#ichbinhier – mit Fakten gegen den Hass

Counter Speech im Netz

„Der Hass ist immer noch da, wird jedoch subtiler verpackt. Die wirklich strafbaren Kommentare finden via Telegram, in abgeschotteten Facebook-Gruppen und im dunklen Teil des Netzes statt.“ Hannes Ley ©Arne Weychardt
Autor: Andreas Grüter

Shitstorms, Hass und Hetze – die Frage nach dem richtigen Umgang mit der dunklen Seite der sozialen Medien beschäftigt nicht nur den einfachen User, sondern ist spätestens seit Einführung des Netzdurchsetzungsgesetzes auch Teil der gesamtgesellschaftlichen Debatte. Wichtige Basisarbeit gegen Hate Speech leistet dabei die Aktivistengruppe #ichbinhier. FT sprach mit Gründer Hannes Ley.

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FT: Hallo Hannes. Wie kam es zur Gründung von #ichbinhier und worum geht es?
Hannes Ley: „Ich setze mich bereits seit 2007 mit dem Thema Social Media auseinander und berate mit meiner Agentur seit 2012 Unternehmen im Bereich digitale Kommunikation und Strategie. Facebook, Twitter und Co sind für mich also beruflicher Alltag. Im Zuge der europäischen Flüchtlingskrise, nach der Trump-Wahl und der Brexit-Entscheidung nahm der Anteil an rassistischen, nationalistischen und faschistischen Kommentaren dort so deutlich zu, dass der Blick in die Foren für mich unerträglich wurde. Natürlich versucht man dagegenzuhalten, aber allein stehst du da auf ziemlich verlorenem Posten. Durch einen Freund wurde ich schließlich auf die von der Journalistin Mina Dennert gegründete schwedische Counter-Speech-Gruppe #jagärhär (schwedisch für ,#ichbinhier‘) aufmerksam, die mit einem großen Team und konsequent faktenbasierten, sachlichen und respektvoll geschriebenen Postings eine Widerspruchswand gegen Hasskommentare im Netz setzt. Ein Ansatz, der mich überzeugt hat. Also habe ich Mina kontaktiert und gefragt, ob ich das Konzept für Deutschland übernehmen könnte, und nach dem Okay ging es im Dezember 2016 mit einer Facebook-Gruppe los, in die ich Freunde und Bekannte einlud.“

Was wurde bislang erreicht und wie hat sich die Gruppe entwickelt?
„Wir sind mit rund 150 Leuten gestartet und stehen aktuell bei knapp 45.000 Mitgliedern. 20 ehrenamtliche Moderatoren koordinieren dabei unsere Aktionen und sorgen für fundierte Backgroundinformationen. Nicht zuletzt dank der öffentlichen Unterstützung von Leuten wie Dunja Hayali und Schlecky Silberstein und diversen Auszeichnungen wie dem Grimme Online Award und dem Deutschen Engagementpreis haben wir mittlerweile ein ordentliches Standing, was uns bei unserer Arbeit natürlich immens hilft. Neben der Facebook-Aktionsgruppe #ichbinhier gibt es seit Mitte 2017 auch den #ichbinhier e. V., einen gemeinnützigen, spendenbasierten Verein, mit dem wir Vertreter aus Medien, Politik und dem Bildungsbereich in Sachen Gegenrede beraten. Wir nehmen an Konferenzen teil, veranstalten Workshops, vernetzen Akteure und Institutionen und betreiben und unterstützen Forschungsprojekte.“

Hat sich die Strategie der Hass- und Fake-News-Verbreiter über die letzten Jahre verändert?
„Ja, das kann man schon feststellen. In dem für alle öffentlichen Bereich der sozialen Medien wird nicht mehr ganz so menschenverachtend argumentiert wie noch vor einigen Jahren, was allerdings in erster Linie daran liegt, dass viele der Hasskommentare bereits im Vorfeld gelöscht werden und die Poster seit Einführung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes auch Angst haben, juristisch belangt zu werden. Zudem muss man feststellen, dass viele Poster heute die juristischen Grenzen ziemlich genau kennen. Nur eine sehr geringe Prozentzahl der Hassreden ist derzeit strafrechtlich tatsächlich relevant. Der Hass ist immer noch da, wird jedoch subtiler verpackt. Die wirklich strafbaren Kommentare finden via Telegram, in abgeschotteten Facebook-Gruppen und im dunklen Teil des Netzes statt.“

