Autor: Márton Liszka
Warten war früher ein Zustand. Heute ist es ein technischer Fehler.
Kaum etwas bringt uns so zuverlässig aus der Fassung wie Verzögerung. Das drehende Symbol am Bildschirm. Verzögerter Verbindungsaufbau nach einer Landung. Die Person, die den Selbstbedienungstankautomaten nicht bedienen kann. Eigentlich alles, was uns aufhält und das Gefühl vermittelt, dadurch für etwas anderes zu spät dran zu sein, wie eine furchtbar nervige Störung im eigenen System. Früher war das nicht so. Warten war akzeptierter und somit öfter Teil des Lebens.
Jetzt steht der Sommer vor der Tür und die bald startende Urlaubssaison macht dieses Phänomen jedes Jahr besonders sichtbar. Überfüllte Flughäfen und Bahnhöfe, verstopfte Autobahnen, verspätete Koffer, zu späte Zimmerfreigaben. Das Reisen beginnt oft nicht mit dem Ankommen, sondern mit dem Warten. Man steht herum, schaut auf Anzeigen, kontrolliert zum dritten Mal dieselbe Uhrzeit, bewegt sich ein paar Meter weiter. Der moderne Mensch ist mobil wie nie und trotzdem stecken wir erstaunlich oft irgendwo fest. Das Interessante daran ist aber nicht, dass wir warten müssen. Das mussten Menschen immer. Interessant ist, wie schlecht wir es inzwischen können. Sobald nichts weitergeht, greifen wir zum Telefon. Wir füllen jede Lücke, bevor sie überhaupt eine werden kann. Eine Minute Wartezeit reicht, um Nachrichten zu lesen, Mails zu checken, ein Video zu schauen oder nach einer zweiten Kasse zu rufen. Die Pause zwischen zwei Dingen ist selten noch einfach Pause, da wir sie eigentlich gleich wieder mit etwas anderem besetzen.
Ich behaupte, Warten ist deshalb so unangenehm geworden, weil es uns mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert: Nicht alles richtet sich nach uns. Es gibt Abläufe, Menschen, Systeme, Zufälle, Verspätungen, Wetterlagen, Drucker, Behörden und andere Realitäten, die nicht schneller werden, nur weil wir es gerne hätten. Wir haben uns aber leider an Sofortigkeit gewöhnt. Nachrichten kommen sofort. Antworten werden sofort erwartet. Essen wird sofort geliefert. Serien starten automatisch die nächste Folge. Produkte werden über Nacht zugestellt. Informationen sind teilweise verfügbar, bevor wir die Frage ganz formuliert haben. Wer heute warten muss, wartet nicht, sondern fragt sich, warum etwas nicht sofort funktioniert. Dabei war Warten lange ein stiller Bestandteil des Alltags. Man wartete auf Briefe, auf Anrufe, auf Züge, auf Termine, auf Fotos, die erst entwickelt werden mussten. Man wartete, weil es gar keine andere Möglichkeit gab. Das heißt nicht, dass früher alles besser war, es war einfach nur langsamer und gerade diese Langsamkeit schuf Räume, die heute seltener geworden sind: Zwischen Wunsch und Erfüllung lag Zeit. Zwischen Frage und Antwort lag Zeit. Zwischen Aufbruch und Ankunft lag Zeit. Und diese Zeit hatte die akzeptierte Form des Wartens.
Heute versuchen wir, diese Zwischenräume zu eliminieren. Was nicht unmittelbar passiert, soll beschleunigt, optimiert oder automatisiert werden. Warten gilt als ineffizient. Als verlorene Zeit. Als etwas, das man überbrücken muss. Schon das Wort verrät uns: Wir wollen nicht warten, wir wollen Wartezeit „nutzen“. Kaum sitzen wir irgendwo fünf Minuten, entsteht der kleine innere Auftrag, daraus noch etwas zu machen. Ich glaube, genau darin liegt die Herausforderung, denn Warten ist nicht nur eine Unterbrechung, sondern eine Erfahrung von Grenzen. Warten erinnert uns daran, dass unsere Kontrolle über Dinge begrenzt und die Welt nicht jederzeit vollständig verfügbar ist. Dass es nicht nur den eigenen Rhythmus gibt. Dass Dinge einfach dauern. Dass nicht jeder Prozess durch unsere Erwartung beschleunigt wird. Warten zwingt uns, für einen Moment aus der Rolle der Steuernden herauszufallen. Wir können nicht machen, nur da sein und das klingt einfacher, als es ist. Denn im Warten begegnet man sich selbst oft ungeplant und unverstellt. Ohne Aufgabe, ohne Funktion, ohne unmittelbaren Zweck. Man steht in einer Schlange und merkt, wie schnell die eigene Geduld an Bedingungen geknüpft ist. Man wartet auf eine Antwort und merkt, wie viele Geschichten der Kopf in der Zwischenzeit erfindet. Man sitzt am Gate und merkt, wie sehr man sich daran gewöhnt hat, ständig beschäftigt zu sein.
