Autor: Maximilian Fuchs
In diesem Artikel begeben wir uns auf eine olfaktorische Reise und erforschen die tiefgreifende Wirkung von Düften auf unser Wohlbefinden. Dazu haben wir uns mit Thjorben Bischof von BISHOP Perfumes getroffen, der schon in jungen Jahren ganz die Liebe zum Duft lebte und bereits zwei eigene Kreationen auf den Markt gebracht hat.

FASHION TODAY: Diese Ausgabe steht unter dem Leitthema „Retro“. Gibt es einen Geruch aus deiner Kindheit, der dich bis heute sofort an einen bestimmten Ort oder Menschen zurückversetzt?
Thjorben Bischof: „Ganz klar: das Zuhause meines Opas. Wenn wir in den Ferien bei ihm waren, hatte es dort einen ganz eigenen Geruch, den ich später nie wieder wahrgenommen habe. Würde ich ihn heute noch einmal riechen, wäre ich sofort wieder in meiner Kindheit. Mein Opa hieß Waldemar Bischof – und er ist auch der Ursprung des Namens BISHOP Perfumes. Er hat in den USA gearbeitet und wurde dort immer ,Walt Bishop‘ genannt, ein bisschen wie Walt Disney. Als ich nach einem Markennamen gesucht habe, klang vieles für mich zu konstruiert. ,Bishop‘ dagegen funktioniert auch international; ich bin sehr glücklich mit dieser Entscheidung. Ein weiterer Geruch, der mich sofort berührt, ist frisch gemähter Rasen. Das erinnert mich an Ausflüge mit meiner Familie in den Park. Diesen Duft liebe ich bis heute, auch wenn manche Menschen ihn gar nicht mögen. Für ,Bonjour‘ haben wir diesen Eindruck als Akkord aufgegriffen.“
Wie ist deine Liebe zur Haute Parfumerie entstanden – und welche Häuser oder Parfümeure sind für dich ikonisch in ihrem Schaffen?
„Sie ist vor allem durch sehr viel Testen und Ausprobieren entstanden. In der Schulzeit kannte man zunächst die großen Klassiker, etwa ,One Million‘ oder ,Dior Sauvage‘ – Düfte, die man überall auf der Straße gerochen hat. Irgendwann beginnt man dann, sich mit außergewöhnlicheren Kompositionen auseinanderzusetzen. Für mich war ,Baccarat Rouge‘ ein solcher erster, besonderer Duft; damit hat diese Reise ein Stück weit begonnen. Heute mag man sagen, dass der Duft seinen Hype erlebt hat und sehr viele Menschen ihn tragen. Für mich war er damals aber ein echtes Aha-Erlebnis. Wenn ich ein Haus nennen müsste, wäre es GUERLAIN. Das ist für mich die Königsdisziplin. Als ich ,Bonne Nuit‘ herausgebracht habe, verglich jemand den Duft mit einem Vintage-GUERLAIN. Das hat mich sehr bewegt und natürlich auch stolz gemacht.“
In deinem Hauptberuf bist du Bestatter – ein Feld, das oft von Schwere und Trauer geprägt ist. Kann ein Parfum für dich eine Stimmung nicht nur ausdrücken, sondern tatsächlich verändern?
„Auf jeden Fall. Düfte können Stimmungen sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Die Brücke zwischen beiden Welten ist für mich auch gar nicht so weit, wie sie zunächst wirken mag. In Gesprächen mit Angehörigen, wenn wir eine Bestattung planen, empfehle ich gelegentlich, uns den Lieblingsduft der verstorbenen Person mitzugeben. Dann können wir den Sarg vor einer Abschiednahme noch einmal behutsam damit parfümieren. Vielen Angehörigen hilft es sehr, wenn sie am offenen Sarg sagen: ,Er oder sie riecht genau so, wie wir ihn oder sie in Erinnerung haben.‘ Duft kann den Abschiedsprozess unterstützen und Erinnerungen unmittelbar hervorrufen. Das funktioniert aber natürlich auch in die andere Richtung. Unangenehme Gerüche können Menschen in belastende Situationen und Gedanken zurückversetzen. Der Zusammenhang zwischen Duft, Emotion und Erinnerung ist deshalb für mich sehr stark. Auch persönlich erlebe ich das so: Bei großen Trauerfeiern oder wenn ich einen Vortrag halte, trage ich inzwischen oft unseren ersten Duft. Er gibt mir einen Ruhepol. Wenn ich vor etwas aufgeregt bin, hilft mir dieser Duft, zur Ruhe zu kommen und mich zu fokussieren.“
Aktuell hat deine Marke zwei Düfte im Sortiment, die sich beide durch ihre Komplexität auszeichnen. Welche Rolle spielt Intuition bei der Entwicklung – und ab wann beginnt die nüchterne, handwerkliche Arbeit?
