Autor: Markus Oess
Die Herbstausgabe der CHIC Shanghai fiel 2026 traditionell kompakter aus als die große Frühjahrsmesse im März – mit weniger Ausstellern, ohne die sonst exportorientierte Trendarea CHIC YOUNG BLOOD und mit einem Fokus auf den chinesischen Heimatmarkt. Gespräche mit Ausstellern zeigen zwei Strategien im Umgang mit sinkenden Exporten und steigenden Kosten: Trading-up und Rückbesinnung auf chinesische Ästhetik einerseits, Effizienzsteigerung und marktnahe Produktion andererseits. International blieb die gut besuchte Messe mit positiver Stimmung dennoch präsent. Diesmal mit dabei: das deutschen Fashion-E-Commerce-Unternehmen ABOUT YOU.

Mit 61.824 Fachbesuchern, 738 Ausstellern auf 53.000 Quadratmetern und 11 Ausstellungssegmenten präsentierte sich die CHIC Autumn vom 25. bis 27. August 2026 im National Exhibition & Convention Center in Shanghai wieder kleiner als die Frühjahrsausgabe im März, die mit 1.091 Ausstellern, 1.135 Marken aus 8 Ländern, 117.200 Quadratmetern und rund 160.000 Fachbesuchern aufwartete. Kein Ausrutscher, sondern Tradition: Die Herbstausgabe der CHIC gilt seit jeher als die kleinere, stärker binnenmarktorientierte Schwester der Frühjahrsmesse – mit weniger internationalen Ausstellern und einem Programm, das sich naturgemäß enger am chinesischen Markt orientiert. So fehlte die auf junge, exportorientierte Marken zugeschnittene Trendarea CHIC YOUNG BLOOD, die im März mit 60 Marken aus China, Südkorea, Hongkong und Australien für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Sie soll aber zur CHIC Spring 2027 zurückkehren.
Heimatmarkt und Trading-up als Ausweg

Dass sich chinesische Hersteller und Marken auf den eigenen Markt konzentrieren, bestätigen mehrere Aussteller unabhängig voneinander. Jiao Pei, Vice President der CHIC, führte im Gespräch aus, der Kostendruck und der Fokus auf das Heimatland hielten an. Gerade bei chinesischer Mode feierten Marken mit traditionellen Elementen zusehends mehr Erfolge, was auch damit zusammenhänge, dass jüngere Chinesen ihre neue Identität entdeckt hätten. Genau diese Entwicklung greift die CHIC selbst institutionell auf. Mit Chinese Style zeigte auch die Herbstausgabe erstmals einen eigenständigen Bereich für zeitgenössische Interpretationen chinesischer Ästhetik und Handwerkskunst – unter anderem mit der Marke SAINT JOY, die FASHION TODAY MEN ebenfalls im Rahmen dieser Ausgabe getroffen hat. Was auf der Messe als kuratierter Trend präsentiert wird, ist für einzelne Hersteller schon geschäftliche Realität.
SAINT JOY nimmt bereits zum achten Mal an der CHIC teil und hat sich vor zwei Jahren von der reinen Stoffproduktion auf traditionelle chinesische Premiumkleidung verlegt. Der Umsatz mit Kleidung liegt inzwischen bei 60 Millionen RMB und damit viermal so hoch wie der mit Stoffen – bei Preisen zwischen 3.000 RMB für eine Jacke und bis zu 40.000 RMB für einen Anzug. Verkauft wird nahezu ausschließlich in China, nur rund 10 Prozent gehen in den Export. Für 2025 meldet das Unternehmen ein Umsatzplus von 20 Prozent und rechnet trotz schwächelndem Konsum mit weiterem Wachstum; ein Drittel des Umsatzes läuft inzwischen online.
Eine ähnliche Verschiebung vollzieht der Bekleidungshersteller SɅMCETEN. Unter Firmenchefin Gan Dan Qin, die das Unternehmen 2003 im Alter von 20 Jahren übernahm, ist der Exportanteil von 40 bis 50 Prozent (2008/2009) auf inzwischen nur noch 10 Prozent gesunken. Statt auf Auslandsgeschäft setzt Samtecen nun auf höherwertige Ware – vom Kaschmir-Pullover bis zur Lederjacke – und den Heimatmarkt; für weiteres Exportgeschäft fehlten schlicht die Kapazitäten. Auch beim Familienunternehmen hinter den Marken Fan Hua und San Yu Yi Shan liegt der Wachstumsschwerpunkt klar im Inland: Die vor vier Jahren gegründete, höherpreisige Marke San Yu Yi Shan interpretiert traditionelle chinesische Kleidung moderner und wird inzwischen von 50 bis 80 Händlern geführt. Exportgeschäft, etwa nach Großbritannien und Thailand, nehme man mit, sei aber nicht die Priorität. „Chinesische Mode ist einzigartig, und das wird zusehends auch im eigenen Land entsprechend gewürdigt“, sagt Wang Chun, die gemeinsam mit ihrer Mutter, der Designerin Zhao Xin, die beiden Marken verantwortet. In der Summe zeigen alle drei Beispiele den gleichen Mechanismus: Wo der Export schwächelt, werden die Qualität und der Preis nach oben, der Vertrieb aber nach innen verschoben.
Kostendruck verlangt Effizienz und Marktnähe