Natürlich gibt es Warten, das zermürbt. Warten auf medizinische Befunde. Warten auf Aufenthaltsbescheide. Warten auf Geld, auf Arbeit, auf Klarheit, auf jemanden, der zurückkommt. Nicht jedes Warten hat Würde. Manche Formen des Wartens sind ungerecht, demütigend oder schlicht Ausdruck schlechter Organisation. Man darf das nicht romantisieren. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem verspäteten Kaffee und einem System, das Menschen warten lässt, weil ihre Zeit angeblich weniger zählt. Aber gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn Warten ist auch eine Frage von Macht. Wer wartet auf wen? Wessen Zeit gilt als wertvoll? Wer darf sich verspäten und wer muss pünktlich sein? In der Arbeit, im Privatleben oder auch in Beziehungen zeigt sich viel daran, wie mit der Zeit anderer umgegangen wird. Wer Menschen unnötig warten lässt, sagt damit etwas. Vielleicht nicht bewusst, aber deutlich: Meine Zeit zählt mehr als deine.
Das hat auch für Marken und Unternehmen eine direkte Konsequenz. Wer Kunden in langen Warteschleifen hängen lässt, wer Anfragen tagelang unbeantwortet lässt, wer intern die Zeit von Mitarbeitenden durch schlechte Prozesse verschwendet, kommuniziert damit eine Haltung. Umgekehrt ist das Gegenteil möglich: Wer zeigt, dass er die Zeit anderer ernst nimmt, baut etwas auf, das sich nicht kaufen lässt. Vertrauen entsteht dort, wo Menschen merken, dass ihre Zeit gezählt hat.
Es gibt ein anderes Warten, eines, das wir kaum aushalten, obwohl es uns guttun würde. Das Warten, bevor man antwortet. Das Warten, bevor man urteilt. Das Warten, bis ein Gedanke reif ist. Das Warten, bis aus einem Impuls eine Entscheidung geworden ist. Gerade in öffentlichen Debatten fehlt dieses Warten oft schmerzlich. Alles soll sofort eingeordnet, kommentiert, bewertet werden. Wer zögert, wirkt unsicher. Wer nicht sofort reagiert, wirkt uninformiert. Dabei wäre manches besser, wenn es eine Nacht liegen dürfte.
Das Neue ist schnell da, oft zu schnell. Kollektionen, Trends, Kampagnen, Technologien, Meinungen. Alles jagt dem nächsten Impuls hinterher. Auch in der Wirtschaft lässt sich das beobachten. Doch Dinge, die Bestand haben sollen, brauchen Zeit. Materialien müssen altern dürfen. Ideen müssen geprüft werden. Marken müssen Vertrauen aufbauen. Beziehungen entstehen durch Wiederholung, Verlässlichkeit und manchmal auch durch das geduldige Aushalten, dass nicht jeder Effekt sofort sichtbar ist. Genau das ist jedoch sehr schwer in einer Welt, die Sichtbarkeit mit Wirkung verwechselt. Wer wartet, wirkt schnell passiv. Wer schnell ist, wirkt aktiv. Aber Geschwindigkeit ist nicht automatisch Richtung und Geduld ist nicht automatisch Stillstand. Manchmal geht es um ein Gespräch ohne sofortige Lösung, ein Projekt ohne schnellen Abbruch, einen Menschen, dem man Zeit lässt, sich zu zeigen.
Ich wünsche mir, dass wir lernen, diese kleine Kränkung, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen, auszuhalten. Die Welt lädt. Nicht alles ist sofort verfügbar. Und manchmal beginnt Geduld mit einem Satz, den wir heute viel zu selten ernst nehmen: Bitte warten.
Der Autor

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