„Die Idee entsteht zunächst sehr emotional. Ich frage mich: Was würde mich persönlich ansprechen? Was möchte ich unbedingt riechen? Dann entsteht in meinem Kopf ein Bild aus möglichen Duftstoffen und Stimmungen. Die Herausforderung besteht darin, dieses Bild meinem Parfümeur verständlich zu vermitteln. Bei ,Bonne Nuit‘ habe ich ihm anfangs 20 oder 30 Minuten Audiomaterial geschickt, in dem ich meine Gedanken einfach frei formuliert habe: Das und das könnte zusammenpassen, so und so soll es sich anfühlen. Für den nächsten Duft hat er dann scherzhaft gesagt: ,Bitte nur noch ein klares Briefing als PDF – und lass mich mit deinem Gedankensprung in Ruhe.‘ Aber genau darin liegt für mich die Kunst: Im Kopf hat man vielleicht tausend Worte oder Eindrücke, kann aber nur zehn davon nach außen tragen. Man muss etwas, das oft noch gar nicht in konkrete Worte zu fassen ist, so übersetzen, dass ein Parfümeur damit arbeiten kann. Bei ,Bonne Nuit‘ waren wir mit rund neun Monaten sehr schnell. Die sechste Version war die finale. Ab der vierten war ich eigentlich schon zufrieden, aber ich wollte von 100 auf 110 Prozent kommen. Gleichzeitig ist die Entwicklung des Dufts nur ein Teil des Prozesses; Verpackung, Produktion, Timing und Launch verlangen mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit. Den ersten finalen Flakon hatte ich tatsächlich erst am Tag des Releases in der Hand.“
Gibt es Rohstoffe oder Duftnoten, die dich emotional besonders berühren, obwohl sie andere Menschen vielleicht irritieren?
„Ich bin ein großer Freund von Zimt. Auch das ist eine Kindheitserinnerung: Zimteis war früher mein Lieblingseis, aber das gab es nur selten in Eisdielen. Bis heute rieche ich Zimt sehr gern. Generell mag ich gourmandige, süße Düfte sehr – gerade die, bei denen viele Menschen zunächst die Nase rümpfen. Erdbeer- oder andere deutlich fruchtige Noten finde ich beispielsweise toll. ,Ishq‘ von ANFAS, ein Duft mit einer sehr süß-fruchtigen Ausprägung und Safran, wird von vielen Menschen als zu viel empfunden. Ich dagegen habe einen 100-Milliliter-Flakon in etwa zwei Monaten aufgebraucht. Geschmack ist bei Düften einfach extrem unterschiedlich, genau das macht das Thema so spannend.“
Du bist in einer Branche tätig, die von großen Namen, Tradition und Prestige geprägt ist. Mit welchen besonderen Herausforderungen siehst du dich als Jungunternehmer konfrontiert – und was war bisher deine größte Hürde?
