
Aus dem kleinen Hinterhofatelier von Herrn Brodhuhn ist inzwischen ein eigener Laden mit integrierter Werkstatt geworden, gelegen im Kölner Kwartier Latäng. Seit rund eineinhalb Jahren arbeitet der Lederhandwerker nun in diesen Räumen, die auf den ersten Blick vielleicht anders geplant waren, sich im Nachhinein aber als Glücksfall erwiesen haben. Ursprünglich war die Idee, vorne einen kleinen Ladenbereich und hinten eine größere, räumlich getrennte Werkstatt einzurichten. In der Praxis ist daraus etwas anderes entstanden: Verkaufsraum und Werkstatt gehen ineinander über. Doch genau das macht heute den besonderen Reiz aus. Denn wer hier am Schaufenster vorbeigeht, kann direkt sehen, wie gearbeitet wird. Die Kundinnen und Kunden betreten keine anonyme Retail-Fläche, sondern erleben das Handwerk unmittelbar und stehen praktisch mit einem Fuß in der Manufaktur. In einer Zeit, in der Fast Fashion dominiert, Kleidung schnell gekauft und ebenso schnell wieder entsorgt wird, wirkt dieser Ort wie ein bewusstes Gegenstück.
Lange Haltbarkeit im Fokus
Das Material Leder spielt dabei eine zentrale Rolle. „Es geht nicht darum, dass Tiere eigens wegen des Leders geschlachtet werden. Vielmehr verstehe ich Leder als Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie. Vor allem Rinderhäute, die ohnehin anfallen, werden haltbar gemacht und zu neuen Produkten verarbeitet. Darin liegt für mich ein wichtiger Gedanke von Nachhaltigkeit: Ein vorhandenes Material wird nicht weggeworfen, sondern so veredelt, dass daraus etwas entsteht, das bei guter Pflege über Jahrzehnte, im Einzelfall sogar über Jahrhunderte bestehen kann“, erklärt Patrick Brodhuhn beim Besuch. Besonders deutlich wird dieser Gedanke bei alten Stücken, die zur Reparatur in die Werkstatt kommen. Vor Kurzem etwa gab es eine Anfrage zu einer über 80 Jahre alten Lederhose, die repariert werden sollte. Solche Geschichten zeigen, wie langlebig das Material sein kann und welche emotionale Bedeutung es für Menschen gewinnt. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, ein neues Produkt bewusst herzustellen, sondern auch, bestehende Dinge zu erhalten und weiter nutzbar zu machen. Wie lange ein Lederstück hält, hängt allerdings stark vom Grundmaterial, der Verarbeitung und der Nutzung ab. Herr Brodhuhn arbeitet überwiegend mit pflanzlich gegerbten Materialien und kräftigen Riemenledern. Manche Leder sind 3 bis 3,5 Millimeter stark, Gürtel können sogar rund 5,5 Millimeter Stärke haben. Je kräftiger und hochwertiger das Material ist, desto besser sind die Voraussetzungen für Langlebigkeit. Gleichzeitig macht es einen Unterschied, ob ein Stück täglich benutzt wird oder nur zu besonderen Gelegenheiten zum Einsatz kommt. „Grundsätzlich aber kann ein gut gearbeitetes Lederprodukt sehr lange leben“, resümiert der Experte.
Traditionelles Arbeiten
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die traditionelle Verarbeitung. Hier in der Ledermanufaktur werden viele Produkte noch von Hand genäht, klassisch mit Sattlernaht, einem Faden und zwei Nadeln. Diese Technik macht das Endprodukt nicht nur optisch hochwertiger, sondern auch reparaturfreundlicher. Bei einer Maschinennaht können sich Schäden unter Umständen schnell fortsetzen, sodass eine ganze Naht aufgeht. Bei einer handgenähten Sattlernaht lösen sich im Schadensfall meist nur ein oder zwei Stiche. „Und diese kleinen Defekte können vergleichsweise gut nachgesetzt werden. Auch darin zeigt sich für mich Nachhaltigkeit: Ein Produkt soll nicht nur lange halten, sondern im Zweifel auch reparierbar bleiben.“ Die Begeisterung für sein tägliches Schaffen merkt man ihm an. Traditionelles Handwerk bedeutet für den Lederhandwerker auch, Wissen weiterzugeben und sich mit anderen Gewerken auszutauschen. In seiner Werkstatt arbeitet beispielsweise aktuell eine Praktikantin mit, die eine Ausbildung zur Schneiderin macht und für einen Monat Einblick in das Lederhandwerk bekommen möchte. Dieser Austausch ist für beide Seiten bereichernd, denn auch wenn mit unterschiedlichen Materialien gearbeitet wird, können ähnliche Produkte entstehen. „Ob Schneiderei, Buchbinderei oder andere handwerkliche Bereiche: Überall gibt es Schnittstellen, an denen Wissen geteilt und weiterentwickelt werden kann. Dabei geht es nicht nur darum, dass jemand Erfahrung weitergibt. Der Austausch ist gegenseitig. Jede Praktikantin, jeder Praktikant bringt einen anderen Hintergrund mit. Manchmal beginnt die Erklärung grundlegend bei der Frage, was Leder überhaupt ist und woher es kommt“, so Brodhuhn weiter.
