoff, das ich zu einem Rock umfunktionieren möchte. Den Plan habe ich allerdings noch nicht umgesetzt. Besonders war auch ein stahlblauer, handbestickter Kimono. Die Teile stammen übrigens alle aus Containern in dem Stadtteil, in dem ich auch wohne, Düsseldorf-Oberbilk. Mein liebster Container wurde mittlerweile leider – wie zahlreiche andere Container auch – abgebaut. Darüber bin ich bis heute untröstlich.“
Du gehst also zu mehreren Containern – sind die vielleicht sogar in unterschiedlichen Vierteln oder sogar Städten? Und wie unterscheiden sich die Container voneinander in Bezug auf die Qualität ihres Inhalts und auf ihren generellen Zustand?
„Das Finden passiert meistens spontan, unerwartet, nicht geplant. So weit, dass ich speziell in andere Viertel oder gar Städte reise, bin ich bisher noch nicht gegangen. Das ist natürlich auch eine Zeitfrage. Irgendwann muss ich ja auch noch arbeiten. Sport treiben. Mit dem Fahrrad rumbrummen. Freunde treffen. Die Container-Touren wären aber eine gute Idee für die Zeit, wenn ich in Rente bin. Herrliche Aussicht, finde ich!“
©Katja Vaders
Für dich ist das Containern ein Hobby. Es gibt aber leider immer mehr, die darauf angewiesen sind, hier ihre Kleidung zu suchen. Was sind das für Menschen? Kommst du mit ihnen in Kontakt und hast du etwas über ihre Motivation zum Containern oder ihre Geschichten erfahren?
„Als Kontakthof hat der Altkleidercontainer für mich bisher noch nicht funktioniert. Insofern kann ich mit derartigen Geschichten leider nicht dienen. Dennoch kommt es natürlich immer mal wieder vor, dass man nicht die einzige Suchende am Container ist. Da gab es durchaus schon mal Leute, die mir Sachen angedient haben, die sie selbst nicht gebrauchen konnten, vielleicht, weil sie ihnen nicht passten. Das mochte ich sehr. Zumal es sich in den Fällen mutmaßlich um Menschen handelte, die eher die Not als der Spleen zum Container getrieben hatte. Wenn ich auf solche Menschen treffe, egal ob am Container oder im Sozialkaufhaus, habe ich natürlich schon manchmal ein leicht ungutes Gefühl. Ich will ja niemandem, der bedürftig ist, etwas wegnehmen.“
Ich habe neulich einen Mann beobachtet, der sich ein komplettes Outfit aus dem Container gezogen hat, inklusive Hemd und Sakko. Er zog es noch vor Ort an und zog anschließend ziemlich chic von dannen. Was ist deine liebste Container-Story?
„Einmal habe ich einen ganzen Sack mit nagelneuen Teilen von Ulla Popken gefunden. Alle noch mit Preisschildern. Weil ich nicht alle tragen konnte, bin ich schnell nach Hause geflitzt – war nicht weit von meinem Lieblingscontainer – und mit einer Karre wieder zurückgekommen, in die ich alles eingeladen habe. Zu Hause angekommen, traf ich meine Nachbarn bei uns im Innenhof, sie tranken gerade ein Feierabend-Bierchen. Ich habe ihnen voller Stolz meinen Fund präsentiert – und sie haben jedes einzelne Teil gebührend bewundert. Die beiden haben dann ein paar Wochen später versucht, die Sachen auf dem Flohmarkt bei dem Düsseldorfer Straßenfest ,Büdchentag‘ loszuschlagen. Den Erlös wollten wir in die Gestaltung unseres Hinterhof-Gartens reinvestieren. Die Nachfrage war allerdings eher gering bis nicht vorhanden. Letzten Endes haben wir die Klamotten dann zu OXFAM gebracht, für den Container waren sie nämlich definitiv zu schade.“
Welche Tipps gibst du Leserinnen und Lesern, die das Containern auch mal versuchen wollen?
„Augen offen halten. Ekel überwinden. Vorsichtshalber immer Einweghandschuhe dabeihaben. Und dann ran an die Buletten. Und willkommen in der Champions League!“
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person

©Alexandra Wehrmann
Alexandra Wehrmann ist Journalistin, Bloggerin und Autorin. Auf ihrem Düsseldorf-Blog theycallitkleinparis stellt sie seit 2015 Menschen vor, die ihren wie auch immer gearteten Teil zum städtischen Leben in Düsseldorf beitragen. 2021 hat sie zusammen mit dem Fotografen Markus Luigs das Buch „Oberbilk. Hinterm Bahnhof“ (mittlerweile vergriffen) veröffentlicht. 2023 erschien die von ihr herausgegebene Anthologie „Mischpoke. Familienangelegenheiten“ (ebenfalls vergriffen), für die sich 24 Autorinnen und Autoren von alten Familien-Dias zu Texten inspirieren ließen. 2024 erfand Wehrmann das Foto- und Kunst-Magazin „Fujikato“, das seitdem alle zwei Monate zu wechselnden Themen herauskommt. Neben ihrer journalistischen und publizistischen Tätigkeit organisiert Wehrmann regelmäßig Veranstaltungen sowie Rundgänge und Radtouren durch unterschätzte Viertel und Städte.