„Aktuell mache ich noch alles allein. Das bedeutet auch, dass ich viele Nächte mit Verpacken verbringe; selbst die Innenleben der Duftverpackungen fertige ich noch selbst. (Anmerkung der Redaktion: Das Flacon-Packaging besteht aus einem hochwertig-maßgeschneiderten Holzsarg, der mit Samt ausgekleidet ist). Es ist sehr zeitaufwendig. Mit 23 Jahren muss ich zugleich zeigen, dass BISHOP keine beliebige Social-Media-Marke ist, sondern dass wirklich Substanz dahintersteckt – auch wenn keine große Firma im Hintergrund steht. Produktion muss finanziert, Wachstum organisiert und die Marke Schritt für Schritt aufgebaut werden. Die größte Herausforderung war bislang der schnelle Ausverkauf von ,Bonjour‘. Der Duft war 14 Tage nach dem Release ausverkauft. Die Nachfrage war da, doch die Parfümerien hatten ihre Rechnungen noch nicht beglichen und ich musste gleichzeitig die Produzenten bezahlen. Das war kritisch, weil ich Sorge hatte, dass ein zu langer Restock das Interesse abschwächen könnte. Glücklicherweise ist das nicht passiert. Heute besteht die Herausforderung für mich vor allem darin, schnell genug zu wachsen, ohne genau das zu verlieren, weshalb Menschen BISHOP überhaupt mögen.“
Wie empfindest du die Welle der Dupes, die gerade durch Social Media einen neuen Hype erfahren?
„Ich verstehe zu 100 Prozent, warum Dupes erfolgreich sind. Kritisch wird es für mich dort, wo nicht nur ein ähnlicher Duft entsteht, sondern die Geschichte und die kreative Arbeit einer Marke kopiert werden. Ich selbst habe bislang keinen Dupe gerochen, bei dem ich sagen würde: Das ist wirklich zu 100 Prozent dasselbe. Ich trage auch keine Dupes und sehe sie für BISHOP nicht als unmittelbare Konkurrenz. Beim Kauf eines hochwertigen Dufts geht es um mehr als den Geruch: darum, sich etwas leisten zu können oder es sich bewusst leisten zu wollen, vielleicht auch eine Weile darauf gespart zu haben. Dieses Gefühl kann ein Duft für 19,99 Euro, der nur ähnlich riecht, nicht ersetzen. Gleichzeitig kann ich nachvollziehen, dass Menschen, die sich weniger mit Parfum beschäftigen, gern zu einer günstigeren Alternative greifen. Das Thema ist für mich persönlich aber nicht der zentrale Fokus.“
Was ist dein persönliches Wachstumsziel für BISHOP Perfumes?
„Kurzfristig liegt mein Fokus auf dem Release des dritten Dufts, der im April erscheinen soll. Grundsätzlich will ich aber nicht einfach die größtmögliche Marke aufbauen. Ich möchte eine Marke schaffen, die man nicht verwechseln kann. BISHOP soll stark wachsen, aber selektiv. Es ist nicht mein Ziel, in jedem Laden der Welt vertreten zu sein. In Deutschland verfolge ich aktuell bewusst den Ansatz, pro Stadt zunächst nur mit einer Parfümerie zusammenzuarbeiten. Das schafft Exklusivität und passt besser zu einer jungen Nischenmarke. Wenn die Nachfrage langfristig groß genug ist, kann sich das natürlich weiterentwickeln. Mein wichtigstes Ziel ist, die eigene Handschrift der Marke auch beim Wachstum zu bewahren. Und ich möchte, dass BISHOP international als deutsches Nischenhaus anerkannt wird.“
Wie entstehen die Partnerschaften mit den Parfümerien?
„Die erste Partnerschaft entstand über Instagram mit ESSENCE Garden in Mannheim. Die Idee war damals, den Release von ,Bonne Nuit‘ dort als Event mit Gästen und Influencern umzusetzen. Dass die Parfümerie den Duft ins Sortiment aufgenommen hat, bevor sie ihn selbst gerochen hatte, war für mich eine große Ehre. Danach haben Kontakte und Empfehlungen innerhalb der Duft-Community viel bewegt. Heute bin ich unter anderem in Nischenparfümerien in München und Stuttgart vertreten. Etwas, das ich mir vor zwei Jahren kaum hätte vorstellen können! Einige Parfümerien sind zudem über Instagram direkt auf mich zugekommen, weil Kundinnen und Kunden im Laden nach den Düften gefragt haben. So ist der Vertriebsaufbau bisher ganz organisch gewachsen.“
Vielen Dank für das Gespräch!

