Des Kaisers neue Altkleider

Kommentar

Katja Vaders

Autorin: Katja Vaders

Kennen Sie das? Sie haben Ihren Kleiderschrank ausgemistet und eine große Tasche für den Altkleidercontainer dabei, als Sie das Haus verlassen. Das Problem: Der Container, in dem Sie Ihre abgelegten Textilien entsorgen wollten, ist nicht mehr da. Immer mehr Kommunen ist deren Betrieb schlichtweg zu teuer geworden und daher verschwinden sie sang- und klanglos aus unseren Nachbarschaften.

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Ende März stellte Bundesumweltminister Carsten Schneider die Eckpunkte für die Einführung der Erweiterten Herstellerverantwortung bei Textilien vor. Diese beinhaltet, dass Hersteller künftig die Verantwortung für die Sammlung und Verwertung von Alttextilien übernehmen sollen. Mit der Richtlinie hat man vor allem Fast-Fashion-Ketten im Visier, die den Markt mit Unmengen von Textilien überschwemmen, deren Lebensdauer meist äußerst begrenzt ist. Auch wenn Verbraucherinnen und Verbraucher sich immer öfter bei Secondhand-Plattformen wie Vinted, momox oder Sellpy umschauen, wenn sie auf der Suche nach Kleidungsstücken sind und selbst die großen Onlinehändler wie zalando und asos längst Pre-Owned-Textilien verkaufen – die Müllberge aus Alttextilien werden immer größer. Laut Berechnungen einer Beratungsfirma landen weltweit jedes Jahr rund 120 Millionen Tonnen Kleidung im Müll; allein in Deutschland werden jährlich mehr als eine Million Tonnen alter Textilien gesammelt, rund 15 Kilogramm pro Kopf. Recycelt wird davon fast nichts, nur 1 Prozent der Alttextilien weltweit wird wiederverwertet, was nicht nur für eine hohe Umweltbelastung, sondern auch für hohe Kosten sorgt. Also wohin mit dem Müll?

Schon seit Januar 2025 ist es in Deutschland verboten, Textilien im Hausmüll zu entsorgen. Altkleidercontainer waren hierzulande immer eine gute Alternative, um ausgediente Kleidung loszuwerden. In deutschen Kommunen verschwinden sie jedoch vermehrt aus den Vierteln, weil sie in den vergangenen Jahren eher Belastung als Segen für die Gemeinden waren und sich vor allem finanziell nicht mehr lohnen. In Zeiten von Ultra Fast Fashion und billiger Kleidung im Überfluss greift offenbar auch hier das Prinzip von Angebot und Nachfrage: Wurden früher bis zu 600 Euro pro Tonne Altkleider bezahlt, gibt es heute für die gleiche Menge nicht einmal mehr 30 Euro. Die Qualität der Ware reicht zudem oft nur noch für die Müllverbrennung und lässt sich nicht mehr spenden. Die Art dieser Form der Entsorgung hat übrigens einen hohen Preis: bis zu 200 Euro pro Tonne. Dass die Altkleidercontainer von Bedürftigen durchwühlt werden, die anschließend ihren Ausschuss neben den Containern liegen lassen, ist den Kommunen verständlicherweise ebenfalls ein Dorn im Auge.

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Ist es daher ein probates und vor allem nachhaltiges Mittel, um Müll zu vermeiden, so viel Kleidung wie möglich secondhand zu kaufen? Ja – und nein. Mit Privat(ver)käufen auf der Plattform Vinted sammelt man sicherlich Punkte fürs Nachhaltigkeitskonto, auch wenn hier ein Restrisiko besteht, dass Käufe von privat nicht immer reibungslos ablaufen. Erheblich professioneller geht es bei den großen Secondhand-Onlineplattformen zu, die marketingträchtig ihre Kundschaft mit vermeintlicher Nachhaltigkeit ködern. Das Problem: Hinter einigen von ihnen stecken die Verursacher der Misere – Fast-Fashion-Ketten. Sellpy beispielsweise gehört mehrheitlich zur H&M GROUP; die von der Plattform vertriebene Bekleidung wird nicht selten kreuz und quer durch Europa verschickt, einzelne Teile landeten sogar in Indien und Pakistan, wie eine Recherche des SWR ergab. Nachhaltigkeit sieht anders aus. Kann am Ende also doch nur die Erweiterte Herstellerverantwortung bei Textilien helfen, die Berge von Textilmüll in den Griff zu bekommen?

Bundesumweltminister Carsten Schneider jedenfalls erhofft sich, mit der Richtlinie das unvermeidliche Überquellen der deutschen Altkleidercontainer zu begrenzen. Wer massenhaft Wegwerf-Klamotten auf den EU-Markt bringe, so Schneider, solle auch für ihre flächendeckende Sammlung und eine sinnvolle Verwertung bezahlen. Es ist kaum verwunderlich, dass diese Ankündigung des Bundesumweltministeriums nicht nur auf Zustimmung stieß. Kritik kam hauptsächlich von den Herstellern, die Schneiders Pläne vor allem in der momentanen Krise als geschäftsschädigend bezeichnen und befürchten, dass im Endeffekt die Mittelständler einen Großteil der Zeche zahlen werden, die – wenn wir ehrlich sind – nicht hauptverantwortlich für die Altkleiderberge sind. Beklagt wird zudem, dass das neue Gesetz einen großen bürokratischen Aufwand mit sich bringe, dabei aber nicht die Ursachen für billige Mode aus dem Ausland beseitigen werde. Auch wenn die Kritik der Hersteller durchaus nachvollziehbar ist: Es hilft alles nichts, das Gesetz muss bis spätestens zum 17. Juni 2027 in Kraft treten, da dann die EU-rechtlich vorgegebene Umsetzungsfrist abläuft.

Vielleicht sollten wir ein wenig Solidarität mit den hiesigen Textilunternehmen zeigen. Denn sind es im Endeffekt nicht die Verbraucherinnen und Verbraucher, die maßgeblich an den Altkleiderbergen beteiligt sind? Zunächst einmal sollten wir so wenig wie möglich bei den (Ultra-)Fast-Fashion-Riesen, vor allem aus Fernost, kaufen. Wie wäre es, wenn wir uns in puncto Bekleidung auf ein „Weniger ist mehr“ beschränken und auf Qualität setzen, die mehrere Saisons in unseren Schränken überdauert und nicht nach zweimal Tragen im Altkleidercontainer landet? Halten wir es mit der britischen Modeikone Vivienne Westwood: Buy less, choose well, make it last. Hinzu kommt ein „Support your local brand“, kaufen wir wieder vermehrt bei einem deutschen oder zumindest europäischen Hersteller und bestellen nicht in China. Secondhand ist definitiv der richtige Weg – aber nicht unbedingt Sellpy oder momox, die eben nur auf den ersten Blick nachhaltig agieren. Waren Sie schon einmal in einem Sozialkaufhaus, das auch sehr gerne Ihre gespendete Kleidung annimmt? Die Erlöse der dort verkauften Textilien fließen übrigens in soziale Projekte in der eigenen Kommune und geben den dort arbeitenden Menschen Struktur und Wertschätzung. Klingt einfach? Ist es auch. Am Ende liegt es nämlich an uns, ob Kleidung zur Last wird – oder zum Wert, der auch anderen zugutekommt.