Berufsbild: Feintäschner
Seine persönliche Beziehung zum Leder begann früh. Die erste Lederhose kaufte er sich mit 18 Jahren. Schon damals reizte ihn das Material, weil es haltbar ist, zu vielem passt und eine besondere Beständigkeit ausstrahlt. Im Vergleich zu den damals omnipräsenten erdöl-basierten Produkten entstand für den jungen Patrick die Frage, warum man Zeit und handwerkliche Energie in ein Material investieren sollte, das nicht langlebig ist. So fertigte er schließlich seinen ersten Gürtel selbst. Danach begann er, sich intensiver mit Lederverzierung, Nähen, Flechten und weiteren kunsthandwerklichen Techniken zu beschäftigen.
Bevor er sein Hobby zum Beruf machte, arbeitete er über 20 Jahre in einer Apotheke als pharmazeutisch-technischer Assistent. Im Jahr 2019 reifte dann die Entscheidung, noch einmal etwas ganz anderes zu machen. Er wollte mit den Händen arbeiten und etwas schaffen. Das Leder war zu diesem Zeitpunkt bereits Teil seines Lebens, doch erst nach und nach wurde daraus eine berufliche Perspektive. Bei der Suche nach möglichen Ausbildungswegen stieß er auf den Begriff Feintäschner, einen Beruf, den viele Kundinnen und Kunden bis heute nicht kennen. In Köln fand er schließlich einen Ausbildungsbetrieb. Mit über 40 Jahren entschied er sich, noch einmal die Schulbank zu drücken, die Berufsschule zu besuchen und im Blockunterricht nach Herford zu fahren. Diese Entscheidung fiel in eine besondere Zeit. Während des Lockdowns und der Corona-Pandemie saßen viele Menschen zu Hause; für ihn begann in dieser Phase eine neue Ausbildung. Er beschreibt es fast als Schicksal, als hätte das Universum einen anderen Plan gehabt. 2022 absolvierte er seine Gesellenprüfung und machte sich anschließend relativ schnell selbstständig, auch weil es in diesem Bereich in der Region nur wenige freie Stellen gibt. Seit rund eineinhalb Jahren führt er nun seinen eigenen Laden, den er als bezahlbaren und gut angenommenen Standort erlebt. Gerade für einen Existenzgründer ist das ein entscheidender Faktor. Gleichzeitig nutzt er die Selbstständigkeit, um verschiedene Kreationen auszuprobieren. Sein Schwerpunkt liegt auf eher klassischen Produkten, denn er möchte keine Dinge herstellen, die nur kurzfristig modisch sind und bald ersetzt werden. Es geht ihm um zeitloses Design, an dem Menschen über viele Jahre Freude haben.
Leder ist nicht gleich Leder
Neben klassischem Rindleder beschäftigt sich der designaffine Handwerker auch mit besonderen Materialien und Upcycling-Projekten. Eine eigene Linie entsteht aus wiederaufgearbeitetem Leder alter Sportgeräte. Dabei bleibt er bewusst beim Material Leder, nutzt aber bereits vorhandene Häute erneut. „Diese alten Stücke tragen Spuren von Nutzung, manchmal mit Flecken, Markierungen, Herzchen, Schriftzügen oder Abdrücken, die sich im Laufe der Zeit eingebrannt haben. Genau das macht es für mich spannend, authentisch und menschlich. Nach der Reinigung mit Sattelseife werden die Leder mit Ölen und Wachsen aufgearbeitet. Die Spuren verschwinden nicht vollständig, sondern werden teilweise bewusst eingesetzt, damit jedes Stück seine eigene Geschichte erzählt“, erklärt Patrick Brodhuhn.