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Mit #ichbinhier kümmert ihr euch vor allem um politische Hater. Hass im Netz findet aber natürlich auch in anderen Bereichen statt. So werden etwa viele YouTuber mit Body-Shaming-Angriffen überzogen. Kommt das von denselben Leuten?
„Das ist schwer zu sagen, aber möglicherweise gibt es da Überschneidungen. Es kommt ja darauf an, auf welchem ursprünglichen Thema der Hass fußt. Wir kümmern uns in der Tat in erster Linie um die klassischen politischen Hater, Leute, die Einwanderer hassen, den Klimawandel leugnen und mit Schlagworten wie ,Volksverräter‘ und ,Staatsmedien‘ zu punkten versuchen. Wir haben übrigens vor einer Weile mal Shitstorms anhand von Daten analysiert und festgestellt, wie eng die Szene tatsächlich vernetzt ist. 5 Prozent der Kommentatoren in einer Kommentarspalte sind für 50 Prozent der Hasskommentare verantwortlich. Dahinter steckt also eine sehr aktive politische Struktur.“

Wie sollte man deiner Erfahrung nach auf Shitstorms reagieren?
„Shitstorms werden ja in der Regel durch Meinungsäußerungen ausgelöst. Wenn man einen Shitstorm befürchtet, ist es ratsam, sich darauf vorzubereiten. Etwa, indem man mit Journalisten oder Gruppen wie eben #ichbinhier Allianzen bildet. Allein zu reagieren, ist ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen, selbst wenn man ein gut geschultes Social-Media-Team zur Seite hat. Während des Shitstorms sollte man zunächst auf die Netiquette verweisen, bei möglicherweise strafrechtlich relevanten Kommentaren aber sofort hart durchgreifen, sprich Kommentare nach einem Screenshot löschen sowie die Profile blockieren und zur Anzeige bringen. Ob man sich auf eine direkte Kommunikation einlässt, ist dabei reine Abwägungs- und Nervensache. Bei harten Nazis wird das nichts bringen, während ein halbwegs konstruktiver Dialog mit einem wütenden Bürger möglicherweise funktioniert. Dazu braucht man allerdings ein dickes Fell. Zudem sagt meine Erfahrung, dass es sinnvoll ist, sein privates Profil möglichst abzuschotten und nur Freunden zugänglich zu machen, bevor man in die Konfrontation geht.“

Was würdest du dir von der Politik wünschen? Wird bereits genug getan und wäre die immer wieder ins Feld geführte Klarnamenspflicht hilfreich?
„Ich stehe der Klarnamenspflicht sehr kritisch gegenüber, weil sie meiner Meinung nach zu tief in die Privatsphäre der Nutzer eingreift. Es würde schon helfen, wenn die Behörden bei der Strafverfolgung besser und vor allem schneller reagierten. Eine Zeit von vielleicht 24 Stunden von der Meldung über die Prüfung und Löschung bis hin zur Anzeige wäre sicherlich machbar. Zudem müsste die Zusammenarbeit von Facebook und Co mit den Behörden deutlich verstärkt werden. Wichtig wäre auch, die global agierenden Unternehmen unter die nationale Gesetzgebung zu zwingen. Das ist immer noch nicht wirklich passiert. Nicht alles, was beispielsweise in den USA erlaubt ist, ist auch in Deutschland legal und natürlich auch andersherum. Grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass auch die Zivilgesellschaft aktiver wird. Die ist immer noch viel zu schweigsam, während die rechten Stimmen zunehmend lauter werden.“