Wo der Export weiterhin das Kerngeschäft bleibt, rückt auch eine zweite Strategie in den Vordergrund: sparen, effizienter werden und notfalls näher am Absatzmarkt produzieren. Goldson etwa, ein auf Daunenjacken spezialisierter Hersteller mit Sitz in Shaoxing, der unter anderem für BOSS, MaxMara, MACKAGE/MOOSE KNUCKLES und CANADA GOOSE fertigt und traditionell stark auf den Export nach Russland, Kanada, Korea und Westeuropa ausgerichtet ist – bei Durchschnittspreisen von 70 bis 100 US-Dollar pro Jacke. „Mittlerweile herrscht auch im hochpreisigen Segment ein Preisdruck. Zum einen sinken die Mengen und die Käufer wollen weniger Risiko eingehen und weniger Mengen direkt abnehmen, dafür aber Produktion vorhalten lassen. Das macht das Geschäft nicht einfacher. Das Problem ist der Marktdruck im Augenblick. Entsprechend groß ist auch der Handlungsdruck, effizienter und schlanker zu produzieren“, sagt ein Unternehmensvertreter gegenüber FASHION TODAY.
So argumentiert auch Yalida, ein Hersteller für Outerwear, Workwear und Uniformen, der in rund 80 Ländern aktiv ist und rund die Hälfte seines Umsatzes im Export erzielt. Zusätzlich zu seinen chinesischen Werken betreibt er bereits eine eigene Fabrik in Bangladesch. Wegen steigender Arbeitslöhne und wachsenden Kostendrucks in China prüft das Familienunternehmen nach eigenen Angaben eine Investition in Ägypten, um näher am Markt und kosteneffizienter zu produzieren. Am Export selbst wolle man aber festhalten – die Verlagerung sei der Weg, um im schwieriger werdenden Exportgeschäft wettbewerbsfähig zu bleiben, heißt es aus dem Unternehmen. Beide Beispiele zeigen: Wo sich der Rückzug auf den Heimatmarkt nicht anbietet, wird an der Kostenschraube gedreht – durch schlankere Prozesse oder eine Produktion, die dichter an den Absatzmärkten liegt, statt allein auf China zu setzen.
Internationaler Blick bleibt: ABOUT YOU und weitere Gäste

Trotz des üblicherweise kleineren Formates blieb die CHIC Autumn international vernetzt. Aussteller aus Italien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Korea, Japan und Indien waren vor Ort, dazu Einkäufer aus 17 Ländern, darunter Frankreich, die Türkei und Brasilien. Bemerkenswert war der Auftritt des deutschen Fashion-E-Commerce-Unternehmens ABOUT YOU, das in einer eigenen Business Trend Session unter dem Titel „Pan-European Fashion E-commerce Platform: Overcome Challenges of Going Global with ABOUT YOU“ über Chancen und Hürden bei der Expansion in europäische Märkte sprach.
Wie FASHION TODAY MEN ebenfalls in dieser Ausgabe berichtet, treibt ABOUT YOU selbst über seinen Marktplatz-Ansatz den Einstieg in den chinesischen Markt voran und hatte im Rahmen der CHIC seinen ersten Messeauftritt in China, wo die Hamburger als Plattform, Dienstleister und Ratgeber für den umgekehrten Weg auftraten – den Sprung chinesischer Marken nach Europa.
Stimmung und Ausblick
Unterm Strich fiel das Stimmungsbild unter Ausstellern und Einkäufern überwiegend positiv aus. Die Streetwear-Marke GUAPI aus den Vereinigten Arabischen Emiraten war zum ersten Mal dabei; CEO Bryan bewertete Messeerfahrung und Ergebnisse sehr positiv und kündigte die Rückkehr zur Frühjahrsausgabe im März 2027 bereits an. Auch der türkische Hersteller Rosemary Hazır Giyim Tekstil bezeichnete seine CHIC-Premiere als großen Erfolg und will im kommenden Jahr wiederkommen, während die spanische SKYTEX GROUP die Professionalität von Messeorganisation und Business Matchmaking lobte und ebenfalls eine erneute Teilnahme ankündigte. Auch Chen Dapeng, Präsident der China National Garment Association und der CHIC, zog eine positive Bilanz: „61.824 Fachbesucher, Einkäufer aus 17 Ländern und die positive Resonanz unserer internationalen Partner bestätigen uns darin, CHIC als globale Businessplattform konsequent weiterzuentwickeln. Unser Ziel ist es, internationalen Marken konkrete Zugänge zum chinesischen Markt zu eröffnen und gleichzeitig chinesische Marken auf ihrem Weg in die internationalen Märkte zu begleiten.“
Für die kommende CHIC Spring 2027, die vom 10. bis 12. März im National Exhibition & Convention Center stattfindet, kündigt sich unter dem Leitthema „THE WAY“ wieder die größere, international ausgerichtete Ausgabe an – mit Rückkehr der Trendarea CHIC YOUNG BLOOD und einem laut Veranstalter weiter ausgebauten internationalen Buyer-Programm mit Fokus auf Europa, Nord- und Südamerika sowie die RCEP-Staaten.
CHIC Autumn 2026 im Überblick

Vom 25. bis 27. August 2026 fand die Herbstausgabe der CHIC – China International Fashion Fair im National Exhibition & Convention Center in Shanghai statt. 738 Aussteller auf 53.000 Quadratmetern verteilten sich auf 11 Ausstellungssegmente, darunter erstmals als eigenständiger Bereich Chinese Style. Die Messe zählte 61.824 Fachbesucher, unter den internationalen Ausstellern waren Unternehmen aus Italien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Korea, Japan und Indien; Einkäufer kamen aus 17 Ländern. Die CHIC Spring 2027 findet vom 10. bis 12. März 2027 unter dem Leitthema „THE WAY“ erneut in Shanghai statt.












