„Realistische und wirtschaftlich tragfähige Konzepte“

Kreislaufwirtschaft

„Eine europaweit einheitliche Umsetzung ohne nationale Sonderwege ist zentral.“ Jonas Stracke, Leiter Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz beim Gesamtverband textil+mode. ©SophieChristFotography

Autorin: Eva Westhoff

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Mit der Verabschiedung der Richtlinie zur Erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) für Textilien hat die EU neue Rahmenbedingungen für den Umgang mit Alttextilien geschaffen. Die EPR verpflichtet Hersteller, sich auch um die Entsorgung ihrer Produkte am Lebensende zu kümmern. Die Umsetzung erfolgt nun auf Ebene der Mitgliedsstaaten. Der Gesamtverband textil+mode plädiert für die gezielte Einbeziehung derjenigen, die es zentral betrifft: die Hersteller, und hat ein eigenes Modell zur nationalen Umsetzung der EPR entwickelt. Jonas Stracke, Leiter Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz beim Gesamtverband textil+mode, skizziert die Stellschrauben, die seiner Ansicht nach für den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft in Europa entscheidend sind.

Im September hat das Europäische Parlament die Richtlinie zur Erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien verabschiedet. Ziel der EPR ist die Vermeidung und Verringerung von Textilabfällen. Hersteller, die Textilien in der EU in Verkehr bringen, müssen künftig die Kosten für deren Sammlung, Sortierung und Recycling tragen. Entsprechende Systeme sind von jedem Mitgliedstaat innerhalb von 30 Monaten nach Inkrafttreten der Richtlinie einzurichten. Kleinstunternehmen erhalten ein zusätzliches Jahr Zeit, um die EPR-Anforderungen zu erfüllen.

Basierend auf seinem Eckpunktepapier mit Vorschlägen zur Ausgestaltung von EPR-Systemen und Registrierung „für eine schlanke, transparente und effektive Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben“ hat der Gesamtverband textil+mode ein Konzept vorgelegt, das ihm als „erstrebenswertes Szenario“ für Deutschland gilt. Zentral ist der Vorschlag der Umsetzung der EPR in weitgehender Eigenregie der Industrie. Dazu soll eine Gemeinsame Herstellerstelle (GHS) eingerichtet werden – eine nicht gewinnorientierte Organisation, die als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Politik und Behörden fungiert und beispielsweise die Registrierung verpflichteter Marktteilnehmer und Marktüberwachung sowie Mengenclearing und Verbraucherkommunikation übernimmt.

Die GHS, so der Gesamtverband textil+mode, solle gesetzlich verankert und zivilrechtlich von Herstellerverbänden/Herstellern im Zusammenspiel mit den Organisationen für Herstellerverantwortung (PRO) aufgesetzt werden. Gemeinsam seien Vereinbarungen über das Finanzierungskonzept und die Organisation der GHS, die Unterwerfung der PRO unter ein durch GHS geschaffenes Regelwerk und die Finanzierung und Organisation eines Anreiz- und Ausgleichssystems zu treffen. Die Einrichtung von PRO sehen die europäischen Rahmenvorgaben vor. Ihnen kommt die Funktion zu, die Herstellerpflichten als Bevollmächtigte zu erfüllen.

Wichtig seien auch Lösungen, die die Hersteller und Inverkehrbringer von Ultra Fast Fashion verpflichten, sich finanziell an der Wiederverwertung zu beteiligen, so der Gesamtverband textil+mode. Vorgeschlagen wird die Überwachung der Produktkonformität durch die GHS auf der Grundlage einer zertifizierungsfähigen Produktnorm. Dies ermögliche eine einheitliche Anwendung europäischer Standards und eine effektive Verfolgung von Nichteinhaltungen. Alleinige Zielvorgaben in Form von Sammelquoten für Alttextilien werden vom Gesamtverband textil+mode als nicht zielführend betrachtet, der Erhalt und die Weiterentwicklung bestehender Sammlungs- und Verwertungsstrukturen hingegen schon.

Jonas Stracke, Leiter Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz beim Gesamtverband textil+mode, über die Bedeutung der GHS, Erfahrungen mit EPR-Systemen bei unseren europäischen Nachbarn und die neu gegründete PRO Circularity Alliance.

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FASHION TODAY: Der Gesamtverband textil+mode hat ein Modell zur nationalen Umsetzung der Erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien entwickelt. Wo steht Deutschland aktuell, gerade auch im europäischen Vergleich?
Jonas Stracke: „Deutschland startet nicht bei null: Die seit Jahrzehnten etablierte Altkleidersammlung bietet eine solide Grundlage. Mit der EU-Vorgabe zur EPR für Textilien ändern sich die Rahmenbedingungen jedoch deutlich, da erstmals einheitliche Regeln für Organisation, Finanzierung und Herstellerbeteiligung in Europa gelten. Wir haben ein Modell entwickelt, das sich an deutschen EPR-Systemen orientiert, rechtlich und unbürokratisch umsetzbar ist. Die Hersteller müssen bei einer Textil-EPR im Mittelpunkt stehen, da sie diejenigen sind, die das System finanziell tragen sollen. Ohne ihr aktives Mitwirken kann ein solches System nicht funktionieren. Als Gesamtverband wollen wir Verantwortung übernehmen, wie das Konzept deutlich macht. Vor diesem Hintergrund fordern wir auch die Einführung einer gemeinsamen Herstellerstelle, um die Interessen der Textilbranche und der Hersteller gezielt und wirksam zu vertreten.“