Auch andere Lederarten begegnen einem in der Werkstatt, etwa Fischleder, Lachsleder, Tilapia, Truthahnfuß, Hühnerbein oder Straußenleder. „Viele dieser Materialien sind eher als Schmuckleder zu verstehen. Sie haben eine besondere Struktur und können ein Produkt optisch aufwerten, sind aber nicht immer stabil genug, um allein als tragendes Material verwendet zu werden. Oft brauchen sie eine Trägersubstanz. Gerade bei den Produkten, die häufig robuster und kräftiger gearbeitet sind, muss ich genau überlegen, wo solche Materialien sinnvoll eingesetzt werden können.“ Bei der Materialwahl ist ihm wichtig, möglichst regional und verantwortungsvoll zu arbeiten. Viele Leder bezieht er aus deutschen Gerbereien oder aus nahe gelegenen europäischen Ländern wie Belgien und Frankreich. Zudem bevorzugt er pflanzlich gegerbtes Leder. „Diese Art der Gerbung dauert länger und ist stärker mit handwerklicher Produktion verbunden als viele industrielle Schnellverfahren.“
Alternativen wie Pilzleder, Ananasleder oder Kaktusleder findet er grundsätzlich interessant und verfolgenswert. Dennoch sieht Herr Brodhuhn bislang keinen vollständigen Ersatz für die Langlebigkeit von klassisch verarbeitetem Leder. „Entscheidend ist für mich nicht nur, welches Material verwendet werden kann, sondern auch, wie lange ein Produkt genutzt werden kann, ob es reparierbar ist und welchen Wert es über die Zeit entwickelt.“ Deshalb denkt er Reparaturfähigkeit bereits bei der Konstruktion seiner eigenen Produkte mit.
Nicht alles, was üblich ist, wird automatisch verarbeitet
Ein textiles Futter in einer Tasche kann beispielsweise das erste Element sein, das kaputtgeht. Also stellt sich die Frage, ob es wirklich notwendig ist. Dasselbe gilt für Reißverschlüsse oder zusätzliche Innenbeutel. Wo immer es möglich ist, versucht er, mit reinem Leder zu arbeiten und Produkte so zu gestalten, dass sie später gut repariert werden können. „Das Schöne an Leder ist ja auch die Patina. Viele Kundinnen und Kunden kommen nach einiger Zeit mit ihren Stücken zurück und zeigen, wie sie sich verändert haben. Eine Tasche, die täglich getragen wird, entwickelt eine andere Oberfläche als ein Stück, das nur zu besonderen Anlässen genutzt wird. Jedes Produkt bekommt mit der Zeit einen eigenen Ausdruck. Diese Spuren sind nicht bloß Abnutzung, sondern Teil der Geschichte von Trägerin, Träger und Objekt.“
Das spiegelt sich auch in seiner eigenen Arbeitsweise wider: Die Handnaht ist zeitintensiver als eine Maschinennaht. Das Material und die Verarbeitung sollen zusammen ein Produkt ergeben, das nicht auf Schnelligkeit ausgelegt ist, sondern auf Dauer. „Wie viel Zeit in einem Produkt steckt, lässt sich nur schwer pauschal sagen. Bei einer mittelgroßen Ledertasche beginnt die Arbeit bereits mit der Auswahl des Leders. Es geht darum, die passende Stelle der Haut zu finden, das Zuschnittmuster so zu platzieren, dass die natürliche Narbe oder besondere Merkmale zur Geltung kommen, und gleichzeitig möglichst wenig Verschnitt zu erzeugen. Jede Haut erzählt davon, dass das Tier vorher gelebt hat; genau das macht jedes Produkt einzigartig. Hinzu kommt die Handnaht, bei der jeder Stich mit der Ahle vorgestochen wird. Je nach Größe und Schnitt kann ein Produkt einen halben Tag, einen ganzen Tag oder mehr Arbeit erfordern“, so Patrick Brodhuhn.
