Herausfordernde Zeiten erfordern Flexibilität – und zwar nicht nur in unserem Alltag, sondern auch in unserem Kleiderschrank. Eins der wohl anpassungsfähigsten Textilien überhaupt ist die Wendejacke, die sich in zwei verschiedenen Styles und Materialien präsentieren kann und auf eine interessante Geschichte zurückblickt: von der zweckmäßigen, militärischen Tarnkleidung bis zum urbanen Fashion Item.
In Zeiten des Klimawandels sollte man auf herausfordernde Wetterlagen eingerichtet sein: Neben längeren und zeitweise sehr heißen Sommern plagen uns in Deutschland nämlich auch immer wieder unbeständige, regnerische Phasen. Dies mag einer der Gründe sein, dass sich der sogenannte „Gorpcore“ etabliert hat, eine Kombination aus Outdoor- beziehungsweise funktionaler Kleidung mit Streetwear, die sich vor allem bei Männern im urbanen Raum größter Beliebtheit erfreut. Kein Wunder, denn dieser Mix aus Funktionskleidung und Fashion sieht nicht nur gut aus, sondern glänzt durch Praktikabilität und Flexibilität. Viele Outdoor-Brands von patagonia über THE NORTH FACE, CANADA GOOSE oder SALOMON haben dementsprechend die Zielgruppe des urbanen Mannes für sich entdeckt und produzieren Lifestyle-Versionen von Windbreakern, Regen- und Softshelljacken sowie Fleece-Pullovern. Diese punkten durch Sportlichkeit und Funktionalität mit einem fashionablen Touch und sind damit stylish und zweckmäßig zugleich.
Das Chamäleon innerhalb der Funktionskleidung ist die Wendejacke, die all diese Attribute in sich vereint und sich damit spontan den verschiedensten klimatischen Gegebenheiten anzupassen vermag. Dies gelingt ihr nicht nur in Bezug auf die Wetterverhältnisse, sondern ebenso auf die individuelle Stimmung ihres Trägers: Eine Wendejacke besteht nicht selten aus zwei Materialien – und ist damit zum Beispiel flauschig oder elegant und wasserdicht zugleich; außerdem vereint sie unterschiedliche Farben und Muster in sich. Viele bezeichnen sie daher als praktisch – ein Adjektiv, das man nicht unbedingt mit einem stylishen Fashion Item verbinden möchte. Dabei hat sie doch noch so viel mehr zu bieten! Durch ihre einzigartige Eigenschaft, von innen wie von außen getragen werden zu können, ist die Wendejacke folgerichtig eins der wenigen Teile, die zwei Kleidungsstücke in einem ist – vielseitiger gehts nicht. Bei plötzlich einsetzendem Regen erlaubt sie dem Träger, eine empfindliche Außenseite mit einem wasserabweisenden Inneren zu tauschen oder – je nach Tagesform – das bunt gemusterte Innenleben einem äußeren, tristen Schwarz vorzuziehen; und so mancher Radfahrer dreht seine auf den ersten Blick in einer gedeckten Farbe gehaltene Jacke im Dunklen auf links und setzt damit im Straßenverkehr auf eine zuvor gut verborgene Signalfarbe. Mehr (oder weniger Sichtbarkeit) ist nämlich eine der grundlegendsten Eigenschaften der Wendejacke, die seinerzeit zu ihrer Erfindung führte.
Ihren Ursprung fand sie im Militär des Zweiten Weltkriegs. Seinerzeit wurde sie als sogenannte „Winter‑Wendejacke“ für Soldaten eingeführt, meist mit einer Tarnseite aus grauem Splitter- oder Sumpfmuster außen und einer weißen Innenseite, die man als Tarnung im Schnee tragen konnte. Ab Ende 1942 gab es Wendejacken zudem als Teil von Anorak‑ oder Tarnanzügen; das Hauptziel dieses Kleidungsstücks war es also, in verschiedenen Situationen mehrere Funktionen erfüllen zu können. Auch Piloten profitierten von der Vielseitigkeit einer Jacke mit zwei unterschiedlichen Seiten, die es ihnen ermöglichte, sich während eines Fluges an wechselnde Wetterbedingungen anzupassen.
Zu einer Weiterentwicklung dieser ersten Wendejacken kam es nach dem Zweiten Weltkrieg in der militärischen Luftfahrt: Die berühmte MA‑1-Bomberjacke der US Air Force der 1950er-Jahre war zwar keine klassische Tarn‑Wendejacke, aber reversibel mit einem olivgrünen Außen und einem Innenleben im leuchtenden Orange, die dem Piloten bei einem Absturz eine bessere Sichtbarkeit verleihen sollte. Diese klassischen Bomberjacken wurden ab den 1960er-Jahren außerhalb des Militärs stilprägend, vor allem in den Subkulturen der Mods, Punks und Skinheads, und fanden damit Einzug in die Welt der Mode.
Anfang der 1990er-Jahre spielte man in der belgischen Avantgarde mit dem Motiv der Wendejacke. Die Designerinnen und Designer rund um die legendären Antwerp Six arbeiteten ganz bewusst mit Dekonstruktion, Umkehrung, Innen‑Außen‑Effekten und damit mit dem Aufbrechen klassischer Kleidungslogik. Insbesondere der Designer Martin Margiela machte seinerzeit das „Wenden“ zu seinem ästhetischen Prinzip, indem er Nähte oder das Futter nach außen kehrte, Etiketten sichtbar werden ließ oder Kleidungsstücke entwarf, die beidseitig tragbar waren. Dries Van Noten designte Wendejacken mit zwei völlig unterschiedlichen Mustern und kombinierte dabei opulente mit sehr schlichten Stoffen. Auch in den Kollektionen von Walter Van Beirendonck fand man Wendejacken – er nutzte politische Statements oder grafische Botschaften, die er innen verbarg mit der Möglichkeit, sie nach außen zu kehren. Dirk Bikkembergs hingegen designte reversible Jacken aus technischen Stoffen, die sehr wearable waren.
Inzwischen hat sich die Wendejacke in der Mode etabliert, zeigt sich in den verschiedensten Materialien und Designs und ist vor allem in der Outdoor-, Sport- und Streetwear, aber auch immer wieder in der High Fashion zu finden. Man hat sich offenbar damit versöhnt, dass sie durch den ihr ganz eigenen Mix aus funktionaler und ästhetischer Flexibilität vor allem praktisch und gleichzeitig extrem anpassungsfähig ist – egal welche Wetterverhältnisse, Stimmungen oder Anlässe ihr begegnen. Vielleicht macht sie das sogar zu der Jacke in Krisenzeiten – aber zumindest zu einem Teil, das in keinem Kleiderschrank fehlen sollte.