Gibt es funktionierende Systeme in anderen Ländern, an denen Sie sich orientiert haben?
„Erfahrungen aus EU-Ländern, die eine Textil-EPR bereits eingeführt haben, zeigen, wie komplex und bürokratisch entsprechende Systeme werden können, wenn zu viele Sonderregelungen vorgesehen sind. Frankreich etwa verfolgt mit dem Ansatz der Ökomodulation im bereits eingeführten Textil-EPR-System grundsätzlich eine sinnvolle Idee. In der praktischen Umsetzung bietet dieser jedoch kaum einen Mehrwert, da der zusätzliche Dokumentations- und Verwaltungsaufwand für die Unternehmen in keinem angemessenen Verhältnis zur vorgesehenen Incentivierung steht. Deshalb fordern wir eine Eins-zu-eins-Umsetzung der EU-Vorgaben ohne zusätzliches ‚Gold-Plating‘, also eine Übererfüllung der EU-Vorgaben.“

textil+mode hat zudem eine Umfrage zu Herkunft und Verwertung von textilen Abfällen in Deutschland auf den Weg gebracht. Was ist das Ziel und liegen schon Ergebnisse vor?
„Die Umfrage soll belastbare Daten zu Art und Menge textiler Abfälle in Deutschland liefern, da amtliche Statistiken bisher große Lücken aufweisen. Erste Ergebnisse zeigen, dass nur rund 30 Prozent der Produktion unserer Mitglieder Bekleidung betreffen, beim weitaus größeren Teil handelt es sich um sogenannte technische Textilien, also Spezialtextilien, die in der Medizin, in der Industrie oder in Autos oder Flugzeugen zum Einsatz kommen. Diese unterscheiden sich stark in ihren Abfallströmen und erfordern andere Recyclinglösungen. Für den Aufbau einer funktionierenden Recyclinginfrastruktur muss klar sein, welche Mengen tatsächlich verfügbar sind. Der stark exportorientierte Altkleidermarkt macht deutlich, dass nur ein kleiner Teil der Alttextilien in Deutschland bleibt. Die Umfrage schafft damit eine wichtige Grundlage für realistische und wirtschaftlich tragfähige Konzepte.“

„Um Ressourceneffizienz zu steigern, braucht es ökonomische Anreize und klare Begrenzungen für die thermische Verwertung. Solange diese der günstigste Weg bleibt, fehlt der Anreiz für Investitionen in Recyclingtechnologien. Forschung kann Impulse geben, aber politische Ziele, Regulierung und Marktbedingungen müssen zusammenpassen.“

Im September hat sich der europäische Branchenverband PRO Circularity Alliance gegründet. Wie bewerten Sie diesen Zusammenschluss?
„Wir sehen die Gründung der PRO Circularity Alliance positiv, da sie den Austausch und die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene stärkt. PROs übernehmen eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung der Erweiterten Herstellerverantwortung, sind aber in klassischen Entsorgerverbänden kaum vertreten. Wichtig ist, dass PROs als Dienstleister im Auftrag der Hersteller agieren und nicht eigene regulatorische Interessen verfolgen. Ein europäischer Zusammenschluss kann helfen, Rollen klarer zu definieren, Erfahrungen zu teilen und praxisnahe Lösungen zu fördern. So wird die Weiterentwicklung von EPR-Systemen in Europa konstruktiver und effizienter. Das ist im Interesse der Hersteller und der Kreislaufwirtschaft.“

AUTOLOOP ist ein weiteres europäisches Projekt, eine Forschungsinitiative unter der Leitung von Fraunhofer UMSICHT, die nach integrierten Lösungen für das Recycling von Textilabfällen sucht. Ein Schritt in die richtige Richtung? Was braucht es, um neben der Sammelquote die Ressourceneffizienz zu erhöhen und hochwertiges Textilrecycling voranzutreiben?
„Forschungsinitiativen wie AUTOLOOP sind grundsätzlich zu begrüßen, auch wenn wir die Details des Projekts nicht kennen. Entscheidend ist jedoch, dass reine Sammelquoten kein ausreichendes Steuerungsinstrument sind. Eine hohe Sammelquote sagt nichts darüber aus, ob Textilien hochwertig recycelt werden. Um Ressourceneffizienz zu steigern, braucht es ökonomische Anreize und klare Begrenzungen für die thermische Verwertung. Solange diese der günstigste Weg bleibt, fehlt der Anreiz für Investitionen in Recyclingtechnologien. Forschung kann Impulse geben, aber politische Ziele, Regulierung und Marktbedingungen müssen zusammenpassen.“

Sehen Sie weitere Stellschrauben, die für den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft in Europa entscheidend sind?
„Ja, entscheidend sind Wirtschaftlichkeit und realistische Rahmenbedingungen. Politische Ziele müssen klar definiert, messbar und ökonomisch tragfähig sein. Unternehmen brauchen Investitionssicherheit für Recyclingtechnologien und Infrastruktur. Regulatorische Instrumente sollten ökologische Effekte erzielen, nicht zusätzliche Bürokratie. Eine europaweit einheitliche Umsetzung ohne nationale Sonderwege ist zentral. Nur wenn ökologische Ziele und wirtschaftliche Machbarkeit zusammen gedacht werden, kann Kreislaufwirtschaft erfolgreich funktionieren.“