Made to Measure
Maßanfertigungen gehören zum Alltag. Besonders oft erhält er Anfragen aus der Kamera- und Fotografie-Szene. „Manche Kundinnen und Kunden möchten Kameragurte, die sich bewusst vom Mainstream abheben oder stilistisch zu alten Kameras passen. Andere benötigen bestimmte Größen oder Funktionen, damit Ausrüstung sicher und praktisch untergebracht werden kann. Auch für Ferngläser oder andere Gegenstände entstehen individuelle Lederlösungen. Fast jede Einzelanfertigung bringt eine eigene Herausforderung mit sich.“
Eine besonders bewegende Arbeit war für ihn die Restaurierung einer über 100 Jahre alten Reisetasche. Sie war seit vier Generationen in Familienbesitz, wurde immer wieder genutzt und befand sich in einem sehr desolaten Zustand. Dennoch sollte sie erhalten bleiben. Die Herausforderung bestand darin, das alte, trockene und teilweise morsche Leder so vorzubereiten, dass es überhaupt wieder eine Naht aushalten konnte. Beim Nähen riss das Material an manchen Stellen erneut. Als die Tasche schließlich fertig war, erhielt er einige Wochen später eine Nachricht: Die nächste Generation der Familie hatte die Tasche gesehen und freute sich, dass sie weitergegeben werden konnte. Solche Momente sind für ihn Leuchttürme seiner Arbeit.
Gerade an solchen Geschichten zeigt sich auch sein persönliches Verständnis von Nachhaltigkeit: „Ein Gebrauchsgegenstand, der über 100 Jahre genutzt, repariert und weitergegeben wird, steht für einen bewussten Umgang mit Material. Leder kann, wenn es richtig produziert, verarbeitet und gepflegt wird, eines der nachhaltigsten Materialien überhaupt sein. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass Leder ethisch diskutiert wird. Ich betrachte die Debatte jedoch differenziert: Auch andere Materialien sind nicht automatisch nachhaltig. Baumwolle etwa kann mit hohem Einsatz von Chemikalien, Wasser und schwierigen Produktionsbedingungen verbunden sein. Und sogenanntes ‚veganes Leder‘ ist aus meiner Sicht auch oft missverständlich benannt, wenn es letztlich auf Erdöl basiert und als Kunststoff schwer oder gar nicht wiederaufbereitet werden kann“, so die Einschätzung des Materialspezialisten.
Fehlende Unterstützung von Stadt und Land
Beim Schritt in die Selbstständigkeit fühlte er sich allerdings weitgehend auf sich allein gestellt. „Die Handwerkskammer kann beratend unterstützen, wenn man die richtigen Fragen stellt. Wer jedoch allgemein fragt, wie er sich selbstständig machen und einen Laden eröffnen kann, bekommt nicht automatisch eine klare Orientierung. Stattdessen sind Existenzgründungen mit viel Bürokratie und hohen Anfangskosten verbunden. Noch bevor der erste Euro verdient ist, fallen bereits zahlreiche Ausgaben an.“
Der Wunsch an die Politik ist daher klar: weniger Bürokratie und mehr echte Unterstützung in den ersten Jahren „Natürlich müssen Steuern und Beiträge gezahlt werden, doch in der Anfangsphase ist die Belastung oft besonders hoch. Häufig stehen den Ausgaben noch keine stabilen Einnahmen gegenüber. Das Geld fehlt dann genau dort, wo es für Investitionen, Aufbau und Lebensunterhalt dringend gebraucht wird. Und neben Steuern und allgemeinen Kosten kommen weitere Beiträge hinzu: Stadt, Handwerkskammer, Rundfunkbeitrag, möglicherweise GEMA, Berufsgenossenschaft und andere Stellen melden ihre Ansprüche an. Für Solo-Selbstständige kann das schnell zur Belastung werden. Hinzu kommen dann noch Satellitenthemen wie IT, Organisation, Buchhaltung, Marketing, Verkauf und zahlreiche Aufgaben, die mit dem eigentlichen Handwerk zunächst wenig zu tun haben. Wer sich selbstständig macht, ist nicht nur kreativ und handwerklich tätig, sondern plötzlich auch Verkäufer, Buchhalter, Werber, Organisator und Unternehmer in einer Person“, so Patrick Brodhuhn.
Trotzdem fällt sein Fazit in Summe positiv aus: „Bis jetzt war die Entscheidung richtig“, erklärt er lachend. Im Gespräch ist spürbar, dass er in seiner Arbeit Erfüllung gefunden hat. Auch sein Mann unterstützt ihn im Büro und im organisatorischen Bereich. Hinzu kommt die Freude darüber, dass sich Praktikantinnen und Praktikanten für seine Arbeit interessieren und sich von dem Handwerk begeistern lassen. Ein Besuch im Atelier lohnt sich!
HERR BRODHUHN – LEDERMANUFAKTUR
Patrick Brodhuhn
Roonstraße 55
50674 Köln
www.herrbrodhuhn.de






